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The National Anthem: Die Nation schaut zu (Black Mirror 1.1)

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The National Anthem. Manche Serien tasten sich vorsichtig an ihr Publikum heran. Black Mirror tat das Gegenteil. Die allererste Folge, The National Anthem, ausgestrahlt am 4. Dezember 2011, war eine Zumutung mit Ansage, ein Schock, der sofort klarmachte, dass hier keine bequeme Unterhaltung zu erwarten war, sondern etwas Unbequemes, Verstörendes, das wehtun soll. Die Prämisse ist so absurd wie grausam, und sie lässt sich kaum zusammenfassen, ohne anstößig zu klingen, was genau die Absicht ist. Ein Mitglied der britischen Königsfamilie wird entführt, und die Entführer stellen eine einzige Forderung für ihre Freilassung, eine öffentliche, zutiefst erniedrigende Handlung des Premierministers, live im Fernsehen übertragen.

Worum es dieser Folge wirklich geht, ist aber nicht die Schock-Prämisse. Es geht um alle anderen. Um die Medien, die jede Scheußlichkeit zur Schlagzeile machen. Um die Politik, die zwischen Würde und Pragmatismus zerrieben wird. Und vor allem um das Publikum, um uns, die wir zusehen, kommentieren, teilen, und am Ende mitschuldig werden. The National Anthem ist keine Science-Fiction. Es gibt keine erfundene Technologie. Es ist eine Satire über die Gegenwart, über das Internet als Waffe und über den Mob, der wir gemeinsam sein können.

Black Mirror

Die Prämisse als Fallstudie

Charlie Brooker, der Schöpfer der Serie, schrieb diese Folge selbst, und er inszenierte sie bewusst nicht als Komödie, obwohl die Grundidee grotesk ist, sondern als ernsten, beklemmenden Polit-Thriller. Premierminister Michael Callow, gespielt von Rory Kinnear, wird vor Morgengrauen geweckt und mit der unmöglichen Lage konfrontiert. Eine beliebte Prinzessin ist entführt, das Lösegeld ist keine Geldsumme, sondern eine Demütigung, und die Frist läuft. Der Entführer hat sein Video auf einer Online-Plattform hochgeladen, und von diesem Moment an verbreitet sich die Nachricht schneller, als die Regierung sie zensieren könnte. Das Internet hat die Kontrolle übernommen, bevor die Mächtigen überhaupt reagieren können.

Die Folge verfolgt dann mit fast dokumentarischer Genauigkeit, wie sich diese unmögliche Situation entfaltet. Der Premier versucht alles, die Spezialeinheiten jagen den Täter, Techniker versuchen die Herkunft des Videos zu orten, und ein Spezialeffekt-Künstler wird herangeholt, um notfalls das Gesicht des Premiers auf einen Körperdouble zu montieren. Doch jeder Ausweg scheitert, oft an der schieren Geschwindigkeit, mit der Informationen durchsickern. Als ein Täuschungsversuch bekannt wird, scheint die Prinzessin dafür bestraft zu werden, und die öffentliche Meinung kippt endgültig.

Die eigentliche Geisel der Folge ist nicht die Prinzessin. Es ist der Premierminister, gefangen zwischen seiner Würde und dem Willen einer Öffentlichkeit, die längst entschieden hat, dass sie das Spektakel sehen will.

Der wahre Gegner ist das Publikum

Hier liegt die eigentliche Schärfe der Folge, und ihr dystopischer Kern. Zu Beginn ist die öffentliche Meinung gespalten, die meisten Menschen sind entsetzt, empört, voller Mitgefühl für den Premier. Niemand will ernsthaft, dass er die Forderung erfüllt. Aber je länger die Situation dauert, je mehr die Medien sie ausschlachten, je mehr Häme und Spott sich in den Kommentarspalten sammeln, desto mehr verschiebt sich die Stimmung. Aus Entsetzen wird Neugier, aus Mitgefühl wird Erwartung. Und am Ende, zur entscheidenden Stunde, sitzt das ganze Land gebannt vor den Bildschirmen und schaut zu.

Das ist die vernichtende Beobachtung, die Brooker macht. Nicht der Entführer zwingt den Premier, es ist die Öffentlichkeit. Es ist die kollektive Schaulust, die Unfähigkeit wegzusehen, die Dynamik eines Mediensystems, das aus allem ein Ereignis macht und aus jedem Zuschauer einen Komplizen. Die Menschen, die zusehen, sind keine bösen Menschen. Sie sind ganz normale Leute, die sich einreden, sie seien nur Beobachter, während ihr Zuschauen das Verbrechen erst vollendet. The National Anthem hält dem Publikum einen Spiegel vor, und was es darin sieht, ist die eigene Mitschuld. Wir sagen, wir wollen es nicht sehen, und wir schauen doch hin. Genau darauf baut der Entführer, und genau darauf baut die Folge.

