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Es gibt Filme, die eine Kultur verändern. Und es gibt einen Film, der ein Gesicht in die Welt setzte, das heute auf jeder zweiten Demonstration getragen wird. Auch von Menschen, die den Film nie gesehen haben. Die weiße, grinsende Guy-Fawkes-Maske aus V wie Vendetta ist zum globalen Symbol des Widerstands geworden: getragen von Anonymous, von Occupy, von Protestbewegungen auf allen Kontinenten. Kein anderer dystopischer Film der letzten Jahrzehnte hat einen Gegenstand hinterlassen, der so mächtig wurde wie seine eigene Geschichte.
V wie Vendetta, erschienen 2005, erzählt von einem faschistischen Großbritannien der nahen Zukunft. Eine Pandemie und globales Chaos haben das Land in Angst gestürzt, und aus dieser Angst ist eine totalitäre Diktatur erwachsen: die Partei Norsefire, angeführt von Kanzler Adam Sutler, der das Land durch Überwachung, Propaganda, Ausgangssperren und Lager regiert. Regimekritiker, Homosexuelle, religiöse Minderheiten, politisch Andersdenkende. Sie verschwinden.
In dieses System bricht V ein: ein maskierter Mann, der sich hinter dem Gesicht des historischen Verschwörers Guy Fawkes verbirgt und tut, was Fawkes 1605 misslang. Er will das Parlament in die Luft sprengen und eine Revolution entzünden.
Remember, remember the 5th of November, gunpowder, treason and plot; for there is a reason why gunpowder and treason should ne’er be forgot.

Alan Moore: Der Autor, der seinen eigenen Stoff verstieß
Die Vorlage stammt von einem der größten Comic-Autoren der Geschichte: Alan Moore, der auch Watchmen und From Hell schrieb. Gemeinsam mit dem Zeichner David Lloyd schuf er V for Vendetta in den achtziger Jahren — ursprünglich als Reaktion auf das Thatcher-Ära-England, das Moore mit wachsender Sorge betrachtete. Er sah Zeichen eines heraufziehenden Autoritarismus und schrieb dagegen an.
Moores Comic ist ein Werk über zwei politische Extreme: den Faschismus auf der einen Seite und den Anarchismus auf der anderen, verkörpert in V. Es ist keine simple Heldengeschichte. V ist moralisch zutiefst zwiespältig — ein Mann, der foltert, mordet und manipuliert, um seine Ziele zu erreichen. Moore stellt die unbequeme Frage, ob die Freiheit die Mittel rechtfertigt, mit denen sie erkämpft wird.
Und Moore hat den Film verstoßen. Er ließ seinen Namen aus dem Abspann streichen, verzichtete auf jede Tantieme und weigerte sich, den Film überhaupt anzusehen. Diese Haltung war nicht neu — er hatte schon die Verfilmungen von From Hell und Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen abgelehnt. Moore lehnt Hollywood-Adaptionen seiner Werke grundsätzlich ab; er ist der Überzeugung, dass etwas, das als Comic funktioniert, nicht automatisch als Film funktionieren sollte. Sein Vorwurf an V wie Vendetta im Speziellen: Die Wachowskis hätten seine Auseinandersetzung zwischen Anarchismus und Faschismus zu einer schlichteren Geschichte über amerikanischen Liberalismus gegen Neokonservatismus verflacht — aus dem Kalten-Krieg-England der Thatcher-Zeit sei ein Kommentar zum War on Terror der Bush-Ära geworden.
Bemerkenswert ist, dass der Zeichner David Lloyd das genau umgekehrt sah. Er unterstützte den Film, war zufrieden mit dem Ergebnis und lobte, wie akribisch die Vorlage respektiert wurde — der Comic sei praktisch als Storyboard verwendet worden. Zwei Schöpfer, dasselbe Werk, entgegengesetzte Urteile. Diese Spaltung gehört zur ehrlichen Einordnung des Films.

Die Wachowskis und James McTeigue
Das Drehbuch schrieben die Wachowskis — Lana und Lilly Wachowski, die Schöpferinnen von Matrix. Das merkt man dem Film an: Auch V wie Vendetta handelt von Menschen, die gegen ein allumfassendes System der Kontrolle aufbegehren, von der einen Person, die aufwacht und die anderen aufweckt. Es ist ein verwandtes Thema, in eine andere Kulisse verlegt.
Regie führte James McTeigue, für den es das Spielfilmdebüt war. McTeigue hatte zuvor als erster Regieassistent bei den Matrix-Filmen und bei Star Wars: Episode II gearbeitet. Er kannte das Handwerk des großen Genrekinos aus nächster Nähe. Seine Inszenierung wurde von der Kritik unterschiedlich bewertet: Manche lobten die klare, konzentrierte Bildsprache, andere fanden sie handwerklich unauffällig und warfen dem Film vor, die politische Komplexität der Vorlage zugunsten spektakulärer Bilder zu opfern.
Hugo Weaving: Schauspielkunst hinter einer Maske
Die außergewöhnlichste darstellerische Leistung des Films ist eine, die man nie sieht. Hugo Weaving spielt V und trägt die gesamte Laufzeit über die Guy-Fawkes-Maske. Kein Mienenspiel, kein Blick, keine Regung des Gesichts steht ihm zur Verfügung. Weaving muss alles allein mit der Stimme, der Körperhaltung, der Bewegung ausdrücken. Dass V trotz der starren Maske als lebendige, faszinierende, theatralische Figur funktioniert, ist eine Leistung, die man leicht übersieht.
Natalie Portman spielt Evey Hammond, die junge Frau, die in Vs Plan hineingezogen wird und im Lauf des Films eine Wandlung durchmacht: von der ängstlichen Mitläuferin zur bewussten Widerständlerin. Ihre berühmteste Szene ist zugleich die verstörendste des Films: Evey wird gefangen, kahlgeschoren und gebrochen, um am Ende ihre Angst zu verlieren. Es ist eine Sequenz über die Frage, ob man Freiheit durch Grausamkeit lehren kann; eine der moralisch heikelsten des ganzen Werks. John Hurt spielt den Diktator Sutler, in bewusster Umkehrung: Hurt hatte 1984 den Winston Smith in der Verfilmung von Orwells 1984 gespielt; vom Opfer des totalen Staates zu seinem Herrscher.

