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Margaret Atwood hat einmal gesagt, dass sie für Der Report der Magd keine einzige Idee erfunden hat. Alles, was in dem Roman vorkommt — die sexuelle Versklavung von Frauen, die Rechtfertigung durch Religion, die systematische Enteignung von Körpern, Identitäten und Namen — hat irgendwo auf der Welt bereits stattgefunden. Sie hat es nur an einem Ort versammelt.
Das ist der Satz, der einen nicht mehr loslässt, wenn man das Buch zuklappt. Nicht: Das könnte passieren. Sondern: Das ist passiert. Unter anderen Namen, in anderen Ländern, zu anderen Zeiten — aber die Mechanik ist dieselbe. Gilead ist keine Erfindung. Gilead ist eine Zusammenfassung.
Erschienen 1985, geschrieben im Berlin des Kalten Krieges, ist Der Report der Magd heute so aktuell wie an dem Tag, an dem Atwood die letzte Seite getippt hat. Vielleicht aktueller.
Margaret Atwood: Die Frau, die keine Dystopien schreibt

Margaret Atwood besteht darauf, dass Der Report der Magd keine Dystopie ist. Sie nennt es spekulative Fiktion — eine Unterscheidung, die sie ernst meint. Dystopie, so ihre Argumentation, beschreibt eine Welt, die es nicht gibt und nicht geben könnte. Spekulative Fiktion beschreibt eine Welt, die es geben könnte — weil die Bausteine bereits vorhanden sind.
Atwood ist eine der vielseitigsten Schriftstellerinnen der Gegenwart: Romane, Gedichte, Kurzgeschichten, Essays, Literaturkritik — und das seit über sechs Jahrzehnten. Sie hat den Booker Prize gewonnen, den PEN Pinter Prize, den Franz Kafka Preis. Sie hat mit einer Feder unter Wasser geschrieben — buchstäblich, für eine Ausstellung über Unterwasserkunst — und einen Roman in einer Druckkammer signiert. Sie ist 84 Jahre alt und gibt keine Ruhe.
Ein Detail, das alles über ihre Arbeitsweise sagt: Sie schrieb Der Report der Magd 1984 in West-Berlin, während die Mauer noch stand. Täglich sah sie, was ein Staat mit Menschen macht, wenn er entscheidet, dass Kontrolle wichtiger ist als Würde. Sie trug die Zeitungsausschnitte, die sie für die Recherche sammelte, in einer Schachtel mit sich — Berichte über reale Regime, reale Praktiken, reale Frauen. Nichts im Roman, sagte sie, kam aus ihrer Phantasie.
Gilead: Die Theokratie als Spiegel
Die Republik Gilead hat die Vereinigten Staaten ersetzt — durch einen Putsch, durch eine Krise, durch den schleichenden Abbau von Rechten, den niemand ernst genug genommen hat, bis es zu spät war. Frauen dürfen nicht mehr lesen. Nicht mehr arbeiten. Nicht mehr Geld besitzen. Ihre Identität wird auf ihre Funktion reduziert: Ehefrauen, Marthas, Mägde.
Die Mägde sind Frauen, die noch fruchtbar sind — in einer Welt, in der Fruchtbarkeit selten geworden ist. Sie werden Kommandanten zugeteilt, die keine eigenen Kinder zeugen können. Die monatliche Zeremonie, in der die Magd vergewaltigt wird — unter Beteiligung der Ehefrau, unter Berufung auf die Bibel — ist kein Exzess des Systems. Sie ist das System.
Offred — die Protagonistin, deren echter Name nie genannt wird — erzählt diese Geschichte in der Vergangenheitsform. Sie hat überlebt. Aber wie, und wohin, bleibt offen. Atwood verweigert die Auflösung — und das ist präzise: Systeme wie Gilead enden nicht mit einem Befreiungsmoment. Sie enden, wenn sie enden. Oder sie enden nicht.
Der Name als Werkzeug der Auslöschung
Offred. Of-Fred. Sie gehört Fred. Ihr Name ist eine Besitzerklärung — eine Grammatik der Unterwerfung, die so simpel ist, dass man ihre Brutalität fast übersieht.
Das ist Atwoods schärfstes Werkzeug: die Sprache. Gilead kontrolliert nicht nur Körper — es kontrolliert Wörter. Neue Begriffe für alte Verhältnisse. Religiöse Rahmungen für politische Gewalt. Die Zeremonie. Die Abnahme. Die Augen. Wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert, was denkbar ist.
Nolite te bastardes carborundorum.
Der gefälschte Lateinsatz, den eine Vorgängerin in den Schrank geritzt hat — lasst euch von den Bastarden nicht unterkriegen — ist der einzige Satz im Roman, der wie Widerstand klingt. Und er stammt von einer Frau, die nicht überlebt hat.
1985 geschrieben — und jedes Jahr aktueller
Atwood schrieb den Roman als Reaktion auf den aufkommenden religiösen Konservatismus in den USA der frühen Reagan-Jahre. Die Moral Majority. Die Angriffe auf Abtreibungsrechte. Die Rhetorik, die Frauen zurück in Rollen drängte, die man für überwunden gehalten hatte.
Was seitdem passiert ist, hat sie nicht überrascht — das hat sie in Interviews deutlich gesagt. Die Übernahme des Supreme Court. Das Ende von Roe v. Wade. Die Gesetze, die Frauen zur Rechenschaft ziehen für Entscheidungen über ihren eigenen Körper. Das ist kein Gilead. Aber es ist dieselbe Richtung.
Der Report der Magd ist nicht prophetisch. Er ist diagnostisch. Atwood hat keine Zukunft beschrieben — sie hat einen Prozess beschrieben. Und Prozesse lassen sich erkennen, wenn man weiß, wonach man schauen muss.
Warum Der Report der Magd auf Platz 4 unserer Liste steht
Platz 4 ist eine Entscheidung, die wir jedes Jahr neu überdenken. Der Roman könnte höher stehen — thematisch, politisch, in seiner Wirkung auf die Gegenwart. Die Fernsehserie hat ihn einer Generation zugänglich gemacht, die ihn sonst vielleicht nicht gelesen hätte. Die roten Umhänge sind zu einem Symbol geworden, das in Parlamenten auf der ganzen Welt getragen wird.
Er steht auf Platz 4 und nicht höher, weil Atwood bewusst auf die Universalität verzichtet, die Orwell und Huxley anstreben. Der Report der Magd ist präzise in seiner Zielrichtung — er beschreibt, was mit Frauen passiert, wenn Männer über ihre Körper entscheiden. Das ist keine Einschränkung. Es ist Stärke. Aber es macht den Roman spezifischer, wo andere breiter sind.
Was ihn unersetzlich macht: Er ist das einzige Buch auf dieser Liste, das nicht fragt, was eine Gesellschaft mit dem Menschen macht. Sondern was sie mit einer Hälfte der Menschen macht — und wie die andere Hälfte dabei zuschaut.
Unbedingt lesen, wenn noch nicht passiert
Margaret Atwood: Der Report der Magd. Erstmals erschienen 1985. Deutsch bei Piper. Empfohlene Ausgabe: aktuelle Ausgabe mit neuem Nachwort der Autorin.
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