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Es gibt eine Frage, die dieses Buch stellt, und sie ist so einfach wie erschütternd. Was wäre gewesen, wenn das Dritte Reich Computer gehabt hätte? Wenn die Nationalsozialisten nicht mit Karteikarten und Meldezetteln gearbeitet hätten, sondern mit Datenbanken, Mobiltelefonen, sozialen Netzwerken und der Möglichkeit, jeden Bürger jederzeit zu orten? Andreas Eschbach denkt diese Frage in seinem Roman NSA von 2018 konsequent zu Ende, und das Ergebnis gehört zum Verstörendsten, was die deutschsprachige Literatur zum Thema Überwachung hervorgebracht hat.
Die Antwort ist so naheliegend wie grauenhaft. Ein totalitäres Regime, das jeden Menschen lückenlos überwachen kann, braucht keine Zufälle mehr, keine Denunzianten, keine Razzien auf gut Glück. Es kann seine Feinde einfach suchen. Wer sich versteckt, wird geortet. Wer Verbotenes kauft, wird registriert. Wer die falschen Kontakte hat, erscheint in einer Datenbank. Der Massenmord wird von einer logistischen Herausforderung zu einer Frage der richtigen Suchanfrage. Eschbach beschreibt, mit anderen Worten, den Holocaust mit Suchfunktion.

Andreas Eschbach: Der Meister des Was-wäre-wenn
Andreas Eschbach, geboren 1959 in Ulm, ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der phantastischen Literatur. Er schreibt, nach eigener Angabe, seit seinem zwölften Lebensjahr, und er wurde einem breiten Publikum vor allem durch den Thriller Das Jesus-Video bekannt. Mit Romanen wie Eine Billion Dollar, Herr aller Dinge und Ausgebrannt, das ebenfalls auf unserer Liste steht, stieg er in die Riege der deutschen Bestsellerautoren auf.
Eschbachs Spezialität ist das durchdachte Gedankenexperiment. Er nimmt eine einzige Prämisse, eine Was-wäre-wenn-Frage, und verfolgt ihre Konsequenzen mit fast wissenschaftlicher Genauigkeit. Was, wenn das Öl ausgeht. Was, wenn ein Mensch alles besitzt. Was, wenn eine Videokamera aus der Zeit Jesu auftaucht. Diese Methode macht ihn zum idealen Autor für den Stoff von NSA. Denn NSA ist im Kern nichts anderes als ein zu Ende gedachtes Gedankenexperiment, und zwar eines, dessen Genauigkeit den Leser mit wachsendem Unbehagen erfüllt.
Eine andere Technikgeschichte
Der raffinierte Kunstgriff des Romans liegt in seiner alternativen Geschichte der Technik. Eschbach erfindet nicht einfach Computer ins Dritte Reich hinein, das wäre zu billig. Er baut eine ganze plausible Vorgeschichte. In seiner Welt wurde die analytische Maschine des britischen Mathematikers Charles Babbage, jene mechanische Rechenmaschine, die im 19. Jahrhundert tatsächlich entworfen, aber nie vollendet wurde, weiterentwickelt und zu einem elektrischen Computer ausgebaut. Ada Lovelace, die reale erste Programmiererin der Geschichte, spielt in dieser Vorgeschichte ihre Rolle.
So entsteht bereits zur Kaiserzeit eine funktionierende Computertechnik, und mit ihr, noch vor den Nationalsozialisten, das Nationale Sicherheits-Amt, kurz NSA. Der Name ist natürlich eine bewusste Anspielung auf die amerikanische National Security Agency, deren weltweite Überwachung Edward Snowden 2013 enthüllt hatte. Als Hitler an die Macht kommt, erbt sein Regime einen bereits bestehenden, hochentwickelten Überwachungsapparat, der den gesamten Datenverkehr im Weltnetz speichert und auswertet.
Besonders gelungen ist, wie Eschbach diese Welt sprachlich ausgestaltet. Er deutscht die modernen Begriffe ein, als hätte sich die Informatik in einer deutschsprachigen Welt entwickelt. Aus dem Computer wird der Komputer, aus dem Internet das Weltnetz, aus den Programmiererinnen werden Programmstrickerinnen, die ihre Programme stricken. Diese Verfremdung ist mehr als Spielerei. Sie erzeugt das unheimliche Gefühl einer Welt, die unserer gleicht und doch fremd ist, vertraut und verschoben zugleich.
Helene und Lettke
Der Roman spielt 1942 in Weimar, dem Hauptsitz des NSA, und er erzählt seine Geschichte an zwei Figuren. Helene Bodenkamp ist eine junge, hochbegabte Programmstrickerin, die für das Amt arbeitet und Programme entwickelt, mit denen die Bürger des Reichs überwacht werden. Sie ist keine überzeugte Nationalsozialistin, sondern eine Frau, die in ihrer Arbeit aufgeht, die die faszinierenden technischen Möglichkeiten sieht und die moralischen Konsequenzen zunächst verdrängt. Erst als der Mann, den sie liebt, desertiert und untertauchen muss, geraten ihre Loyalität und ihr Gewissen in Konflikt. Plötzlich steht sie auf der anderen Seite der Überwachung, die sie selbst mit aufgebaut hat.
Die zweite Figur ist Eugen Lettke, ein Datenanalyst, und er ist das eigentlich Verstörende am Roman. Lettke ist kein Fanatiker, kein Überzeugungstäter. Er ist ein Karrierist, ein Zyniker, ein Mann, der die perfekte Überwachungstechnik des Staates für seine ganz privaten Zwecke missbraucht. Er nutzt die Datenmacht des Amtes, um sich an Frauen zu rächen, um Menschen zu erpressen, um seine eigenen niederen Triebe zu befriedigen. Lettke zeigt eine Wahrheit über Überwachung, die über das Dritte Reich hinausweist. Ein System der totalen Kontrolle wird nicht nur von oben missbraucht, sondern auch von unten, von jedem kleinen Beamten mit Zugang, der die Daten für seine eigenen Zwecke nutzt.
