dystopien.de · Serie · Zivilisationskritik · Menschennatur · Jack Thorne
Es gibt einen Satz, den William Golding nie geschrieben hat, der aber den Kern seines Romans trifft: Die Insel ist überall. Zweiundsiebzig Jahre lang hat niemand versucht, diesen Stoff als Serie zu erzählen. Es gab zwei Kinofilme — Peter Brook 1963, Harry Hook 1990 — beide solide, beide begrenzt durch die Lauflänge eines Films. Ein Roman über den langsamen Zerfall einer Gemeinschaft braucht aber genau das, was ein Film nicht hat: Zeit.
2026 hat die BBC diese Zeit genommen. Vier Episoden, jede sechzig Minuten, jede aus der Perspektive einer anderen Figur. Es ist die erste Fernsehadaption von Herr der Fliegen überhaupt — und sie kommt in einem Moment, in dem die Geschichte unbequem aktuell geworden ist.

Jack Thorne: Der Mann, der Kinder versteht
Jack Thorne ist einer der gefragtesten Drehbuchautoren Großbritanniens — mehrfacher BAFTA-Gewinner, verantwortlich für His Dark Materials, Enola Holmes, die Bühnenfassung von Harry Potter and the Cursed Child. Aber das Werk, das diese Adaption erklärt, ist ein anderes: Adolescence, seine 2025 weltweit gefeierte Serie über einen Jungen, der zum Täter wird — gedreht in durchgehenden Plansequenzen, ohne einen einzigen sichtbaren Schnitt pro Episode.
Das ist kein Zufall. Thornes wiederkehrendes Thema ist die männliche Jugend — wie Jungen zu dem werden, was sie werden, welche Kräfte sie formen, wann der Moment kommt, in dem aus Unschuld etwas anderes wird. Herr der Fliegen ist für ihn kein fremder Stoff. Es ist die Urform dessen, was er ohnehin sein ganzes Schaffen lang erforscht.
Ein Detail, das seine Haltung zum Stoff zeigt: Thorne hat in Interviews offen über die Entscheidung gesprochen, Piggys Charakter neu zu denken und der Geschichte zeitgenössische Schichten zu geben — ohne den Kern zu verraten. Die Adaption entstand mit ausdrücklicher Unterstützung von Goldings Familie, was bei einem so kanonischen Text keine Selbstverständlichkeit ist.
Marc Munden: Der Regisseur des Unheimlichen
Inszeniert wurde die Serie von Marc Munden — einem Regisseur, der für seine visuell eigenwillige, oft beunruhigende Bildsprache bekannt ist. Munden hat National Treasure gedreht, Help, und Teile von Utopia, der Kultserie, deren grelle, paranoide Ästhetik bis heute Nachahmer findet.
Munden arbeitet mit ungewöhnlichen Mitteln: Fischaugenobjektive, verzerrte Perspektiven, eine Farbgebung, die das tropische Paradies langsam in etwas Bedrohliches kippen lässt. Das ist genau die richtige Sensibilität für Herr der Fliegen — eine Geschichte, in der die Schönheit der Insel und der Horror des Geschehens nie getrennt sind, sondern sich gegenseitig verstärken.
Gedreht wurde vor Ort in Malaysia, mit über dreißig jungen Schauspielern — die meisten ohne jede professionelle Erfahrung. Das ist dieselbe Entscheidung, die schon die Kinofilme getroffen haben und die Golding selbst gutgeheißen hätte: keine Stars, keine geübten Gesichter, sondern echte Kinder, deren Ungeschliffenheit die Authentizität trägt. Einer von ihnen, Lox Pratt, der Jack spielt, wurde im Anschluss als Draco Malfoy in der kommenden Harry-Potter-Serie besetzt.
Vier Perspektiven, eine Tragödie
Die strukturelle Entscheidung der Serie ist gleichzeitig ihre interpretatorische: Jede der vier Episoden trägt den Namen einer Figur — Ralph, Piggy, Simon, Jack — und erzählt das Geschehen aus deren Innenwelt.
