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The Man in the High Castle (2015–2019): Wenn das Buch zum Film wird

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Es gibt eine einzige Entscheidung, die über Erfolg oder Scheitern dieser Serie entschied — und sie wurde gleich am Anfang getroffen. Philip K. Dicks Roman dreht sich um ein Buch: Die Heuschrecke liegt schwer, ein verbotener Roman, der eine Welt beschreibt, in der die Alliierten den Krieg gewonnen haben. Ein Buch lässt sich schwer verfilmen. Also machte die Serie aus dem Buch einen Film — geheime Wochenschau-Rollen, die zeigen, wie der Krieg anders ausging.

Das klingt nach einem kleinen Detail. Es ist die Entscheidung, die alles ermöglichte. Denn ein Film, den Figuren auf der Leinwand sehen, während wir als Zuschauer dasselbe Bild sehen, schafft eine Unmittelbarkeit, die ein Buch nie hätte. Wir sehen, was sie sehen. Wir spüren dieselbe Verstörung. Die Serie hat Dicks Grundidee nicht verraten — sie hat sie in ihr eigenes Medium übersetzt.

The Man in the High Castle, von 2015 bis 2019 auf Amazon, ist eine der ambitioniertesten Alternativgeschichten, die je fürs Fernsehen produziert wurden. Und sie ist, wie fast jede Philip-K.-Dick-Verfilmung, sehr frei.

Frank Spotnitz: Der Architekt der Paranoia

Entwickelt wurde die Serie von Frank Spotnitz — und das ist eine Personalie, die Sinn ergibt. Spotnitz war einer der zentralen Autoren und Produzenten von Akte X, der Serie, die in den neunziger Jahren die Ästhetik der Verschwörung, des Misstrauens und der verborgenen Wahrheit fürs Fernsehen definierte.

Genau diese Sensibilität braucht Dicks Stoff. The Man in the High Castle lebt nicht von Action, sondern von Paranoia — von der Frage, wem man trauen kann, was real ist, welche Schicht der Wirklichkeit die echte ist. Spotnitz wusste, wie man eine Atmosphäre des permanenten Verdachts aufbaut, in der jede Figur ein Geheimnis hat und jede Wahrheit eine weitere darunter verbirgt.

Spotnitz hat die Verfilmung des Buch-im-Buch zur Wochenschau selbst als allererste Eingebung beschrieben, als er über die Adaption nachdachte. Weil das Fernsehen ein visuelles Medium ist, sollte das zentrale Objekt der Geschichte ein Film sein, kein Buch. Diese eine Intuition trägt die ganze Serie.

Ridley Scott: Der Pate im Hintergrund

Produziert wurde die Serie unter anderem von Ridley Scotts Firma Scott Free — und das ist mehr als ein Name im Abspann. Ridley Scott hat mit Blade Runner 1982 die wichtigste Philip-K.-Dick-Verfilmung der Filmgeschichte gedreht. Niemand hat Dicks Welt der instabilen Realität visuell so geprägt wie er.

Dass Scott als Produzent hinter The Man in the High Castle stand, gab der Serie nicht nur Gewicht, sondern eine ästhetische Linie. Die Serie ist visuell opulent — das alternative New York mit Hakenkreuzfahnen am Times Square, das japanisch besetzte San Francisco, die karge neutrale Zone dazwischen. Jedes Bild ist durchgestaltet, jede Fahne, jedes Plakat, jede Uniform. Es ist Worldbuilding auf höchstem Niveau — die Sorte Detailbesessenheit, die schon Blade Runner auszeichnete.

Ein Detail, das oft gelobt wurde: Die Eröffnungssequenz der Serie — eine düstere, verlangsamte Version von Edelweiß, dem Lied aus The Sound of Music, über Bildern eines faschistischen Amerikas — gilt vielen als eine der besten Title Sequences der jüngeren Fernsehgeschichte. Sie sagt in neunzig Sekunden alles über den Ton der Serie.

