dystopien.de · Musik · Gothic Novel Rock · Schwarze Szene · Gesellschaftskritik · ASP

Es gibt Bands, die Musik machen. Und es gibt Bands, die Welten bauen. ASP aus Frankfurt gehört zur zweiten Kategorie — und hat das von Anfang an so gewollt.
Alexander Frank Spreng, Sänger, Texter, Mastermind, hat seiner Band seinen eigenen Spitznamen gegeben — ausgesprochen wie Ast, nur mit P. Der Name ist Programm: ASP ist nicht Bandname und Künstler, sie sind dasselbe. Eine Stimme, ein Kosmos, eine konsequente künstlerische Vision, die seit 1999 gewachsen ist und nie aufgehört hat, tiefer zu werden.
Was ASP von fast allen anderen Bands der schwarzen Szene unterscheidet, ist die Literarizität. Spreng denkt nicht in Songs. Er denkt in Zyklen, in Erzählbögen, in Figuren, die über Alben hinweg leben und sterben und wiederkehren. Er nennt seine Musik selbst Gothic Novel Rock — und das ist keine Marketingformel. Es ist eine präzise Beschreibung.
Werdegang: Von der Apfelweinkneipe zur Bühne
ASP wurden im Sommer 1999 in einer Frankfurter Apfelweinkneipe gegründet — von Spreng und Matthias Ambré, beide aus der Asche früherer Bands, beide mit dem Wunsch, etwas zu machen, das mehr ist als Musik. Live-Auftritte waren zunächst gar nicht geplant. Die Band wollte im Studio verschwinden und Platten machen.
Das Label Trisol entdeckte sie durch Hörproben auf der Bandwebsite — und überzeugte sie, die Studioabgeschiedenheit aufzugeben. Das Debütalbum Hast du mich vermisst? erschien 2001. Noch im selben Jahr der erste Auftritt auf dem Wave-Gotik-Treffen (WGT) in Leipzig — dem wahrscheinlich wichtigsten Festival der schwarzen Szene. ASP war angekommen, bevor sie richtig angefangen hatten.

Was folgte, war eines der konsequentesten Werkverzeichnisse der deutschen Gothicszene: kein Leerlauf, kein Selbstwiederholungsalbum, kein kommerzieller Kompromiss ohne künstlerischen Gegenwert. Jedes Album ein Kapitel. Jedes Kapitel eine Entscheidung.
Der Schwarze Schmetterling: Fünf Alben, eine Geschichte
Die ersten fünf Alben von ASP — von Hast du mich vermisst? (2001) bis Requiembryo (2007) — bilden den Schwarzen Schmetterling-Zyklus. Spreng hat ihn selbst als musikalische Gothic Novel bezeichnet, und das trifft es genau.
Die Geschichte dreht sich um eine Persönlichkeitsspaltung: Asp, die helle Seite, kämpft gegen den Schwarzen Schmetterling — eine Art Vampir, der sich nicht von Blut, sondern von der Seele seines Wirtes ernährt. Ort der Handlung ist ein dunkler Turm mit verschlungenen Gängen. Die Auseinandersetzung ist nicht physisch, sondern psychisch — ein innerer Krieg, der über fünf Alben und Hunderte von Minuten ausgetragen wird.
Das klingt nach Fantasy. Es ist Psychologie. Der Schwarze Schmetterling ist das, was jeden Menschen kennt: die dunkle Seite, die verführt, die flüstert, die verspricht. Die Frage, ob man ihr nachgibt oder ihr widersteht — und was man von sich übrig lässt, wenn man es nicht tut.
Einzelne Songs aus diesem Zyklus haben den Status von Klassikern der schwarzen Szene erreicht. Der Schwarze Schmetterling selbst — mit seinem Wechsel zwischen Verführung und Widerstand — gehört zu den am häufigsten gespielten ASP-Songs live. Und Ich bin ein wahrer Satan, 2006 als Single erschienen in vier verschiedenen Versionen, ist einer der klügsten Titel der Bandgeschichte: keine Selbstverherrlichung, sondern bittere Selbsterkenntnis. Der wahre Satan ist nicht der Teufel draußen. Er ist das, was man selbst aus sich gemacht hat.
