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Die Abschaffung der Arten: Wenn die Tiere übernehmen, was wir hinterließen

dystopien.de · Buch · Die 30 besten deutschsprachigen Dystopien · Posthumanismus · Evolution · Dietmar Dath

Die Abschaffung der Arten. Es gibt Bücher, die man liebt, und Bücher, die man bewundert, und dann gibt es die seltene Sorte, die man beides zugleich tut, und sich dabei fragt, ob man sie überhaupt mag. Dietmar Daths „Die Abschaffung der Arten” von 2008 ist ein solches Buch. Ein gewaltiger, überbordender, streckenweise größenwahnsinniger Roman über eine Welt, in der die Menschheit verschwunden ist und die Tiere die Erde übernommen haben. Nicht als dumpfe Bestien, sondern als sprechende, denkende, Kunst und Politik treibende Wesen, die „Gente”, die das Erbe des Menschen angetreten haben und vor denselben Fragen stehen wie wir. Nach Macht, nach Gerechtigkeit, nach dem Sinn von Herrschaft und Veränderung. Auf Platz 24 unserer Liste der dreißig besten deutschsprachigen Dystopien steht ein Werk, das die Grenzen des Genres so weit dehnt, dass man sich darum streiten darf, ob es noch hineinpasst, und das gerade deshalb hierhergehört.

Es ist, das sei gleich vorweggeschickt, kein leichtes Buch. Es ist eine Zumutung und ein Fest zugleich, und welches von beidem überwiegt, hängt stark davon ab, worauf man sich einlässt.

Der Autor

Dietmar Dath, geboren 1970, ist eine der eigenwilligsten Figuren der deutschen Gegenwartsliteratur. Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zeitweise Chefredakteur der Musikzeitschrift „Spex”, bekennender Marxist, Vielschreiber und wandelndes Kompendium für Naturwissenschaft, Popkultur, Philosophie und Science-Fiction. Dath ist ein Denker, der in Romanen denkt, und seine Bücher sind weniger Erzählungen als intellektuelle Maschinen, die Ideen in Bewegung setzen. Das macht ihn zu einem der ambitioniertesten und zugleich anstrengendsten Autoren seiner Generation. Wer Dath liest, bekommt keinen glatten Plot, sondern ein Gedankengewitter, und Die Abschaffung der Arten ist davon vielleicht das extremste Beispiel.

Die Welt der Gente

Die Menschheit ist Geschichte. Das Zeitalter, das wir kannten, ist vorbei, Europa verschwunden, und an die Stelle des Menschen sind die „Gente” getreten, intelligente, sprechende Tierwesen, die eine eigene, komplexe Zivilisation errichtet haben. Drei gewaltige, labyrinthische Städte sind geblieben, und über sie herrscht Cyrus Golden, ein Löwe, dessen voller Name im Buch bei jeder Nennung wiederholt wird, als gälte es, seine Macht mit jedem Satz neu zu beschwören. Es ist eine Welt, in der Fische über Sittlichkeit debattieren, in der falkenköpfige Theologen in Archiven nach den letzten Spuren der Menschheit suchen, in der Hybridwesen und Mischformen leben, Kunst machen, Kriege führen, Revolutionen planen.

Als diese neue Ordnung von einem mächtigen Feind bedroht wird, schickt Cyrus Golden den einzelgängerischen Wolf Dmitri als Gesandten aus, über den Ozean ins ehemalige Nordamerika, um einen Verbündeten zu suchen. Dmitris Reise ist das Rückgrat des Buchs, eine Wanderung durch die Tunnel der Naturgeschichte, durch Krieg, Kunst und Politik, bis an den Rand seiner Welt, wo er schließlich begreift, warum den Menschen widerfuhr, was ihnen widerfuhr. Die Handlung springt dabei erratisch über Erde, Mars und Venus, über Zeitalter und Bewusstseinsformen hinweg, und sie entwickelt sich weniger durch Ereignisse als durch endlose, kluge, überladene Dialoge.

Die Menschheit hat sich selbst abgeschafft. Was bleibt, sind die Tiere, die uns beerben, und mit uns auch unsere Fragen nach Macht, Kunst und Gerechtigkeit. Die Abschaffung der Arten ist keine, sie ist nur ein Wechsel der Hauptdarsteller.

Drei Teile, drei Stufen der Verwandlung

Der Roman ist in drei große Teile gegliedert, die drei Stadien einer Welt im Umbruch nachzeichnen. Die etablierte Ordnung der Gente, ihre Erschütterung durch den Konflikt, und schließlich eine noch radikalere Transformation, in der sich die Lebensformen selbst auflösen und neu zusammensetzen. Dath denkt die Evolution nicht als Vergangenheit, sondern als fortlaufenden, ins Posthumane und Transhumane weitergetriebenen Prozess, an dessen Ende Wesen stehen, die mit Mensch oder Tier kaum noch etwas gemein haben. Das titelgebende Motiv, die Abschaffung der Arten, ist dabei wörtlich gemeint. Die klaren Grenzen zwischen den Spezies, zwischen den Formen des Lebens, lösen sich auf, bis am Ende nicht mehr klar ist, was überhaupt noch eine Art, ein Individuum, ein Selbst ist.

