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They Live (1988): Setz die Brille auf und sieh die Wahrheit

dystopien.de · Film · Konsumkritik · Manipulation · Kultfilm · John Carpenter

They Live. Es gibt eine einfache, geniale Idee im Zentrum dieses Films, und sie ist zu einem der mächtigsten Bilder der Popkultur geworden. Ein Mann setzt eine Sonnenbrille auf, und plötzlich sieht er die Welt, wie sie wirklich ist. Die bunten Werbeplakate verschwinden, und darunter erscheinen die wahren Botschaften in schwarzweißer Klarheit. GEHORCHE. KONSUMIERE. KAUFE. SCHAU FERN. HEIRATE UND VERMEHRE DICH. STELLE KEINE FRAGEN. Und die feinen Herren in ihren Anzügen entpuppen sich als das, was sie sind, als Aliens mit gespenstischen Totenschädelgesichtern, eine fremde Herrenklasse, die die Menschheit unbemerkt beherrscht.

John Carpenters They Live von 1988 ist auf der Oberfläche ein billiger Science-Fiction-Actionfilm mit einem Wrestler in der Hauptrolle. Darunter aber liegt eine der schärfsten und direktesten Gesellschaftssatiren, die das amerikanische Kino hervorgebracht hat, eine wütende Abrechnung mit dem Konsumkapitalismus, mit der Ungleichheit und mit der Manipulation der Massen. Es ist ein Film, dessen Bildsprache längst ein Eigenleben führt, und der auf dystopien.de aus einem besonderen Grund eine Heimat hat. Denn er handelt genau von dem, was auch das dystopische Denken antreibt, vom Sehen dessen, was verborgen bleiben soll.

John Carpenter und die getarnte Wut

John Carpenter, geboren 1948, ist einer der einflussreichsten Regisseure des Horror- und Science-Fiction-Kinos, berühmt für Klassiker wie Halloween und Das Ding aus einer anderen Welt. Er ist ein Meister des Genrekinos, ein Handwerker, der seine Filme oft selbst schreibt, inszeniert und mit eigener Musik vertont. Bei They Live tat er all das, das Drehbuch schrieb er unter dem Pseudonym Frank Armitage, das er zugleich einer der Figuren gab, ein kleiner Insiderwitz.

Was They Live von Carpenters anderen Werken unterscheidet, ist seine offene politische Wut. Der Film entstand aus Carpenters Abscheu vor dem Amerika der Reagan-Ära, vor der Gier-ist-gut-Ideologie der achtziger Jahre, vor der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich, vor der Verwandlung der Kultur in eine einzige Verkaufsveranstaltung. Carpenter timte die Premiere bewusst kurz vor die amerikanische Präsidentschaftswahl von 1988, als Weckruf gedacht. Er wollte, wie er sagte, einen Film machen, der die Menschen aufrüttelt. Die Vorlage fand er in einer kurzen Science-Fiction-Geschichte von Ray Nelson aus den sechziger Jahren, Eight O’Clock in the Morning, in der ein Mensch aufwacht und die fremde Herrschaft durchschaut.

Das Budget war schmal, rund drei Millionen Dollar, gedreht wurde in acht Wochen in Downtown Los Angeles, wo Carpenter die reale Obdachlosigkeit und Armut der Zeit als Kulisse nutzte. Der Film spielte weltweit über dreizehn Millionen ein, ein solider Erfolg, aber erst über die Jahre wuchs er zum Kult, zu einem der meistzitierten und meistgedeuteten Filme seiner Art.

Nada, der Namenlose

Die Hauptrolle besetzte Carpenter mit einem Wagnis, das sich als Geniestreich erwies. Der Held des Films, ein namenloser Wanderarbeiter, der im Abspann nur Nada heißt, spanisch für nichts, wird gespielt von Roddy Piper, damals ein bekannter Wrestling-Star, kein ausgebildeter Schauspieler. Carpenter begründete die Wahl damit, dass Piper im Gegensatz zu glatten Hollywood-Darstellern das Leben ins Gesicht geschrieben stehe. Ein Mann, der mit dem Leben gekämpft und dabei Prügel bezogen habe, echt, kaputt, glaubwürdig.

