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PARASITE – Das Album: Alle Tracks erklärt

dystopien.de · Musik · Konzeptalbum · Dark Electronic · Dystopien Sounds

Der Konzern nennt die Arbeiter Kostenstelle. Die Arbeiter nennen den Konzern Blutsauger.
Und die Wahrheit ist: Beide haben recht.

PARASITE ist das siebte Konzeptalbum von Dystopien Sounds, neunzehn Tracks, und es stellt eine Frage, die unbequemer ist, als sie klingt. Wer ist hier eigentlich der Schmarotzer, und wer der Wirt? Denn die Rollen sind nie eindeutig. Die Kirche lebt von den Gläubigen, die Gläubigen leben von der Kirche. Der Milliardär nennt sich Investor, seine Ausbeutung nennt er Arbeitsplätze. Und in der Biologie ist die Grenze zwischen Parasitismus, Kommensalismus und Symbiose ohnehin fließend. Die Mitochondrien, die Kraftwerke jeder unserer Zellen, waren einmal freie Bakterien, Eindringlinge, die blieben. Was heute Schmarotzer ist, kann morgen das Herzstück sein.

PARASITE nimmt dieses eine Bild, den Parasiten, und dreht es durch alle Register, das wirtschaftliche, das politische, das religiöse, das biologische, das persönliche. Mal ist der Parasit ein Konzern, mal eine Kirche, mal eine Ideologie, mal die Angst, mal die eigene Dummheit, mal die Liebe. Und am Ende bleibt die verstörende Erkenntnis, dass wir alle, immer, zugleich Wirt und Parasit sind.

Wie dieses Album gebaut ist

Wer die bisherigen Alben von Dystopien Sounds kennt, kennt das Prinzip. Jeder Titel ist lyrisch verschachtelt, ein kleines Rätsel aus mehreren übereinandergelegten Ebenen. Eine Pop- oder Filmreferenz an der Oberfläche, darunter ein historischer, literarischer oder biblischer Bezug, und ganz unten eine politische oder gesellschaftliche Diagnose. Die persönliche Zukunftsvision dahinter bleibt der Cyberpunk im Stil von Shadowrun, aber weil unter den Texten eine ausgeprägte Literatur- und Geschichtskenntnis liegt, fließt ständig Klassisches ein. Tacitus neben Starship Troopers, Patrick Süskind neben The Last of Us, Psalm 82 neben Tarja Turunen.

Die Reihenfolge der neunzehn Stücke ist bewusst gesetzt. Kein Dark-Carnival-Track folgt auf einen anderen, und dasselbe gilt für die religionskritischen und die wirtschaftspolitischen Stücke, damit sich die Stoßrichtungen nicht stumpf wiederholen, sondern abwechseln. Die Vertonung entsteht mit KI-Unterstützung, sämtliche Texte und Konzepte stammen von Dystopien Sounds, einzelne Stücke werden bewusst anders produziert, Would You? etwa in Eigenregie. Genau weil die Titel so dicht gebaut sind, bekommt hier jeder einzelne seine Erklärung.

01 — Parapopulism

(Industrial / EBM / Dark Carnival)

Der Opener, bereits als Video zu sehen, benennt die Methode, um die das halbe Album kreist. Nicht ein politisches Lager, sondern das Prinzip dahinter, Angst als Geschäftsmodell. Parapopulism beschreibt, wie die Dauervermarktung der Panik funktioniert, wie Terror sich auszahlt, ohne dass er einen Grund braucht, wie Medien, Politik und Interessengruppen gemeinsam an der Angstspirale verdienen. Das Stück spielt im Gewand eines Zirkus, „Angst geht um im Zirkuszelt“ (Saltatio Mortis), und schließt mit einer Zeile aus den Annalen des Tacitus, sinngemäß, je verdorbener der Staat, desto mehr Gesetze braucht er. Die letzte Wendung, je fester man zugreift, desto mehr entgleitet einem, zitiert bewusst das berühmte Bild aus Star Wars, Leias Antwort an Grandmoff Tarkin. Je fester der Griff, desto mehr Systeme rutschen der Regierung durch die Finger.

