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This War of Mine: Das Brettspiel — Überleben ohne Würde

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Die meisten Kriegsspiele fragen: Wie gewinnt man? This War of Mine fragt: Wie überlebt man — und was bleibt von einem übrig, wenn man es getan hat?

Das Brettspiel, erschienen 2017 bei Awaken Realms, basiert auf dem gleichnamigen Videospiel von 11 bit studios aus dem Jahr 2014. Das Videospiel wiederum basiert auf dem Bosnienkrieg 1992 bis 1995 — auf der Belagerung von Sarajevo, auf Berichten von Zivilisten, die in zerstörten Gebäuden überlebten, stahlen, hungerten, entschieden. Echte Menschen, echte Entscheidungen, echter Preis.

Kein anderes Brettspiel auf dem Markt ist so konsequent darin, seinen Spielern das Falsche abzuverlangen.

Kein Held. Kein Sieg. Kein Ende, das sich gut anfühlt.

In This War of Mine spielt man keine Soldaten. Man spielt Zivilisten — einen Koch, eine Ärztin, einen Tischler, einen Jugendlichen — die in einem halbzerstörten Haus in einer belagerten Stadt festsitzen. Draußen wird geschossen. Drinnen wird gehungert.

Der Tag gehört dem Überleben im Inneren: Wunden versorgen, Nahrung rationieren, Moral aufrechterhalten. Die Nacht gehört dem Plündern — man schickt eine Figur in die Stadt, in verlassene Gebäude, in Ruinen, auf der Suche nach Medikamenten, Nahrung, Materialien.

Und dann kommt der Moment, der das Spiel von allen anderen unterscheidet: Man findet ein altes Ehepaar in einem Haus. Sie haben Vorräte. Sie brauchen sie selbst. Man kann gehen — und vielleicht verhungert jemand in der eigenen Gruppe. Man kann nehmen — und vielleicht überlebt das Ehepaar den Winter nicht.

Das Spiel gibt keine Antwort. Es gibt keine richtige Entscheidung. Es gibt nur Konsequenzen.

Das Regelwerk als moralisches System

Was Awaken Realms mit der Brettspieladaption geleistet hat, ist bemerkenswert: Sie haben die emotionale Mechanik des Videospiels in ein physisches Medium übertragen — und dabei nichts von seiner Schwere verloren.

Das Spielbuch ist kein Regelwerk im klassischen Sinne. Es ist ein Erzählinstrument — voller kurzer Texte, Entscheidungssituationen, Konsequenzen. Man liest, entscheidet, liest weiter. Die Figuren haben Hintergründe, Eigenschaften, Traumata. Sie können depressiv werden. Sie können aufgeben. Sie können sterben — nicht durch Würfelpech, sondern durch Erschöpfung, durch Hunger, durch den Moment, in dem die Moral zusammenbricht.

Das Spiel dauert Stunden. Es endet — wenn der Krieg endet, wenn alle Figuren gestorben sind, oder wenn man aufhört. Und der Abschluss ist kein Siegpunkt-Tableau. Es ist eine Bilanz: Wer hat überlebt? Was hat das gekostet? Was hat man getan, um es zu ermöglichen?

Man gewinnt This War of Mine nicht. Man übersteht es — oder man tut es nicht.

Bosnien, Syrien, Ukraine: Die Kulisse wechselt, der Inhalt nicht

This War of Mine ist in keinem konkreten Land angesiedelt. Die Stadt hat keinen Namen, der Krieg hat keine Seiten, die Figuren haben keine Nationalität. Das ist eine bewusste Entscheidung — und eine kluge.

Denn das Prinzip, das das Spiel beschreibt, ist universell: Was passiert mit Zivilisten, wenn Krieg zur Umgebungsbedingung wird? Was passiert mit Moral, wenn Überleben zur einzigen Frage wird? Was passiert mit Gemeinschaft, wenn Ressourcen knapp werden und Vertrauen zum Luxus wird?

Die Belagerung von Sarajevo dauerte 1.425 Tage — die längste Belagerung einer Hauptstadt in der Geschichte moderner Kriegsführung. Menschen lebten in Kellern, tauschten Zigaretten gegen Brot, stahlen von Nachbarn, halfen Fremden, verrieten Freunde. Alles davon steckt in This War of Mine. Nicht als Geschichte, die man liest. Als Entscheidung, die man trifft.

Warum This War of Mine auf dystopien.de gehört

Dystopie ist nicht immer Science-Fiction. Manchmal ist sie Realität — eine Realität, die für die meisten Menschen weit genug entfernt ist, um sie zu ignorieren. This War of Mine macht das Ignorieren schwer.

Es setzt die Spielerin, den Spieler in eine Position, die man nicht wählen würde — und lässt keine komfortable Distanz. Man entscheidet. Man trägt die Konsequenz. Man sitzt nach einer Spielsitzung an einem Tisch, schaut auf die Figuren, und fragt sich, was man getan hat — und ob man es wieder tun würde.

Das ist die Funktion von Kunst, die ernst genommen werden will: nicht zu unterhalten, sondern zu konfrontieren. This War of Mine tut das mit einer Konsequenz, die die meisten Romane, Filme und Spiele nicht erreichen. Weil es nicht erzählt. Weil es entscheiden lässt.

Und weil die Entscheidungen wehtun.

This War of Mine: Das Brettspiel. Erschienen 2017. Entwickler: Awaken Realms. Basierend auf dem Videospiel von 11 bit studios (2014). Für 1-6 Spieler. Spieldauer: 2-6 Stunden.

Kategorie: Brettspiel · Gesellschaftskritik · Krieg · Zivilisten · dystopien.de

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