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Es gibt Filme, die man verbietet, weil sie schlecht sind. Und es gibt Filme, die man verbietet, weil sie zu gut treffen. A Clockwork Orange von Stanley Kubrick gehört zur zweiten Kategorie — und die Geschichte seines Verbots ist so ungewöhnlich wie der Film selbst: Es war Kubrick höchstpersönlich, der seinen eigenen Film aus den britischen Kinos zurückzog und ihn dort für fast dreißig Jahre unsichtbar machte.
Kubricks Verfilmung von Anthony Burgess‘ Roman ist einer der schönsten Filme über die hässlichsten Dinge, die je gedreht wurden. Gewalt, Vergewaltigung, staatliche Gehirnwäsche — inszeniert mit einer ästhetischen Perfektion, die den Zuschauer in ein tiefes Unbehagen stürzt. Man sieht Grauenhaftes, und es ist schön anzusehen. Genau dieser Widerspruch ist das Werkzeug des Films. Kubrick zwingt sein Publikum, die Verführung durch die Gewalt am eigenen Auge zu erleben.

Stanley Kubrick: Der Perfektionist, der jedes Genre eroberte
Stanley Kubrick gilt vielen als der kompromissloseste Regisseur der Filmgeschichte — ein Perfektionist, der die vollständige Kontrolle über jedes Detail seiner Filme verlangte und bekam. Von den Lichtverhältnissen über die Kameraobjektive bis zur Farbe der Filmplakate: Kubrick entschied alles selbst.
Was seine Karriere einzigartig macht, ist ihre Bandbreite. Kaum ein Regisseur hat so viele Genres betreten und in jedem einen Klassiker hinterlassen: den Antikriegsfilm mit Paths of Glory und Full Metal Jacket, die Science-Fiction mit 2001: A Space Odyssey, den Horror mit The Shining, das Historiendrama mit Barry Lyndon, die Satire mit Dr. Strangelove. A Clockwork Orange war sein Ausflug in die Dystopie — und er behandelte sie mit derselben obsessiven Präzision wie alles andere.
Ein Detail, das Kubricks Arbeitsweise zeigt: Für die berüchtigte Ludovico-Szene, in der Alex mit offengeklammerten Augen zum Ansehen von Gewaltfilmen gezwungen wird, ließ Kubrick den Hauptdarsteller Malcolm McDowell die Augen tatsächlich mit medizinischen Klammern offenhalten. McDowell zerkratzte sich dabei die Hornhaut und war zeitweise blind. Ein Arzt stand am Set, um seine Augen ständig zu befeuchten. Kubricks Realismus kannte keine Rücksicht — auf niemanden.
Malcolm McDowell: Das Gesicht des Bösen
A Clockwork Orange lebt und stirbt mit seinem Hauptdarsteller. Malcolm McDowell spielt Alex DeLarge — den fünfzehnjährigen (im Film gealterten) Anführer einer Gang, der raubt, prügelt, vergewaltigt und mordet, und der jede Sekunde davon genießt.
McDowells Leistung ist eine der bemerkenswertesten der Filmgeschichte, weil sie das Unmögliche schafft: Er macht einen abstoßenden Menschen faszinierend. Sein Alex ist charmant, witzig, intelligent, voller Lebensenergie — und zugleich ein Monster. Der berühmte Blick, mit dem der Film beginnt — McDowell, der Kopf leicht gesenkt, von unten in die Kamera starrend, mit einem falschen Wimpernkranz am rechten Auge — ist eine der ikonischsten Einstellungen des Kinos.
McDowell brachte selbst Ideen ein, die den Film prägten. Die berühmteste: In der Szene, in der Alex während eines Überfalls die Frau eines Schriftstellers vergewaltigt, singt er Singin‘ in the Rain. Kubrick fragte McDowell, ob er tanzen könne — und es war das einzige Lied, das der Schauspieler auswendig kannte. Aus dieser Improvisation wurde eine der verstörendsten Szenen der Filmgeschichte: fröhliches Hollywood-Musical und Gewalt, in einem Bild vereint.
Die Ästhetik der Gewalt
Kubricks entscheidende Entscheidung war, die Gewalt schön zu machen. Der Film ist visuell überwältigend — die stilisierten Kostüme, die surreale Milchbar mit ihren Skulpturen, die klassische Musik, die weiten Kamerawinkel, die choreografierte Bewegung. Gewalt wird bei Kubrick zum Ballett, zur Oper, zum ästhetischen Ereignis.
Die Musik spielt dabei die zentrale Rolle. Alex liebt Beethoven — besonders die Neunte Sinfonie —, und Kubrick unterlegt die brutalsten Szenen mit dieser erhabenen Musik. Der Komponist Wendy Carlos schuf elektronische Versionen klassischer Werke, die dem Film seinen unheimlichen, futuristischen Klang geben. Die Verbindung von höchster Kultur und tiefster Barbarei ist Kubricks eigentliche These: Kultur zähmt den Menschen nicht. Alex kann Beethoven lieben und trotzdem morden. Bildung ist keine Moral.
