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Die Stadt hinter dem Strom: Die Bürokratie des Todes

dystopien.de · Literatur · Nachkriegsliteratur · Totenreich · Bürokratie · Hermann Kasack

Die Stadt hinter dem Strom. Es gibt Bücher, die aus einer einzigen, überwältigenden Vision entstehen, und Hermann Kasack hat die seine selbst beschrieben. Er sah, sagte er, die Flächen einer gespenstischen Ruinenstadt, die sich ins Unendliche verlor, und in der sich die Menschen wie Scharen von gefangenen Puppen bewegten. Aus diesem Schreckensbild wurde einer der bedeutendsten und heute am meisten vergessenen Romane der deutschen Nachkriegszeit. Die Stadt hinter dem Strom, erschienen 1947, ist eine Dystopie im Gewand eines Totentraums, eine kafkaeske Reise in ein Reich der Verwaltung, in dem selbst der Tod bürokratisch organisiert ist.

Der Roman gehört zu jenen Werken, die eine ganze Epoche verdichten. Geschrieben teils während des Zweiten Weltkriegs, teils in den Trümmerjahren danach, übersetzt er die reale Katastrophe Deutschlands in ein zeitloses Bild, in eine Stadt der Toten, die zugleich eine Chiffre für das zerstörte, entseelte, in sinnloser Betriebsamkeit erstarrte Europa ist. Es ist ein schwieriges, sperriges, tief verstörendes Buch, und es verdient, wiederentdeckt zu werden.

Hermann Kasack und die Innere Emigration

Hermann Kasack, geboren 1896 in Potsdam, gestorben 1966 in Stuttgart, gehört zu den Autoren, deren Name heute fast verklungen ist, obwohl er in seiner Zeit eine zentrale Figur war. Er zählt zur sogenannten Inneren Emigration, jenen Schriftstellern, die während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland blieben, sich aber dem Regime verweigerten und ihre kritische Haltung in verschlüsselte, oft ins Zeitlose oder Fantastische verlegte Werke kleideten. Wer nicht ins Exil ging und dennoch nicht mitmachen wollte, musste seine Wahrheiten tarnen. Genau das prägt Die Stadt hinter dem Strom.

Kasack war ein hochgebildeter, literarisch versierter Mann, der nach dem Krieg zu einer Instanz des deutschen Kulturlebens wurde. Er war Gründungsmitglied des westdeutschen PEN-Zentrums und von 1953 bis 1963 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, eines der höchsten Ämter der deutschen Literatur. 1963 trat er zurück, nachdem er fast vollständig erblindet war. Sein Ruhm aber gründete auf diesem einen Buch, das 1947 erschien und seinen Namen mit einem Schlag ins literarische Rampenlicht katapultierte. Es wurde mit dem ersten Fontane-Preis der Stadt Berlin ausgezeichnet, in mehrere Sprachen übersetzt, zur Oper vertont und heftig diskutiert. Sein zweiter Roman, Das große Netz von 1952, eine dystopische Satire, konnte an diesen Erfolg nie ganz anknüpfen.

Die Reise ins Ungewisse

Der Roman beginnt, wie er endet, mit einer Ankunft. Der Orientalist und Keilschriftforscher Doktor Robert Lindhoff reist mit dem Zug in eine ihm unbekannte Stadt, weil ihm die dortige Präfektur eine Stellung angeboten hat. Er soll das Amt eines Chronisten übernehmen, eine vorurteilsfreie und objektive Chronik führen. Der Zug überquert eine große Brücke über einen breiten Grenzfluss, und dahinter, im triefenden Zwielicht der frühen Morgendämmerung, liegt die Stadt. Niemand erwartet ihn. Eine Frau, die an einem Brunnen ihre Kanne füllt, bedeutet ihm, ihr zu folgen.

Von Anfang an ist etwas zutiefst unheimlich an diesem Ort. Die Stadt besteht aus Ruinen, aus zerfallenen Häuserfronten, durch deren leere Fenster man den Himmel sieht. Ein großer Teil des Geschehens spielt sich in weitläufigen unterirdischen Katakomben ab. Die Bewohner erscheinen weniger wie Menschen als wie Puppen, die sich in sinnlos wiederholten Handlungen ergehen, immer dieselben Gesten, immer derselbe Ablauf, ohne erkennbaren Zweck. Alles ist rätselhaft, absurd, verstörend. Und Lindhoff selbst weiß nicht, wohin er geraten ist. Sein wachsendes Unbehagen überträgt sich unmittelbar auf den Leser, der genau wie der Protagonist auf Hinweise lauert, was hier eigentlich gespielt wird.

