dystopien.de · Musik · Spoken Word · Dark Wave · Gesellschaftskritik · Anne Clark
Es gibt eine Geschichte, die man über Anne Clark erzählen kann, und sie stimmt nur zur Hälfte: dass sie eine Pionierin der elektronischen Musik ist, eine Wegbereiterin des Techno, eine Ikone der dunklen Szene. Das alles ist wahr. Aber es verfehlt den Kern. Denn Anne Clark hat sich nie als Musikerin verstanden. Sie ist Dichterin. Die Musik kam dazu — fast beiläufig, fast zufällig. Und wurde trotzdem zu etwas, das ein ganzes Genre prägte.
Wer Anne Clark auf einer Festivalbühne erlebt — etwa in der späten Stunde eines M’era-Luna-Abends 2007, zwischen ausgelassenen, angetrunkenen Feiernden — versteht diese Diskrepanz sofort. Da steht eine der wichtigsten Stimmen der europäischen Post-Punk- und Dark-Wave-Bewegung, eine lebende Legende, und trägt ihre Texte vor wie eh und je: rhythmisch gesprochen, nie gesungen, mit einer Präzision, die im Kontrast zum Rausch ringsum fast surreal wirkt. Genau dieser Kontrast ist Anne Clark. Die stille Genauigkeit inmitten des Lärms.

Die Punk-Herkunft: Flucht durch Sprache
Anne Charlotte Clark wurde 1960 in Croydon geboren, im Süden Londons — als Tochter einer irisch-katholischen Mutter und eines schottisch-walisischen protestantischen Vaters. Ihre Kindheit hat sie selbst als schwierig, aber liebevoll zugleich beschrieben. Was sie herausholte, war Punk.
Punk war für Anne Clark keine Musikrichtung, sondern ein Ausweg. Er half ihr, sich aus einer gewaltvollen Großfamilie zu befreien. Er half ihr, sich als Mensch und Künstlerin jenseits von Klassengrenzen zu definieren. Mit sechzehn verließ sie die Schule, arbeitete in verschiedenen Jobs — unter anderem als Pflegekraft in einer psychiatrischen Klinik — und landete schließlich in einem Plattenladen und beim lokalen Label Bonaparte Records.
Der entscheidende Ort war das Warehouse Theatre in Croydon. Dort buchte Clark Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre Punk- und New-Wave-Konzerte, Theater, Comedy, Lyrik. Sie holte Künstler wie Paul Weller auf die Bühne. Und sie begann, selbst aufzutreten — mit dem, was sie am besten konnte: Worte.
Ein Detail, das ihre Verankerung in dieser Ära zeigt: Ihren ersten Spoken-Word-Auftritt hatte sie in Richard Stranges Cabaret Futura in London — auf einer Bühne, die sie sich mit einer damals noch unbekannten Band namens Depeche Mode teilte. Kritiker verglichen ihre frühen Rezitationen mit den Spoken-Word-Größen der Punkszene, mit Patti Smith und John Cooper Clarke.
Die Begegnung mit David Harrow: Wo Poesie auf Synthesizer traf
Ihr erstes Album, The Sitting Room, erschien 1982 — Spoken-Word-Stücke über sparsamen elektronischen Arrangements. Aber die eigentliche künstlerische Explosion kam mit einer Begegnung: David Harrow, ein Keyboarder, den sie aus ihrer Zeit am Warehouse Theatre kannte.
Clark und Harrow verstanden sich sofort. Aus ihrer gemeinsamen Faszination für Keyboards, Synthesizer und Sampler entstand ein Sound, der der Zeit weit voraus war. Auf den Alben Changing Places (1983), Joined Up Writing (1984) und Hopeless Cases (1987) formten die beiden eine Verbindung aus gesprochener Lyrik und elektronischer Musik, die es so noch nicht gegeben hatte.
Das Prinzip: Anne Clarks Stimme ist das zentrale Instrument. Sie singt nicht — sie spricht, rhythmisch, präzise, mit der ganzen Schwere und Melancholie ihrer Texte. Harrows Synthesizer schaffen den Raum darum herum. Es ist Poesie, die tanzbar wird, ohne ihre literarische Ernsthaftigkeit zu verlieren.
Man hat diesen Sound oft mit Kraftwerk verglichen. Aber der Unterschied ist entscheidend: Zu Kraftwerk tanzten Roboter. Zu Anne Clark schwitzten Menschen aus Fleisch und Blut. Wo Kraftwerk die Kälte der Maschine feierten, brachte Anne Clark die Wärme — und die Verzweiflung — des Menschen in die elektronische Musik.
Sleeper in Metropolis und Our Darkness: Zwei Meilensteine
Zwei Stücke aus dieser Phase wurden zu Klassikern, die bis heute in keinem Set der dunklen Szene fehlen.