Die Figuren: Mehr als das Buch

Wo Dicks Roman mit acht losen Hauptfiguren arbeitet, die sich kaum berühren, konzentriert die Serie sich auf wenige und baut sie aus. Juliana Crain, gespielt von Alexa Davalos, wird zur zentralen Figur — eine Frau, die in den Widerstand gezogen wird, als ihre Schwester ermordet wird.

Aber die eigentliche Entdeckung der Serie ist Rufus Sewell als Obergruppenführer John Smith — ein amerikanischer SS-Offizier. Smith ist das, was Dick selbst am besten konnte: das Grauen im Alltäglichen. Er ist ein liebevoller Familienvater, ein loyaler Ehemann, ein fürsorglicher Vorgesetzter — und ein hochrangiger Funktionär eines Völkermordsystems. Die Serie nimmt sich die Zeit, ihn als vollständigen Menschen zu zeigen, und das macht ihn unendlich verstörender als jede Karikatur. Man versteht ihn. Und genau das ist das Problem.

Joel de la Fuente als japanischer Chefinspektor Kido bildet das Gegenstück — ein Mann, der einem brutalen System dient und gleichzeitig einen eigenen, fremden Ehrenkodex verkörpert.

Wo die Serie das Buch verlässt

Es muss klar gesagt werden: The Man in the High Castle ist eine sehr lose Adaption. Vier Staffeln, achtunddreißig Episoden — das ist ein Vielfaches dessen, was Dicks schmaler Roman hergibt. Die Serie erfindet Handlungsstränge, Figuren und Mythologien, die im Buch nicht existieren. Sie führt das Multiversum-Thema in eine Richtung, die Dick nie ausformuliert hat — mit Reisen zwischen Parallelwelten, mit einer Nazi-Maschine zur Erschließung anderer Realitäten.

Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Stärke, weil die Serie ein eigenständiges Werk wird, das die Grundidee weiterdenkt. Schwäche, weil die späteren Staffeln sich in ihrer eigenen Mythologie verlieren und die philosophische Schärfe des Romans manchmal gegen Action und Plot eintauschen. Das Ende — das viele Zuschauer als unbefriedigend empfanden — lässt zentrale Fragen offen, die es selbst aufgeworfen hat.

Aber das ist fast unvermeidlich. Dicks Roman endet selbst im Schwebezustand, mit einer wackelnden Realität, die er nie stabilisiert. Eine Serie, die ein Massenpublikum über vier Staffeln binden muss, kann sich diese Verweigerung nicht leisten. Sie muss Antworten geben, wo Dick nur Fragen ließ.

Warum die Serie auf dystopien.de gehört

The Man in the High Castle ist kein perfektes Werk. Aber sie hat etwas geleistet, das lange als unmöglich galt: Dicks Roman, jahrzehntelang als unverfilmbar betrachtet, wurde sichtbar gemacht. Das faschistische Amerika, das man sich beim Lesen nur vorstellen konnte, steht plötzlich vor einem — in Farbe, in Detail, in erschreckender Normalität.

Und der Zeitpunkt war kein Zufall. Die Serie lief von 2015 bis 2019 — Jahre, in denen die Frage nach dem Wiedererstarken autoritärer und nationalistischer Bewegungen in den USA und Europa real wurde. Das Bild eines faschistischen Amerikas wirkte 2015 nicht mehr wie ferne Spekulation. Es wirkte wie eine Warnung, die näher gerückt war.

Das ist die Funktion, die Dicks Stoff seit 1962 erfüllt: Er nimmt einem die Gewissheit, dass die Geschichte so kommen musste, wie sie kam. Die Serie hat diese Gewissheit für ein Millionenpublikum erschüttert — mit besseren Bildern, als das Buch sie je hätte liefern können, und mit einem schwächeren Ende, als das Buch es je gewagt hätte.

The Man in the High Castle. USA 2015–2019. Vier Staffeln, 40 Episoden. Entwickelt von Frank Spotnitz. Produktion: Amazon Studios, Scott Free Productions (Ridley Scott), Electric Shepherd Productions. Hauptdarsteller: Alexa Davalos, Rufus Sewell, Joel de la Fuente. Basierend auf dem Roman von Philip K. Dick (1962).

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