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Divergent: Fünf Schubladen für acht Milliarden Menschen

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Es gibt eine Idee in Divergent, die besser ist als das Buch, das sie enthält. Sie lautet: Eine Gesellschaft entscheidet, dass die Wurzel allen Übels ein einziger menschlicher Charakterfehler ist — und teilt sich in fünf Gruppen auf, von denen jede einen bestimmten Fehler durch eine bestimmte Tugend bekämpft. Die einen halten Unehrlichkeit für die Ursache aller Konflikte und machen Wahrhaftigkeit zum Lebensgesetz. Die anderen sehen Feigheit als Wurzel des Bösen und züchten Mut. Wieder andere setzen auf Selbstlosigkeit, auf Wissen, auf Freundlichkeit.

Fünf Fraktionen. Fünf Diagnosen. Fünf Therapien. Und jeder Mensch muss sich mit sechzehn für eine entscheiden — für immer.

Die dystopische Frage dahinter ist gut: Was passiert mit einem Menschen, der nicht in eine einzige Kategorie passt?Veronica Roth nennt solche Menschen Divergent — Unbestimmte —, und in ihrer Welt ist das eine tödliche Diagnose.

Dass diese Prämisse trotzdem nur für Platz 87 reicht, hat Gründe. Aber der Reihe nach.

Veronica Roth: Ein Buch aus der Semesterpause

Die Entstehungsgeschichte von Divergent ist bemerkenswert. Veronica Roth, geboren 1988, schrieb den Roman während ihres Studiums der Kreativen Schriftstellerei an der Northwestern University — in weiten Teilen während einer Winterpause. Sie war einundzwanzig, als sie den Buchvertrag unterschrieb, und zweiundzwanzig, als Divergent 2011 erschien.

Das Buch wurde ein sofortiger Welterfolg. Es landete auf den Bestsellerlisten, wurde in über vierzig Sprachen übersetzt und 2014 mit Shailene Woodley in der Hauptrolle verfilmt. Roth wurde über Nacht zu einer der meistgelesenen Autorinnen ihrer Generation.

Der Erfolg fiel in ein bestimmtes Zeitfenster. Die Tribute von Panem war 2008 erschienen und hatte einen Markt geschaffen, der nach mehr verlangte: dystopische Jugendliteratur mit jungen Heldinnen, harten Prüfungen und Systemen, gegen die man sich auflehnen muss. Divergent bediente diesen Hunger — und wurde von ihm zugleich geprägt. Man merkt dem Buch an, dass es in einem Genre entstand, das seine Regeln bereits kannte.

Roth hat später anspruchsvollere Bücher geschrieben, etwa den Erwachsenenroman Chosen Ones. Aber Divergent blieb ihr prägendes Werk — mit allem, was das an Ruhm und an Kritik mit sich bringt.

Chicago hinter dem Zaun

Der Schauplatz ist ein zukünftiges Chicago, umgeben von einem Zaun. Was jenseits davon liegt, weiß niemand — oder niemand sagt es. Innerhalb der Stadt organisiert sich die Gesellschaft in den fünf Fraktionen: Amity, Candor, Erudite, Abnegation, Dauntless. Verträglichkeit, Freimut, Wissen, Selbstlosigkeit, Mut.

Mit sechzehn absolviert jeder Jugendliche einen Eignungstest, der ihm seine natürliche Fraktion anzeigt. Danach entscheidet er selbst — aber die Entscheidung ist endgültig. Wer die Fraktion seiner Eltern verlässt, verliert seine Familie. Der Leitspruch der Gesellschaft lautet: Fraktion vor Blut.

Die Protagonistin Beatrice Prior, aufgewachsen bei den selbstlosen Abnegation, erhält beim Test kein eindeutiges Ergebnis. Sie zeigt Anlagen für mehrere Fraktionen. Sie ist Divergent — und die Testleiterin warnt sie eindringlich, das niemals jemandem zu erzählen. Beatrice wechselt zu den Dauntless, nennt sich Tris und beginnt eine brutale Aufnahmeprüfung, bei der die Hälfte der Anwärter durchfällt und fraktionslos wird — was in dieser Welt Obdachlosigkeit und Elend bedeutet.

Die Stärke: Identität als Systemfrage

Wo Divergent wirklich funktioniert, ist in seiner Grundidee. Die Fraktionen sind eine radikale Zuspitzung eines realen Impulses: der Wunsch, Menschen zu sortieren. Persönlichkeitstests, Berufsprofile, Schultypen, Milieus, Zielgruppen — moderne Gesellschaften kategorisieren unablässig. Roth treibt das ins Absolute und fragt: Was, wenn die Kategorie nicht nur beschreibt, sondern bestimmt?

