Loading the Elevenlabs Text to Speech AudioNative Player...

Striking Vipers: Die Liebe im fremden Körper (Black Mirror 5.1)

dystopien.de · Serie · Black Mirror · Virtuelle Realität · Begehren · Charlie Brooker

Striking Vipers. Es gibt eine Frage, die so alt ist wie die Liebe selbst und die doch durch die Technik eine völlig neue Dimension bekommt. Wen begehren wir eigentlich, und warum? Ist es der Körper, das Geschlecht, die Person, die Seele? Striking Vipers, die Eröffnungsfolge der fünften Staffel von Black Mirror, nimmt diese Frage und stellt sie in einem Szenario, das nur die Technik der virtuellen Realität ermöglicht. Zwei heterosexuelle Männer, alte Freunde, entdecken in einem Videospiel, in dem sie die Körper anderer Menschen bewohnen, eine Leidenschaft füreinander, die sie in der realen Welt nie empfunden hätten und auch nicht empfinden können. Es ist eine der reifsten, nachdenklichsten und am wenigsten sensationslüsternen Folgen der Serie, eine Meditation über die Fließfähigkeit des Begehrens im Zeitalter der virtuellen Körper.

Regie führte Owen Harris, derselbe, der auch San Junipero und Be Right Back inszenierte, und man erkennt seine Handschrift in der zärtlichen, einfühlsamen Behandlung eines heiklen Themas. Denn Striking Vipers hätte leicht zur billigen Provokation, zum plumpen Spiel mit homophoben Ängsten, zur Lachnummer über männliche Panik werden können. Stattdessen ist die Folge eine ernsthafte, erwachsene Auseinandersetzung mit Sexualität, Männlichkeit, Treue und den Grenzen dessen, was wir über unser eigenes Begehren zu wissen glauben.

Black Mirror

Die alten Freunde und das Spiel

Danny, gespielt von Anthony Mackie, und Karl, gespielt von Yahya Abdul-Mateen II, waren einst beste Freunde und Mitbewohner im College. Damals verbrachten sie Nächte damit, ein Kampfspiel mit dem Titel Striking Vipers zu spielen, Danny stets als der muskulöse Kämpfer Lance, Karl als die Kämpferin Roxette. Es war eine typische Männerfreundschaft, locker, kameradschaftlich, ohne jede sexuelle Spannung. Dann trennten sich ihre Wege. Jahre später ist Danny verheiratet mit Theo, gespielt von Nicole Beharie, Vater eines Kindes, lebt ein geordnetes, aber von der Routine erschöpftes Leben, in dem die Leidenschaft dem Alltag und den Fruchtbarkeits-Apps gewichen ist. Karl dagegen ist Single, datet jüngere Frauen, sucht aber vergeblich nach echter Verbindung.

Zu Dannys Geburtstag schenkt Karl ihm die neueste Version des alten Spiels, Striking Vipers X, nun als vollimmersive Virtual-Reality-Erfahrung. Mit einem kleinen Implantat am Schläfen versetzt das Spiel die Spieler vollständig in die Körper ihrer Avatare. Sie fühlen alles, was ihre Spielfiguren fühlen, sehen durch deren Augen, bewohnen deren Körper vollkommen. Und als Danny und Karl zum ersten Mal in dieser neuen Form spielen, Danny wieder als Lance, Karl wieder als Roxette, geschieht das Unerwartete. Nach dem Kampf, in einem Moment der Nähe, küssen sich ihre Avatare. Danny bricht erschrocken ab. Doch etwas ist geschehen, das sich nicht mehr rückgängig machen lässt.

Im Spiel ist Danny ein Mann, Karl eine Frau. Die Begegnung zwischen Lance und Roxette ist, äußerlich, die zwischen Mann und Frau. Und doch sind es zwei Männer, die sich begehren. Die Technik verwischt die Grenzen von Körper, Geschlecht und Identität, bis niemand mehr sagen kann, wer hier eigentlich wen liebt.