02 — Lost in Music

(Cinematic EBM / Dark Electro)

Das Verhörzimmer ist die Hölle, und der Erzähler merkt es erst, als der Rhythmus der Schläge zur Musik wird. Lost in Music erzählt von einem Gefangenen, dessen Folter sich in Beat verwandelt, bis er im Leiden selbst eine Sucht, fast eine Erlösung findet. Der Aufbau des Stücks spiegelt den Text, von einzelnen Fingerschlägen auf dem Metalltisch über den scharrenden Stuhl bis zum vollen Beat, der Erzähler wird am Ende zum DJ für Dämonenpartys. Darunter liegt die alte Teufelspakt-Erzählung, die Seele für die Musik, und ein bitterer Trost, in der Hölle brennt wenigstens keine Sonne. Es ist das Stück über die Abhängigkeit, die man liebt, obwohl sie einen zerstört, der Parasit, der sich als Rettung tarnt.

03 — STD (Stupidity Transmitted Dilemma)

(Industrial Punk / EBM)

Der Titel ist ein Wortspiel, aus der Geschlechtskrankheit STD wird die Stupidity Transmitted Disease, die übertragbare Dummheit. Ausgehend vom spanischen Sprichwort, sag mir, mit wem du gehst, und ich sage dir, wer du bist, und vom alten Bild, wer sich mit Hunden ins Bett legt, steht mit Flöhen auf, verhandelt das Stück die Ansteckung durch das eigene Umfeld. Was wie ein sardonischer Spaß beginnt, kippt in der Bridge in echten Ernst, ein regelrechtes Plädoyer gegen die geistige Verwahrlosung, lies Geschichte, hör auf zu scrollen, hinterfrage, bilde dich, denn die dummen Freunde sind schneller weg, als man schnipsen kann, und dann stehst du allein da mit dem, was in deinem Kopf ist. Dummheit als Seuche, Bildung als einzige Impfung.

04 — Dreambutcher

(Industrial / Dark Electro)

Der Traumschlächter, als Video zum Albumstart erschienen, ist in fünf Lebensphasen gegliedert, Kindheit, Zugehörigkeit, Erwachsenenleben, Alter, Ende. In jeder Phase erscheint er in anderer Gestalt, als Lehrer, als Staat, als Ehepartner, als Krankheit, als die eigene verrinnende Zeit. Er ist die Instanz, die die Träume tötet, Schritt für Schritt, bis am Ende die Sanduhr abgelaufen ist und kein einziger Traum erreicht wurde. Die bittere Pointe in der Bridge, kein Tellerwäscher wurde Millionär, du bist nur froh, irgendwie überlebt zu haben, einen Traum, der in Wahrheit ein Albtraum war. Dreambutcher ist der Parasit, der sich vom Lebenssinn ernährt, von den unerfüllten Möglichkeiten, die eine Gesellschaft verspricht und nie einlöst.

05 — Saving the World

(Industrial / EBM)

Der Held als Wirt. Saving the World erzählt von einem Retter mit lächelnder Maske, der sich für die Welt opfert, ein stiller, rattengleicher Selbstmord, damit die Katastrophe aufhört. Die Menge verspricht ihm alles, wenn er nur wiederkommt und sie erneut rettet, schwört bei ihrem Leben. Doch als es darauf ankommt, vergisst sie ihre Versprechen. Und so dreht sich der Refrain am Ende von Saving zu Smashing, aus dem Retten wird das Zerschlagen. Die Menschheit bekommt, was sie verdient, weil sie den, der sich für sie aufopferte, im Stich ließ. Es ist die Kehrseite des Helden-Parasitismus, die Gesellschaft, die ihre Retter aussaugt und wegwirft, bis keiner mehr rettet.

06 — Would You?

(Industrial / EBM)

Ein einziger Fragenkatalog, hart und unerbittlich. Würdest du die Zecke zerdrücken, den Parasiten töten, dich selbst opfern, die Wahrheit sagen, in den Krieg ziehen, den Stecker ziehen? Der Countdown läuft, und das Stück gibt keine Antwort, denn niemand handelt. Die Bridge wird fatalistisch, die Weltuntergangsuhr steht längst nach Mitternacht, die Menschheit verdient, was sie bekommt, kein Held, kein Gott, kein Alien kommt zur Rettung, es gibt mehr Glauben an Geld, an dinero, als an die Möglichkeit, dass ein Mensch zum Helden wird. Would You? hält dem Hörer den Spiegel vor, du fragst dich, was du tätest, und ahnst die Antwort. Nichts. Wie alle. Und dass der Titel direkt nach Saving the World auftaucht, ist kein Zufall.

