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The Long Walk (2025): Kein Horror. Und deshalb sind manche gegangen.

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Es gibt einen Moment während dieses Films, den man nicht auf der Leinwand sieht, sondern im Kinosaal. Der Moment, in dem Menschen aufstehen und gehen. Nicht weil der Film schlecht ist, sondern weil er nicht das liefert, was sie erwartet haben. Sie kamen für Stephen King. Sie kamen für Horror. Und sie bekamen ein Drama über sterbende Jungen, das langsam ist, unerbittlich und zutiefst traurig.

Das ist die eigentliche Geschichte hinter der Verfilmung von The Long Walk: Sie entlarvt ein Missverständnis, das King seit fünfzig Jahren begleitet. Menschen erwarten von ihm Grusel, Monster, Schockeffekte. Dabei war das nie sein eigentliches Ziel. King schreibt über Menschen unter unmöglichem Druck. Über das, was Angst und Not aus ihnen machen. Der Horror ist bei ihm oft nur der Anlass, nie der Kern.

Wer The Long Walk gelesen hat, weiß das. Wer nur den Namen King auf dem Plakat sah, war überfordert. Und genau das macht diese Verfilmung, erschienen 2025 unter der Regie von Francis Lawrence, zu einem ehrlichen Film. Er weigert sich, das zu sein, was das Publikum von King zu erwarten gelernt hat.

Francis Lawrence: Der Regisseur der Todesspiele

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Francis Lawrence diesen Stoff verfilmt hat. Lawrence hat den Großteil der Hunger-Games-Reihe inszeniert — Catching Fire, beide Mockingjay-Teile und zuletzt das Prequel The Ballad of Songbirds and Snakes. Niemand im heutigen Hollywood kennt sich besser damit aus, den tödlichen Wettbewerb als Medienereignis zu inszenieren.

Das ist die Ironie: Kings The Long Walk erschien 1979 und war das Original. Die Hunger Games kamen Jahrzehnte später — und viele Zuschauer werden jetzt denken, King habe bei Suzanne Collins abgeschrieben, obwohl es genau umgekehrt ist. Lawrence, der die Hunger Games fürs Kino prägte, schließt mit The Long Walk gewissermaßen den Kreis. Er verfilmt die Wurzel dessen, was er selbst berühmt gemacht hat.

Der Weg zu dieser Verfilmung war lang. Über Jahrzehnte scheiterten Anläufe: George A. Romero wollte den Stoff 1988 verfilmen, Frank Darabont 2007, André Øvredal 2018. Erst Lawrence und Lionsgate brachten ihn tatsächlich auf die Leinwand. Manche Bücher brauchen ihre Zeit — und ihren Moment. The Long Walk kam in einer Zeit an, in der seine Frage nach Leid als Unterhaltung aktueller ist denn je.

Cooper Hoffman und David Jonsson: Zwei Entdeckungen tragen den Film

Ein Film, der fast ausschließlich aus gehenden, redenden, sterbenden jungen Männern besteht, steht und fällt mit seinen Darstellern. Und hier hat The Long Walk seine größte Stärke.

Cooper Hoffman spielt Raymond Garraty, die Hauptfigur — und er bringt eine besondere Geschichte mit. Er ist der Sohn des verstorbenen Philip Seymour Hoffman, einem der größten Charakterdarsteller seiner Generation. Cooper Hoffman hat über seine Rolle gesagt, dass er eine Figur spiele, die wie er selbst einen Vater verloren hat — und dass er sein eigenes Trauma nicht länger verstecken, sondern in die Arbeit legen wolle. Diese Ehrlichkeit sieht man auf der Leinwand. Sein Garraty ist verletzlich, getrieben, echt.

David Jonsson spielt Peter McVries, den Jungen, der zu Garratys engstem Weggefährten wird. Jonsson, der zuvor in Alien: Romulus überzeugte, ist die zweite Entdeckung des Films. Die Freundschaft zwischen Garraty und McVries ist das emotionale Zentrum — und beide Schauspieler tragen sie mit einer Wärme und Tiefe, die den Film über seine grausame Prämisse hinaushebt. Die Kritik war sich einig: Diese beiden jungen Darsteller könnten Filme über Jahrzehnte tragen.

