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Es gibt Filme, die man nicht verteidigen kann, ohne zuerst ihre Schwächen zuzugeben. Equilibrium ist so ein Fall. Er borgt sich seine Welt bei Orwell, sein Bücherverbrennen bei Bradbury, seine Ledermäntel und seine Zeitlupen-Action bei Matrix. Die Kritik hat ihn 2002 dafür abgestraft, an den Kinokassen war er ein veritabler Flop: rund 5 Millionen Dollar weltweit bei 20 Millionen Budget. Und trotzdem hat dieser Film etwas geschafft, das den meisten seiner Vorbilder-Ausbeuter nicht gelingt: Er wurde zum Kult. Auf DVD, über Jahre, von einem Publikum, das etwas in ihm sah, das die Kritiker übersehen hatten.
Equilibrium spielt in Libria, einem totalitären Stadtstaat, der aus den Trümmern des Dritten Weltkriegs entstanden ist. Die Machthaber haben eine radikale Diagnose gestellt: Die Wurzel aller Kriege, aller Grausamkeit, aller Zerstörung ist die menschliche Fähigkeit zu fühlen. Also wird das Fühlen abgeschafft. Die gesamte Bevölkerung spritzt sich täglich ein Medikament namens Prozium, das jede Emotion unterdrückt. Und alles, was Gefühle wecken könnte (Bücher, Musik, Gemälde, selbst die Farbe eines Sonnenaufgangs) ist verboten und wird verbrannt.
Es ist eine der klarsten dystopischen Prämissen des Kinos. Und der Film weiß genau, woher er sie hat.

Kurt Wimmer: Der Mann, der Gun Kata im Hinterhof erfand
Equilibrium ist das Werk eines Mannes: Kurt Wimmer schrieb das Drehbuch und führte Regie. Wimmer ist in Hollywood vor allem als Drehbuchautor bekannt. Er schrieb später Filme wie Law Abiding Citizen, Salt und The Beekeeper. Equilibrium war sein persönliches Projekt, eine Herzensangelegenheit, für die er ein vergleichsweise schmales Budget von 20 Millionen Dollar zur Verfügung hatte.
Aus dieser Not entstand die berühmteste Erfindung des Films: das Gun Kata. Wimmer ersann eine fiktive Kampfkunst, bei der Schusswaffen wie in einer Kampfsport-Choreografie eingesetzt werden, denn die Kämpfer nehmen einstudierte Haltungen ein, die auf der statistischen Verteilung von Gegnern beruhen, um möglichst viele Feinde zu treffen und selbst möglichst wenig getroffen zu werden. Das klingt nach dem, was ein Teenager nach zu viel Anime erfinden würde, und genau so entstand es auch. Wimmer hat selbst erzählt, dass er das Gun Kata in seinem eigenen Hinterhof entwickelte, nachdem er sichergegangen war, dass die Familie außer Haus und die Nachbarn nicht am Zaun waren. Er habe gedacht: Bin ich verrückt?
Das Gun Kata ist der Grund, warum sich der Film bis heute hält. Es war stilbildend, lange bevor John Wick das „Gun-Fu“ zum Massenphänomen machte, hatte Equilibrium die Idee bereits auf die Leinwand gebracht. Was als Sparlösung begann, wurde zum Markenzeichen.
Berlin als Libria
Ein Detail, das gerade für deutschsprachige Zuschauer reizvoll ist: Equilibrium wurde vollständig in Berlin gedreht. Wimmer nutzte die einzigartige Mischung aus faschistischer und moderner Architektur, die die Stadt bietet. Die monumentale Halle der Vollstreckung, in der das Regime seine Macht zelebriert, ist der U-Bahnhof Bundestag unter dem Reichstagsgebäude. Die Eröffnungsszene entstand in einer alten Kaserne in Ostdeutschland.
Diese Kulisse gibt dem Film eine Wucht, die sein Budget eigentlich nicht hergab. Berlins Architektur (die steinerne Monumentalität der dreißiger Jahre, kombiniert mit kühler Nachkriegsmoderne) liefert genau die Ästhetik, die eine totalitäre Dystopie braucht. Libria sieht überzeugend aus, weil es aus echten Orten gebaut ist, an denen deutsche Geschichte lastet.
Christian Bale trägt den Film
Der eigentliche Grund, warum Equilibrium über einen reinen Actionfilm hinauswächst, heißt Christian Bale. Er spielt John Preston, einen sogenannten Grammaton-Kleriker: einen Elitevollstrecker des Regimes, dessen Aufgabe es ist, „Gefühlsverbrecher“ aufzuspüren und die verbotenen Kunstwerke zu verbrennen. Preston ist der perfekte Diener des Systems: kalt, präzise, emotionslos.
Bis er eines Morgens seine Dosis Prozium verpasst.
Langsam beginnt Preston zu fühlen. Er sieht zum ersten Mal Farben, Schönheit, hört Musik und er beginnt zu begreifen, was das Regime den Menschen genommen hat. Bale spielt dieses Erwachen mit einer Zurückhaltung und inneren Spannung, die den Film trägt. Er muss den schwierigsten Übergang darstellen, den ein Schauspieler spielen kann: von der völligen Gefühllosigkeit zur überwältigenden Emotion, und das glaubhaft, ohne ins Lächerliche zu kippen. Dass Equilibrium funktioniert, liegt wesentlich an Bale, der der Figur eine echte emotionale Tiefe gibt. Er hebt den Film über das Niveau eines reinen Action-Reißers, den in dieser Zeit auch ein Steven Seagal hätte tragen können.
