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San Junipero. Es gibt in der ganzen düsteren, verstörenden, hoffnungslosen Welt von Black Mirror eine einzige Folge, die einen mit einem Lächeln und Tränen der Rührung zurücklässt, nicht des Entsetzens. San Junipero, die vierte Folge der dritten Staffel, ist die große Ausnahme der Serie, die eine Episode, die zeigt, dass Technologie nicht immer Fluch sein muss, sondern auch Erlösung sein kann. Sie erzählt eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, und sie gibt ihnen ein Happy End, das in der Welt von Charlie Brooker so ungewöhnlich ist, dass es sich fast wie ein Wunder anfühlt. Nicht umsonst gilt San Junipero vielen als die schönste, bewegendste und beste Folge der gesamten Serie, und sie gewann als einzige zwei Emmys, darunter einen für Brookers Drehbuch.
Brooker selbst hat beschrieben, dass er die Folge bewusst als Trotzreaktion schrieb. Man hatte der Serie vorgeworfen, mit dem Wechsel zu Netflix zu amerikanisch, zu glatt, zu optimistisch zu werden. Also, so Brooker, setzte er die Folge in Kalifornien an, wählte Protagonistinnen, die ihm sonst nicht in den Sinn gekommen wären, und erzählte eine hoffnungsvolle Geschichte, gerade um zu beweisen, dass auch das Black Mirror sein kann. Das Ergebnis ist ein kleines Meisterwerk über Liebe, Tod und die Frage, was ein gutes Leben, und ein gutes Danach, ausmacht.

Die Stadt, in der es immer 1987 ist
Die Folge beginnt in einem ungewöhnlichen Setting für Black Mirror, nicht in der nahen Zukunft, sondern scheinbar in der Vergangenheit, im Jahr 1987. Yorkie, gespielt von Mackenzie Davis, eine schüchterne, unsichere, introvertierte junge Frau, betritt zum ersten Mal einen Nachtclub in der sonnigen kalifornischen Küstenstadt San Junipero. Es ist eine Welt aus Neonlicht, Arcade-Spielen, Popmusik der achtziger Jahre, pure, glänzende Nostalgie. Dort trifft sie Kelly, gespielt von Gugu Mbatha-Raw, eine lebenslustige, selbstbewusste, charismatische Frau, das genaue Gegenteil von Yorkie. Zwischen den beiden entspinnt sich eine zarte, dann leidenschaftliche Anziehung, eine Liebesgeschichte, die zunächst ganz konventionell erscheint.
Doch nach und nach bemerkt der Zuschauer, dass etwas nicht stimmt. Die Zeit springt, von 1987 in andere Jahrzehnte, die Städter wechseln ihre Kleidung, ihre Musik, als ließe sich die Epoche frei wählen. Und dann kommt die Enthüllung, die alles verändert. San Junipero ist kein realer Ort und keine reale Zeit. Es ist eine Simulation, eine künstliche Realität, ein digitales Jenseits. In diese Welt werden die Bewusstseinskopien von Menschen hochgeladen, von alten, kranken, sterbenden Menschen, die hier als ihr jüngeres, gesundes, schönes Ich weiterleben können. Die Lebenden dürfen San Junipero stundenweise besuchen, als eine Art Therapie, und die Sterbenden können sich entscheiden, für immer dorthin überzugehen, zu sterben in der realen Welt und ewig weiterzuleben in der simulierten.
San Junipero ist der Himmel, gebaut aus Daten. Ein Paradies, in dem die Toten jung sind, gesund, frei von Schmerz, in dem sie tanzen und lieben können, für immer. Die Technik hat geschafft, was die Religion immer nur versprach, ein Leben nach dem Tod.
Zwei Frauen, zwei Leben, eine Entscheidung
Die Wahrheit hinter Yorkie und Kelly ist herzzerreißend. In der realen Welt ist Yorkie eine alte Frau, seit Jahrzehnten gelähmt, fast ihr ganzes Leben lang ans Bett gefesselt. Als junge Frau, kurz nachdem sie sich ihrer Familie als lesbisch offenbart hatte und von dieser verstoßen wurde, hatte sie einen Autounfall, der sie querschnittsgelähmt zurückließ. Yorkie hat nie wirklich gelebt, nie geliebt, nie frei sein dürfen. San Junipero ist für sie nicht nur ein Jenseits, es ist die erste Chance auf ein Leben überhaupt, auf die Freiheit, die Liebe, die Jugend, die ihr das Schicksal verwehrte. Sie will übergehen, für immer, und sie braucht dafür eine Erlaubnis, die ihre Familie ihr verweigert.