Diese Ästhetisierung war der Grund für die heftigsten Angriffe auf den Film. Kritiker warfen Kubrick vor, Gewalt zu verherrlichen, sie attraktiv zu machen. Kubricks Verteidigung: Er zeige die Gewalt aus Alex‘ Perspektive, weil der Zuschauer verstehen müsse, wie verführerisch sie sein kann — um dann den Schock zu erleben, wenn der Staat dieselbe Gewalt gegen Alex einsetzt.
Das fehlende Kapitel: Warum Kubricks Film pessimistischer ist als das Buch
Hier liegt der entscheidende Unterschied zum Roman — und der Grund, warum Kubricks Version eine andere Aussage trifft als Burgess‘ Original.
Kubrick verfilmte die amerikanische Ausgabe des Romans, der das einundzwanzigste und letzte Kapitel fehlte. In diesem gestrichenen Kapitel wächst Alex aus der Gewalt heraus, reift, entscheidet sich aus freiem Willen für ein anderes Leben. Burgess‘ Botschaft war humanistisch: Menschen können sich ändern, wenn sie frei sind.
Kubricks Film kennt dieses versöhnliche Ende nicht. Er endet dort, wo das amerikanische Buch endet: Alex, nach einem Selbstmordversuch von der Konditionierung wieder befreit, liegt im Krankenhausbett, imaginiert erneut Gewalt und Sex und sagt den letzten Satz: I was cured all right. Ich war wieder geheilt. Die Gewalt ist zurück. Alex ist wieder ganz er selbst — das Monster, unverändert.
Das macht Kubricks Film deutlich düsterer. Wo Burgess die Möglichkeit menschlicher Reifung offenließ, zeigt Kubrick einen geschlossenen Kreis: Der Staat hat versagt, die Gesellschaft hat versagt, und Alex bleibt, was er war. Keine Läuterung, keine Hoffnung, nur die zynische Feststellung, dass alles wieder von vorn beginnt.
Burgess hat diese Verkürzung zeitlebens bedauert. Er fand, dass der Film — so brillant er war — sein eigentliches Anliegen verfehlte und die Geschichte auf eine nihilistische Gewaltdarstellung reduzierte. Kubrick wiederum verteidigte seine Fassung als die ehrlichere: Das versöhnliche Kapitel, sagte er, passe nicht zum Rest und wirke aufgesetzt.
Das selbst auferlegte Verbot
Die Geschichte von A Clockwork Orange hat ein einzigartiges Nachspiel. Nach dem Erscheinen 1971 wurde der Film in Großbritannien mit realen Gewalttaten in Verbindung gebracht — Nachahmungstaten, die angeblich von ihm inspiriert waren. Die Presse führte eine hysterische Kampagne. Kubrick und seine Familie erhielten Drohungen.
Daraufhin tat Kubrick etwas Beispielloses: Er zog seinen eigenen Film aus dem britischen Vertrieb zurück. Von 1973 bis zu Kubricks Tod 1999 war A Clockwork Orange in Großbritannien praktisch unmöglich legal zu sehen. Erst nach seinem Tod kam der Film in britische Kinos zurück. Kubrick hatte den Zugang zu seinem eigenen Werk kontrolliert — bis über den Tod hinaus. Es ist einer der seltensten Fälle der Filmgeschichte, in dem ein Regisseur sein eigenes Werk unsichtbar machte.
Warum A Clockwork Orange auf Platz 5 unserer Liste steht
Platz 5 der Filmliste ist eine Ehrerbietung an einen Film, der das dystopische Kino verändert hat. A Clockwork Orange stellt dieselbe Frage wie das Buch — ist ein zum Guten gezwungener Mensch noch ein Mensch? — aber es beantwortet sie düsterer, kompromissloser, ohne den Trost der Reifung.
Kubricks Film ist unbequem, verstörend, moralisch herausfordernd. Er weigert sich, es dem Zuschauer leicht zu machen. Er zwingt einen, die Verführung der Gewalt zu spüren und dann die noch größere Bedrohung durch einen Staat zu erkennen, der Menschen zu willenlosen Maschinen umprogrammiert. Und er lässt einen mit einer Frage zurück, die keine tröstliche Antwort hat.
Es ist ein Film über die Freiheit — die Freiheit, ein Monster zu sein. Und über die noch größere Gefahr eines Systems, das diese Freiheit lieber ganz abschaffen würde. Fünfzig Jahre nach seinem Erscheinen hat er nichts von seiner Verstörungskraft verloren.
Viddy well, little brother. Viddy well.
A Clockwork Orange. Großbritannien/USA 1971. Regie, Drehbuch, Produktion: Stanley Kubrick. Hauptdarsteller: Malcolm McDowell, Patrick Magee, Michael Bates, Warren Clarke. Musik: Wendy Carlos. Basierend auf dem Roman von Anthony Burgess (1962), nach der gekürzten US-Fassung ohne das 21. Kapitel.
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