Wo Goldings Roman einen auktorialen Erzähler hat, der über den Jungen steht, gibt Thorne jedem seinen eigenen Blick. Das verändert die Geschichte fundamental. Jack ist nicht mehr nur der Antagonist — man sieht, was ihn treibt. Ralph ist nicht mehr nur der Held — man sieht seine Schwäche, seine Passivität, sein Versagen im entscheidenden Moment. Piggy ist nicht mehr nur das Opfer — man sieht den Menschen hinter der Zielscheibe.
Das macht die Tragödie schwerer zu ertragen, weil sie sich der einfachen Schuldzuweisung entzieht. Es ist nicht die Geschichte eines bösen Jungen, der eine Gruppe verdirbt. Es ist die Geschichte einer Gemeinschaft, die gemeinsam in den Abgrund läuft — jeder mit seinem eigenen Anteil, jeder mit seinem eigenen blinden Fleck.
Der Sound: Hans Zimmer und das Anschwellen
Die Musik kommt von Cristobal Tapia de Veer — dem Komponisten, der mit seinem verstörenden, rhythmisch-perkussiven Score für The White Lotus Maßstäbe gesetzt hat — mit dem Hauptthema und zusätzlicher Musik von Hans Zimmer.
Diese Kombination ist klug gewählt. Tapia de Veer liefert das Unheimliche, das Befremdliche, den Rhythmus, der unter die Haut geht. Zimmer liefert die epische Wucht, das Anschwellen ins Monumentale. Gemeinsam erzeugen sie genau das, was Goldings Eskalation auszeichnet: Der Horror beginnt nicht laut. Er beginnt als ein Rhythmus, der sich beschleunigt, ein Summen, das anschwillt — bis es kippt.
Der Sound ist nach den ersten Reaktionen einer der auffälligsten und meistdiskutierten Aspekte der Serie. Manche Kritiker empfanden ihn als zu dominant, zu kunstvoll. Aber er trifft den Nerv des Stoffes: Die Insel klingt schön, bis sie es nicht mehr ist.
Trailer
Warum diese Serie auf dystopien.de gehört
Goldings Roman war eine Antwort auf den Zweiten Weltkrieg — auf die Frage, wie zivilisierte Menschen zu Ungeheuern werden. Thornes Serie kommt in eine andere Zeit, aber mit derselben Frage. In eine Zeit, in der die Radikalisierung junger Männer ein gesellschaftliches Dauerthema ist. In der Gruppendynamiken, Online-Hetze und das Kippen von Gemeinschaften in Gewalt täglich beobachtbar sind. In der die Frage, wie dünn der Lack der Zivilisation ist, keine literarische mehr ist, sondern eine reale.
Dass derselbe Autor kurz zuvor mit Adolescence einen weltweiten Nerv getroffen hat — die Geschichte eines Jungen, der zum Täter wird — macht die Verbindung explizit. Thorne erzählt Herr der Fliegen nicht als historisches Kostümdrama. Er erzählt es als Gegenwartsdiagnose, getarnt in den frühen fünfziger Jahren.
Das ist die Funktion dystopischer Erzählung in ihrer reinsten Form: Sie zeigt uns nicht eine fremde Welt. Sie zeigt uns unsere eigene — nur deutlicher. Die Insel ist überall. Thorne und Munden haben sie 2026 noch einmal sichtbar gemacht, für eine Generation, die sie vielleicht dringender sehen muss als jede zuvor.
Lord of the Flies. Großbritannien 2026. Vierteilige Miniserie. Drehbuch: Jack Thorne. Regie: Marc Munden. Produktion: Eleven für BBC One / BBC iPlayer in Co-Produktion mit Stan. Internationale Distribution: Sony Pictures Television. Musik: Cristobal Tapia de Veer, Hans Zimmer, Kara Talve. Basierend auf dem Roman von William Golding (1954). Verfügbarkeit in Deutschland je nach Streaminganbieter — bitte in der jeweiligen App prüfen.
Kategorie: Serie · Zivilisationskritik · Menschennatur · Jack Thorne · dystopien.de
Pingback: Herr der Fliegen von William Golding