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Depeche Mode. Es gibt eine seltsame Entwicklung in der Geschichte dieser Band, die ihresgleichen sucht. Eine Gruppe junger Männer aus einer britischen Arbeiterstadt beginnt 1980 mit fröhlichem, harmlosem Synthie-Pop, mit Liedern, die so leicht und tanzbar sind, dass niemand ihnen eine große Zukunft zutraut. Und dann, über vier Jahrzehnte hinweg, verwandelt sich diese Band in etwas ganz anderes, in die vielleicht größte und einflussreichste dunkle elektronische Band der Welt, in Chronisten von Sünde, Schuld, Begierde, Glauben, Tod und Erlösung, gefeiert von Millionen, besonders geliebt in der Schwarzen Szene. Depeche Mode ist der Beweis, dass aus dem Hellsten das Dunkelste werden kann, und dass Popmusik die großen, schweren Themen des Lebens tragen kann, ohne an Eingängigkeit zu verlieren.
Auf dystopien.de haben wir diese Band bereits einmal gestreift, mit einem Beitrag über ihren Klassiker Enjoy the Silence und dessen melancholische Botschaft über die Unzulänglichkeit der Worte. Doch Depeche Mode verdient mehr als die Betrachtung eines einzelnen Songs. Diese Band hat den Soundtrack für das dunkle Lebensgefühl ganzer Generationen geschrieben, und ihr Werk gehört zu den Fundamenten jenes Kosmos, den diese Seite behandelt. Es ist Zeit für das vollständige Porträt.

Von Basildon in die Welt
Depeche Mode entstand 1980 in Basildon, einer Industriestadt in der englischen Grafschaft Essex, aus den Resten mehrerer kleiner Schülerbands. Die klassische Besetzung formte sich um vier junge Männer. Vince Clarke, der erste Songschreiber und treibende Kopf, Andy Fletcher, genannt Fletch, Martin Gore, und schließlich Dave Gahan, der als Sänger dazustieß, nachdem man ihn eine Bowie-Nummer hatte singen hören. Den Namen, französisch für schnelllebige Mode oder Modebote, wählte Gahan. Das Debütalbum Speak & Spell erschien 1981, mitten in der britischen New-Wave-Welle, und es war, verglichen mit allem Späteren, geradezu unbeschwert, heller Synthie-Pop, der die Band ins Fahrwasser der zweiten britischen Invasion bei MTV brachte.
Dann kam der erste Bruch, und er hätte das Ende sein können. Vince Clarke, der Mann, der fast alle frühen Hits geschrieben hatte, verließ die Band noch 1981 und ging zu seinen neuen Projekten Yazoo und später Erasure, mit denen er selbst Weltruhm erlangte. Für die meisten Bands wäre der Abgang des Hauptkomponisten das Aus gewesen. Für Depeche Mode wurde es der Anfang ihrer eigentlichen Geschichte. Martin Gore, der bereits zwei Stücke zum Debüt beigetragen hatte, trat in die Rolle des Songschreibers, und er führte die Band in eine völlig andere, dunklere, tiefere Richtung. 1982 kam Alan Wilder dazu, der bis 1995 die Klangarchitektur der Band entscheidend prägte und ihren Sound ins Monumentale, Sakrale, Cineastische hob.

