Es gibt einen Moment in H.G. Wells‘ Roman von 1898, der alles enthält, was man über das Buch wissen muss. Ein englischer Farmer beobachtet, wie die Marsianer landen – fremdartige, unverständliche Wesen aus einer anderen Welt. Er betrachtet sie mit Fassungslosigkeit. Wells lässt seinen Erzähler an dieser Stelle innehalten und schreiben, dass die Marsianer die Menschen wohl so betrachten, wie wir Insekten betrachten.

Das ist der Satz, um den sich alles dreht. Nicht weil er grausam ist. Sondern weil er präzise ist. Wells lebte im viktorianischen England – in dem Land, das zu diesem Zeitpunkt ein Viertel der Erdoberfläche kontrollierte. Er wusste, wie eine überlegene Zivilisation eine unterlegene behandelt. Er hatte es in den Zeitungen gelesen. Er hatte es in Parlamentsdebatten gehört. Er hatte es Kolonialismus nennen hören – und manchmal auch Fortschritt.
Krieg der Welten ist keine Invasionsgeschichte. Es ist ein Spiegel.
Ein Roman, der aus Wut entstand
Wells schrieb Krieg der Welten in den Jahren 1895 bis 1897, in einer Zeit, in der das britische Empire auf dem Höhepunkt seiner Macht war und Tasmanien gerade seine letzte indigene Bevölkerung verloren hatte – durch systematische Vernichtung, Vertreibung und Krankheit, die die Kolonisatoren mitgebracht hatten.
Er fragte sich, was passieren würde, wenn jemand käme und mit England dasselbe täte, was England mit anderen getan hatte. Was würde es bedeuten, wenn eine überlegene Intelligenz die Insel betritt – nicht um zu handeln, sondern um zu nehmen? Nicht um zu kommunizieren, sondern um zu kolonisieren?
Die Antwort ist der Roman. Und Wells war klug genug, die Parallele nicht zu verschweigen. Sein Erzähler zieht sie selbst: explizit, nüchtern, ohne Entschuldigung.
Bevor wir die Marsianer zu hart verurteilen, sollten wir uns daran erinnern, was wir mit den Tasmanieren gemacht haben.
Das steht tatsächlich im Roman. 1898. In einem populären Abenteuerroman. Das war keine akademische Provokation – das war ein Schriftsteller, der seiner eigenen Gesellschaft ins Gesicht sagte, was sie nicht hören wollte.
Die Marsianer: Vernunft ohne Mitgefühl
Was Wells mit den Marsianern entwirft, ist keine klassische Bedrohung. Sie sind keine Monster im Sinne von bösartig oder hasserfüllt. Sie sind einfach – überlegen. Und diese Überlegenheit macht sie gleichgültig.
Sie haben die Emotion längst hinter sich gelassen. Sie sind fast vollständig Intellekt – riesige Gehirne auf kleinen, rudimentären Körpern. Sie töten nicht aus Freude, sondern aus Notwendigkeit. Sie brauchen Ressourcen. Die Erde hat Ressourcen. Der Mensch ist kein Feind – er ist ein Hindernis.
Darin liegt die eigentliche Beunruhigung des Romans. Nicht die Kampfmaschinen, nicht der rote Unkraut, nicht der schwarze Rauch. Sondern die Kälte. Die vollständige Abwesenheit von Interesse am Anderen als Subjekt. Die Behandlung des Menschen als Objekt in einer Gleichung, die längst gelöst ist.
Der Feind ist nicht böse. Er sieht uns schlicht nicht.
Wells hatte dieses Prinzip beobachtet. Es hatte einen anderen Namen. Aber die Mechanik war identisch.
Der Zusammenbruch der Zivilisation
Was Krieg der Welten von späteren Invasionsromanen unterscheidet, ist die gnadenlose Präzision, mit der Wells zeigt, wie schnell Zivilisation aufhört zu existieren. Nicht die Gebäude fallen zuerst. Die sozialen Strukturen fallen.
Innerhalb von Tagen gibt es keine Gesetze mehr, keine Behörden, keine gemeinsame Ordnung. Menschen stehlen, fliehen, verraten einander. Der Erzähler – ein rationaler, gebildeter Mann – beobachtet sich selbst dabei, wie er aufhört, nach Regeln zu handeln, und anfängt, nach Instinkt zu handeln. Er überlebt nicht durch Intelligenz oder Moral, sondern durch Zufall.