Krabat: Das Meisterwerk
2008 erschien Zaubererbruder — Der Krabat-Liederzyklus. Und damit etwas, das im deutschen Musikmarkt selten ist: ein Konzeptdoppelalbum, das eine Volkssage vollständig vertont, eigenständig weiterdenkt und dabei Chartplatz 13 erreicht.
Die sorbische Krabat-Sage — bekannt vor allem durch Otfried Preußlers Roman — handelt von einem Waisenjungen, der an einer Teufelsmühle Zauberei lernt und erkennt, dass sein Meister Seelen frisst. Spreng hat die Geschichte gelesen, Preußlers Version studiert, andere Versionen der Sage hinzugezogen — und dann sein eigenes Ende geschrieben. In seiner Version stirbt die Kantorka. Das Buch lässt sie leben. Spreng war mit dem Buchende nicht zufrieden — zu schnell, zu einfach, zu wenig konsequent.
Das ist ASP in einem Satz: Wer ein Ende nicht gut findet, schreibt ein besseres.
Der Krabat-Zyklus ist musikalisch ein Bruch — Mittelalterrock-Elemente, Folk-Einflüsse, Gastgesänge von Eric Fish (Subway to Sally) und Lisa Pawelke (ex-Faun) — und gleichzeitig vollständig ASP. Die Geschichte trägt denselben Kern wie der Schwarze Schmetterling: Was passiert mit einem Menschen, wenn eine dunkle Macht ihn formt? Was bleibt von ihm übrig? Und was kostet es, sich zu befreien?
Zum zehnjährigen Jubiläum 2018 wurde der Zyklus live aufgeführt — vollständig, mit drei neuen Songs, die Lücken füllten, die Spreng in der Zwischenzeit gefunden hatte. Das ist kein Abschluss. Das ist Pflege.
Die Songs: Fünf Momente, die alles erklären
Der Schwarze Schmetterling ist der Einstieg — der Song, der die Figur einführt und die Grundspannung des Zyklus aufmacht. Melodisch eingängig, textlich dicht, live eine Gemeinschaftserfahrung.
Ich bin ein wahrer Satan ist der Wendepunkt des Zyklus — und einer der mutigsten Songtitel der deutschen Rockmusik. (siehe nächster Abschnitt)
Und wir tanzten (Ungeschickte Liebesbriefe) ist das Gegenteil davon — ein Liebeslied, das so ungeschickt und ehrlich ist, dass es wehtut. Spreng hat diesen Song in einem Interview als einen der persönlichsten bezeichnet, den er je geschrieben hat. Man hört es.
Abertausend Fragen ist ASP als Gesellschaftskritik — ein Song über die Überforderung durch Information, durch Entscheidungsdruck, durch die Zumutung, in einer Welt zu leben, die täglich mehr Antworten verlangt, als ein Mensch haben kann. Nichts davon klingt dystopisch. Alles davon fühlt sich so an.
Me — ein späterer Song, ruhiger, persönlicher — ist Spreng ohne Erzählkosmos, ohne Zyklus, ohne Figur. Nur eine Stimme, die fragt, wer sie ist. Die Antwort kommt nicht. Das ist die Pointe.
Ich bin ein wahrer Satan ist nicht nur nach außen Provokation
Ein Titel, der in einer christlich geprägten Gesellschaft sofort als Blasphemie gelesen wird, als Szene-Pose, als Schockgeste. Das ist die Falle. Wer hinhört, findet etwas fundamental anderes.