Sleeper in Metropolis (1983) ist eine apokalyptische Mischung aus Weltschmerz und Fortschrittskritik. Der Titel ruft nicht zufällig Fritz Langs Großstadtdystopie auf: Clark beschreibt das Individuum als Bedeutungslosigkeit in einem gewaltigen, kontrollierenden urbanen System. Klimatisierte Luft, betäubter Atem, Träume, die sich im System verfangen. Die Stadt als zehrende Krankheit. Es ist die Aktualisierung der Metropolis-Idee für das Großstadtleben der achtziger Jahre — die Ausbeutung ist nicht mehr physisch, sondern emotional. Love is dead in metropolis.
Our Darkness (1984) wurde ihr bekanntestes Stück — und ein Fundament für Genres, die es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gab. Das Fachmagazin Fact zählte es zu den zwanzig besten Industrial- und EBM-Platten aller Zeiten und beschrieb es als einflussreiche Proto-House-Aufnahme. Harrows Musik zu Our Darkness wurde später von Benny Benassi für dessen Welthit Love Is Gonna Save Us gesampelt. In Deutschland kennt man die Melodie zusätzlich als Titelmusik des Politmagazins ZAK.
Anne Clark und David Harrow hatten Musik gemacht, die den Techno der neunziger Jahre um zehn Jahre vorwegnahm — ohne dass es ihre Absicht war.
Die Frau, die sich nicht festlegen ließ
Was Anne Clark von vielen ihrer Zeitgenossen unterscheidet, ist ihre Weigerung, sich einordnen zu lassen. Sie folgte nie einer Bewegung. Als der kommerzielle Druck wuchs — Virgin verschob sie auf das kommerziellere Label 10 Records, um größere Verkäufe zu erzwingen —, ging Anne Clark ihren eigenen Weg.
1985 arbeitete sie mit John Foxx, dem Gründer von Ultravox, am Album Pressure Points. 1987 zog sie sich für drei Jahre nach Norwegen zurück — auch, weil sie von einem Tourmanager betrogen worden war und die Verantwortung für dessen Fehler allein tragen sollte. Sie erfand sich neu. Sie wandte sich klassischer und akustischer Musik zu, entfernte auf späteren Touren einen Großteil der Elektronik.
1998 vertonte sie die Gedichte von Rainer Maria Rilke — Just After Sunset, ein Tribut an einen ihrer literarischen Helden. Sie hat Rückert vertont, mit Neoklassik experimentiert, mit Dance-Produzenten wie Sven Väth und Hardfloor zusammengearbeitet, die ihre Bedeutung mit einem Remix-Album würdigten. Anne Clark ließ sich nie auf einen Stil reduzieren. Sie blieb, was sie immer war: Anne Clark.
Ihre eigene Definition ihrer Kunst ist bemerkenswert klar. Ihre Texte handeln, wie sie es selbst beschreibt, von den Unvollkommenheiten der Menschheit, von Alltag und Politik, von Verzweiflung über Gier, Gewalt und die allgegenwärtige Gleichgültigkeit. Sie hat beobachtet, dass viele Menschen bei diesen Realitäten keine Qual empfinden — dass echte Betroffenheit die Ausnahme ist, nicht die Regel.
Warum Anne Clark auf dystopien.de gehört
Weil sie die dystopische Grundhaltung in Sprache gegossen hat, bevor die dunkle Szene sich selbst so nannte. Ihre Themen — urbane Entfremdung, die Bedeutungslosigkeit des Einzelnen, die emotionale Kälte der modernen Welt, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid — sind exakt die Themen, um die dystopien.de kreist.
Anne Clark passt lückenlos in den Kosmos, den wir hier aufgebaut haben: Sie steht neben Gary Numan, der die Einsamkeit der Zukunft im Synthesizer fand, neben dem Blade-Runner-Sound von Vangelis, neben der gesamten Dark-Electronic-Linie. Aber sie hat etwas, das die anderen nicht haben: Sie ist zuerst Dichterin. Bei ihr steht das Wort im Zentrum, und die Musik dient ihm. Das macht sie zur literarischsten Stimme dieser ganzen Bewegung.
Sie hat nie versucht, ein Genre zu erfinden. Sie wollte nur ihre Texte sprechen, so präzise und so ehrlich wie möglich. Dass daraus ein Fundament für Techno, Gothic und New Wave wurde, war ein Nebenprodukt. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ihre Musik nach vierzig Jahren noch immer trägt: Weil sie nie für den Moment gemacht war, sondern für das, was gesagt werden musste. Immer noch da. Immer noch genau.
Anne Clark. Geboren 14. Mai 1960 in Croydon, London. Spoken-Word-Künstlerin, Dichterin, Musikerin. Schlüsselwerke: The Sitting Room (1982), Changing Places (1983), Joined Up Writing (1984) mit „Our Darkness“, Pressure Points (1985), Just After Sunset — The Poetry of R.M. Rilke (1998). Bis heute live aktiv.
Hinweise zu aktuellen Auftritten und Initiativen zum Tierwohl unter: Anne Clark