dystopien.de · Buch · Die 30 besten deutschsprachigen Dystopien · Technik · Automaten · Ernst Jünger
Gläserne Bienen. Es gibt eine Angst, die älter ist als jeder Computer und die doch mit jedem Jahr aktueller wird. Die Angst, dass die Maschinen nicht nur unsere Arbeit übernehmen, sondern unsere Welt, unsere Werte, unser Maß. Dass das Perfekte das Menschliche verdrängt, weil das Menschliche eben nie perfekt ist. Ernst Jüngers Gläserne Bienen von 1957 erzählt von dieser Angst, und es tut das mit einer Hellsichtigkeit, die verblüfft. Denn der Roman beschreibt winzige, künstliche Roboterbienen, Automaten im Insektenformat, die effizienter sammeln als jedes lebende Tier, und eine Technik, die ins Allerkleinste vordringt, Jahrzehnte bevor jemand das Wort Nanotechnologie prägte. Auf Platz 18 unserer Liste der dreißig besten deutschsprachigen Dystopien steht ein schmales, kühles, philosophisches Buch, das wie eine Prophezeiung aus der Vergangenheit wirkt.
Es ist, anders als die wuchtigen Gesellschaftsdystopien der Liste, ein leiser, in sich gekehrter Roman, mehr Meditation als Handlung, und gerade in seiner Zurückhaltung liegt seine verstörende Kraft.

Der Autor, und eine notwendige Vorbemerkung
Ernst Jünger, geboren 1895, gestorben 1998, ist eine der umstrittensten Figuren der deutschen Literaturgeschichte, und man kann über ihn nicht schreiben, ohne das zu benennen. Jünger war im Ersten Weltkrieg hochdekorierter Stoßtruppführer, und sein Kriegstagebuch „In Stahlgewittern” machte ihn berühmt als Ästhet des Krieges, als jemand, der das Grauen in heroische Sprache goss. In der Weimarer Republik galt er als Vordenker einer antidemokratischen, nationalistischen Rechten, auch wenn er dem Nationalsozialismus später distanziert bis ablehnend gegenüberstand und sich nie der Partei anschloss. Diese Ambivalenz, der brillante Stilist mit einer politisch tief belasteten Vergangenheit, begleitet sein gesamtes Werk, und ein ehrlicher Umgang mit Jünger muss das mitdenken, statt es wegzulassen.
Gläserne Bienen entstand spät, 1957, als Jünger längst zum konservativen Grandseigneur der Bundesrepublik geworden war. Es ist ein Alterswerk, abgeklärt, essayistisch, durchzogen von Rückblicken auf eine untergegangene Welt, und es zeigt einen Jünger, der die Technikbegeisterung seiner frühen Jahre in Skepsis, fast in Trauer verwandelt hat.
Der Hauptmann und der Fabrikant
Erzähler und Hauptfigur ist Hauptmann Richard, ein ehemaliger Kavallerist, ein Mann der Pferde und des alten, ritterlichen Krieges, der in einer mechanisierten, unpersönlichen Gegenwart keinen Platz mehr findet. Er war einmal Reiter, dann Panzerinspekteur, und nun ist er arbeitslos, desillusioniert, ein Relikt. Über einen alten Kameraden, Twinnings, erhält er die Aussicht auf eine Anstellung bei dem mächtigen Industriellen Giacomo Zapparoni, einem älteren, geheimnisvollen Fabrikanten, dessen Werke die fortschrittlichsten Roboter und Automaten der Welt bauen. Der Posten ist moralisch heikel, Richard soll sich um Ingenieure kümmern, die mit Firmengeheimnissen desertieren, eine Art Aufpasser, Wächter, möglicherweise Schlimmeres.
Der Roman erzählt im Grunde nur die wenigen Stunden eines Vorstellungsgesprächs, ausgedehnt durch Richards essayistische Abschweifungen und Erinnerungen, an seine Zeit an der Militärschule unter dem Lehrer Monteron, an seine Kindheit, an eine Welt, in der der Feind noch ein Gesicht hatte. In Zapparonis Garten, während er auf das Gespräch wartet, beobachtet Richard durch ein Fernglas die gläsernen Bienen, winzige Roboterinsekten, die Nektar sammeln, effizienter und restloser als jede lebende Biene. Es ist ein Bild von unheimlicher Schönheit und zugleich von kalter Vollkommenheit, Technik, die die Natur nicht nur nachahmt, sondern übertrifft und verdrängt.
Die gläsernen Bienen sammeln besser als die lebenden. Sie sind perfekt, und genau das ist das Grauen. Denn in einer Welt der perfekten Maschinen ist für den unvollkommenen Menschen kein Platz mehr.