Der Sprecher des Songs ist Satan als Prometheus — der Lichtbringer, der Wahrheitssager, der Angeklagte. Er bringt das Feuer, um die Dunkelheit zu sehen. Und schon im ersten Vers steckt der eigentliche Inhalt: Kreuze, gekrümmt an ihren Enden, Schatten, die Haken schlagen an den Wänden. Das Hakenkreuz wird nie benannt. Es muss nicht benannt werden.
Was folgt, ist eine Schicht für Schicht aufgebaute Demontage: rostige Ideen, aufpoliert zu neuem Glanz — die Wiederkehr rechter Ideologie in neuem Gewand. Mammon-opfernde Nadelstreifen-Hohepriester, die Regenten und Minister steuern — Kapital und Politik als die eigentlichen dunklen Mächte. Liebe, gepredigt mit Gewalt, Kriege im Namen des Guten, Soldaten im heißen Sand und kalten Schnee. Und dann die härteste Zeile des gesamten Zyklus: Wir sind längst im Paradies — haben die Hölle draus gemacht. Deutschland nach 1945. Eine zweite Chance. Die Frage, ob irgendjemand etwas gelernt hat.
Und während all das offen geschieht — zeigt der Empörte mit dem Finger auf den, der es ausspricht.
Das ist kein Song über innere Dämonen. Das ist ein politisches Manifest — geschrieben so, dass es die einen als Provokation weghören und die anderen als Analyse verstehen. Spreng hat die Religionsmetapher nicht für Blasphemie genutzt. Er hat sie genutzt, um Rechtsextremismus, Kriegsrechtfertigung und kollektives Versagen zu entschlüsseln — mit der Präzision eines Textes, der seit zwanzig Jahren funktioniert, ohne dass es jeder gemerkt hat.
Spreng als Autor: Mehr als Musik
Was viele nicht wissen: Alexander Spreng ist nicht nur Musiker. Er schreibt Comics, Graphic Novels, Bilderbücher. Die Reihe Asp Sprengs Zwielichtgeschichten erscheint seit 2016 — Geschichten, die wie Lieder klingen, und Lieder, die wie Geschichten funktionieren. Er hat Songs für die Band Caputt geschrieben, für Konstantin Wecker eine Bonus-Version von Sage Nein beigesteuert. Der Comicstrip Garg, den er schreibt und Ingo Römling zeichnet, erscheint regelmäßig im Fan-Magazin Papilion.
Das ist kein Nebenprojekt. Das ist dasselbe Prinzip wie die Musik: Spreng denkt in Geschichten. Das Medium ist zweitrangig.
Warum ASP auf dystopien.de gehört
ASP ist keine Dystopie-Band im klassischen Sinne. Es gibt keine Überwachungsstaaten, keine Apokalypsen, keine Megakonzerne in ihren Songs. Was es gibt, ist etwas Subtileres — und in mancher Hinsicht Präziseres: die Anatomie des inneren Konflikts, die Frage nach Schuld und Selbsterkenntnis, die Weigerung, einfache Antworten zu geben.
Der Schwarze Schmetterling ist keine äußere Bedrohung. Er ist das, was Menschen sich selbst antun — was Gesellschaften sich selbst antun, wenn sie aufhören, ehrlich hinzuschauen. Krabat ist keine Fantasy. Es ist die Geschichte eines Menschen, der in ein System geraten ist, das ihn formen will — und der versucht, sich zu befreien, bevor nichts mehr von ihm übrig ist.
Das ist Dystopie. Nicht als Genre. Als Haltung.
ASP: Gothic Novel Rock aus Frankfurt. Gegründet 1999. Label: Trisol Music Group. Schlüsselalben: Hast du mich vermisst? (2001), Weltunter (2003), Aus der Tiefe (2005), Requiembryo (2007), Zaubererbruder — Der Krabat-Liederzyklus (2008). Aktuelle Tourdaten unter: thetalesofasp.com
Kategorie: Musik · Gothic Novel Rock · Schwarze Szene · Gesellschaftskritik · ASP · dystopien.de