Die Gefahr der totalen Überwachung ist nicht nur der Tyrann an der Spitze. Es ist auch der Sachbearbeiter am Terminal, der plötzlich Gott spielen kann.
Das Bargeld und die Kontrolle
Ein Detail des Romans verdient besondere Beachtung, weil es die Aktualität des Buches zeigt. In Eschbachs Welt wurde das Bargeld abgeschafft, ja verboten. Alle Zahlungen laufen elektronisch, und damit ist jede Transaktion nachvollziehbar, jeder Kauf registriert, jede Bewegung des Geldes eine Datenspur. Wer sich versteckt, kann nichts kaufen, ohne aufzufliegen. Wer einem Untergetauchten hilft, hinterlässt eine Spur.
Das ist ein Gedanke, der die Debatte unserer eigenen Zeit unmittelbar berührt. Die Frage nach der Abschaffung des Bargelds, nach dem digitalen Zahlungsverkehr, nach der Nachvollziehbarkeit jeder finanziellen Bewegung ist hochaktuell. Eschbach zeigt, wozu ein solches System in den Händen eines totalitären Staates würde. Das bargeldlose Bezahlen, in unserer Welt eine Bequemlichkeit, wird in seiner Welt zum lückenlosen Kontrollinstrument. Wer kein Bargeld hat, kann sich der Überwachung nicht entziehen.
Die ehrliche Einordnung
NSA ist ein faszinierendes und wichtiges Buch, aber es ist kein makelloses. Die Stärke liegt eindeutig in der Prämisse und ihrer konsequenten Durchführung. Die alternative Technikwelt ist brillant konstruiert, glaubwürdig bis ins Detail, und der Gedanke, den sie durchspielt, ist von erschütternder Plausibilität. Als Gedankenexperiment ist NSA meisterhaft.
Die Schwächen liegen im Erzählerischen. Mit über achthundert Seiten ist der Roman lang, und er hat Längen. Manche Handlungsstränge ziehen sich, manche Passagen wiederholen, was man bereits verstanden hat. Die Figuren sind zudem, das ist teils Absicht, überwiegend unsympathisch. Lettke ist abstoßend, viele Nebenfiguren sind Mitläufer oder Täter, und selbst Helene bleibt in ihrer langen Verdrängungsphase auf Distanz. Das ist konsequent, denn ein Roman über ein verbrecherisches System soll keine Helden bieten, aber es macht das Lesen mitunter mühsam. Man bewundert das Buch mehr, als man mit ihm mitfiebert.
Und das Ende ist von einer Härte, die manche Leser als überwältigend, andere als deprimierend empfinden. Eschbach verweigert den Trost. Er führt seine Prämisse bis zur letzten, grausamen Konsequenz, und wer auf eine Erlösung hofft, wird enttäuscht. Das ist mutig und stimmig, aber es hinterlässt den Leser paralysiert.
Warum NSA auf Platz 8 unserer Liste steht
Weil es eine der intelligentesten und beunruhigendsten deutschsprachigen Dystopien der Gegenwart ist und weil es zwei Themen verbindet, die einzeln schon schwer wiegen, zum Nationalsozialismus und zur totalen Überwachung. Die Verbindung dieser beiden ist der geniale und schreckliche Kern des Buches. Denn sie führt vor Augen, dass die Technik, die wir heute für selbstverständlich halten und größtenteils freiwillig nutzen, in den falschen Händen zum perfekten Instrument des Terrors würde.
Der Roman spielt in der Vergangenheit, aber er handelt von der Gegenwart und der Zukunft. Alles, was Eschbach beschreibt, die Ortung über Mobiltelefone, die Auswertung von Bewegungsprofilen, das Abhören über eingebaute Mikrofone, die Nachverfolgung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, die Erstellung von Persönlichkeitsprofilen aus Daten, all das existiert heute. Es liegt nicht in einer erfundenen Alternativwelt, sondern in unseren Hosentaschen. Eschbach verlegt es nur in einen historischen Kontext, in dem seine tödliche Konsequenz unübersehbar wird.
Das ist der eigentliche Schlag des Buches. Es zeigt uns unsere eigene Welt, unsere eigenen Geräte, unsere eigene Bequemlichkeit, und stellt die Frage, was daraus würde, wenn ein Regime wie das nationalsozialistische darüber verfügte. Die Antwort ist so einfach wie unerträglich. Es würde funktionieren. Es würde sogar sehr gut funktionieren. Der Massenmord würde effizienter, gründlicher, lückenloser.
NSA ist damit eine Warnung, die sich nicht auf die Vergangenheit beschränkt. Es sagt, dass die Werkzeuge der totalen Kontrolle bereits existieren, dass wir sie täglich benutzen, und dass die einzige Sicherung gegen ihren Missbrauch die Verfasstheit der Gesellschaft ist, die über sie verfügt. Ändert sich diese Gesellschaft, ändert sich alles. Die Technik ist neutral. Ihr Missbrauch ist nur eine Frage dessen, wer die Suchanfrage stellt.
Andreas Eschbach: NSA – Nationales Sicherheits-Amt. Erstmals erschienen 2018 bei Bastei Lübbe, rund 800 Seiten. Spielt 1942 in Weimar in einer alternativen Zeitlinie. Kontrafaktischer Roman über die Verbindung von Nationalsozialismus und moderner Überwachungstechnik.
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