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Es gibt einen Tippfehler am Anfang von Brazil. Ein Beamter erschlägt eine Fliege auf seiner Schreibmaschine — und aus dem Namen Tuttle wird Buttle. Dieser Tippfehler kostet einen unschuldigen Mann das Leben. Nicht aus Bosheit, nicht aus Absicht, nicht aus Ideologie. Aus einem Tippfehler.
Das ist Brazil. Das ist Terry Gilliams Welt von 1985 — eine Welt, in der das System nicht böse ist. Es ist nur vollkommen gleichgültig. Und Gleichgültigkeit, zeigt Gilliam, ist tödlicher als Böswilligkeit. Weil man gegen Böswilligkeit kämpfen kann. Gegen Gleichgültigkeit nicht.
Brazil ist der dystopischste Film, den Hollywood nie hätte machen dürfen — und den Universal Pictures tatsächlich versucht hat zu verhindern.
Terry Gilliam: Der Amerikaner, der britischer ist als die Briten

Terry Gilliam ist das einzige amerikanische Mitglied von Monty Python — und damit bereits eine Anomalie. In einer Gruppe britischer Komiker war er der Zeichner, der Animator, der Surrealist, der die Zwischensequenzen mit absurden Collagen füllte. Er hat das visuelle Vokabular von Python erfunden, bevor er anfing, eigene Filme zu drehen.
Was Gilliam auszeichnet, ist eine Kombination, die im Kino selten ist: er ist gleichzeitig Visionär und Handwerker. Seine Welten sind so detailliert, so konsequent durchdacht, dass man stundenlang in einem einzelnen Frame suchen kann und immer noch etwas Neues findet. Brazil ist voll von Hintergrunddetails, die die Vordergrundhandlung kommentieren — Plakate, Formulare, Uniformen, Architektur. Die Welt existiert vollständig, auch dort, wo die Kamera nicht hinschaut.
Ein Detail, das seinen Kampf um Brazil erklärt: Universal Pictures wollte den Film mit einem Happy End veröffentlichen — eine Version, die Gilliam als Brazil: The Love Conquers All Cut bezeichnet. Gilliam weigerte sich. Er ließ den Film illegal in Los Angeles vorführen, organisierte Kritikerscreenings, gewann die Los Angeles Film Critics Association Awards für besten Film und beste Regie. Universal gab nach. Der Originalfilm kam in die Kinos.
Gilliam hat Brazil gerettet, indem er das System, das er beschreibt, mit dessen eigenen Waffen schlug: Öffentlichkeit, Aufmerksamkeit, Weigerung.
Sam Lowry: Der Träumer im Käfig
Jonathan Pryce spielt Sam Lowry — einen kleinen Büroangestellten in einem Ministerium, der seinen grauen Alltag durch ausgedehnte Tagträume erträgt. In seinen Träumen ist er ein geflügelter Held, der eine Frau rettet, die er nicht kennt. In der Realität verwaltet er Formulare.
Sam ist kein Held. Er ist kein Rebell. Er ist jemand, der das System kennt, seine Absurdität versteht — und trotzdem mitmacht, weil es einfacher ist. Bis er die Frau aus seinen Träumen in der Realität trifft, und plötzlich ist Gleichgültigkeit keine Option mehr.
Was Pryce leistet, ist schwieriger, als es aussieht: Er spielt einen Mann, der erwacht — langsam, widerwillig, ohne Gewissheit, dass es sich lohnt. Das ist keine Heldenreise. Es ist die Geschichte eines Mannes, der aufhört wegzuschauen — und dafür alles bezahlt.
Er hat nicht das System bekämpft. Er hat aufgehört, es zu ignorieren. Das war genug, um ihn zu zerstören.
Die Bürokratie als Monster
Was Brazil so präzise macht, ist seine Darstellung von Bürokratie nicht als Mittel der Unterdrückung, sondern als Selbstzweck. Das System in Gilliams Film unterdrückt nicht, weil es will — es unterdrückt, weil es so gebaut ist, dass es nicht anders kann. Jedes Formular erzeugt das nächste. Jede Abteilung schiebt Verantwortung an die nächste. Niemand ist zuständig. Niemand entscheidet. Alles passiert einfach.
Der Folterknecht, der Sam am Ende verhört, ist kein Sadist — er ist ein Kollege, der seinen Job macht. Er ist freundlich, professionell, bedauert die Unannehmlichkeiten. Das Formular verlangt die Unterschrift. Er braucht die Unterschrift. Das ist alles.
Kafka hat das in Prosa beschrieben. Gilliam hat es in Bilder übersetzt — und dabei eine visuelle Sprache gefunden, die zwischen Slapstick und Albtraum pendelt, ohne je den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Spoilerwarnung: Das Ende, das Universal nicht wollte
Brazil endet nicht gut. Das soll zwar nicht spoilern, aber es ist die einzige mögliche Konsequenz des Films. Ein System, das so vollständig und so gleichgültig ist, lässt keine Rettung zu. Sam entkommt — aber nur in seinen Kopf. Was bleibt, ist ein Mann, der lächelt, während er zerstört wird. Weil die Tagträume stärker sind als die Realität. Weil die Flucht nach innen die einzige ist, die das System nicht verhindern kann.
Das ist kein Triumph. Es ist die traurigste Niederlage des dystopischen Kinos — weil sie so still ist. Kein Knall, keine Explosion, kein letzter Widerstandsakt. Nur ein Lächeln. Und Stille.
Universal wollte das ändern. Die Menschen dort wollten, dass Sam und Jill entkommen, dass die Liebe siegt, dass das Publikum das Kino mit einem guten Gefühl verlässt. Gilliam wusste, dass genau das die Lüge wäre, die seinen Film zerstört hätte. Denn Brazil ist ein Film darüber, wie Systeme Menschen zerstören — und ein Happy End hätte gesagt: Aber manchmal nicht. Manchmal gewinnt der Mensch.
Das ist nicht wahr. Und Gilliam weigerte sich, so zu lügen.
Warum Brazil auf Platz 1 unserer Liste steht
Kein anderer Film auf dieser Liste ist so vollständig. So konsequent in seiner Welt, so präzise in seiner Analyse, so kompromisslos in seinen Konsequenzen. Brazil zeigt nicht, was Tyrannei mit Menschen macht — es zeigt, was Bürokratie mit Menschen macht. Und Bürokratie ist gefährlicher als Tyrannei, weil sie kein Gesicht hat, das man hassen kann.
Die Relevanz des Films ist 1985 entstanden und seitdem nur gewachsen. In einer Welt, in der Algorithmen Entscheidungen treffen, in der niemand zuständig ist, in der Formulare Leben bestimmen — ist Brazil keine Satire mehr. Es ist Beschreibung.
Der Tippfehler vom Anfang? Er passiert jeden Tag. Überall. In jedem System, das groß genug ist, um den Menschen darin zu vergessen.
Und niemand ist schuld. Das erschreckt am meisten.
Anschauen?
Hier gibt es noch Blu-Rays.
Brazil. Großbritannien 1985. Regie: Terry Gilliam. Hauptdarsteller: Jonathan Pryce, Robert De Niro, Katherine Helmond, Ian Holm, Bob Hoskins. Drehbuch: Terry Gilliam, Tom Stoppard, Charles McKeown.
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