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In Time (2011): Zeit ist Geld, und Geld ist Leben

dystopien.de · Film · Klassengesellschaft · Kapitalismuskritik · Science-Fiction · Andrew Niccol

In Time. Es gibt eine Redewendung, die so alt und abgegriffen ist, dass niemand mehr über sie nachdenkt. Zeit ist Geld. Andrew Niccols Film In Time von 2011 nimmt diese Floskel beim Wort und baut daraus eine ganze Dystopie. Was, wenn Zeit nicht nur wie Geld wäre, sondern buchstäblich die einzige Währung, die es gibt? Was, wenn man mit Lebenszeit bezahlt, mit Minuten, Stunden, Jahren, und was, wenn das Konto leer ist, man einfach stirbt?

In der Welt von In Time hört der Mensch mit fünfundzwanzig auf zu altern. Von diesem Moment an läuft eine grün leuchtende Uhr auf seinem Unterarm, und sie zeigt, wie viel Lebenszeit ihm bleibt. Ein Jahr bekommt jeder geschenkt. Danach muss er sich Zeit verdienen, erarbeiten, leihen, oder stehlen. Wer arbeitet, wird in Zeit bezahlt. Wer einkauft, zahlt mit Zeit. Ein Kaffee kostet Minuten, eine Busfahrt kostet Stunden, eine Wohnung kostet Monate. Und wer aus der Zeit läuft, dessen Uhr auf null springt, der stirbt auf der Stelle. Die Reichen können unsterblich werden, sie horten Jahrhunderte. Die Armen leben von einem Tag auf den anderen, im wörtlichsten Sinne.

Andrew Niccol: Der Dystopiker der einen großen Idee

Mit In Time schließt sich auf dystopien.de ein Kreis, denn Andrew Niccol ist uns bereits zweimal begegnet. Er schrieb das Drehbuch zu The Truman Show und er schrieb und inszenierte Gattaca, beide auf unserer Filmliste. Niccol, geboren 1964 in Neuseeland, ist einer der konsequentesten dystopischen Denker des zeitgenössischen Kinos. Kein anderer Regisseur der Gegenwart steht der Science-Fiction-Literatur der fünfziger und sechziger Jahre so nahe, der Tradition eines Philip K. Dick, in der eine einzige verstörende Idee eine ganze Welt erzeugt.

Niccols Methode ist immer dieselbe. Er nimmt einen einzelnen Aspekt unserer Wirklichkeit und dreht ihn ins Extrem, bis eine Dystopie entsteht. In The Truman Show ist es das Fernsehen, das ein ganzes Leben verschlingt. In Gattaca ist es die Genetik, die über das Schicksal entscheidet. In In Time ist es die Zeit, die zur Währung wird. Diese Fähigkeit, aus einer Idee eine Welt zu bauen, macht Niccol zum idealen Autor der Gedankenexperiment-Dystopie. Bemerkenswert ist zudem, dass die Kamera bei In Time erneut von Roger Deakins geführt wurde, jenem Meister, der auch die Bilder zur Orwell-Verfilmung von 1984 schuf, über die wir hier geschrieben haben.

Die Idee und ihre Wucht

Der erste Akt von In Time gehört zum Besten, was das dystopische Kino zu bieten hat, weil er die Konsequenzen seiner Prämisse mit spürbarer Freude durchdenkt. Eine Welt voller ewig fünfundzwanzigjähriger Menschen, in der man das Alter niemandem mehr ansieht. Läden, die Waren für neunundneunzig Sekunden anbieten. Wohlhabende Viertel, für deren Betreten man ein Jahr Lebenszeit bezahlen muss. Die ständige, existenzielle Angst der Armen, dass ein verpasster Bus, eine kleine Verzögerung, ein unerwarteter Preis den Tod bedeuten kann, weil die Zeit nicht mehr reicht, um zur Bank zu kommen.

Besonders raffiniert ist, wie der Film die Familienverhältnisse auf den Kopf stellt. Weil niemand über fünfundzwanzig hinaus altert, sehen Mutter, Tochter und Großmutter gleich alt aus. In einer vielzitierten Konstellation spielt Olivia Wilde die Mutter der von Justin Timberlake verkörperten Hauptfigur, obwohl die Darstellerin jünger ist als ihr Filmsohn. Das ist kein Fehler, sondern Teil der Idee. Eine Welt, in der das Alter aus den Gesichtern verschwunden ist und nur noch die Uhr am Arm zählt.