An seiner Seite: Emily Watson als die Gefühlsverbrecherin Mary, die Prestons Erwachen beschleunigt, Taye Diggs als sein misstrauischer Partner, und Sean Bean in einer kurzen, aber prägenden Rolle als Kleriker, der bereits fühlt und dafür stirbt.
Der Hund
Es gibt eine Szene, die zum Herzstück des Films wurde und die seine ganze Idee in einem einzigen Bild bündelt. Preston, längst heimlich fühlend, soll einen Welpen töten: ein Tier, das in Libria als Emotionsauslöser verboten ist. Er kann es nicht. Und als andere Kleriker ihn stellen, verteidigt er den Hund in einer Gun-Kata-Sequenz, die zu den ikonischsten des Films gehört.
Die Szene ist auf den ersten Blick pathetisch, fast kitschig: ein Mann, der einen Welpen rettet. Aber sie trifft den Kern von Equilibrium: Die Fähigkeit, für ein anderes Wesen zu empfinden, ist genau das, was das Regime ausrotten will. Der Hund ist kein sentimentales Beiwerk. Er ist die Verkörperung dessen, worum der ganze Film ringt: die Weigerung, das Fühlen aufzugeben, auch wenn es tödlich ist.
Ein System, das die Liebe zu einem Hund für ein Verbrechen hält, hat den Menschen bereits verloren.

Die ehrliche Einordnung: Geborgt, aber nicht wertlos
Man muss die Schwächen benennen, denn sie sind offensichtlich. Equilibrium ist ein Flickenteppich aus Vorbildern. Die emotionslose totalitäre Gesellschaft kommt aus Orwells 1984. Das Verbrennen von Büchern und Kunst kommt direkt aus Bradburys Fahrenheit 451. Die Ästhetik (schwarze Ledermäntel, Zeitlupen-Schießereien, der einzelne Mann, der gegen ein System aus Kontrolle aufwacht) ist unverkennbar von Matrix geborgt, das nur drei Jahre zuvor erschienen war. Kritiker fassten den Film treffend als „Matrix trifft Fahrenheit 451“ zusammen, und das war nicht als Kompliment gemeint.
Auch die Handlung hat Löcher. Die innere Logik von Libria hält keiner genauen Prüfung stand, die Wendungen sind vorhersehbar, und manche Szenen bremsen unter dem knappen Budget. Das erklärt, warum der Film 2002 an den Kinokassen unterging. Miramax gab ihm nicht einmal einen breiten Kinostart, weil die Auslandsverkäufe den Film bereits in die Gewinnzone gebracht hatten und man kein Risiko eingehen wollte.
Das erklärt Platz 34 auf unserer Filmliste: kein Meisterwerk, kein origineller Wurf, sondern ein Film, der aus fremden Teilen etwas Eigenes zusammensetzt.
Der entscheidende Punkt ist, dass er setzt es gut zusammensetzt. Equilibrium nimmt seine geborgten Ideen ernst. Die Prämisse der verbotenen Gefühle ist konsequenter durchgeführt als in manchem Original. Die Frage, die er stellt, ist echt: Wenn das Fühlen die Quelle allen Leids ist, würde dann eine Welt ohne Gefühle das Leid beenden? Und wäre diese Welt es wert, in ihr zu leben?
Warum Equilibrium auf Platz 34 unserer Liste steht
Weil er eine der zentralen dystopischen Fragen mit ungewöhnlicher Klarheit stellt: Was ist der Mensch ohne seine Gefühle? Libria hat den Krieg besiegt, die Gewalt und den Hass. Das aber für den Preis von allem, was das Leben lebenswert macht. Keine Kunst, keine Liebe, keine Musik, keine Schönheit. Die Bürger von Libria leiden nicht. Aber sie leben auch nicht wirklich. Sie funktionieren.
Das ist eine Variante der Huxley-Frage aus Schöne neue Welt: Würdest du Stabilität und Schmerzfreiheit gegen deine Menschlichkeit tauschen? Equilibrium beantwortet sie eindeutiger als Huxley. Der Film ist letztlich eine Feier des Fühlens, auch des schmerzhaften, auch des gefährlichen. Prestons Erwachen ist kein Fluch, sondern eine Befreiung, selbst als es ihn in Todesgefahr bringt.
Und vielleicht ist das der Grund, warum der Film seinen Kult fand, obwohl die Kritik ihn abschrieb. Er hat ein Herz. Unter all den geborgten Mänteln und choreografierten Schießereien steckt eine echte, fast naive Überzeugung: dass es besser ist, zu fühlen und zu leiden, als betäubt und sicher zu sein. Dass ein einziger Sonnenaufgang, ein einziges Musikstück, ein einziger geretteter Hund mehr wert ist als alle Stabilität der Welt.
Das ist keine originelle Botschaft. Aber Equilibrium meint sie ernst. Und manchmal ist Ernst mehr wert als Originalität.
Equilibrium. USA 2002. Regie und Drehbuch: Kurt Wimmer. Darsteller: Christian Bale, Emily Watson, Taye Diggs, Angus Macfadyen, Sean Bean, William Fichtner. Musik: Klaus Badelt. Budget: ca. 20 Mio. US-Dollar. Gedreht in Berlin. An den Kinokassen ein Flop, auf DVD zum Kultfilm geworden.
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