Nada ist genau das, ein einfacher Mann, ein Arbeiter, der von Stadt zu Stadt zieht und Arbeit sucht, in einem Amerika der Rezession, der Obdachlosigkeit, der Elendsviertel. Er ist kein Intellektueller, kein Held, kein Auserwählter. Und als er die Wahrheit entdeckt, löst er das Problem nicht mit einem klugen Plan, sondern auf die einzige Weise, die er kennt. Mit den Fäusten. Er zwingt die Menschen um sich herum, die Brille aufzusetzen und selbst zu sehen. Das ist die demokratische, proletarische Pointe des Films. Die Wahrheit gehört nicht den Klugen, sondern jedem, der bereit ist, hinzusehen. An Nadas Seite steht Frank, gespielt von Keith David, ein weiterer Arbeiter, der sich zunächst weigert, die Brille auch nur aufzusetzen.

Die Wahrheit liegt auf der Straße, für jeden sichtbar, man muss nur die Brille aufsetzen. Aber die Menschen weigern sich, hinzusehen, weil die Lüge bequemer ist. Das ist der eigentliche Horror des Films.

Die berühmteste Prügelei des Kinos

Genau um diese Weigerung dreht sich die berühmteste Szene des Films, und sie ist zu einer Legende geworden. Nada hat die Wahrheit erkannt und will, dass sein Freund Frank die Brille aufsetzt, um sie ebenfalls zu sehen. Frank weigert sich. Und daraus entwickelt sich eine Prügelei, die über fünf Minuten dauert, eine schier endlose, absurde Schlägerei zwischen zwei Männern, nur darüber, ob der eine eine Sonnenbrille aufsetzt oder nicht.

Die Szene ist auf den ersten Blick lächerlich, überzogen, viel zu lang, und genau das ist die Absicht. Carpenter, der aus Pipers Wrestling-Erfahrung schöpfte, inszenierte sie als grotesken Kommentar. Die schiere, aberwitzige Länge des Kampfes zeigt, wie verzweifelt sich der Mensch dagegen wehrt, die Wahrheit zu sehen. Frank will lieber vermöbelt werden, als die Brille aufzusetzen, weil er ahnt, dass das, was er dann sähe, sein bequemes Weltbild zerstören würde. Es ist eine Parabel in Faustschlägen. Die Wahrheit wird einem nicht geschenkt, man muss sie den Menschen manchmal förmlich aufzwingen, und sie wehren sich mit aller Kraft dagegen.

Die Aliens als herrschende Klasse

Der dystopische Kern des Films liegt in der Natur seiner Bedrohung. Die Aliens in They Live sind keine Invasoren, die mit Raumschiffen kommen und Städte zerstören. Sie sind bereits da, unter uns, seit langem. Und sie sehen aus wie die Elite. Sie tragen Anzüge, sie besitzen die Konzerne, sie kontrollieren die Medien, sie sitzen in den Chefetagen und in der Politik. Sie sind die herrschende Klasse, und ihre Herrschaft funktioniert nicht durch Gewalt, sondern durch Manipulation. Durch die unsichtbaren Botschaften in jeder Werbung, jedem Zeitungsartikel, jedem Geldschein, die den Menschen einbläuen, zu gehorchen, zu konsumieren, nicht nachzudenken.

Das ist eine bösartig treffende Metapher für den Kapitalismus selbst. Carpenter macht die Klassenherrschaft buchstäblich sichtbar. Die Reichen sind wortwörtlich eine andere, fremde Spezies, die die Menschheit als Vieh hält, als Ressource, als Konsumentenmasse, die man melkt und beherrscht. Eine Figur im Film formuliert es unverblümt. Die Menschheit werde gezüchtet wie Vieh, der Mittelstand werde bewusst zerstört, immer mehr Menschen würden arm gemacht. Das ist keine subtile Andeutung, das ist eine offene Anklage, und gerade in ihrer Direktheit liegt die Kraft des Films.

Die ehrliche Einordnung

They Live ist ein großartiger Film, aber man muss ehrlich sagen, was er ist und was nicht. Er ist ein B-Film, mit dem Charme und den Grenzen des B-Films. Die Spezialeffekte sind billig, die Alien-Masken wirken nach heutigen Maßstäben grob, das Schauspiel ist stellenweise hölzern, die Dialoge sind mitunter plump. Piper ist charismatisch, aber kein großer Schauspieler, und einige seiner Sprüche, etwa der berühmte Einzeiler über das Kaugummi und das Treten von Hintern, sind kernig, aber kaum subtil. Wer feinsinniges Autorenkino erwartet, ist hier falsch.

