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Hated in the Nation. Es gibt eine Gewohnheit im digitalen Zeitalter, die so alltäglich geworden ist, dass niemand mehr über ihre Folgen nachdenkt. Man tippt einen wütenden Kommentar, setzt einen Hashtag, wünscht einem verhassten Prominenten, einem Politiker, einem Fremden im Netz die Pest an den Hals, und drückt auf Senden. Es kostet nichts, es tut scheinbar niemandem weh, es ist nur ein Ventil, ein Mitmachen beim kollektiven Zorn. Hated in the Nation, die neunzigminütige Abschlussfolge der dritten Staffel von Black Mirror, nimmt genau diese Gewohnheit und fragt, was wäre, wenn sie tödlich wäre. Wenn jeder Hashtag, mit dem man jemandem den Tod wünscht, tatsächlich töten würde. Und wenn am Ende der Mob selbst zur Zielscheibe würde.
Es ist das große, ambitionierte Finale der Staffel, angelegt als packender Kriminalfilm, fast wie eine eigene kleine Fernsehserie. Die Folge verbindet die Ermittlerstruktur des klassischen Krimis mit der scharfen Gesellschaftskritik, für die Black Mirror steht, und sie verhandelt eines der drängendsten Probleme unserer Zeit, die Gewalt des Online-Mobs, die Enthemmung in den sozialen Medien, die kollektive Grausamkeit, die entsteht, wenn jeder mitmachen kann und niemand Verantwortung trägt.

Der Fall und die Bienen
Die erfahrene Londoner Kriminalkommissarin Karin Parke, gespielt von Kelly Macdonald, und ihre junge, technikversierte Kollegin Blue Coulson, gespielt von Faye Marsay, untersuchen eine Reihe mysteriöser Todesfälle. Zuerst stirbt eine Journalistin, die zuvor Ziel eines gewaltigen Shitstorms in den sozialen Medien geworden war. Dann ein Rapper, der ebenfalls öffentlich gehasst wurde. Die Ermittlerinnen entdecken ein Muster. Alle Opfer waren zuvor im Netz zu Hassfiguren geworden, und alle wurden mit demselben Hashtag bedacht, DeathTo, gefolgt von ihrem Namen.
Bei den Autopsien findet man in den Schädeln der Opfer winzige mechanische Objekte, Roboterbienen. Die Spur führt zu einem Unternehmen, das im staatlichen Auftrag autonome Drohnen-Insekten gebaut hat, kleine künstliche Bienen, die die real ausgestorbenen Bienen ersetzen und die Bestäubung der Pflanzen übernehmen sollen, eine ökologische Notmaßnahme gegen das Bienensterben. Doch die Bienen haben eine zweite, geheime Funktion. Sie sind, wie sich herausstellt, zugleich ein gigantisches Überwachungssystem. Mit Gesichtserkennung ausgestattet, können sie jeden Menschen im Land orten und verfolgen, eine Bedingung der staatlichen Förderung, die die Privatsphäre faktisch abgeschafft hat. Und nun hat jemand diese Bienen gehackt und zu Mordwerkzeugen gemacht.
Die Roboterbiene bestäubt die Blumen und rettet die Natur. Und dieselbe Biene kriecht einem Menschen ins Gehirn und tötet ihn. Die Technik, die die Welt retten soll, wird zur Waffe, und das Werkzeug der Fürsorge zum Instrument des Todes.
Das Spiel der Konsequenzen
Parke und Coulson decken auf, wie die Morde funktionieren. Ein anonymer Täter hat ein makabres Spiel erschaffen, das Game of Consequences. Jeden Tag können die Nutzer der sozialen Medien mit dem Hashtag DeathTo abstimmen, wen sie am meisten hassen. Wer am Ende des Tages, um fünf Uhr, die meisten Nennungen hat, wird von einer gehackten Roboterbiene aufgespürt und auf grausame Weise getötet. Der Online-Mob wählt buchstäblich sein Opfer, und die Maschine vollstreckt das Urteil.
Das Erschreckende an dieser Prämisse ist, wie sie die Dynamik der realen sozialen Medien zuspitzt. Die Menschen benutzen den Hashtag weiter, auch nachdem bekannt wird, dass er tötet. Sie können nicht widerstehen. Es ist ihnen nicht real genug, zu abstrakt, zu weit weg. Sie tippen DeathTo, als wäre es nur ein Scherz, ein Spiel, ein folgenloses Mitmachen beim kollektiven Zorn, so wie Millionen Menschen täglich im Netz Hass verbreiten, ohne je an die Folgen zu denken. Die Enthemmung, die Anonymität, die Gruppendynamik, all das zeigt die Folge in gnadenloser Klarheit. Der Mob fühlt sich im Recht, moralisch überlegen, und genießt die Macht, über Leben und Tod anderer mitzubestimmen, ohne je die Verantwortung dafür zu tragen.
Der wahre Plan
Und dann kommt der doppelte Twist, der Hated in the Nation zu einer der schärfsten Anklagen des Online-Mobs macht, die je gedreht wurden. Es stellt sich heraus, dass die getöteten Hassfiguren gar nicht die eigentlichen Ziele des Täters waren. Garrett Scholes, der Mann hinter dem Spiel, hatte einen viel größeren, viel perfideren Plan. Als die Behörden verzweifelt versuchen, das Bienensystem zu deaktivieren, um weitere Morde zu verhindern, lösen sie genau das aus, worauf Scholes die ganze Zeit hingearbeitet hat. Statt sich abzuschalten, wenden sich die Bienen nun gegen eine andere Gruppe.