Die Frage ohne Antwort

Was folgt, ist eine heimliche, leidenschaftliche Affäre zwischen Danny und Karl, ausgelebt ausschließlich im Spiel, in den Körpern von Lance und Roxette. Die Intensität dieser virtuellen Begegnungen übertrifft alles, was beide je im realen Leben erlebt haben. Doch die Affäre wirft Fragen auf, die keiner von beiden beantworten kann. Sind sie schwul? Sind sie bisexuell? Betrügen sie ihre Partner, wenn sie nur in einem Spiel, in fremden Körpern, Sex haben? Was bedeutet Treue, wenn der Körper, mit dem man schläft, gar nicht der Körper des geliebten Menschen ist?

Die Folge verweigert kluge, einfache Antworten, und das ist ihre Stärke. Denn Danny und Karl sind, wie sie selbst erkennen, nicht einmal zueinander hingezogen als die Menschen, die sie sind. Als sie sich einmal in der realen Welt treffen und küssen, um herauszufinden, ob die Anziehung auch dort besteht, fühlen sie nichts, nur Verlegenheit. Die Leidenschaft existiert nur im Spiel, nur in den fremden Körpern, nur als Lance und Roxette. Es ist weder reine Homosexualität noch simple Untreue, sondern etwas Neues, etwas, das es ohne die Technik gar nicht geben könnte, eine Form des Begehrens, die an die virtuellen Körper gebunden ist und sich keiner herkömmlichen Kategorie fügt.

Charlie Brooker und Owen Harris weigern sich, Danny und Karl in eine Schublade zu stecken. Die Folge legt nahe, dass Sexualität fließend ist, ein Spektrum, kein Entweder-oder, und dass die Technik der virtuellen Realität diese Fließfähigkeit sichtbar und erfahrbar macht auf eine Weise, die vorher unmöglich war. Wenn man den Körper eines anderen Geschlechts bewohnen kann, so vollständig, dass man dessen Lust spürt, dann lösen sich die festen Grenzen von Begehren und Identität auf, und übrig bleibt die Frage, wer wir wären, wenn wir nicht an unseren eigenen Körper gebunden wären.

Das pragmatische Ende

Die Affäre bedroht Dannys Ehe. Theo spürt, dass etwas nicht stimmt, dass ihr Mann abwesend, distanziert, mit den Gedanken woanders ist. Und Danny selbst zerreißt es zwischen seiner Liebe zu Theo, seinem realen Leben, und der unwiderstehlichen Leidenschaft im Spiel. Schließlich kommt es zur Aussprache, und die Folge findet ein Ende, das Brooker selbst als pragmatisch romantisch bezeichnet hat. Danny und Theo treffen ein Arrangement. Einmal im Jahr, an Dannys Geburtstag, darf er ins Spiel gehen und seine virtuelle Affäre mit Karl ausleben. Und im Gegenzug darf Theo in derselben Nacht ohne Ehering ausgehen, einen Fremden treffen, ihre eigene reale Freiheit genießen.

Es ist ein ungewöhnliches, unkonventionelles Ende, weder tragisch noch triumphal, sondern eine nüchterne, erwachsene Lösung für ein neuartiges Problem. Die Ehe bleibt bestehen, aber sie wird neu verhandelt, an die Realität angepasst, dass Danny ein Begehren in sich trägt, das sie allein nicht erfüllen kann. Ob das ein glückliches Ende ist oder ein resignatives, lässt die Folge offen. Es ist ein Kompromiss, ein Arrangement, ein Weg, mit einer Situation zu leben, für die es keine Vorlage, keine Tradition, keine gesellschaftliche Norm gibt. Die Technik hat ein neues Problem geschaffen, und die Menschen müssen eine neue Lösung dafür finden.