Langsam dämmert die Wahrheit. Der Strom, den Lindhoff überquert hat, ist einer jener mythischen Flüsse, die das Reich der Lebenden vom Reich der Toten trennen. Die Stadt ist ein Übergangsort, ein Zwischenreich, in dem die Toten eine gewisse Zeit verbringen, bevor sie in die endgültige Auflösung eingehen. Lindhoff, so stellt sich heraus, bewegt sich als Chronist unter den Toten, ein Lebender an der Schwelle, der aufzeichnen soll, was hier geschieht.

Der Tod ist bei Kasack kein Ende und keine Erlösung. Er ist eine Behörde. Ein Übergangsverfahren, verwaltet von einer Präfektur, die niemand kennt und der niemand widerspricht.

Die Präfektur und die Sinnlosigkeit

Hier liegt der dystopische Kern des Romans, und er ist von erschreckender Modernität. Das Zwischenreich der Toten wird von einer anonymen, undurchschaubaren Instanz regiert, der Präfektur. Ihre Beamten ziehen unwidersprochen ihre Fäden, regeln alles, entscheiden über alles, und niemand versteht die Regeln, nach denen sie handeln. Es gibt keinen sichtbaren Herrscher, keinen erkennbaren Sinn, keine Instanz, an die man sich wenden könnte. Es gibt nur den Apparat, der läuft, und die Puppen, die ihm gehorchen.

Das ist unverkennbar kafkaesk. Wie in Kafkas Prozess und Schloss, über die wir hier geschrieben haben, steht der Einzelne einer gesichtslosen Bürokratie gegenüber, die sein Schicksal bestimmt, ohne dass er sie durchschauen oder beeinflussen kann. Kasack überträgt dieses Prinzip auf das Jenseits selbst. Sogar der Tod, das Letzte und Absolute, ist bei ihm kein Mysterium mehr, sondern ein Verwaltungsvorgang. Ein Archiv entscheidet über die Dauer und Gültigkeit jeder menschlichen Leistung, die Präfektur über die Wirkung und Dauer des Nachlebens. Die Bürokratie hat noch den Tod kolonisiert.

Die Sinnlosigkeit der repetitiven Handlungen, die Lindhoff beobachtet, ist dabei die schärfste Anklage. Die Toten wiederholen mechanisch die Tätigkeiten ihres Lebens, ohne Zweck, ohne Ziel, ohne Bewusstsein. Es ist ein Bild für ein Leben, das seine Bedeutung verloren hat, für Menschen, die funktionieren, ohne zu verstehen, warum. In einem der eindringlichsten Momente des Buches stellt Lindhoff einer sibyllenhaften Gestalt die entscheidenden Fragen. Warum man sich so plage und die halbe Welt auswendig lerne. Damit man genügend Vorrat zum Vergessen habe, lautet die Antwort. Und warum man lebe. Damit man zu sterben lerne. Kälter und hoffnungsloser lässt sich die Sinnfrage kaum beantworten.

Die gespenstische Gegenwart

Kasack hat sich zeit seines Lebens dagegen gewehrt, sein Buch als okkulte oder mystische Literatur zu verstehen, und das ist für die Einordnung entscheidend. Er sagte, er habe kein Geisterbuch geschrieben, sondern das Bild der unmittelbaren, gespenstisch gewordenen Gegenwart des Menschen in Europa. Die Totenstadt ist also keine Fantasie über das Jenseits, sondern ein Sinnbild für das Diesseits, für die Realität Deutschlands und Europas während und nach dem Krieg.

Die ständig neuen Ruinen, die Massenabmärsche, die Bürokratie, die über Leben und Tod verfügt, die Menschen, die zu willenlosen Puppen geworden sind, all das verweist auf die reale Erfahrung jener Jahre. Die Vernichtungslager mit ihrer bürokratisch organisierten Tötung, die zerbombten Städte, die Entmenschlichung des Einzelnen in den totalitären Apparaten, die Massen, die gehorchten, ohne zu fragen. Kasack schrieb die erste Hälfte des Buches mitten im Krieg, zwischen 1942 und 1944, als all das geschah, und verschlüsselte seine Beobachtung in das zeitlose Bild der Totenstadt. Das war die Methode der Inneren Emigration, die Wahrheit so zu tarnen, dass sie die Zensur überstand und doch verständlich blieb.

