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Philip K. Dick, A Scanner Darkly: Der Fahnder, der sich selbst überwacht

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A Scanner Darkly. Es gibt eine Form der Überwachung, die perfider ist als jede Kamera an jeder Ecke. Die Überwachung, bei der der Beobachter und der Beobachtete dieselbe Person sind, ohne es zu wissen. Philip K. Dicks Roman A Scanner Darkly von 1977 erzählt von genau dieser Konstellation, und er tut es mit einer schmerzhaften Tiefe, die über alles hinausgeht, was Dick je geschrieben hat. A Scanner Darkly ist nicht nur eine von Dicks dunkelsten Dystopien, es ist sein persönlichstes Werk, ein verschlüsselter Bericht aus dem eigenen Leben, geschrieben von einem Mann, der die Drogenwelt, die er schildert, selbst durchlitten hat. Es zeigt, dass Dicks großes Thema, der Zerfall der Wirklichkeit und der Identität, nie nur ein intellektuelles Spiel war, sondern eine Erfahrung, die er am eigenen Leib gemacht hat.

Der Autor

Philip K. Dick, geboren 1928, gestorben 1982, ist der vielleicht einflussreichste Science-Fiction-Autor des zwanzigsten Jahrhunderts, und zugleich einer seiner tragischsten. Zu Lebzeiten verkannt und verarmt, schrieb er in einem fiebrigen Tempo Dutzende Romane und über hundert Erzählungen, in denen er immer wieder dieselben Fragen umkreiste. Was ist real? Was ist der Mensch? Woran erkennt man, ob die Welt, die man wahrnimmt, überhaupt existiert? Erst nach seinem Tod wurde er zum Giganten, dessen Werke Hollywood immer wieder plündert, von Blade Runner über „Total Recall“ und „Minority Report“ bis zu The Man in the High Castle. Dick war ein Visionär und ein Getriebener, und beides floss in sein Werk ein. A Scanner Darkly ist das Buch, in dem der Visionär und der Getriebene zu einem einzigen, zerrissenen Erzähler verschmelzen.

Bob Arctor, der niemand sein darf

Die Handlung spielt in einem nahen, heruntergekommenen Kalifornien, in dem eine neue Droge die Gesellschaft zersetzt. Substanz T, auch „Substance D“ genannt, kurz für „Death“, eine hochgradig süchtig machende Substanz, die bei langem Gebrauch die beiden Gehirnhälften voneinander trennt, bis der Konsument zwei getrennte, nicht mehr kommunizierende Persönlichkeiten entwickelt. Der Staat reagiert mit totaler Überwachung, verdeckten Ermittlern und einem allgegenwärtigen Netz aus Beobachtung.

Im Zentrum steht Bob Arctor, ein verdeckter Drogenfahnder, der in der Szene lebt, um an die Hintermänner der Substanz T zu gelangen. Um seine Identität selbst vor seinen eigenen Vorgesetzten zu schützen, trägt Arctor bei seinen Berichten an die Behörde einen „Scramble Suit“, einen Anzug, der sein Aussehen und seine Stimme ununterbrochen verändert, sodass niemand, nicht einmal seine Dienststelle, weiß, wer er wirklich ist. Unter den Kollegen und in den Akten existiert er nur als Deckname, „Fred“.

Und hier schließt sich die tödliche Schlinge der Geschichte. Fred, der Fahnder, erhält den Auftrag, einen verdächtigen Drogenkonsumenten rund um die Uhr zu überwachen, dessen Haus mit Kameras verwanzt wurde. Der Verdächtige ist Bob Arctor. Fred soll Bob überwachen, ohne dass seine Vorgesetzten wissen, dass Fred und Bob dieselbe Person sind, und ohne dass Arctor, dessen Verstand durch die Substanz T bereits zerfällt, noch begreift, dass er sich selbst beobachtet. Der Fahnder jagt den Süchtigen, der er selbst ist, und keine seiner beiden Hälften erkennt die andere noch.

Fred sitzt vor den Monitoren und beobachtet einen Mann namens Bob Arctor, der etwas verbirgt. Was Fred nicht mehr weiß, ist, dass er selbst dieser Mann ist. Die Droge hat ihn in zwei Fremde zerteilt, und der eine überwacht den anderen in den Tod.

Der langsame Zerfall

A Scanner Darkly ist kein spannungsgeladener Thriller, sondern die langsame, erbarmungslose Chronik eines Zerfalls. Je weiter die Substanz T Arctors Gehirn spaltet, desto weniger kann Fred noch die Verbindung zu Bob herstellen. Die Überwachungsaufnahmen, die Fred studiert, zeigen ihm einen Mann, den er nicht mehr als sich selbst erkennt, und in bitterer Ironie beginnt Fred, in diesem beobachteten Fremden Verdächtiges, Verräterisches zu sehen. Die Behörde treibt dieses Spiel bewusst voran, denn hinter der scheinbaren Drogenbekämpfung verbirgt sich ein zynischeres Kalkül, das der Roman erst am Ende enthüllt und das hier nicht verraten sei. Nur so viel. Die Institution, die vorgibt, gegen die Droge zu kämpfen, ist tiefer in ihr Geschäft verstrickt, als es scheint, und Arctor ist nicht Ermittler, sondern Material.