Auch die Botschaft ist alles andere als versteckt. They Live gewinnt keinen Preis für Subtilität. Carpenter schlägt seine Kritik mit dem Holzhammer ein, wörtlich, denn die Botschaften stehen ja in Großbuchstaben auf den Plakaten. Manche Kritiker sahen darin eine Schwäche, die allzu plakative, wenig differenzierte Gesellschaftskritik. Aber man kann es auch als Stärke sehen. Der Film will nicht raffiniert sein, er will aufrütteln, und seine Direktheit ist Teil seiner proletarischen, wütenden Ehrlichkeit. Es ist ein Film für die Arbeiter, nicht für die Feuilletons, und das ist genau richtig so.

Und man sollte den Film vor einem Missverständnis schützen, das ihm widerfahren ist. Weil er von einer verborgenen Elite handelt, die die Welt heimlich kontrolliert, haben ihn manche Verschwörungsideologen für sich vereinnahmt, teils sogar mit antisemitischem Beiklang. Carpenter hat dem entschieden widersprochen. Sein Film ist eine Kritik am Kapitalismus und am seelenlosen Konsum, keine Chiffre für irgendeine Verschwörungsfantasie. Wer ihn so liest, hat ihn gründlich missverstanden.

Warum They Live auf Platz 28 unserer Liste steht

(Die 100 besten dystopischen Filme.) Weil er eine der klarsten und wirkmächtigsten Metaphern für die Manipulation der Massen geschaffen hat und weil diese Metapher heute aktueller ist als je zuvor. Die Idee der Brille, die die verborgene Wahrheit hinter der schönen Oberfläche sichtbar macht, ist zum universellen Symbol geworden. In einer Welt der allgegenwärtigen Werbung, der Algorithmen, der sozialen Medien, der gezielten Beeinflussung, der Datenausbeutung, ist die Vorstellung, dass wir ständig manipuliert werden, ohne es zu merken, keine Science Fiction mehr. They Live fragt, ob wir die Brille aufsetzen würden, wenn wir könnten, oder ob wir wie Frank lieber weiterkämpften, um nicht sehen zu müssen.

Und die Bildsprache des Films hat ein Eigenleben entwickelt, das seinen Ruhm überstrahlt. Das Wort OBEY in strenger schwarzweißer Schrift ist zur Ikone geworden, aufgegriffen unter anderem vom Streetart-Künstler Shepard Fairey, dessen OBEY-Kampagne direkt auf Carpenters Film zurückgeht. Genau diese Ikonografie, die entlarvenden Parolen, die Smiley-hafte Leere der Konsumbotschaften, hat auch im Kosmos von dystopien.de ihre Spuren hinterlassen, in der Bildwelt eigener Videoarbeiten, die mit denselben Parolen arbeiten. Das zeigt, wie tief dieser vermeintlich billige B-Film sich ins kulturelle Gedächtnis gegraben hat.

They Live ist der Beweis, dass große Ideen kein großes Budget brauchen. Ein Wrestler, eine Sonnenbrille, ein paar Millionen Dollar und eine gehörige Portion Wut, daraus schuf John Carpenter einen Film, der Generationen überdauert und dessen zentrale Frage uns nicht loslässt. Was würdest du sehen, wenn du die Brille aufsetzt? Und wärst du bereit, hinzusehen, oder würdest du dich lieber die Augen zuhalten und weiterkonsumieren, bis acht Uhr morgens, wenn der Wecker klingelt und alles wieder von vorn beginnt?

Die Brille liegt bereit. Man muss sie nur aufsetzen.

They Live. USA 1988. Regie, Drehbuch (als Frank Armitage) und Musik: John Carpenter, nach der Kurzgeschichte Eight O’Clock in the Morning von Ray Nelson. Kamera: Gary B. Kibbe. Darsteller: Roddy Piper, Keith David, Meg Foster. Budget rund 3 Millionen Dollar, weltweites Einspielergebnis über 13 Millionen. Zunächst mäßig beachtet, heute Kultfilm und feste Größe der Konsumkritik.

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