Wells interessiert sich nicht für Heldentum. Kein General, der eine letzte Verteidigungslinie hält. Kein Wissenschaftler, der eine Lösung findet. Der Mensch ist in diesem Roman kein Protagonist – er ist ein Betroffener. Er erlebt, was anderen seit Jahrhunderten passiert. Er hat kein Werkzeug dagegen, weil er nie eines brauchte.
Das Ende, das kein Triumph ist
Die Marsianer sterben. Nicht durch menschliche Gegenwehr, nicht durch Wissenschaft oder Mut – sondern durch Bakterien. Mikroorganismen, gegen die der Mensch immun ist und gegen die die Marsianer keine Abwehr entwickelt haben.
Das ist absichtlich kein Triumph. Wells lässt seinen Erzähler das explizit benennen: Der Mensch hat die Invasion nicht gewonnen. Die Natur hat sie beendet. Und die Frage, die nach der letzten Seite bleibt, ist keine Frage der Erleichterung – sondern eine Frage der Konsequenz: Was haben wir daraus gelernt? Was werden wir jetzt tun?
Die Antwort, die der Roman andeutet, ist unbequem. Nichts. Wir werden nichts tun. Weil wir uns nicht als die Täter sehen, sondern als die Opfer. Weil wir die Parallele nicht sehen wollen, die Wells so sorgfältig gezogen hat.
Die Marsianer kamen und gingen. Das Prinzip, das sie verkörperten, war uns nicht fremd. Es war uns vertraut. Wir hatten es selbst erfunden.
Krieg der Welten im 21. Jahrhundert
Es gibt eine Versuchung, den Roman als überholt zu betrachten. Kolonialismus ist Geschichte. Die Welt hat sich verändert. Die Frage, die Wells stellt, gehört ins 19. Jahrhundert.
Aber das Prinzip, das Wells beschreibt – eine überlegene Macht, die eine unterlegene als Ressource behandelt, ohne Interesse an ihr als Subjekt – ist keine historische Anomalie. Es ist ein Muster, das sich reproduziert. In Wirtschaftssystemen, die Regionen ausbeuten, ohne in sie zu investieren. In Technologiekonzernen, die Daten extrahieren, ohne Verantwortung für die Menschen dahinter zu übernehmen. In Algorithmen, die Verhalten optimieren, ohne zu fragen, was das mit den Menschen macht.
Die Marsianer sind nicht zurückgekehrt. Aber ihre Logik ist geblieben. Und wir wenden sie noch immer an – manchmal als Täter, manchmal als Opfer, oft als beides gleichzeitig.
Wells‘ Roman ist kein Aufruf zur Panik. Er ist ein Aufruf zur Erkenntnis. Erkenne das Prinzip, wenn du es siehst. Erkenne es auch dann, wenn du auf der falschen Seite stehst.
Warum Krieg der Welten auf Platz 12 unserer Liste steht
Platz 12 in unserer Top-100-Liste der besten dystopischen Bücher aller Zeiten ist eine bewusste Entscheidung – und vielleicht eine zu bescheidene. Der Roman ist stilistisch ein Kind des viktorianischen Englands: sachlich, episodisch, ohne die psychologische Tiefe, die spätere Dystopien auszeichnet.
Aber thematisch ist er radikaler als fast alles, was danach geschrieben wurde. Weil er die Frage, die alle großen Dystopien stellen – wer hat die Macht und was tut er damit? – an einem Ort stellt, der unbequem nah ist. Nicht in einer fernen Zukunft. Nicht in einem imaginierten Totalitarismus. Sondern im Spiegel der eigenen Geschichte.

Wells hat 1898 einen Roman geschrieben, den die meisten Leserinnen und Leser als Abenteuergeschichte lesen. Das ist sein Genie: Die Kritik ist so gut versteckt in der Handlung, dass man sie erst beim zweiten Mal wirklich sieht. Und dann lässt sie sich nicht mehr ignorieren.
Unterschiedliche Versionen
Das Werk ist inzwischen gemeinfrei. Trotzdem gibt es gute Versionen auch zu kaufen.
Deutsche Übersetzung (Anaconda) von Jan Strümpel
H.G. Wells: Krieg der Welten. Erstmals erschienen 1898. Deutsch bei dtv, Anaconda oder Reclam erhältlich.
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