Und die Divergenten sind der Sprengsatz dieser Ordnung. Sie sind gefährlich, nicht weil sie rebellieren, sondern weil sie nicht klassifizierbar sind. Ein System, das auf Kategorien beruht, kann Menschen nicht ertragen, die in mehrere passen. Die Existenz solcher Menschen beweist, dass die Kategorien willkürlich sind.

Das ist eine legitime dystopische Idee, und sie trifft einen Nerv, gerade bei jungen Lesern: die Angst, sich früh festlegen zu müssen. Die Ahnung, mehr zu sein als das Etikett, das man verpasst bekommt. Roth hat das mit siebzehnjährigem Instinkt getroffen, und das erklärt einen guten Teil des Erfolgs.

Wer nicht in eine Schublade passt, ist keine Fehlfunktion des Systems. Er ist der Beweis, dass das System eine Fiktion ist.

Die Schwächen, die Platz 87 erklären

Und jetzt die ehrliche Einordnung, denn dystopien.de bewertet nicht nach Verkaufszahlen.

Das Weltmodell hält keiner Prüfung stand. Eine Gesellschaft, die sich in fünf Charaktertypen aufteilt, ist als Metapher reizvoll und als Konstruktion absurd. Wer versorgt diese Stadt? Wie funktioniert die Wirtschaft? Warum sollten Menschen, die auf Mut trainiert werden, ausgerechnet Polizeiarbeit machen und nicht die Macht ergreifen? Roth erklärt vieles nie, und das Wenige, das sie erklärt, wirft mehr Fragen auf. Anders als bei Orwell, Huxley oder Atwood, wo die Gesellschaftsordnung einer inneren Logik folgt, ist die Fraktionswelt eine Kulisse — sie existiert, damit die Handlung stattfinden kann, nicht weil sie plausibel wäre.

Die Prüfungshandlung dominiert die Idee. Ein großer Teil des Buches besteht aus der Dauntless-Aufnahmeprüfung: Trainingskämpfe, Rangordnungen, Mutproben, Angstsimulationen. Das ist spannend geschrieben und liest sich schnell — aber es verdrängt die eigentliche dystopische Fragestellung. Die Gesellschaftskritik tritt hinter das Wettkampfdrama zurück.

Die Romanze übernimmt. Die Beziehung zwischen Tris und ihrem Ausbilder Four nimmt einen erheblichen Raum ein und verschiebt den Fokus weiter weg vom System hin zur persönlichen Geschichte. Das ist genretypisch und für viele Leser der Hauptreiz — für die dystopische Substanz ist es ein Verlust.

Und die Fortsetzungen haben dem Ganzen geschadet. Insurgent und besonders Allegiant versuchen zu erklären, wie es zu den Fraktionen kam — und die Auflösung ist, was Wissenschaftlichkeit und Weltlogik angeht, kaum haltbar. Viele Leser empfanden die Trilogie am Ende als beschädigt. Es ist genau das Problem, das wir hier schon bei Filmfortsetzungen beschrieben haben: Die Erklärung zerstört, was durch Andeutung funktioniert hatte.

Warum Divergent trotzdem auf Platz 87 unserer Liste steht

Weil es die Frage stellt, auch wenn es sie nicht beantwortet. Weil es eine ganze Generation junger Leser mit der Idee konfrontiert hat, dass eine Gesellschaftsordnung selbst das Problem sein kann — dass Regeln, die Sicherheit versprechen, Menschen verstümmeln.

Und weil man Einstiegsdrogen nicht unterschätzen sollte. Für viele Leserinnen und Leser war Divergent das erste dystopische Buch überhaupt. Wer damit anfängt, landet oft bei Atwood, Huxley und Orwell. Ein Buch, das den Weg zu besseren Büchern öffnet, hat einen Wert, der über seine eigene Qualität hinausgeht.

Platz 87 ist deshalb keine Herabsetzung. Es ist eine Einordnung: eine gute Idee in einem soliden Unterhaltungsroman, dem der Mut zur eigenen Konsequenz fehlt. Divergent fragt, was mit Menschen geschieht, die nicht in eine Kategorie passen — und passt dann selbst allzu bequem in seine eigene.

Veronica Roth: Divergent. Erstmals erschienen 2011 bei Katherine Tegen Books. Deutsch als „Die Bestimmung“ bei cbt/cbj. Fortsetzungen: Insurgent (2012), Allegiant (2013), Fours Geschichte. Verfilmt 2014 von Neil Burger mit Shailene Woodley und Theo James.

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