Damit ist Die Stadt hinter dem Strom auch ein Dokument, ein literarisches Zeugnis der Katastrophe, geschrieben aus ihrem Inneren heraus. Es gehört zur Trümmerliteratur, jener deutschen Nachkriegsströmung, die versuchte, das Unfassbare in Worte zu fassen, und es weist zugleich voraus auf den magischen Realismus, der erst später diesen Namen bekam.

Die ehrliche Einordnung

Die Stadt hinter dem Strom ist ein bedeutendes, aber ein forderndes Buch, und man muss klar sagen, für wen es geeignet ist und für wen nicht. Es ist kein Roman im herkömmlichen Sinn, keine spannende Handlung, keine Figuren zum Mitfiebern. Es ist eine philosophische, existenzialistische Traumreise, dicht, langsam, in einer poetischen, aus der Zeit gefallenen Sprache verfasst. Mit rund sechshundert Seiten ist es zudem lang, und die repetitive, absichtsvoll sinnlose Atmosphäre, die den Inhalt trägt, kann beim Lesen selbst ermüdend wirken. Was als Bild der Erstarrung gemeint ist, überträgt sich als Erstarrung auch auf die Lektüre.

Zudem hat der Roman von seiner Sprengkraft verloren, und das liegt paradoxerweise an seiner engen Bindung an seine Zeit. Für die Leser von 1947, die gerade selbst durch die Trümmer gingen, war die Totenstadt eine unmittelbare, erschütternde Spiegelung ihrer eigenen Erfahrung. Diese existenzielle Wucht erschließt sich heute nur noch, wenn man den historischen Kontext kennt und mitdenkt. Ohne das Wissen um Krieg, Vernichtung und Trümmerjahre bleibt vieles abstrakt, ein rätselhaftes Traumbild ohne den Boden der realen Katastrophe, aus der es wuchs. Und die stark gedanklich-essayistische Anlage, die philosophischen Reflexionen über Sinn, Tod und Gedächtnis, verlangen einen geduldigen, mitdenkenden Leser.

Warum Die Stadt hinter dem Strom auf Platz 19 unserer Liste steht

Weil es eine der wichtigsten deutschsprachigen Dystopien der unmittelbaren Nachkriegszeit ist und weil es die Verbindung von Bürokratie und Grauen so eindringlich gestaltet wie kaum ein anderes deutsches Werk. Kasack zeigt eine Welt, in der die Verwaltung noch den Tod erfasst hat, in der der Mensch zur gehorchenden Puppe in einem sinnlosen Apparat geworden ist. Das ist die spezifisch deutsche Erfahrung des zwanzigsten Jahrhunderts, die bürokratisch organisierte Entmenschlichung, gegossen in ein zeitloses Bild.

Und weil seine Diagnose über den historischen Anlass hinausweist. Die gesichtslose Instanz, die über Leben und Tod verfügt, ohne dass man sie durchschaut, die Menschen, die mechanisch funktionieren, ohne nach dem Sinn zu fragen, die Verwaltung, die sich über alles legt, das sind Bilder, die in jeder hochbürokratisierten, entseelten Gesellschaft ihre Gültigkeit behalten. Kasack selbst sprach von Sinnbildern der Realität, die unabhängig von ihrer Erscheinungsform ihre universelle Gültigkeit bewahren. Die Totenstadt ist überall dort, wo der Mensch zum Verwaltungsvorgang wird und das Leben seine Bedeutung an den Apparat verliert.

Es ist die Dystopie der Bürokratie, geschrieben von einem, der die Katastrophe von innen erlebte und den Mut hatte, sie schon während ihres Geschehens in Worte zu fassen, wenn auch verschlüsselt. Ein Lebender, der unter den Toten Chronist wird und aufschreibt, was er sieht, das ist am Ende auch das Selbstbild des Autors in der Inneren Emigration. Einer, der blieb, der zusah, und der bezeugte, damit es nicht vergessen werde. Dass sein Buch heute selbst fast vergessen ist, ist eine bittere Ironie, und ein Grund mehr, es wieder zu lesen.

Hermann Kasack: Die Stadt hinter dem Strom. Entstanden 1942 bis 1944 und 1946 bis 1947, erschienen 1947 bei Suhrkamp, rund 600 Seiten, nach einem Vorabdruck in der Tageszeitung Der Tagesspiegel. Ausgezeichnet mit dem ersten Fontane-Preis der Stadt Berlin 1949. 1955 als Oper von Hans Vogt uraufgeführt. Gilt als Schlüsselwerk der Inneren Emigration und der Trümmerliteratur.

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