Kelly dagegen hat ein erfülltes, langes Leben hinter sich, eine vierzigjährige glückliche Ehe mit einem Mann, eine Tochter. Aber ihr Mann und ihre Tochter sind gestorben, ohne nach San Junipero überzugehen, und Kelly hatte sich vorgenommen, es ihnen gleichzutun, natürlich zu sterben, nicht weiterzuleben in der Simulation, um bei ihnen zu sein, wo immer das sein mag. Zwischen den beiden Frauen entsteht daraus ein tiefer Konflikt. Yorkie, die nie gelebt hat, will die Ewigkeit. Kelly, die alles gelebt hat, fürchtet sie. Und dazwischen steht ihre Liebe, die größer ist als beider Pläne.
Das Happy End, das Black Mirror sich erlaubte
Und dann geschieht das Unerwartete, das in der Welt von Black Mirror fast Undenkbare. Die Folge gibt ihren beiden Heldinnen ein glückliches Ende. Kelly heiratet Yorkie in der Simulation, damit sie als Angehörige die Sterbehilfe für Yorkie autorisieren kann, und Yorkie geht hinüber, stirbt in der realen Welt, um für immer in San Junipero zu leben. Und nach einem letzten Zögern, nach einem heftigen Streit, nach dem Ringen mit ihrer Trauer und ihrer Angst, entscheidet sich auch Kelly. Als sie stirbt, lässt sie ihr Bewusstsein nach San Junipero übertragen, zu Yorkie. Die letzte Szene zeigt die beiden Frauen, jung, gesund, glücklich, wie sie gemeinsam durch die sonnige Stadt fahren, vereint, für immer, während Belinda Carlisles Lied erklingt, Heaven Is a Place on Earth, der Himmel ist ein Ort auf Erden.
Es ist ein Moment von überwältigender emotionaler Kraft, und er wird noch verstärkt durch ein symbolisches Bild früher in der Folge. In einem Moment der Wut zerschlägt Kelly einen Spiegel, einen schwarzen Spiegel, und bricht damit, ganz buchstäblich, das Symbol der Serie selbst. San Junipero zerbricht den schwarzen Spiegel, die düstere Weltsicht, die alles Technische als Bedrohung sieht, und zeigt eine andere Möglichkeit, dass dieselbe Technik, die in anderen Folgen Menschen quält und entmenschlicht, hier zwei Liebenden ein ewiges Glück schenkt.
Die ehrliche Einordnung
San Junipero gilt bei Kritikern und Fans als eine der besten, oft als die beste Folge der ganzen Serie, und die Auszeichnungen bestätigen das. Die Leistungen der beiden Hauptdarstellerinnen, Mackenzie Davis und Gugu Mbatha-Raw, sind herausragend, ihre Chemie, ihre emotionale Tiefe tragen die ganze Folge. Die visuelle Gestaltung, das nostalgische Schwelgen in den achtziger Jahren, ist liebevoll und atmosphärisch. Und der Mut, eine queere Liebesgeschichte ins Zentrum zu stellen und ihr ein glückliches Ende zu geben, in einer Zeit, in der das noch längst nicht selbstverständlich war, wurde zu Recht gefeiert. Die Folge ist ein emotionales Erlebnis, das viele Zuschauer zu Tränen rührt.
Natürlich ist auch San Junipero nicht ohne kritische Fragen, und die gehören zur ehrlichen Betrachtung. Denn unter der glücklichen Oberfläche lauert, wie immer bei Black Mirror, eine Ambivalenz, die die Folge bewusst offenlässt. Ist ein digitales Jenseits wirklich ein Paradies, oder nur eine Illusion, eine Flucht vor der Endgültigkeit des Todes? Die Folge deutet selbst an, dass die Ewigkeit auch zur Last werden kann, dass manche Bewohner von San Junipero sich zu Tode langweilen, in einem Club namens Quagmire verzweifelt nach neuen Reizen suchen, weil die ewige Jugend irgendwann schal wird. Was geschieht mit der Liebe, mit dem Glück, wenn sie wirklich für immer währen, ohne Ende, ohne die Kostbarkeit, die der Tod dem Leben erst verleiht? San Junipero gibt keine Antwort, es lässt die Frage im Raum stehen, und genau das macht die Folge klüger, als ihr reines Happy End vermuten lässt.