Darunter liegt, unübersehbar, Daths marxistisches Fundament. „Die Abschaffung der Arten” ist auch ein Roman über Revolution, über Klassenkampf im Reich der Tiere, über die Frage, ob eine gerechtere Ordnung möglich ist und was sie kostet. Die Gente wiederholen die Geschichte der Menschheit, ihre Hierarchien, ihre Kriege, ihre Utopien, und der Roman fragt, ob das Beerben des Menschen auch das Erben seiner Fehler bedeutet, oder ob ein radikal anderes Leben denkbar ist. Es ist, bei aller Düsternis, ein Buch mit einem utopischen Kern, ein Plädoyer für ein besseres, gerechteres Dasein, versteckt unter Schichten aus Absurdität, Gelehrsamkeit und Ironie.

Die ehrliche Einordnung

Hier muss ich klar sein, denn Die Abschaffung der Arten ist eines der umstrittensten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur, und die Kritik war bei seinem Erscheinen bemerkenswert gespalten, oft sogar innerhalb einer einzigen Rezension. Die FAZ lobte Daths intellektuelle Neugier, seine Bandbreite, seinen Mut, und nannte die Lektüre im selben Atemzug streckenweise eine Qual und ein Ärgernis. Die Süddeutsche sprach von erschöpfendem Unsinn und gestand, das Buch nach achtzig Seiten fast weggelegt und den Rest nur aus Pflicht gelesen zu haben. Die Zeit fand es oft unerträglich, verlabert und arrogant, und zugleich faszinierend, ein enthusiastisches Plädoyer für ein besseres Leben. Die taz hielt es schlicht für gescheitert, eine Umwälzmaschine für mehr oder weniger gare Gedanken, in der Dath seine Welten nicht zum Leben erwecke.

Diese Urteile sind kein Zufall, sie treffen etwas Wahres. Die Abschaffung der Arten ist überladen, überlang, von einer fast aggressiven Dichte. Der Roman ersetzt Handlung durch Dialog, Spannung durch Gedankengebäude, und wer eine mitreißende Geschichte sucht, wird zermürbt. Die Figuren bleiben oft Ideenträger, die Welten mehr behauptet als erlebbar gemacht, und der Ton kippt immer wieder ins Bombastische, ins Angeberische, ins Selbstverliebte. Die Süddeutsche nannte das Buch treffend „Fantasy auf Amphetaminen”, und das ist keine reine Beleidigung, es beschreibt die manische Energie, mit der Dath hier Idee auf Idee türmt, bis der Leser kaum noch Luft bekommt.

Und doch, und das ist die andere Seite, ist genau diese Maßlosigkeit auch das Faszinierende. Es gibt im deutschen Sprachraum kaum einen Autor, der so viel wagt, der Evolutionsbiologie, Marxismus, Theologie, Popkultur und Science-Fiction mit solcher Unbekümmertheit zusammenwirft. Das Buch hat, wie selbst seine Kritiker einräumen, wahnsinnig komische Passagen, geniale Einfälle, Bilder von großer Kraft, und mit dem Wolf Dmitri eine Figur, die aus dem Ideenwust hervorsticht und berührt. Es ist ein Buch, das scheitert, aber großartig scheitert, das lieber zu viel will als zu wenig, und das in einer Literaturlandschaft der gefälligen, gut lektorierten Mittelmäßigkeit wie ein Fremdkörper wirkt. Man muss es nicht lieben, aber man sollte anerkennen, dass hier jemand etwas versucht hat, was sonst niemand versucht.

Für dystopien.de ist Die Abschaffung der Arten aus einem bestimmten Grund unverzichtbar, auch wenn es die Geduld seiner Leser auf eine harte Probe stellt. Es denkt die vielleicht radikalste aller dystopischen Fragen zu Ende. Nicht, wie der Mensch untergeht, sondern was nach ihm kommt. Die meisten Dystopien kreisen um den Menschen, um seine Unterdrückung, seine Entmenschlichung, sein Überleben. Dath tut das Undenkbare. Er schafft den Menschen einfach ab und erzählt die Welt weiter, ohne ihn, von den Tieren aus, die uns beerben und, zur bittersten Pointe, unsere Fehler gleich mit erben. Die neue Welt der Gente ist keine bessere, sie wiederholt Herrschaft, Krieg und Ausbeutung in neuer Gestalt, und das ist der dystopische Stachel des Buchs. Vielleicht liegt das Problem nie an der Spezies, sondern an der Form des Zusammenlebens selbst, und vielleicht ändert sich nichts, nur weil die Hauptdarsteller wechseln. Das ist ein großer, düsterer Gedanke, und Dath hat ihn in ein Buch gegossen, das so sperrig, so überambitioniert und so eigensinnig ist wie kaum ein zweites. Platz 24 ist für dieses Monstrum von einem Roman fast zu bescheiden, und zugleich ehrlich. Es gehört auf diese Liste, aber man muss die Leser warnen, worauf sie sich einlassen.

Dietmar Dath, Die Abschaffung der Arten. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008. Rund 550 Seiten.

Kategorie: Buch · Die 30 besten deutschsprachigen Dystopien · Posthumanismus · Evolution · Science-Fiction · Dietmar Dath · dystopien.de

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