Die ehrliche Einordnung

Striking Vipers gehört zu den reiferen, nachdenklich machenden Folgen der Serie, und sie wurde von vielen Kritikern gelobt, auch wenn die fünfte Staffel insgesamt als schwächer galt als ihre Vorgänger. Die Stärken der Folge sind ihre Ernsthaftigkeit, ihre Weigerung, das heikle Thema billig auszuschlachten, und die starken Leistungen der beiden Hauptdarsteller, Anthony Mackie und Yahya Abdul-Mateen II, die das Unbehagen, die Verwirrung, die Sehnsucht ihrer Figuren glaubwürdig verkörpern. Die Folge traut sich, ein Thema zu behandeln, das viele Serien meiden würden, die Fließfähigkeit männlicher Sexualität, und sie tut es mit einer Reife und Differenziertheit, die beeindruckt.

Kritische Einwände gibt es dennoch. Manchen ist die Folge zu ruhig, zu wenig zugespitzt, es fehlt der scharfe, verstörende Twist, für den Black Mirror berühmt ist. Die zentrale Technologie, das VR-Spiel, dient eher als Auslöser für ein Beziehungsdrama denn als eigenständige dystopische Vision, und wer von Black Mirror die beklemmende Warnung vor einer düsteren Zukunft erwartet, findet hier eher eine intime, menschliche Charakterstudie. Und das offene, ambivalente Ende, so reif es ist, lässt manche Zuschauer unbefriedigt zurück, die sich eine klarere Aussage gewünscht hätten.

Doch gerade die Zurückhaltung, die Weigerung, eindeutige Antworten zu geben, macht Striking Vipers so wertvoll. Die Folge ist so interessant, weil sie in der Behandlung dessen, was die virtuelle Realität mit unserem Verständnis von Körper, Geschlecht und Begehren anstellt, weiterdenkt. Wir stehen am Beginn einer Ära, in der die Technik es uns erlauben könnte, andere Körper zu bewohnen, andere Geschlechter zu erleben, Identitäten anzunehmen, die nicht unsere eigenen sind. Und Striking Vipers fragt, was das mit unseren Beziehungen, unserer Treue, unserem Selbstverständnis machen wird. Wenn ich im Spiel eine Frau sein kann und als Frau einen Mann begehre, bin ich dann untreu? Bin ich schwul? Bin ich überhaupt noch ich? Die Folge gibt keine Antwort, weil es keine gibt, weil wir als Gesellschaft diese Fragen erst noch stellen und beantworten müssen.

Das ist die eigentliche dystopische, oder vielleicht besser, die prophetische Qualität von Striking Vipers. Nicht eine düstere Warnung, sondern eine Vorahnung. Die Technik wird unsere intimsten Gewissheiten erschüttern, unsere Vorstellungen von Begehren, von Identität, von Treue, und sie wird uns zwingen, neue Antworten zu finden auf Fragen, die noch niemand gestellt hat. Danny und Theo finden ihre ganz eigene Antwort, ein Arrangement, das für sie funktioniert. Vielleicht ist das die Lehre der Folge. In einer Welt, in der die Technik die alten Grenzen und Kategorien auflöst, müssen wir unsere Beziehungen neu erfinden, Stück für Stück, Paar für Paar, ohne Vorlage, ohne Norm, nur mit dem Wunsch, zusammenzubleiben und zugleich dem Begehren treu zu sein, das sich nicht unterdrücken lässt. Die Liebe im fremden Körper ist ein neues Problem. Und Striking Vipers hat den Mut, zuzugeben, dass wir die Lösung noch nicht kennen.

Black Mirror, Striking Vipers. Staffel 5, Episode 1. Großbritannien/USA 2019, Netflix. Regie: Owen Harris. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Anthony Mackie, Yahya Abdul-Mateen II, Nicole Beharie, Pom Klementieff, Ludi Lin. Laufzeit rund 61 Minuten. Regisseur Owen Harris inszenierte auch San Junipero und Be Right Back. Episodenguide.

Kategorie: Serie · Black Mirror · Virtuelle Realität · Begehren · Charlie Brooker · dystopien.de

Nach oben scrollen