Der Teich voller Ohren
Das verstörendste Bild des Romans findet Richard in demselben Garten. Einen kleinen Teich, gefüllt mit abgetrennten menschlichen Ohren. Es ist ein Schock, ein Moment des Horrors in einem ansonsten kühlen, reflektierenden Buch, und Richard gerät in moralische Aufruhr. Später klärt Zapparoni auf. Die Ohren stammen nicht von Menschen, sondern von humanoiden Robotern, von künstlichen Wesen aus seiner Produktion, und die ganze Szene war ein Test. Eine Prüfung von Richards Urteilskraft, seiner Nerven, seiner moralischen Reaktion. Und Richard, so stellt sich heraus, hat diesen Test nicht bestanden, er hat sich täuschen lassen, hat echtes Grauen empfunden, wo nur Maschine war, oder er hat, je nach Lesart, moralisch falsch reagiert.
Zapparoni bietet ihm daraufhin eine andere Stelle an, eine, die scharfes moralisches Urteilsvermögen verlangt, und Richard nimmt an. Das Ende bleibt bewusst offen, ambivalent, ungelöst. Hat Richard sich verkauft, sich der perfekten, amoralischen Maschinenwelt Zapparonis unterworfen? Oder hat er einen Weg gefunden, seine alten Werte in die neue Zeit hinüberzuretten? Der Roman verweigert die Antwort und lässt die Frage, ob individuelle Moral in einer von Macht und Effizienz beherrschten Welt überhaupt überleben kann, offen im Raum stehen.
Die ehrliche Einordnung
Gläserne Bienen ist kein leichtes Buch, und es war schon bei seinem Erscheinen umstritten. Zeitgenössische Kritiker fanden es künstlich, allzu allegorisch, manche meinten, es habe nicht viel zu sagen. Und tatsächlich muss man wissen, worauf man sich einlässt. Dies ist keine spannungsgeladene Erzählung, sondern ein essayistischer, langsamer, oft abschweifender Text, in dem die eigentliche Handlung fast verschwindet hinter Richards Reflexionen über Krieg, Technik, Geschichte und den Verlust der alten Welt. Wer einen Plot sucht, wird enttäuscht. Jüngers Stil ist kühl, distanziert, von einer manchmal arroganten Gelehrsamkeit, und seine Wehmut nach der untergegangenen Welt der Reiter und des ritterlichen Krieges hat einen reaktionären Unterton, den man kennen und einordnen muss. Hinter der Technikkritik steht bei Jünger auch die Trauer um eine aristokratische, vormoderne Ordnung, und diese Nostalgie ist alles andere als unschuldig.
Und doch, bei aller gebotenen Vorsicht gegenüber Autor und Haltung, ist die intellektuelle Hellsichtigkeit des Buchs schwer zu bestreiten. Die gläsernen Bienen, winzige, autonome Maschinen, die die Grenze zwischen Organischem und Technischem verwischen, sind eine der erstaunlichsten Antizipationen der Literaturgeschichte. Der Science-Fiction-Autor Bruce Sterling nannte Jüngers Spekulationen über Technik und Industrie geradezu unheimlich vorausschauend, und man versteht warum. Jünger beschreibt 1957 eine Welt der Miniaturisierung, der Automatisierung, der Roboter im Insektenformat, der künstlichen Wesen, die kaum von lebenden zu unterscheiden sind, eine Welt, die der unseren mit jedem Jahr ähnlicher wird. Drohnen im Insektenformat, humanoide Roboter, die Frage, wo das Lebendige endet und das Gemachte beginnt, all das ist heute Forschungsgegenstand und Schlagzeile, und Jünger hat es vorweggenommen, als es noch reine Phantasie war.
Für dystopien.de ist das Buch deshalb trotz, oder gerade wegen seiner Sperrigkeit wichtig. Es formuliert eine dystopische Grundangst, die keiner Gewaltherrschaft und keines Überwachungsstaats bedarf, sondern allein der technischen Perfektion selbst. Die Dystopie der gläsernen Bienen ist keine Diktatur, sie ist eine Welt, in der das Perfekte das Menschliche überflüssig macht. Hauptmann Richard ist der Prototyp des Menschen, der in der neuen Welt nicht mehr gebraucht wird, zu langsam, zu unvollkommen, zu sehr an alte Werte wie Ehre und Urteilskraft gebunden, die in einer auf Effizienz getrimmten Ordnung keinen Marktwert mehr haben. Zapparonis Reich ist verführerisch und kalt zugleich, es verspricht Vollkommenheit und verlangt dafür die Aufgabe der Moral, und die Frage, ob Richard sich unterwirft oder widersteht, ist die Frage, die der Roman an uns alle richtet. Was sind wir bereit aufzugeben für die perfekte Maschine? Und bleibt in einer Welt, in der alles berechenbar, automatisierbar, optimierbar wird, noch Raum für das Unperfekte, das Zögernde, das Menschliche? Jünger gibt keine Antwort, aber er stellt die Frage mit einer Schärfe, die nach fast siebzig Jahren nichts von ihrer Dringlichkeit verloren hat. Das macht Gläserne Bienen zu einem unbequemen, aber unverzichtbaren Klassiker der technischen Dystopie.
Ernst Jünger, Gläserne Bienen. Roman. Erstveröffentlichung 1957. Zahlreiche Neuauflagen, u. a. bei Klett-Cotta. Rund 240 Seiten. In Stahlgewittern.
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