Videospieladaptionen sind meistens schlechter als ihr Ausgangsmaterial. Das ist keine Meinung – das ist eine statistische Beobachtung, gestützt durch Jahrzehnte enttäuschender Versuche. The Last of Us auf HBO ist die Ausnahme, die diese Regel nicht nur bestätigt, sondern neu definiert.
Neil Druckmann, der Schöpfer des Spiels, schrieb die Serie gemeinsam mit Craig Mazin – dem Mann hinter Chernobyl, einer der präzisesten Katastrophendystopien des Fernsehens. Das Ergebnis ist keine Kopie des Spiels. Es ist eine eigenständige Interpretation – die in manchen Momenten das Original übertrifft.
Was die Serie anders macht

Das Spiel zeigt. Die Serie erklärt. Das klingt nach Schwäche – ist es nicht. Die Serie hat Zeit für Kontexte, die das Spiel in der Spielmechanik versteckt. Der Ausbruch wird gezeigt, nicht nur erwähnt. Die Entstehung der Quarantänezonen, die politischen Entscheidungen dahinter, die ersten Tage des Chaos.
Und vor allem: die Menschen am Rand. Das Spiel ist Joel und Ellie. Die Serie ist die Welt, durch die sie sich bewegen – mit Charakteren, die im Spiel Nebenfiguren waren und hier eigene Episoden bekommen.
Episode 3: Die beste Stunde Fernsehen des Jahres
Episode 3 der ersten Staffel – Long Long Time – ist eine eigenständige Geschichte. Bill und Frank, zwei Männer, die sich in der Apokalypse finden, eine Gemeinschaft aufbauen, altern, lieben und gemeinsam sterben. Das Spiel kennt Bill als verbitterten Survivalist. Die Serie gibt ihm eine vollständige Biografie.
Die Episode ist das Gegenprogramm zu allem, was das Genre sonst tut: keine Jagd, keine Bedrohung, keine Spannung im klassischen Sinne. Nur zwei Menschen, die in einer zerstörten Welt beschließen, dass das Leben trotzdem gelebt werden muss. Nick Offerman und Murray Bartlett spielen es mit einer Präzision, die die Episode zu einer der besten Einzelstunden Fernsehens des Jahrzehnts macht.
Die Apokalypse als Kulisse für eine Liebesgeschichte –
nicht als Kontrast, sondern als Kontext.
Das Ende der Welt macht die Liebe nicht kleiner.
Es macht sie sichtbarer.
Pedro Pascal und Bella Ramsey
Die Besetzung war umstritten. Pedro Pascal als Joel – zu sympathisch, zu charismatisch für einen Mann, der sein Herz abgehärtet hat. Bella Ramsey als Ellie – zu jung, zu unbekannt für eine Rolle, die das Spiel ikonisch gemacht hat.
Beide liefern. Pascal spielt Joels emotionale Abriegelung nicht als Kälte, sondern als Erschöpfung – die Erschöpfung eines Mannes, der gelernt hat, dass Fühlen gefährlich ist. Ramsey spielt Ellies Roheit nicht als Trotz, sondern als Überlebensstrategie. Die Chemie zwischen beiden trägt die Serie – weil sie keine Heldengeschichte ist, sondern eine Vater-Tochter-Geschichte, die beide Seiten kostet.
Was die Serie nicht kann
Das Spiel hat einen Vorteil, den keine Adaption replizieren kann: Es lässt den Spieler die Entscheidungen treffen. Jeder Kampf, jede Ressourcenentscheidung, jedes Durchqueren einer zerstörten Stadt – das kostet etwas, weil man selbst dabei war. Die emotionale Wirkung des Endes von Teil I ist im Spiel größer, weil der Spieler zwanzig Stunden lang mit Joel war. Hat für ihn entschieden. Hat durch ihn geschossen.
Die Serie gibt dem Zuschauer diese Mitschuld nicht. Sie zeigt Joel. Das ist ein Unterschied, der zählt.
Staffel 2 und Teil II

Staffel 2 adaptiert The Last of Us Part II – das mutigere, unbeliebtere, wichtigere Spiel. Die Herausforderung ist dieselbe wie im Spiel: dem Publikum zumuten, die andere Seite zu verstehen. HBO hat bewiesen, dass sie das können. Die Frage ist, ob das Fernsehpublikum bereit ist für das, was kommt.
Wer Teil II noch nicht gespielt hat, sollte es tun – bevor die Serie ihn vorwegnimmt. Nicht weil die Serie schlechter wäre. Sondern weil das Spiel etwas tut, das die Serie nicht kann: Es macht den Zuschauer zum Täter. Und das ist die stärkste Version dieser Geschichte.
Komplette Staffel auf BluRay
The Last of Us. Serie. Entwickelt von Craig Mazin und Neil Druckmann. HBO / Sky. Staffel 1: 2023. Staffel 2: 2025.
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