07 — Parasite of Society

(EBM / Dark Electro)

Hier spricht der Parasit selbst, in der Ich-Form, der arrogante, selbstverliebte Egozentriker, der durch die Stadt läuft, die Armen ignoriert, nur seine eigene Meinung gelten lässt, ständig aufs Handy starrt und den Sonnenaufgang verweigert. Das Stück liefert zugleich die Diagnose, eine Gesellschaft mit zu viel Reichtum ist ein Magnet für die blutsaugende Zecke, die das flüssige Gold der Gesundheit trinkt und die Haltung der Menschen vergiftet. Die Bridge zieht die Linie zur römischen Dekadenz, fett in den Thermen sitzen und Gold schlucken, der Narzisst als Produkt einer Gesellschaft der ewigen Orgien. Der Parasit ist nicht der Fremde von außen. Er ist das, was eine satte Gesellschaft aus sich selbst hervorbringt.

08 — The Satyrn

(Dark Cabaret / Theatrical Industrial)

Ein Stück über die Satire und ihren Tod. Gerahmt von Quintilians Satz, die Satire sei ganz die unsere, und Horaz’ Frage, was hindert einen, lachend die Wahrheit zu sagen, erweitert um die bittere Ergänzung, und dabei zugrunde zu gehen. The Satyrn erzählt von Komikern, die die Bühne betreten und vom Publikum gejagt werden, weil sie den Mächtigen verspotteten. Der Titel spielt mit der Etymologie, lanx satura, die volle Schüssel, gegen die satyri, und mit der V-for-Vendetta-Figur Gordon Deitrich, dem Komiker, der für einen Scherz über den Führer stirbt. Die gesprochene Liste realer Satiriker von Bassem Youssef bis Jan Böhmermann macht konkret, worum es geht. Und in der Bridge kommt der Satyr auf die Bühne, der falsche Komiker, der nach unten tritt statt nach oben, der Hass macht, weil man es ihm aufträgt. Wenn die echte Satire verschwindet, bleibt nur noch der Mobbing-Clown.

09 — Gangrene

(Industrial / EBM)

Das schärfste religionskritische Stück des Albums, gerichtet an eine konkrete Glaubensgemeinschaft, die in den 1870er Jahren als kleine Gruppe von Bibelforschern begann. Gangrene, der Wundbrand, ist das Bild für einen Glauben, der sich ausbreitet und zersetzt. Gangrene kommt schon im Alten Testament vor und durfte als Metapher herhalten, dabei hink der Vergleich überhaupt nicht. Das Stück ist als kühles Verhör gebaut, eine Kette von Fragen, die niemand stellen durfte. Hast du je Hebräisch oder Griechisch gelernt, oder antwortest du mit der leitenden Körperschaft? Weißt du, welche Bücher in Babylon geschrieben wurden, welche verboten wurden? Die Bridge stellt fünf nüchterne, überprüfbare Behauptungen in den Raum, Mose schrieb die Genesis nicht, Maria war nie eine Jungfrau, und das gesprochene Outro benennt die realen Vorwürfe, Missbrauch, verweigerte medizinische Behandlung, Ächtung, die man Liebe nennt. Ein Ex-Mitglied stellt die Fragen, die drinnen verboten wären.

10 — Heart of Art

(Gothic Ballad / Darkwave)

Die Ballade des Albums, bereits als Video erschienen, und ein Ruhepunkt zwischen den härteren Stücken. Das gläserne Herz, das als nutzlos galt, zerbricht, aber es wird nicht geflickt, sondern eingeschmolzen und kommt bunter zurück. Eine bewusste Umkehrung des Humpty-Dumpty-Reims, wo alle Pferde und Männer des Königs das Zerbrochene nicht wieder zusammensetzen können, schmilzt der Erzähler das Glas neu und genießt die Farben des Sonnenlichts, gebrochen durch ein Herz, das für immer ihm gehört. Es ist das hoffnungsvollste Stück der Platte, Herzschmerz als Verwandlung statt als Zerstörung, das Zerbrechliche, das durch den Bruch erst vielfarbig wird. Auch das eine Form der Symbiose, aus Verletzung wird Schönheit. Und im Video zeigt sich der doch sehr bekannte Protagonist als der Gefährte der klassischen Literatur erst zum Schluss, obwohl jeder Kunstschaffende sich gerne selbst in ihm sehen darf.