Eine schauspielerische Meisterleistung, die man leicht übersieht: Die langen Dialogszenen wurden in durchgehenden Einstellungen gedreht — während die Darsteller die ganze Zeit tatsächlich gingen. Man spielt eine emotionale Szene, während man körperlich am Limit ist. Das erzeugt eine Authentizität, die man nicht faken kann.

Mark Hamill als der Major

In einer der interessantesten Besetzungsentscheidungen spielt Mark Hamill — für Generationen der Luke Skywalker aus Star Wars — den Major, den militärischen Aufseher des Marsches. Es ist ein bewusster Bruch mit seinem heldenhaften Image. Der Major ist das kalte Gesicht des Systems, der Mann, der den Jungen zu Beginn die Hand schüttelt und dann zusieht, wie sie sterben.

Dass ausgerechnet Hamill — ein Gesicht der Hoffnung, des Guten — hier die Autorität eines mörderischen Regimes verkörpert, hat eine eigene Wirkung. Es ist dieselbe Strategie, die schon bei Tom Cruise in Krieg der Welten funktionierte: Ein Schauspieler gegen sein Image eingesetzt, um die Erwartung zu unterlaufen.

Warum manche gingen — und warum das den Film adelt

The Long Walk ist ein Drama, kein Horrorfilm. Er ist langsam, dialoglastig, emotional. Ja, es gibt Gewalt — der Film ist brutal in seinen Momenten des Todes, und die Altersfreigabe ist nicht ohne Grund streng. Aber die Gewalt ist nie Selbstzweck. Sie ist der Rahmen für etwas anderes: die Frage, was Menschen füreinander sind, wenn das System sie gegeneinander stellt.

Dass Zuschauer den Saal verlassen, sagt weniger über den Film als über die Erwartungen, mit denen sie kamen. Wer bei King reflexhaft an Grusel denkt, an Es, an Shining, an Übernatürliches, wird von einem langsamen Drama über sterbende Jungen enttäuscht. Aber das ist kein Versagen des Films. Es ist ein Missverständnis des Autors. King wollte nie primär Angst erzeugen. Er wollte immer den Menschen zeigen — unter Druck, an der Grenze, im Moment der Wahrheit.

The Long Walk ist die reinste Form davon. Es gibt kein Monster. Es gibt nur die Straße, den Staat und die Jungen. Und die Erkenntnis, dass das Grauen keine Kreatur braucht — nur ein System und ein Publikum, das zuschaut.

Die Kritik hat das verstanden. Der Film wurde überwiegend positiv aufgenommen, gelobt für seine Darsteller, seine emotionale Wucht, seine Bildsprache. Er spielte ein Vielfaches seines Budgets ein. Und er bewies, dass ein King-Stoff funktioniert, gerade wenn er sich weigert, Horror zu sein.

Warum The Long Walk auf dystopien.de gehört

Weil er zeigt, was das Buch schon 1979 wusste: Eine Gesellschaft, die Leid in Unterhaltung verwandelt, ist bereits eine Dystopie — auch ohne Weltuntergang, ohne Diktatur mit Uniformen, ohne Science-Fiction-Kulisse. Der Marsch ist ein Fernsehereignis. Die Menschen jubeln am Straßenrand. Die Jungen sterben, und das Land schaut zu.

Diese Verfilmung ist ein Grenzfall im besten Sinne: ein Drama, das dystopischer ist als die meisten expliziten Dystopien, weil es so nah an der Gegenwart bleibt. Kein fernes Reich, keine ferne Zukunft. Nur ein System, das aus dem Sterben junger Menschen eine Show macht — und ein Publikum, das nicht wegschaut, sondern hinschaut, weil es Unterhaltung ist.

Wer den Kinosaal verließ, hat vielleicht genau das nicht ertragen: nicht die Gewalt, sondern die Wahrheit darin. Dass wir das Publikum am Straßenrand sind. Immer öfter.

Ein Film, den man mit dem eigenen Kind sehen und danach nicht so schnell vergessen kann. Weil er nicht gruselt. Sondern bleibt.

The Long Walk. USA 2025. Regie: Francis Lawrence. Drehbuch: JT Mollner. Hauptdarsteller: Cooper Hoffman, David Jonsson, Garrett Wareing, Charlie Plummer, Ben Wang, Mark Hamill, Judy Greer. Musik: Jeremiah Fraites (The Lumineers). Basierend auf dem Roman von Stephen King als Richard Bachman (1979).

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