Ein genauerer Blick fördert zudem kleine Ungereimtheiten in der inneren Logik der Simulation zutage, die der Begeisterung keinen Abbruch tun, aber doch Fragen aufwerfen. Warum etwa trägt Yorkie in San Junipero eine Brille? In einer Welt, die jeden Wunsch erfüllt, in der die Alten jung und die Kranken gesund sind, wirkt eine Sehhilfe wie ein Fremdkörper. Man kann es psychologisch deuten, Yorkies Avatar formt sich aus ihrem eigenen Selbstbild, aus dem schüchternen, unsicheren Mädchen der späten Achtziger, das sie einmal war, und die Brille ist ein Relikt dieses Bildes. Dafür spricht, dass die Brille sich im Lauf ihrer Besuche verändert, mit ihrem wachsenden Selbstbewusstsein. Doch ganz überzeugend ist das nicht. Niemand, der im echten Leben eine Prothese trägt, würde sich im selbstgebauten Paradies freiwillig amputiert zeigen. Warum also sollte Yorkie ausgerechnet ihre Sehschwäche mitnehmen, wenn sie alles andere hinter sich lassen darf?
Ähnlich verhält es sich mit ihrem Auftreten. Yorkie bleibt in der Simulation lange das zurückhaltende Mauerblümchen, kleidet sich unscheinbar, hält sich im Hintergrund, während um sie herum alle feiern. Der Film erklärt das mit ihrer Schüchternheit, ihrer nie gelebten Sexualität, ihrer Angst vor dem eigenen Begehren, und das trägt als Charakterzeichnung. Doch auch hier regt sich Widerspruch. Gerade die Zurückhaltenden, die im realen Leben nie zum Zug kamen, hätten im Paradies der zweiten Chance allen Grund, aus sich herauszugehen, sich zu zeigen, endlich gesehen zu werden. Dass Yorkie diese Freiheit optisch so wenig nutzt, ist psychologisch deutbar, aber es reibt sich mit der Grundidee eines Ortes, an dem man endlich ganz man selbst sein darf. San Junipero will beides, Yorkie als befreite Seele und als weiterhin gehemmtes Mädchen, und diese Spannung löst die Folge nicht restlos auf.
Dennoch bleibt San Junipero die hoffnungsvollste, wärmste, menschlichste Folge der Serie. Sie zeigt, dass Black Mirror nicht nur warnen, sondern auch trösten kann, dass die Serie die Technik nicht nur als Bedrohung sieht, sondern auch als Möglichkeit, als Werkzeug, das in den richtigen Händen das tiefste menschliche Bedürfnis erfüllen kann, die Sehnsucht nach Liebe, nach einem Leben ohne Schmerz, nach einem Danach. Für Yorkie, die nie leben durfte, ist San Junipero die Erlösung, die ihr das reale Leben verwehrte. Und für die Liebe zwischen den beiden Frauen ist es der Ort, an dem sie endlich sein darf, frei, offen, für immer.
Der Himmel ist ein Ort auf der Festplatte. Es ist eine seltsame, moderne, zutiefst berührende Vorstellung, und San Junipero macht daraus eine der schönsten Liebesgeschichten, die das Fernsehen je erzählt hat. In einer Serie über die dunklen Seiten der Technik ist diese eine helle Folge ein Geschenk, ein Beweis, dass auch im schwarzen Spiegel manchmal das Licht aufscheinen kann. Man muss ihn nur zerbrechen.
Black Mirror, San Junipero. Staffel 3, Episode 4. Großbritannien/USA 2016, Netflix. Regie: Owen Harris. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Mackenzie Davis, Gugu Mbatha-Raw, Denise Burse, Raymond McAnally. Laufzeit rund 61 Minuten. Gewann zwei Emmys, darunter für das beste Drehbuch. Die seltene optimistische Folge der Serie. Regisseur Owen Harris drehte auch Be Right Back. Episodenguide.
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