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White Bear. Es gibt Folgen von Black Mirror, die einen mit einem Twist überrumpeln, und es gibt eine, deren Twist den Zuschauer selbst auf die Anklagebank setzt. White Bear, die zweite Folge der zweiten Staffel, ist ein moralisches Experiment, getarnt als Horrorfilm, und sie gehört zu den verstörendsten und meistdiskutierten Episoden der gesamten Serie. Sie beginnt als rätselhafter Albtraum und endet als unbequeme Frage an uns alle. Was unterscheidet Gerechtigkeit von Rache, und was unterscheidet uns, die wir zusehen, vom Mob?
Die Folge ist bewusst als Falle gebaut. Sie lockt den Zuschauer in eine Identifikation, in Mitgefühl, in Empörung, und dreht dann alles um, bis man nicht mehr weiß, auf welcher Seite man eigentlich steht. White Bear ist Black Mirror in seiner grausamsten, selbstreflexivsten Form, eine Folge, die den dunklen Spiegel direkt auf den Betrachter richtet.

Der Albtraum ohne Erinnerung
Die Folge beginnt mitten im Grauen. Eine junge Frau, später erfahren wir ihren Namen, Victoria, erwacht in einem fremden Raum, ohne jede Erinnerung daran, wer sie ist oder wie sie hierhergekommen ist. Auf einem Bildschirm pulsiert ein seltsames Symbol. Als sie nach draußen geht, findet sie eine Welt vor, die etwas Schreckliches heimgesucht hat. Die meisten Menschen stehen teilnahmslos da und filmen sie mit ihren Smartphones, stumm, starr, wie hypnotisiert. Andere, maskiert und bewaffnet, machen Jagd auf sie, wollen sie töten. Victoria flieht, verzweifelt, verfolgt, während die Schaulustigen jeden Moment ihres Martyriums aufzeichnen, ohne einzugreifen.
Dieser erste Teil der Folge funktioniert als packender, beklemmender Thriller. Victoria schließt sich anderen scheinbar Unbetroffenen an, die ihr erklären, ein mysteriöses Signal habe die meisten Menschen in willenlose Voyeure verwandelt, die alles filmen, und den Rest in mordlustige Jäger. Gemeinsam wollen sie die Quelle des Signals erreichen, einen Sendemast am Ort namens White Bear, um es zu zerstören. Der Zuschauer leidet mit Victoria, bangt mit ihr, hält sie für ein unschuldiges Opfer einer unerklärlichen Katastrophe.
Die ganze erste Hälfte der Folge baut das Mitgefühl des Zuschauers mit Victoria auf. Man will, dass sie entkommt, dass sie überlebt, dass sie die Quelle ihres Leids zerstört. Genau dieses Mitgefühl macht der Twist zur Falle.
Die Enthüllung
Dann kommt die Wendung, die Brooker nach eigenem Bekunden in zwei Tagen wie in einem Fiebertraum schrieb und die zum ersten großen Twist der Serie wurde. Nichts ist, wie es schien. Es gibt kein Signal, keine Katastrophe, keine zufällige Verfolgung. Victoria befindet sich in einer Anlage namens White Bear Justice Park, einer Art Freizeitpark der Bestrafung. Denn Victoria ist keine Unschuldige. Sie war an einem abscheulichen Verbrechen beteiligt, am Mord an einem kleinen Mädchen, das sie und ihr Verlobter entführt hatten, und sie hatte die Tat gefilmt, während ihr Partner sie beging. Der weiße Teddybär, der der Folge und dem Park den Namen gibt, gehörte dem ermordeten Kind und wurde zum Symbol der landesweiten Suche nach ihm.
Ihr Verlobter nahm sich in der Haft das Leben. Victoria aber wurde zu einer besonderen Strafe verurteilt. Jeden Tag durchlebt sie denselben Albtraum. Die maskierten Jäger, die filmenden Zuschauer, die Flucht, die Angst, all das ist Inszenierung, gespielt von Schauspielern, beobachtet von zahlenden Besuchern, die durch den Park strömen wie durch einen Vergnügungspark, um ihr Leiden zu sehen und zu filmen. Am Ende jedes Tages wird ihr vor Publikum die Wahrheit über ihr Verbrechen vorgehalten, und dann wird ihr Gedächtnis gelöscht, damit am nächsten Morgen alles von vorn beginnt, in ewiger Wiederholung, ein endloser Kreislauf der Qual.
Die Falle für den Zuschauer
Hier liegt die eigentliche Brillanz und Grausamkeit der Folge. Denn Black Mirror lässt den Zuschauer nicht einfach erleichtert feststellen, dass die Leidende eine Täterin ist. Die Folge hält zwei Dinge gleichzeitig fest, und sie zwingt den Betrachter, beide auszuhalten. Victorias Verbrechen war abscheulich, daran lässt die Folge keinen Zweifel. Und die Strafe ist monströs, daran lässt sie ebenso wenig Zweifel. Beides ist wahr. Der White Bear Justice Park kleidet sich in die Sprache der Gerechtigkeit, der Sühne, der Verantwortung. Aber streift man die Fassade ab, bleibt eine bezahlte Attraktion, bei der Menschen eine wehrlose, ihres Gedächtnisses beraubte Frau täglich foltern und das Ganze für Gerechtigkeit erklären.