Scholes hatte heimlich eine Liste aller Menschen angelegt, die jemals den DeathTo-Hashtag benutzt hatten, aller, die am Spiel teilgenommen, die anderen den Tod gewünscht hatten. Und als das System ausgelöst wird, schwärmen die Bienen aus und töten nicht die Gehassten, sondern die Hassenden. Alle, die den Hashtag benutzt haben, über dreihundertsiebentausend Menschen, sterben. Der Mob selbst wird zur Zielscheibe. Scholes’ Botschaft ist eine grausame moralische Lektion. Ihr dachtet, ihr könntet folgenlos den Tod anderer fordern, ihr dachtet, euer Hass sei ein harmloses Spiel. Nun tragt ihr die Konsequenzen. Die Jäger werden zu Gejagten, die Richter zu Verurteilten.
Das ist die vernichtende Pointe der Folge. Scholes hält der Gesellschaft einen Spiegel vor, indem er ihre eigene Grausamkeit gegen sie wendet. Er bestraft nicht die, die gehasst wurden, sondern die, die hassten. Und er zeigt damit, dass der wahre Mob, die wahre Gefahr, nicht die einzelnen Hassfiguren sind, sondern die anonyme Masse, die sich an ihrer Vernichtung ergötzt. Es ist eine Rache, so monströs wie moralisch zweideutig, denn Scholes selbst wird damit zum Massenmörder, der im Namen der Gerechtigkeit ein Blutbad anrichtet, das jedes Maß sprengt.
Die ehrliche Einordnung
Hated in the Nation wird von Kritikern im Mittelfeld der Black-Mirror-Folgen eingeordnet, und die Bewertung ist zwiespältig. Die Stärken sind beträchtlich. Die Folge ist ambitioniert, aufwendig produziert, mit zwei starken weiblichen Hauptfiguren, deren Zusammenspiel die lange Laufzeit trägt. Die Krimistruktur funktioniert, der Fall ist spannend aufgebaut, und die zentrale Idee, der tödliche Hashtag-Mob, ist von erschreckender Aktualität. Die Folge trifft präzise den Nerv einer Zeit, in der Shitstorms, öffentliche Hinrichtungen im Netz und die kollektive Vernichtung von Menschen zum Alltag gehören. Der doppelte Twist, dass der Mob selbst zum Opfer wird, ist klug und unbequem.
Der häufigste Kritikpunkt ist die Länge. Mit neunzig Minuten ist Hated in the Nation die zweitlängste Folge der Serie, und viele Zuschauer empfinden sie als zu lang, zu langsam, zu sehr in die Breite gezogen. Die Krimistruktur, so solide sie ist, folgt streckenweise den konventionellen Mustern des Genres, der Ermittlerinnen, die Hinweisen nachgehen, Verdächtige befragen, Spuren verfolgen, und verliert dabei etwas von der verdichteten Wucht, die die besten, kürzeren Black-Mirror-Folgen auszeichnet. Die Folge ist mehr Fernsehkrimi mit dystopischem Einschlag als die pure, konzentrierte Parabel, für die die Serie berühmt ist.
Doch als Abschluss der Staffel und als Kommentar zur toxischen Kultur der sozialen Medien bleibt Hated in the Nation wirkungsvoll. Sie schließt einen Bogen zur allerersten Folge der Serie, The National Anthem, über die wir hier geschrieben haben, die ebenfalls die Macht des Online-Mobs und der kollektiven Schaulust verhandelte. Und sie führt diese Themen zu ihrem düstersten Endpunkt. Wo The National Anthem zeigte, wie der Mob einen einzelnen Menschen demütigt, zeigt Hated in the Nation, wie der Mob zum Massenmörder wird, und wie er am Ende sich selbst vernichtet.
Die Lehre der Folge ist eine Warnung, die uns alle angeht, jeden, der je einen wütenden Kommentar getippt, einen Shitstorm befeuert, einem Fremden im Netz Böses gewünscht hat. Der Hass, den wir so leichtfertig verbreiten, ist nicht folgenlos. Die Worte, die wir in die anonyme Masse werfen, haben Gewicht, haben Opfer, haben Konsequenzen. Und die Maschine, die unseren kollektiven Zorn vollstreckt, kennt am Ende auch unseren Namen. Der Schwarm bestäubt die Blumen, und der Schwarm tötet die Hassenden. Es liegt an uns, auf welcher Liste wir stehen wollen. Hated in the Nation legt nahe, dass die sicherste Entscheidung ist, den Hashtag gar nicht erst zu tippen. Denn in einer Welt, in der alles aufgezeichnet wird, in der die Bienen alles sehen, gibt es keine folgenlose Grausamkeit mehr. Es gibt nur noch die Frage, wann die Rechnung präsentiert wird.
Black Mirror, Hated in the Nation. Staffel 3, Episode 6. Großbritannien/USA 2016, Netflix. Regie: James Hawes. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Kelly Macdonald, Faye Marsay, Benedict Wong, Jonas Karlsson. Laufzeit rund 89 Minuten, die zweitlängste Folge der Serie. Das Finale der dritten Staffel, thematisch verbunden mit der Auftaktfolge The National Anthem. Episodenguide.
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