In Time macht die abstrakteste aller Ungerechtigkeiten körperlich. Die Reichen leben ewig, die Armen sterben jung, und man kann beiden die Zeit von der Uhr ablesen.

In Time

Robin Hood mit Countdown

Die Handlung folgt Will Salas, einem Fabrikarbeiter aus dem Ghetto, gespielt von Justin Timberlake, der von Tag zu Tag lebt. Durch einen Zufall gelangt er an mehr als hundert Jahre Lebenszeit, geschenkt von einem lebensmüden Reichen, der seiner Unsterblichkeit überdrüssig ist. Plötzlich reich an Zeit, dringt Will in die Welt der Wohlhabenden vor, trifft dort die gelangweilte Bankierstochter Sylvia, gespielt von Amanda Seyfried, und beginnt, das System zu bekämpfen. Gemeinsam werden die beiden zu einer Art Robin Hood der Zeit, die den Reichen Lebenszeit stehlen und sie den Armen geben.

In Time

Und hier, im Übergang von der brillanten Prämisse zur konventionellen Handlung, liegt die Schwäche des Films, die praktisch alle Kritiker benannten. Aus dem faszinierenden Gedankenexperiment wird eine gewöhnliche Verfolgungsjagd. Ein sogenannter Zeitwächter, gespielt von Cillian Murphy, jagt das Paar durch den Film, und die Geschichte verfällt in die Muster des Standard-Actionkinos. Die kluge Idee wird, wie ein Kritiker schrieb, so lange ausgepresst, bis sie zur Parodie ihrer selbst wird, samt einer Flut von Wortspielen rund um die Zeit.

Die Story ist neu und doch uralt

Bei allem Tadel an der Handlung lohnt ein genauerer Blick, denn er zeigt etwas Aufschlussreiches. Die Geschichte von In Time ist neu und uralt zugleich. Im Kern ist sie Bonnie und Clyde, das legendäre Gangsterpärchen auf der Flucht, das die Reichen bestiehlt und dem System trotzt, bis es kein Entkommen mehr gibt. Mehrere Kritiker bemerkten, dass der Film wie Bonnie und Clyde endet, und das ist kein Zufall. Niccol nimmt diesen archetypischen Stoff aus der Zeit der Prohibition und transferiert ihn in eine dystopische Zukunft.

Das Rezept ist erkennbar zusammengesetzt. Man nehme das Liebespaar auf der Flucht von Bonnie und Clyde, füge die Einteilung der Gesellschaft in streng getrennte Zonen hinzu, wie man sie später in Die Tribute von Panem findet, würze das Ganze mit Überwachung und der Herrschaft des Kapitals, und fertig ist die Welt von In Time. Das ist weniger eine Erfindung als eine geschickte Neukombination bekannter Elemente.

Und doch wäre es ungerecht, den Film darauf zu reduzieren. Denn handwerklich hat In Time mehr zu bieten, als das harsche Urteil mancher Kritiker vermuten lässt. Die Verstrickungen der Handlung sind schön gebaut, die Kameraführung von Roger Deakins ist über weite Strecken ausgezeichnet, und der Film versteht es, die Wants und Needs seiner Figuren zu inszenieren, also das, was sie zu wollen glauben, und das, was sie wirklich brauchen. Das gilt sogar für die Nebenfiguren, die mehr Kontur bekommen, als es ein reiner Actionfilm nötig hätte. Und es gibt immer wieder ausdrucksstarke Szenen, die mit Andeutung arbeiten, die nicht alles zeigen und dem Zuschauer dennoch alles verständlich machen. Das ist die Handschrift eines Regisseurs, der sein Fach beherrscht, auch wenn er es hier nicht auf die Höhe von Gattaca bringt.

Eine alte Geschichte in einem neuen Gewand ist kein Makel. Sie wird erst dann zum Problem, wenn das neue Gewand interessanter ist als die alte Geschichte, die darin steckt.

Die ehrliche Einordnung

In Time ist der klassische Fall eines Films, dessen Konzept größer ist als seine Ausführung. Das Urteil der Kritik war einhellig und lässt sich in einem Satz zusammenfassen. Großartige Prämisse, mittelmäßige Umsetzung. Die Idee der Zeit als Währung ist eine der besten dystopischen Grundeinfälle des jüngeren Kinos. Aber Niccol, sonst ein Meister der atmosphärischen Verdichtung, verschenkt sie an einen generischen Verfolgungsplot, blasse Figuren und einen visuellen Stil, der die Zukunft verdächtig nach dem heutigen Los Angeles aussehen lässt.