Das ist die Frage, die die Folge dem Zuschauer stellt. Verdient ein Mensch, der Furchtbares getan hat, Furchtbares zurück? Ist die tägliche, öffentliche, zur Unterhaltung gemachte Folter einer Täterin Gerechtigkeit, oder ist sie nur Rache, nur Grausamkeit, nur die Befriedigung einer blutrünstigen Schaulust? Und, noch unbequemer, wer sind die Besucher des Parks, die zahlen, um zuzusehen und zu filmen? Sie halten sich für die Guten, für die Vollstrecker gerechter Strafe. Aber ihr Verhalten, das teilnahmslose Filmen, das Weiden am Leid, die Verwandlung von Qual in Unterhaltung, ist dasselbe, das Victoria einst zur Mittäterin machte, als sie den Mord filmte, statt einzugreifen. Die Zuschauer im Park tun genau das, was Victoria tat. Sie schauen zu und zeichnen auf.
Und damit meint die Folge auch uns, die wir vor dem Bildschirm sitzen und diese Geschichte als Unterhaltung konsumieren. White Bear ist eine Anklage der Schaulust, der Vergeltungslust, der öffentlichen Hetzjagden, wie sie in den sozialen Medien täglich stattfinden, wenn ein Mensch, der etwas getan hat, zum Freiwild wird und die Masse sich an seiner Vernichtung berauscht. Die Folge fragt, ob der zivilisierte Umgang mit dem Verbrechen in Wahrheit nur eine dünne Tünche über einem uralten Bedürfnis ist, dem Bedürfnis, den Sünder leiden zu sehen und sich dabei moralisch überlegen zu fühlen.
Die ehrliche Einordnung
White Bear ist eine der wirkungsvollsten und am meisten diskutierten Folgen der Serie, aber sie polarisiert. Ihre Stärke ist unbestreitbar. Der Twist ist einer der besten der ganzen Serie, perfekt vorbereitet mit zahllosen Hinweisen, die man erst beim zweiten Sehen bemerkt, das Symbol, das in Wahrheit ein Tattoo des Mittäters war, das weiße Kuscheltier des Opfers. Die Folge funktioniert als Thriller und als moralisches Lehrstück gleichermaßen, und ihre zentrale Frage nach Gerechtigkeit und Rache ist zeitlos und brennend aktuell.
Der Haupteinwand betrifft genau die Mechanik des Twists. Manche Kritiker finden, die Folge manipuliere den Zuschauer zu offensichtlich, sie baue Mitgefühl nur auf, um es dann für den Schockeffekt zu missbrauchen. Und die Prämisse selbst, eine staatlich sanktionierte Folteranlage als Freizeitpark, ist weniger plausibel, weniger nah an der Wirklichkeit als die besten Black-Mirror-Ideen, sie ist bewusst überzeichnet, eine Parabel mehr als eine Extrapolation. Wer von Black Mirror die beklemmende Nähe zur realen Technik erwartet, wie bei Be Right Back, findet hier eher eine moralische Allegorie. Minutenlanges Schreien der Protagonistin kann die Nerven stark belasten und die Folge eher in eine unliebsame Ecke drängen.
Trotzdem ist White Bear als Allegorie unübertroffen. Hier braucht es keine erfundene Technologie, um zu verstören, nur ein Smartphone und die menschliche Lust am Zuschauen. Sie zeigt, dass der Mob nicht aus Monstern besteht, sondern aus ganz normalen Menschen, die sich im Recht fühlen, während sie einem anderen Menschen Grausames antun und es Gerechtigkeit nennen. In einer Zeit, in der öffentliche Empörung, Online-Pranger und die kollektive Vernichtung von Menschen zum Alltag gehören, in der jeder Fehltritt gefilmt, geteilt und bestraft wird, ist White Bear aktueller denn je. Friedrich Dürrenmatt lässt mit Der Besuch der alten Dame grüßen.
Die Folge lässt einen mit einem unangenehmen Gefühl zurück, und das ist ihre Absicht. Man hat eine Täterin leiden sehen und dabei etwas empfunden, das zwischen Genugtuung und Entsetzen schwankt. Und am Ende bleibt die Frage, ob dieses Gefühl der Genugtuung, dieses leise Ja, sie hat es verdient, uns nicht gefährlich nahe an die filmenden Zuschauer im Park rückt. White Bear hält uns den Spiegel vor, und was wir darin sehen, ist nicht Victoria. Es sind wir selbst, mit dem Handy in der Hand, beim Zusehen.
Black Mirror, White Bear. Staffel 2, Episode 2. Großbritannien 2013, Channel 4. Regie: Carl Tibbetts. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Lenora Crichlow, Michael Smiley, Tuppence Middleton. Laufzeit rund 42 Minuten. Das wiederkehrende White-Bear-Symbol taucht später auch im interaktiven Film Bandersnatch auf. Episodenguide.
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