Der Schluss, der hier nicht in allen Einzelheiten verraten sei, enthüllt die Absicht hinter der Tat, und sie ist so bitter wie konsequent. Es ging nie um Politik oder Lösegeld. Es ging um ein Experiment, um einen Kommentar über die Gesellschaft selbst, über das, was sie bereit ist zu konsumieren. Die Pointe verschiebt die Schuld endgültig vom Täter zum Publikum.

Als die Fiktion Wirklichkeit wurde

Die berühmteste Fußnote dieser Folge schrieb die Realität selbst. Im September 2015, vier Jahre nach der Ausstrahlung, tauchte in einer Biografie ein Vorwurf gegen den damaligen britischen Premierminister David Cameron auf, der eine verstörende Ähnlichkeit zur Prämisse der Folge hatte, eine angebliche Studenten-Initiationsritual-Geschichte mit einem Schweinekopf. Der Vorfall wurde unter dem Schlagwort Piggate bekannt, und die Episode von Black Mirror erlebte schlagartig einen enormen Anstieg an Aufmerksamkeit, teils wurden sogar dieselben Hashtags benutzt, die in der Folge zu sehen waren.

Charlie Brooker hat stets betont, dass dies reiner Zufall war, dass er nichts von den Vorwürfen gegen Cameron gewusst habe und die Parallele ihn selbst fassungslos gemacht habe. Er habe, sagte er sinngemäß, vor Schreck fast die Fassung verloren, als die Geschichte aufkam. Und genau das ist das Unheimliche an Black Mirror, das sich hier zum ersten Mal zeigte. Die Serie trifft so präzise den Nerv der Gegenwart, dass die Wirklichkeit ihr manchmal erschreckend nahekommt. Nicht weil Brooker die Zukunft vorhersieht, sondern weil er die Mechanismen der Gegenwart so genau versteht, dass seine Zuspitzungen plausibel bleiben, komme, was wolle.

Die ehrliche Einordnung

Bei aller Bedeutung als Auftakt muss man sagen, dass The National Anthem unter Kritikern und Fans nicht als die stärkste Folge der Serie gilt. In den zahllosen Ranglisten, die über die Jahre entstanden sind, landet sie meist im Mittelfeld. Das hat Gründe. Die Folge lebt stark von ihrem Schockeffekt, von der Provokation der Prämisse, und dieser Effekt nutzt sich beim zweiten Sehen ab. Anders als die besten Black-Mirror-Episoden, die man wieder und wieder sehen und immer neue Schichten entdecken kann, ist The National Anthem im Kern ein Einfall, der einmal zündet. Spätere Folgen wie White Christmas oder San Junipero sind vielschichtiger, emotionaler, überraschender.

Auch fehlt der Folge das klassische Black-Mirror-Element der erfundenen Technologie, das die Serie sonst so auszeichnet. Hier ist alles bereits real, das Internet, die sozialen Medien, die Nachrichtenzyklen. Das macht die Folge einerseits besonders bodenständig und glaubwürdig, andererseits fehlt ihr der spekulative Reiz, der viele andere Episoden so faszinierend macht.

Aber als Auftakt ist sie brillant gewählt. Sie macht in vierzig Minuten unmissverständlich klar, wofür diese Serie steht. Für Gedankenexperimente, die wehtun. Für Satire, die den Zuschauer nicht schont, sondern ihn selbst zum Gegenstand macht. Für das Unbehagen, das bleibt, wenn der Abspann läuft. Wer nach The National Anthem weiterschaute, wusste, worauf er sich einließ. Und Millionen taten es.

The National Anthem ist der dunkle Spiegel in seiner ersten, rohesten Form. Er zeigt nicht eine ferne Zukunft, sondern uns, hier und jetzt, mit dem Smartphone in der Hand, unfähig wegzusehen. Die Nationalhymne des Titels ist das kollektive Zuschauen selbst, das Lied einer Gesellschaft, die sich an ihrem eigenen Spektakel berauscht und dabei ihre Menschlichkeit verliert. Es ist kein angenehmer Einstieg. Aber es ist ein ehrlicher.

Black Mirror, The National Anthem. Staffel 1, Episode 1. Großbritannien 2011, Channel 4. Regie: Otto Bathurst. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Rory Kinnear, Lindsay Duncan, Donald Sumpter, Lydia Wilson. Laufzeit rund 44 Minuten. Die erste je ausgestrahlte Black-Mirror-Folge. 2015 durch den realen Piggate-Vorfall um David Cameron erneut in die Schlagzeilen geraten, nach Angaben Brookers ein reiner Zufall. Episodenguide.

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