11 — Faith Tax

(Industrial Pop / EBM)

Die Ökonomie des Glaubens, tanzbar und bitter zugleich. Faith Tax entlarvt die Liebe Gottes als Ware, die man kaufen muss, Gottes Liebe im Angebot, zahle den Zehnten, investiere in Opfergaben, um Zinsen im Himmel zu erwirtschaften. Das Stück nennt es beim Namen, ein Schneeballsystem, der älteste Betrug der Welt, zahle für deinen eingebildeten Freund. Der kalte Clou im Refrain, am Ende hast du in Glauben bezahlt, und Gott verlässt dich trotzdem, auch wenn du es versucht hast. Unter der eingängigen Oberfläche und dem verfremdeten Gospelchor liegt die schlichte Diagnose, Religion als Geschäftsmodell, der Zehnte als erste und dauerhafteste Steuer, die je erfunden wurde.

12 — Smoke for Me

(Dark Electro / EBM)

Die Tabakindustrie als Liebhaber. Smoke for Me ist als Verführung gebaut, eine zärtliche, hauchende Liebeserklärung, die sich als tödlich entpuppt. Ich liebe die Art, wie du rauchst, flüstert die Stimme, während sie in Wahrheit nur den Umsatz liebt. Es ist der Parasit, der seinen Wirt tötet und ihn dafür auch noch bezahlen lässt, ruiniere dich mit der Droge, gib dein Geld nicht für einen größeren Traum aus, reise nicht, denn du glaubst ja an das Nikotin. Das kalte gesprochene Outro liefert die Zahl, die alles sagt, eine Billion Dollar Jahresumsatz der Tabakindustrie weltweit, danke fürs Rauchen, du hältst die Weltwirtschaft am Laufen. Zuneigung als Tarnung für Ausbeutung bis zum Tod.

13 — Buy Bucks

(Industrial / EBM)

Die Titelidee stammt von einer Teenagerin, die offenbar Wirtschaft besser verstanden hat, als ihr manche Menschen zutrauen. Buy Bucks dreht das Prinzip des Geldes zur Ware, der Parasit, der sich von Geld selbst ernährt, und eskaliert in Stufen, kauf dir eine Firma, kauf dir Kapital, kauf dir eine Regierung, kauf dir den Planeten, kauf dir das Universum, und wenn dieses kaputt ist, nimm das nächste im Multiversum. Der Refrain ist ein bewusst ohrwurmhafter Geld-Gröl-Chorus, der irgendwann aufhört, lustig zu sein. Denn am Ende wird es kalt, werde Mitglied der Gier, während das Blut die Straßen hinabläuft, eine Anspielung auf die zynische Börsenregel, kaufen, wenn Blut fließt, verbunden mit Judas’ dreißig Silberlingen. Für dreißig Silberstücke kannst du beitreten. Der Verrat hat einen festen Preis, und er war schon immer billig.

14 — Red or Blue (Brain Bug)

(Ballad / Cold Sci-Fi)

Eine kalte Science-Fiction-Ballade, melodisch an die Kadenz von My Bonnie angelehnt. Der Brain Bug, entlehnt aus Starship Troopers, ist hier das Wesen, das kampflos die Gedanken der Menschheit übernimmt und mit zwei Stiften regiert, einem roten und einem blauen, Zensur und Freigabe, eine Anspielung zugleich auf die rote und die blaue Pille aus Matrix. Das Verstörende, das Wesen weiß selbst nicht, warum es streicht oder durchlässt, es ist farbenblind, es sieht nur Absicht, nicht Bedeutung. Ein Gedicht stirbt, eine Lüge überlebt, und alle passen sich an. Dann tritt ein Kind mit reinem Herzen vor, und das Wesen, das den kindlichen Gedanken nicht lesen kann, unterschreibt den Zettel, nur um sein eigenes Leben leichter zu machen. Am Ende verschwindet der Brain Bug einfach, es gibt einen Bug im System (der doppeldeutige Fehler), aber das ist die Freiheit deines Geistes. Willkürliche Macht, erzählt, als wäre es ein Schlaflied.