Die Idee, die unsterblich wurde: „Ideen sind kugelsicher“
Im Zentrum des Films steht ein Gedanke, den V immer wieder formuliert: Man kann einen Menschen töten, aber keine Idee. V ist austauschbar, hinter der Maske kann jeder stecken, und am Ende steckt tatsächlich jeder dahinter. Der Film gipfelt in einem Bild, das man nicht vergisst: eine Menschenmenge, in der jeder Einzelne die Guy-Fawkes-Maske trägt, ein anonymes Kollektiv, das dem Regime seine eigene Gesichtslosigkeit entgegenhält.
Der berühmteste Satz des Films bringt Vs Philosophie auf den Punkt: Menschen sollten keine Angst vor ihren Regierungen haben, Regierungen sollten Angst vor ihren Menschen haben. Man kann diesen Satz für kraftvoll halten oder für wohlfeil, die Kritik hat beides getan. Aber seine Wirkung ist unbestreitbar.
Denn genau hier geschah das Ungewöhnliche: Die Idee verließ den Film. Die Guy-Fawkes-Maske wurde zum realen Symbol. Das Hackerkollektiv Anonymous übernahm sie als Erkennungszeichen. Bei Occupy Wall Street, bei Protesten gegen Regierungen und Konzerne weltweit tauchte sie auf. Ein Filmrequisit wurde zum globalen Zeichen des Aufbegehrens: losgelöst vom Film, oft von Menschen getragen, die dessen Handlung gar nicht kennen. Kaum ein anderes Werk der Popkultur hat einen solchen Sprung aus der Fiktion in die politische Wirklichkeit geschafft.
Die Maske war stärker als der Film. Die Idee überlebte ihre eigene Erzählung.
Die ehrliche Einordnung
V wie Vendetta ist ein wirkungsvoller, intelligenter, bildstarker Film, aber kein makelloser. Die Kritik, die Alan Moore und einige Rezensenten formulierten, hat einen wahren Kern: Der Film vereinfacht. Moores Comic war eine ernsthafte, unbequeme Auseinandersetzung mit dem Anarchismus als politischer Philosophie, nicht als Rebellengeste, sondern als radikale Absage an jede Herrschaft. Der Film macht daraus eher eine allgemeine, gefühlvolle Feier des Widerstands gegen Tyrannei, zugänglicher und pathetischer, aber auch schlichter.
Auch die moralische Ambivalenz der Vorlage wird abgemildert. V bleibt im Film ein Rächer mit Terror-Methoden, aber der Film sympathisiert deutlicher mit ihm, als Moore es tat. Die schwierige Frage — ob ein Mann, der foltert und mordet, ein Held sein kann — wird gestellt, aber nicht mit derselben Schärfe verfolgt.
Das erklärt Platz 18 auf unserer Filmliste: ein sehr guter, kulturell enorm einflussreicher Film, der aber hinter der intellektuellen Radikalität seiner Vorlage zurückbleibt.
Warum V wie Vendetta auf Platz 18 unserer Liste steht
Weil kaum ein dystopischer Film so unmittelbar in die politische Wirklichkeit gewirkt hat. V wie Vendetta hat nicht nur eine Geschichte erzählt. Der Film hat ein Symbol geschaffen, das Menschen weltweit benutzen, um sich gegen Macht zu stellen. Das ist eine seltene, fast beispiellose Wirkung.
Und weil seine dystopische Diagnose treffsicher bleibt. Der Film zeigt, wie eine Demokratie zur Diktatur wird: nicht durch einen Putsch, sondern durch Angst. Eine Krise, eine Pandemie, ein Terroranschlag — und die Menschen geben ihre Freiheit freiwillig ab im Tausch gegen Sicherheit. Norsefire kam nicht mit Panzern an die Macht. Es kam mit dem Versprechen, die Bürger zu beschützen. Das ist die Warnung, die den Film über seine Schwächen hinaushebt: dass der Weg in den Totalitarismus oft durch die Angst führt, und dass die, die ihn gehen, glauben, sie täten das Richtige.
Guy Fawkes scheiterte 1605. V gelingt, was Fawkes misslang. Im Film. Aber die eigentliche Sprengung fand woanders statt: in der Wirklichkeit, wo die Maske zum Gesicht eines Widerstands wurde, den sich weder Alan Moore noch die Wachowskis je hätten träumen lassen.
Manchmal ist die Idee tatsächlich kugelsicher.
V wie Vendetta. USA/Großbritannien/Deutschland 2005. Regie: James McTeigue. Drehbuch: The Wachowskis, nach dem Graphic Novel von Alan Moore und David Lloyd (1982–1989). BluRay. Darsteller: Natalie Portman, Hugo Weaving, Stephen Rea, John Hurt, Stephen Fry. Musik: Dario Marianelli. Alan Moore lehnte den Film ab und ließ seinen Namen aus dem Abspann entfernen.
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