Die Wandlung ins Dunkle
Was Depeche Mode so außergewöhnlich macht, ist diese Verwandlung. Unter Martin Gores Feder wurden die Texte immer ernster, immer abgründiger. Wo Clarke noch von Liebe und Tanzflächen gesungen hatte, schrieb Gore nun über Sünde und Schuld, über Begierde und Unterwerfung, über Glauben und Zweifel, über Sühne und Erlösung. Alben wie Black Celebration von 1986, Music for the Masses von 1987 und vor allem das epochale Violator von 1990 zeigten eine Band auf der Höhe ihrer Kunst, die den Synthie-Pop mit einer fast religiösen Schwere auflud. Songs wie Personal Jesus, Enjoy the Silence, Stripped oder Never Let Me Down Again wurden zu Hymnen, nicht nur der Charts, sondern einer ganzen Subkultur.
Der Sound dieser Band ist unverkennbar. Gahans tiefe, dunkle, beschwörende Baritonstimme, die wie geschaffen ist für die Themen, die sie besingt. Gores kühle, präzise Synthesizer-Arrangements, oft durchsetzt mit Samples aus der realen Welt, mit Industrial-Klängen, mit einer Melancholie, die zutiefst menschlich bleibt, obwohl sie aus Maschinen kommt. Depeche Mode steht damit in einer direkten Linie zu den Pionieren, über die wir hier geschrieben haben, zu Kraftwerk und ihrer Mensch-Maschine-Ästhetik, zu Gary Numan und der Einsamkeit der elektronischen Zukunft. Aber Depeche Mode fügte dieser kühlen Elektronik etwas hinzu, eine Seele, eine Leidenschaft, eine fast schon gospelhafte Inbrunst, die die Band von allen anderen unterschied.

Depeche Mode nahm die kalte Maschine und goss Blut hinein. Ihre Elektronik ist nie seelenlos, sie ist voller Begierde, Schmerz und Sehnsucht nach Erlösung. Das ist der Kern ihrer Größe.

Die großen Themen
Für dystopien.de ist entscheidend, worüber Depeche Mode singt, denn ihre Themen berühren das Dunkle, das Existenzielle, das Abgründige in einer Weise, die weit über gewöhnlichen Pop hinausgeht. Immer wieder kreist Gores Werk um die großen Fragen von Glaube und Zweifel, um einen oft kritischen, ambivalenten Umgang mit Religion. Personal Jesus etwa macht aus dem Erlöser eine Telefonhotline, einen Jesus auf Abruf, eine bissige Bemerkung über die Kommerzialisierung des Glaubens und die menschliche Sehnsucht nach einem persönlichen Heiland. Blasphemous Rumours stellt die bittere Frage nach einem Gott mit einem kranken Sinn für Humor.
Daneben die Themen der Macht und der Unterwerfung, der Begierde und der Abhängigkeit, der Entfremdung in der modernen Welt. Und immer wieder die Melancholie, die Schwermut, das Gefühl, in einer kalten, entfremdeten Welt nach Wärme und Sinn zu suchen. Das jüngste Werk der Band, bezeichnenderweise Memento Mori betitelt, lateinisch für Gedenke des Todes, widmet sich ganz der Sterblichkeit. Diese thematische Schwere, diese Bereitschaft, sich den dunklen Seiten der Existenz zu stellen, macht Depeche Mode zu einer zutiefst verwandten Stimme im Kosmos dieser Seite. Sie entwerfen keine dystopischen Gesellschaften wie Orwell, aber sie erkunden die innere Dystopie des modernen Menschen, seine Entfremdung, seine Sinnsuche, seine Abgründe, mit einer Konsequenz, die ihresgleichen sucht.

Der Preis des Ruhms und der Verlust
Die Geschichte von Depeche Mode ist auch eine Geschichte von Krisen, Exzessen und Verlusten, und sie gehört zur ehrlichen Betrachtung dazu. In den neunziger Jahren, auf dem Höhepunkt des Weltruhms, geriet die Band in schwere Turbulenzen. Dave Gahan stürzte in eine schwere Drogenabhängigkeit, die 1996 beinahe tödlich endete. Nach einer Überdosis war sein Herz zwei Minuten lang stehen geblieben, er wurde wiederbelebt, ein Beinahe-Tod, der sein Leben und das der Band veränderte. Alan Wilder, der stille Architekt des Sounds, verließ die Gruppe 1995, entnervt von den inneren Spannungen. Dass Depeche Mode diese Jahre überlebte und mit Alben wie Ultra 1997 zurückkehrte, grenzt an ein Wunder.
Der schwerste Schlag aber kam 2022. Am 26. Mai starb Andy Fletcher, Gründungsmitglied, der ruhige Pol, der Geschäftsmann und das soziale Herz der Band, überraschend an einer Aortendissektion, mit nur 60 Jahren. Seine Mitstreiter Gahan und Gore sprachen von überwältigender Trauer über den Verlust ihres Freundes, Familienmitglieds und Bandkollegen. Fletchers musikalischer Beitrag galt manchen als gering, doch seine Rolle als Vermittler, als verbindende Kraft, als Mensch, der die beiden starken Persönlichkeiten Gahan und Gore zusammenhielt, war unersetzlich. Für einen Moment, so Gahan später, habe er geglaubt, Depeche Mode sei nun zu Ende.
Doch die Band machte weiter, zu zweit. Das bereits begonnene Album Memento Mori, dessen Todesthema Gore schon vor Fletchers Tod gewählt hatte, bekam durch den realen Verlust eine erschütternde zusätzliche Bedeutung. Aus dem Nachdenken über die eigene Sterblichkeit wurde ein Abschied, ein Vermächtnis, eine Trauerarbeit in Musik. Das Album, 2023 erschienen, wurde von vielen als ihr stärkstes seit zwanzig Jahren gefeiert, und die anschließende Welttournee führte die Band noch einmal vor Millionen Menschen. Der Tod, das große Thema der Band, war mitten in ihr Leben getreten, und sie antwortete darauf mit Kunst.

