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Es gibt Filme, die als Komödie starten und als Warnung enden. Idiocracy von Mike Judge ist 2006 erschienen — still, ohne großes Marketing, von Fox Pictures fast versteckt in die Kinos geschoben. Keine Pressevorführungen, kaum Werbung, minimale Leinwände. Der Film floppte.
Und dann passierte etwas Seltsames. Er hörte nicht auf, aktuell zu werden.
Jedes Jahr, das verging, machte Idiocracy weniger zur Satire und mehr zur Dokumentation. Bis irgendwann niemand mehr lachte — zumindest nicht unbeschwert.
Mike Judge: Der Mann, der Amerika von innen kennt

Mike Judge hat Beavis and Butt-Head erfunden — die beiden debilsten Teenager des amerikanischen Fernsehens, die stundenlang MTV-Videos kommentieren und dabei unfreiwillig den Verfall der Popkultur sezieren. Er hat Office Space gemacht, die präziseste Satire auf das amerikanische Büroleben, die je gedreht wurde. Er hat Silicon Valley für HBO produziert.
Das Muster ist erkennbar: Judge interessiert sich für Systeme, die Dummheit belohnen. Nicht für böse Menschen — für Strukturen, die das Schlechteste im Menschen verstärken und das Beste bestrafen. Bürokratie, Konsum, Medien, Karriere — in Judges Welt sind das keine neutralen Kräfte. Sie formen Menschen aktiv um.
Idiocracy ist sein radikalster Versuch, diese These zu Ende zu denken.
Die Prämisse: Evolution rückwärts
Joe Bauers — gespielt von Luke Wilson — ist der durchschnittlichste Mensch der amerikanischen Armee. Nicht dumm, nicht klug. Durchschnittlich. Er wird gemeinsam mit einer Prostituierten namens Rita für ein Schlafexperiment eingefroren — und erwacht fünfhundert Jahre später.
Die Welt von 2505 ist das Ergebnis eines simplen demografischen Prinzips: Intelligente Menschen haben weniger Kinder — oder keine. Weniger intelligente Menschen haben mehr. Über Generationen hat sich das aufsummiert. Die Menschheit ist, im Schnitt, drastisch dümmer geworden. Nicht bösartig. Nicht tyrannisch. Einfach — dümmer.
Joe Bauers, der durchschnittlichste Mensch des Jahres 2001, ist der intelligenteste Mensch der Welt.
Das ist die Pointe. Und sie ist so präzise formuliert, dass man nicht sicher ist, ob man lachen soll.
Die Welt von 2505: Vertraut bis zur Übelkeit
Was Judge mit seiner Zukunftswelt macht, ist das Unbehaglichste am Film: Er macht sie nicht fremd. Er macht sie vertraut.
Die Sprache hat sich vereinfacht — ein Kauderwelsch aus Slang, Werbejargon und Obszönität. Die Medien bestehen aus Reality-TV und Gewaltunterhaltung. Das beliebteste Getränk ist ein Sportdrink namens Brawndo — dessen Slogan lautet: It’s got electrolytes. It’s what plants crave. Als die Ernte ausfällt, weil man die Felder mit Brawndo statt Wasser bewässert hat, ist die Lösung: mehr Brawndo.
Der Präsident ist ein ehemaliger Pornstar und Wrestler. Er heißt Dwayne Elizondo Mountain Dew Herbert Camacho. Er ist laut, charismatisch, vollkommen inkompetent — und das Publikum liebt ihn.
Judge hat das 2006 geschrieben. Man muss nicht erklären, warum das 2016 plötzlich keine Satire mehr war.
Konsum als Zivilisationsersatz
Die eigentliche dystopische These von Idiocracy ist nicht, dass Menschen dumm werden. Es ist, dass Systeme — Medien, Märkte, Politik — Dummheit aktiver belohnen als Intelligenz. Wer einfache Antworten gibt, gewinnt Wahlen. Wer komplizierte Wahrheiten sagt, verliert sie. Wer Aufmerksamkeit produziert, überlebt. Wer Tiefe produziert, wird ignoriert.
Das ist kein Naturgesetz. Es ist eine Designentscheidung. Algorithmen, die Engagement optimieren, belohnen Empörung und Vereinfachung. Werbemärkte, die Reichweite kaufen, finanzieren das Laute und Grelle. Politische Systeme, die auf Mehrheiten angewiesen sind, passen ihre Botschaften an die kürzeste Aufmerksamkeitsspanne an.
Idiocracy beschreibt nicht die Dummheit der Menschen. Es beschreibt die Intelligenz der Systeme — die wissen, wie man Dummheit produziert und vermarktet.
Brawndo has what plants crave.
Das ist kein Witz. Das ist Geschäftsmodell.
Warum Fox den Film versteckt hat — und warum das Sinn ergibt
Fox Pictures hat Idiocracy ohne Pressevorführungen, ohne Marketingbudget, ohne Unterstützung veröffentlicht. Die offizielle Erklärung: Der Film sei nicht gut genug für eine breite Veröffentlichung. Die inoffizielle These, die Judge selbst andeutet: Der Film macht sich über genau die Systeme lustig, von denen Fox abhängig ist. Über Werbung, über Medienkonzerne, über die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie.
Ein Konzern, der einen Film vermarktet, der Konzerne als Ursache des zivilisatorischen Verfalls darstellt — das ist eine Zumutung, die man vermeiden kann. Also hat man es vermieden.
Auch das ist Idiocracy. Auch das ist der Beweis, dass der Film recht hat.
Warum Idiocracy auf Platz 29 unserer Liste steht
Platz 29 ist eine bewusste Entscheidung — hoch genug, um die Bedeutung des Films anzuerkennen, tief genug, um ehrlich zu bleiben. Idiocracy ist keine perfekte Dystopie. Sie ist grob, manchmal zu direkt, manchmal zu billig in ihren Pointen. Die Charaktere sind Typen, keine Menschen.
Aber die These ist unübertrefflich präzise. Und die Tatsache, dass der Film mit jedem Jahr, das vergeht, weniger lustig und mehr zutreffend wird, ist ein Qualitätsmerkmal, das die meisten Dystopien nicht haben.
Orwell hat 1984 als Warnung geschrieben. Huxley hat Schöne neue Welt als Warnung geschrieben. Judge hat Idiocracy als Komödie geschrieben.
Alle drei haben recht behalten.
Mal wieder sehen?
Idiocracy. USA 2006. Regie: Mike Judge. Hauptdarsteller: Luke Wilson, Maya Rudolph, Dax Shepard, Terry Crews. Drehbuch: Mike Judge, Etan Cohen.
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