Umgeben ist Arctor von einer Gruppe von Mitbewohnern und Freunden, paranoiden, liebenswerten, kaputten Gestalten der Drogenszene, deren Gespräche einen Großteil des Buchs ausmachen. Diese Dialoge sind oft absurd komisch und zugleich zutiefst traurig, und sie geben dem Roman seine besondere Färbung, eine Mischung aus Galgenhumor und abgrundtiefer Verzweiflung. Dick zeichnet diese Menschen nicht als Abschaum, sondern mit großer Zärtlichkeit, als Opfer, nicht als Täter, und das macht ihren Untergang umso schmerzhafter.

Die ehrliche Einordnung

Was A Scanner Darkly von jeder anderen Dystopie über Überwachung und Drogen unterscheidet, ist seine autobiografische Wahrheit. Dick hat in den frühen siebziger Jahren selbst in einem Haus voller drogenabhängiger junger Menschen gelebt, er war selbst süchtig, und er hat miterlebt, wie Freunde an den Folgen zugrunde gingen. Das Buch endet mit einer Autorennotiz, die zu den erschütterndsten Dokumenten der Science-Fiction-Literatur gehört. Dick listet darin die Namen seiner Freunde auf, Menschen, die gestorben sind, die bleibende Hirnschäden davontrugen, die ein Stück ihrer selbst für immer verloren, und er nennt auch sich selbst in dieser Liste. Es ist keine Moralpredigt, sondern eine Totenklage, und sie verwandelt den Roman rückwirkend von einer Fiktion in ein Mahnmal. Dick schreibt, dies sei kein Buch über Menschen, die etwas Böses getan hätten, sondern über Menschen, die zu hart gespielt und einen zu hohen Preis gezahlt hätten.

Das muss man wissen, um das Buch richtig zu lesen, und es verlangt zugleich einen behutsamen Umgang. A Scanner Darkly verherrlicht nichts. Es zeigt den Drogenkonsum nicht als Rausch, sondern als Auslöschung, als langsames Erlöschen von Persönlichkeit, Beziehung und Verstand. Wer darin eine Faszination fürs Abgründige sucht, findet nur Trauer. Und genau das macht es zu einem ehrlichen Buch. Es ist kein kühler Gedankenentwurf wie manche von Dicks anderen Werken, sondern durchzogen von echtem Schmerz, von Schuld, von der Frage, warum er überlebt hat und andere nicht.

Für die dystopische Einordnung ist der Doppelcharakter des Buchs entscheidend. A Scanner Darkly ist zwei Dystopien in einer. Die eine ist äußerlich, der Überwachungsstaat, der seine eigenen Agenten verschleißt, die Behörde, die mit der Droge verwachsen ist, die er zu bekämpfen vorgibt, die totale Beobachtung, die am Ende niemanden schützt und alle zerstört. Die andere ist innerlich, die Dystopie des zerfallenden Selbst, des Menschen, der die Verbindung zu sich selbst verliert, bis Beobachter und Beobachteter, Ich und Fremder, in ein und demselben Kopf gegeneinander stehen. Dick verbindet beide, und darin liegt seine bis heute unübertroffene Modernität. Die Überwachung von außen und der Zerfall von innen sind bei ihm kein Gegensatz, sondern dasselbe Phänomen. Eine Gesellschaft, die ihre Bürger lückenlos beobachtet, erzeugt Menschen, die sich selbst nicht mehr trauen, die sich selbst mit fremden Augen sehen, die zu ihrem eigenen Überwacher werden. Der Titel sagt es, nach dem Bibelwort vom Blick durch einen trüben Spiegel, „durch einen Spiegel in einem dunklen Wort“. Wir sehen alles, auch uns selbst, nur noch durch einen verzerrenden Scanner, und am Ende erkennen wir im Beobachteten nicht einmal mehr das eigene Gesicht.

So wichtig ist dieser Roman, weil er die beiden großen Linien von Dicks Werk bündelt und persönlich auflädt. Die Frage nach der Wirklichkeit und die Frage nach der Identität, die in Blade Runner noch als kühles Gedankenexperiment über künstliche Menschen erscheint, wird hier zur gelebten, erlittenen Erfahrung. Es gibt kaum ein zweites Buch, das so eindringlich zeigt, dass Dicks Dystopien nie reine Science-Fiction waren, sondern immer auch Berichte über den Menschen, der zu zerbrechen droht an einer Welt, die ihm das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung nimmt. Wer Philip K. Dick verstehen will, muss dieses Buch gelesen haben. Es ist sein dunkelster Spiegel, und zugleich sein ehrlichster.

Philip K. Dick, A Scanner Darkly. Roman. Erstveröffentlichung 1977. Deutsch unter anderem als Der dunkle Schirm. Verfilmt 2006 von Richard Linklater in Rotoskopie-Technik, mit Keanu Reeves, Robert Downey Jr., Winona Ryder und Woody Harrelson.

Kategorie: Buch · Philip K. Dick · Überwachung · Drogen · Identität · Science-Fiction · dystopien.de

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