Auch die Schauspieler konnten das nicht ganz auffangen. Justin Timberlake mühte sich sichtlich, der Rolle des Ghetto-Rebellen Leben einzuhauchen, blieb aber vielen Kritikern zu blass. Und der Versuch des Films, eine echte Verbindung zur Wirtschaftskrise und zur wachsenden Ungleichheit herzustellen, verpuffte für manche, weil man nie genau versteht, wie diese Welt und ihre Ökonomie eigentlich funktionieren. Es ist ein Film, der seine besten Momente in den ersten dreißig Minuten hat und danach hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.

Zur Geschichte des Films gehört auch, dass gleich zwei Autoren Plagiatsvorwürfe erhoben. Der Science-Fiction-Autor Harlan Ellison sah Ähnlichkeiten zu seiner Kurzgeschichte Repent, Harlequin! Said the Ticktockman von 1965, in der Menschen ebenfalls eine bemessene Lebenszeit haben, die von einer Autorität entzogen werden kann. Allerdings war Ellison für seine außerordentliche Prozessfreudigkeit bekannt und führte im Lauf seines Lebens zahlreiche solcher Klagen, unter anderem gegen die Macher von Terminator. Eine Ellison-Klage sagt daher wenig über die Berechtigung des Vorwurfs. Auch ein griechischer Drehbuchautor meldete Ansprüche an. Die Idee der Zeit als Währung lag, so scheint es, ohnehin in der Luft der Science-Fiction, lange bevor Niccol sie verfilmte.

Warum In Time auf Platz 31 unserer Liste steht

Weil die Grundidee zu gut ist, um zu fehlen, und weil der Film die Klassenfrage mit einer seltenen Direktheit stellt. In Time erschien 2011, im Jahr der Occupy-Wall-Street-Proteste, und seine Darsteller wiesen selbst auf die Parallele hin. Der Film ist eine unverhohlene Parabel auf die soziale Ungleichheit, auf eine Welt, in der die einen im Überfluss leben und die anderen ums nackte Überleben kämpfen. Die zentrale Systemkritik ist bestechend einfach. Damit die Reichen unsterblich sein können, müssen die Armen sterben. Die Zeit der einen ist die verlorene Zeit der anderen. Die Preise werden gezielt so gesetzt, dass die Unterschicht immer knapp am Tod entlanglebt und niemals genug ansparen kann, um dem System zu entkommen.

Das ist eine kraftvolle Metapher für den realen Kapitalismus, für eine Ökonomie, in der der Reichtum der einen auf der Ausbeutung der anderen beruht. In Time macht diese abstrakte Wahrheit sichtbar und körperlich, indem es sie in die grün leuchtende Uhr auf dem Arm übersetzt. Man sieht der Ungleichheit beim Ticken zu.

Wir sprechen für diesen Film trotz Platz 31 eine eindeutige Empfehlung aus.

In Time ist kein großer Film, aber es ist ein Film mit einer großen Idee, und diese Idee bleibt haften, lange nachdem die Verfolgungsjagd vergessen ist. Er stellt eine Frage, die jeden angeht, weil jeder sie kennt. Wir tauschen unsere Lebenszeit gegen Geld, jeden Tag, ein Leben lang. Wir arbeiten, um zu leben, und wir leben, um zu arbeiten. In Time nimmt diesen alltäglichen Tausch und macht ihn buchstäblich. Und plötzlich sieht man die eigene Existenz mit anderen Augen. Denn am Ende ist es wahr, für die Figuren des Films wie für uns. Unsere Zeit läuft ab, von der ersten Minute an. Die Frage ist nur, wofür wir sie ausgeben, und wer daran verdient.

In Time – Deine Zeit läuft ab. USA 2011. Regie und Drehbuch: Andrew Niccol. Kamera: Roger Deakins. Darsteller: Justin Timberlake, Amanda Seyfried, Cillian Murphy, Olivia Wilde, Vincent Kartheiser, Alex Pettyfer, Matt Bomer. Musik: Craig Armstrong. Budget rund 40 Millionen Dollar, Einspielergebnis rund 174 Millionen Dollar.

Kategorie: Film · Klassengesellschaft · Kapitalismuskritik · Science-Fiction · Andrew Niccol · dystopien.de

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