15 — Sweet Like Drops of Blood

(Darkwave / Gothic Electro)

Die am stärksten literarische Nummer des Albums, gebaut auf Patrick Süskinds Das Parfum. Grenouille, der Mensch ohne Eigengeruch, wird hier zur Zecke, zum Parasiten, der seine Existenz aus den Düften, dem Blut, dem Wesen anderer destilliert, weil er selbst keines hat. Das Stück ist sinnlich und raubtierhaft zugleich, der Sammler, der liebt, was er zerstört, der sein Opfer zur Trophäe macht, für immer aufbewahrt, ist das nicht reizend? Ein Easter Egg steckt in der Bridge, ich bin dein letzter Parasit, das Wort letzter impliziert, dass es frühere gab. Und das französische gesprochene Outro, ich heiße Jean-Baptiste Grenouille und verschwinde in der Nacht/verschmilze mit der Nacht, dreht Süskinds berühmte Erzählerentscheidung am Romanende in eine Entscheidung der Figur selbst. Eleganter Horror, der Parfümeur als Blutsauger.

16 — Last Days

(Dark Carnival / Stadium Chant)

Gescheiterte Weltuntergangsdaten als Fußball-Grölchorus. Nach dem Prinzip, Zahlen als Titel, hier aber sind die Zahlen Nieten, falsche Prophezeiungen, die alle verstrichen sind, immer wieder wurde das Datum nur verschoben, nie als falsch zugegeben. Das Stück erzählt von einem Großvater, der seine Immobilie verkaufte, weil das Paradies ja komme, und mit fünfundneunzig im Glauben starb, von einer Mutter, deren Leben in Angst verging. Die Bridge, als Rap, rechnet hart mit der Organisation ab, dem falschen Sklaven des Wachtturms, mit den fliegenden Löwen mit Skorpionschwänzen und all den Märchen. Das griechische Outro zitiert Matthäus 24, 36, den Vers, der das Ausrechnen des Endes ausdrücklich verbietet, niemand kennt den Tag und die Stunde, nicht einmal der Sohn, nur der Vater, was aufgrund der Redewendung glasklar bedeutet, dass man nicht nach dem Datum suchen darf. Genau der Vers, den die Datums-Propheten ignorieren. Der Parasit hier ist die Organisation, die von der Angst vor dem Ende lebt und das Leben ihrer Mitglieder auffrisst.

17 — Trickle Down

(EBM / Industrial / Political)

Das wirtschaftspolitische Herzstück, bereits als Video erschienen, bewusst ernst und nicht satirisch gehalten. Trickle Down zerlegt die Lüge der angebotsorientierten Wirtschaftstheorie, der Reichtum der Reichen sickere nach unten durch, in drei Strophen, Wirtschaft, Politik, Religion. Die Reichen nennen ihr Ausgeben Investment, die Politik nennt Steuersenkungen für Konzerne eine Stimulierung, während sie die Bevölkerung ausnimmt, die Kirche nennt den Zehnten den Weg zur Erlösung. Der Refrain dreht das Bild um, das Geld regnet nicht herab, es regnet nach oben. Und der Schluss ist eine kalte Abrechnung, es gibt kein Trickle Down, ausgegebenes Geld ist schon weg, hör auf, an die Waage zu glauben, wenn die Seite, auf der du sitzt, die falsche ist. Der Regen, der nach oben fällt, ist das stärkste Bild des Albums für die Umverteilung von unten nach oben.

18 — Bene Elyon

(Symphonic Gothic / Tarja Turunen Influence)

Das epischste Stück der Platte, symphonischer Gothic mit sopranüberwölbtem Chor. Bene Elyon, die Söhne des Höchsten, erzählt auf Grundlage von Psalm 82 und der ugaritischen Überlieferung die Religionsgeschichte, die im Religionsunterricht fehlt. El und JHWH waren ursprünglich zwei Götter, Aschera war Els Gattin, es gab siebzig Göttersöhne, eine ganze Götterversammlung. Erst das babylonische Exil, siebzig Jahre Gefangenschaft, machte aus dem Vielgötterglauben den Monotheismus, als die geistlichen Führer beschlossen, alle anderen Götter zu streichen und neu anzufangen. Die kühle Pointe im Schlusschorus, Monotheismus ist nur das Fehlen anderer Götter, einer von vielen biblischen Betrügereien. Das hebräische Outro zitiert Psalm 82 selbst, ihr seid Götter, Söhne des Höchsten allesamt, doch wie Menschen werdet ihr sterben. Ein Stück stiller Blasphemie, die vergessene Götterversammlung, wieder ausgegraben.

