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Die meisten Dystopien enden mit einem Knall. Mit Feuer, mit Aufstand, mit dem Moment, in dem das System zusammenbricht oder der Held es zum Einsturz bringt. P.D. James interessiert sich nicht dafür. The Children of Men, erschienen 1992, endet anders — und beginnt anders. Mit einer Stille, die schwerer wiegt als jede Explosion.
Das Szenario ist denkbar einfach: Seit 1995 wurde kein Mensch mehr geboren. Weltweit. Ohne Erklärung, ohne Heilung, ohne Hoffnung. Die Menschheit stirbt nicht durch Krieg oder Katastrophe — sie hört einfach auf, sich fortzupflanzen. Und das, stellt James mit erschreckender Präzision fest, ist genug. Mehr als genug.
Was passiert mit einer Gesellschaft, die weiß, dass sie die letzte ist? Das ist die Frage, um die sich alles dreht. Und die Antwort ist keine heroische.
P.D. James: Die Königin des Krimis schreibt die dunkelste Dystopie

P.D. James — Phyllis Dorothy James, Baroness James of Holland Park — ist vor allem als Schöpferin des Detektivs Adam Dalgliesh bekannt, einer der elegantesten Krimisequenzen der englischen Literatur. Sie war eine der meistgelesenen britischen Autorinnen des 20. Jahrhunderts, Commander of the Order of the British Empire, Mitglied des House of Lords.
Und dann, mit 72 Jahren, schrieb sie The Children of Men.
Das ist kein Zufall. James war eine genaue Beobachterin der britischen Gesellschaft — ihrer Institutionen, ihrer Klassenstrukturen, ihrer moralischen Erosion. Was sie in The Children of Men beschreibt, ist keine Science-Fiction-Fantasie. Es ist eine Extrapolation dessen, was sie bereits sah: eine Gesellschaft, die den Sinn für Zukunft verliert. Die aufhört, in Generationen zu denken. Die sich selbst aufgibt — nicht dramatisch, sondern graduell, bequem, fast unmerklich.
Ein Detail, das alles über ihre Herangehensweise sagt: James schrieb den Roman in Tagebuchform — aus der Perspektive von Theo Faron, einem Oxford-Historiker, der seine Gedanken aufzeichnet, weil er nicht weiß, für wen. Es gibt keine künftige Generation, die sie lesen wird. Das Schreiben selbst ist ein Akt gegen die Sinnlosigkeit.
Die Welt des Jahres 2021
James setzt den Roman im Jahr 2021 an — damals dreißig Jahre in der Zukunft, heute Vergangenheit. Großbritannien wird von einem Warden regiert, Xan Lyppiatt, Theos Cousin, der die Ordnung aufrechterhalten hat, indem er Demokratie durch Effizienz ersetzt hat. Es gibt keine Wahlen mehr. Es gibt keine Opposition. Es gibt auch keinen Grund mehr, beides zu wollen — wozu Demokratie, wenn es keine Zukunft gibt, für die man sie verteidigen müsste?
Das ist James‘ schärfste Beobachtung: Demokratie braucht Zukunft. Sie braucht die Vorstellung, dass Entscheidungen von heute Konsequenzen von morgen haben. Nimm die Zukunft weg, und die Bereitschaft, für Freiheit zu kämpfen, verschwindet mit ihr.
Die Gesellschaft hat sich arrangiert. Die letzten Geborenen — die Omegas, Jahrgang 1995 — sind verwöhnt, gewalttätig, unberechenbar. Die Alten werden auf Staatskosten versorgt — und dann, wenn die Last zu groß wird, auf Schiffen ins Meer geschickt. Freiwillig, natürlich. Alles freiwillig.
In einer Welt ohne Zukunft wird die Gegenwart unerträglich leicht.
Theo Faron: Der Mann, der aufgehört hat zu hoffen
Theo ist kein Held. Er ist ein Mann, der sich zurückgezogen hat — aus der Politik, aus Beziehungen, aus dem Engagement. Er ist intelligent, selbstreflexiv und vollkommen passiv. Er hat einen Sohn verloren, durch eigene Schuld, und seitdem keine Verbindung zur Welt mehr gesucht.
James wählt ihn als Erzähler, weil er das verkörpert, was die Gesellschaft insgesamt tut: Er hat aufgehört zu glauben, dass es sich lohnt. Und dann begegnet er einer kleinen Gruppe von Widerständlern — und einer Frau, die schwanger ist.
Das erste Kind seit fünfundzwanzig Jahren. Das ist der Moment, in dem der Roman kippt — nicht in Hoffnung, sondern in Verantwortung. Theo kämpft nicht, weil er an die Zukunft glaubt. Er kämpft, weil er plötzlich keine Wahl mehr hat. Weil Gleichgültigkeit angesichts dieses Kindes keine Option mehr ist.
Das ist James‘ eigentliche These: Hoffnung ist keine Voraussetzung für Handeln. Manchmal reicht es, dass etwas schützenswert ist.
Die religiöse Dimension
James war eine gläubige Anglikanerin, und The Children of Men trägt diese Haltung in sich — nicht aufdringlich, aber unübersehbar. Die Schwangerschaft der jungen Frau Julian hat messianische Züge. Die Frage, wer der Vater ist, bleibt offen. Die Geburt findet unter primitiven Umständen statt.
Das ist keine versteckte Allegorie. Es ist eine offene. James interessiert sich für die Frage, was Hoffnung bedeutet, wenn alle rationalen Gründe für sie verschwunden sind. Und ihre Antwort ist theologisch: Hoffnung ist nicht rational. Sie ist ein Akt des Willens. Oder der Gnade.
Das unterscheidet The Children of Men von fast allen anderen Dystopien auf dieser Liste. Orwell, Huxley, Atwood — sie analysieren. James betet. Nicht laut. Aber man hört es.
Warum The Children of Men auf Platz 18 unserer Liste steht

Platz 18 ist eine Entscheidung, die wir uns nicht leicht gemacht haben. Der Roman verdient höher — thematisch, literarisch, in seiner philosophischen Tiefe. Er steht hinter Werken, die lauter sind, spektakulärer, zugänglicher.
Was ihn auf 18 hält: James erzählt langsamer als die meisten auf dieser Liste. Der Roman ist bewusst kontemplativ — manchmal fast zu sehr. Wer Action erwartet, wird sich gedulden müssen. Wer sich darauf einlässt, findet einen der ehrlichsten Blicke auf das, was Gesellschaft zusammenhält — und was passiert, wenn der Grund dafür verschwindet.
Nicht Tyrannei. Nicht Krieg. Nur das Ende der Zukunft. Das reicht.
Falls noch nicht gelesen …
… muss man das nachholen.
Im Land der leeren Häuser (deutsch)
The Children of Men (englisch)
P.D. James: The Children of Men. Erstmals erschienen 1992. Deutsch bei Blanvalet unter dem Titel „Im Land der leeren Häuser“. Verfilmt 2006 von Alfonso Cuarón mit Clive Owen.
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