Warum Depeche Mode auf dystopien.de gehört
Weil sie bewiesen haben, dass die dunkle, elektronische Musik die größten Themen der menschlichen Existenz tragen kann, und weil sie dabei ein Millionenpublikum erreichten, ohne sich je zu verbiegen. Depeche Mode nahm den kühlen Synthie-Pop und machte daraus eine Kunstform von existenzieller Tiefe, eine Musik über Sünde und Erlösung, über Begierde und Schuld, über Entfremdung und die Sehnsucht nach Sinn in einer kalten Welt. Das ist das innere, seelische Gegenstück zur gesellschaftlichen Dystopie, die Erkundung der Abgründe im Menschen selbst.
Und weil ihr Einfluss auf die gesamte dunkle Musik kaum zu überschätzen ist. Depeche Mode ist der Fixstern, an dem sich unzählige Bands der Schwarzen Szene orientierten, von den Future-Pop-Acts wie VNV Nation bis zu den Dark-Electro-Projekten der Gegenwart, über die wir hier geschrieben haben. Sie waren die Band, die bewies, dass elektronische Musik nicht kalt und seelenlos sein muss, dass sie Leidenschaft, Schmerz und Spiritualität ausdrücken kann. Ohne Depeche Mode sähe die Landschaft der dunklen Musik vollkommen anders aus.
Es ist eine seltene Bandgeschichte, diese Wandlung vom harmlosen Synthie-Pop-Quartett zur monumentalen, todernsten, von Millionen verehrten Institution der dunklen Elektronik. Depeche Mode hat über vier Jahrzehnte überlebt, Drogen, Tod, Austritte, Krisen, und ist dabei immer tiefer, dunkler, ernster geworden. Sie haben den persönlichen Jesus besungen und das Schweigen genossen, sie haben die Welt gebeten, sie niemals im Stich zu lassen, und sie haben am Ende dem Tod selbst ein Album gewidmet.

Memento Mori, gedenke des Todes. Es ist der passende Titel für eine Band, die ihr Leben lang über die dunklen Dinge sang und die nun, nach dem realen Verlust eines der Ihren, weitermacht, weil die Musik das Einzige ist, was gegen die Vergänglichkeit hilft. Gedenke des Todes, aber singe, solange du lebst. Das ist die Lehre dieser außergewöhnlichen Band, und es ist eine zutiefst menschliche.
Depeche Mode. Gegründet 1980 in Basildon, Essex, England. Klassische Besetzung: Dave Gahan (Gesang), Martin Gore (Songwriting, Keyboards, Gitarre), Andy Fletcher (Keyboards, bis zu seinem Tod 2022) und Vince Clarke (bis 1981), dazu Alan Wilder (1982 bis 1995). Schlüsselalben unter anderem Black Celebration (1986), Music for the Masses (1987), Violator (1990), Songs of Faith and Devotion (1993), zuletzt Memento Mori (2023). Aufgenommen in die Rock and Roll Hall of Fame. Andy Fletcher starb am 26. Mai 2022, seither sind Gahan und Gore ein Duo.
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