19 — Cordyceps (Dead Ant)

(Dark Cabaret / schleichender Groove)

Der Abschluss, und die reinste Verkörperung des Albumthemas. Cordyceps, der Pilz, der Ameisen befällt, ihr Verhalten steuert und sie zu Werkzeugen seiner eigenen Fortpflanzung macht, ist das perfekte Bild des Parasiten, der die Kontrolle übernimmt. Gerahmt vom alten Pink-Panther-Gag, dead ant, dead ant, als Bassfigur, erzählt das Stück aus der Sicht des Pilzes selbst, ich bin der Pilz, der führt, die Spore unter deiner Haut, ich forme deine Bedürfnisse. Die Ameisen folgen Befehlen, hören auf zu denken, halten das System für intakt, bis es zu spät ist. Die dritte Strophe greift die Stadien aus The Last of Us auf, Runner, Stalker, Clicker, Bloater, das ganze Vokabular der befallenen Infizierten. Und die bitterste Zeile, du wurdest schon in einer Sackgasse geboren.
Intro und Outro sind ein Dialog zwischen der Filmfigur Inspector Jacques Clouseau, gespielt von Peter Sellers:„At times like this, I wish I was but a simple peasant.“ Daraufhin antwortet seine Frau Simone Clouseau: „It’s times like this that make me realize how lucky I really am.“
Das Album endet nicht mit einem Knall, sondern mit einem schleichenden, eleganten Grauen, der Parasit, der längst in uns ist und für uns denkt. Bene Elyon wäre der pompösere Schluss gewesen. Cordyceps ist der bessere, weil er unter die Haut kriecht und dort bleibt.

Das Album als Ganzes

PARASITE ist kein Album über Monster von außen. Es ist ein Album über die Verstrickung, über die unauflösbare Doppelrolle, in der jeder von uns steckt. Der Konzern und der Arbeiter, die Kirche und der Gläubige, der Staat und der Bürger, der Süchtige und seine Droge, der Held und die Menge, sie alle sind zugleich Wirt und Parasit, und keiner kommt sauber heraus. Das ist die unbequeme Ehrlichkeit dieser Platte. Sie zeigt nicht mit dem Finger auf die anderen, sie zeigt auf das System, in dem wir alle gleichzeitig saugen und ausgesaugt werden.

Und PARASITE ist, bei aller Härte, ein zutiefst aufklärerisches Album. Hinter fast jedem Stück steht die gleiche Aufforderung, hinter die Fassade zu schauen, die schönen Worte zu misstrauen, zu fragen, wer hier eigentlich von wem lebt. Trickle Down entlarvt die Wirtschaftslüge, Faith Tax und Gangrene und Bene Elyon die religiösen, Parapopulism und The Satyrn die politischen, STD und Dreambutcher die persönlichen. Der Humor ist dabei das trojanische Pferd, man grölt den Buy-Bucks-Chorus mit, bis einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Genau so soll es sein.

Das Stück, das alles zusammenhält, ist das letzte. Cordyceps sagt die eigentliche Wahrheit des Albums, der gefährlichste Parasit ist der, den man nicht bemerkt, weil er längst die eigenen Gedanken steuert und man glaubt, es seien die eigenen. Du wurdest schon in einer Sackgasse geboren. Die Frage, die PARASITE stellt, ist, ob man den Pilz unter der eigenen Haut erkennt, bevor er einen ganz übernommen hat. Und ob es dann noch einen Unterschied macht.

Wer heute Schmarotzer ist, kann morgen das Herzstück sein. Die Mitochondrien haben es vorgemacht. Die Frage ist nur, auf welcher Seite man gerade steht. Und ob man es überhaupt noch weiß.

PARASITE. Album 07 von Dystopien Sounds, neunzehn Titel, Release 30. November 2026. Sämtliche Texte und Konzepte von Dystopien Sounds, Vertonung mit KI-Unterstützung. Als Vorab-Videos erschienen unter anderem Parapopulism, Trickle Down, Heart of Art, Saving the World, Lost in Music und Dreambutcher.

Kategorie: Musik · Konzeptalbum · Dark Electronic · Gesellschaftskritik · Dystopien Sounds · dystopien.de

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