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Es gibt einen Umstand bei diesem Film, der so passend ist, dass er kein Zufall sein durfte — und es auch nicht war. Michael Radfords Verfilmung von George Orwells 1984 wurde im Jahr 1984 gedreht. Nicht nur das: Die Dreharbeiten fanden bewusst in genau dem Zeitraum statt, den Orwell im Roman nennt: von April bis Juni 1984, an den Schauplätzen, die im Buch beschrieben sind. Der Film spielt in dem Moment, in dem er entsteht. Die Zukunft, vor der Orwell 1948 warnte, war zur Gegenwart geworden, und der Film hält genau diesen Augenblick fest.
Das ist mehr als eine kuriose Fußnote. Es gibt diesem 1984 eine Aura, die keine andere Orwell-Verfilmung hat: das Gefühl, dass die Warnung ihre Frist erreicht hat. Als der Film in die Kinos kam, konnte niemand mehr sagen, das sei ferne Spekulation. Der Kalender selbst hatte die Prophezeiung eingeholt.

Michael Radford: Die Treue zum Buch
Der britische Regisseur Michael Radford schrieb auch das Drehbuch und er traf eine grundsätzliche Entscheidung, die den ganzen Film prägt: absolute Werktreue. Wo andere Verfilmungen Orwells Stoff modernisierten oder umdeuteten, hält sich Radford eng an die Vorlage. Handlung, Figuren, die zentralen Begriffe (Neusprech, Zwiedenken, Big Brother, das Wahrheitsministerium, Zimmer 101) alles ist da, präzise übertragen.
Diese Treue ist Stärke und Grenze zugleich. Radfords 1984 ist die vielleicht getreueste Verfilmung des Romans, die je gedreht wurde. Aber sie verzichtet auf die Verfremdung, die ein anderer Film im Folgejahr wählte: Terry Gilliams Brazil, das auf Platz 1 unserer Filmliste steht, nahm dieselbe orwellsche Welt und verwandelte sie in einen grotesken, absurden Albtraum voll schwarzem Humor. Man hat treffend gesagt: Brazil verhält sich zu Radfords 1984 wie Dr. Seltsam zu einem ernsten Atomkriegsdrama: die überdrehte Version, die den Kern manchmal besser trifft als die getreue. Beide Wege sind legitim. Radford wählte den ernsten. Und er ging ihn konsequent.

Die Bilder: Roger Deakins und die Farbe der Tristesse
Ein Name im Abspann lässt heutige Kinogänger aufhorchen: Die Kamera führte Roger Deakins, jener Mann, der später mit Filmen wie Blade Runner 2049, 1917, Skyfall und den Coen-Brüdern zu einem der größten und einflussreichsten Kameramänner der Filmgeschichte wurde. 1984 ist eine seiner frühen Arbeiten, und man sieht bereits die Meisterschaft.
Deakins schuf einen Look, der zum Vorbild für unzählige Dystopien wurde: eine ausgewaschene, entsättigte Welt, in der die Farben ausgeblichen scheinen, als hätte das Regime auch dem Licht die Lebendigkeit genommen. London erscheint als verfallende, kriegszerstörte Trümmerlandschaft, in der sich seit Jahrzehnten nichts gebessert hat. Die berühmte Technik des Films: Er wurde entfärbt, ohne in Dunkelheit zu versinken, eine graue, kalte, kranke Helligkeit, die verstörender wirkt als jede Finsternis. Radford und Deakins nannten diesen Look „Golden Darkness“. Das Ergebnis ist eine der überzeugendsten visuellen Umsetzungen einer totalitären Welt, die das Kino kennt.

Richard Burton: Ein Abschied auf dem Höhepunkt
Über einer Besetzung liegt ein besonderer Schatten. Richard Burton (die walisische Schauspiellegende, siebenfach für den Oscar nominiert, die Stimme, das Charisma, der Titan des britischen Films) spielt O’Brien, den Inneren-Partei-Funktionär, der Winston Smith foltert und bricht. Es war seine letzte Rolle. Burton starb im August 1984, wenige Wochen nach Abschluss der Dreharbeiten. Der Film ist seinem Andenken gewidmet.
Und es ist, nach dem Urteil vieler Kritiker, eine der besten Leistungen seiner ganzen Karriere: manche nennen sie schlicht die beste. Burtons O’Brien ist nicht der brüllende Folterknecht. Er ist ruhig, beinahe sanft, von einer kalten, logisch verführerischen Überzeugungskraft. Er quält Winston nicht aus Sadismus, sondern aus einer eisigen Gewissheit heraus, dass die Partei recht hat und der Widerstand geheilt werden muss. Diese Nihilismus mit menschlichem Gesicht (die Macht, die sich als Fürsorge tarnt) macht ihn so verstörend. Dass Burton bei den großen Preisen des Jahres überging, gilt bis heute als eine der Fehlentscheidungen der Filmgeschichte.

John Hurt: Das Gesicht des Opfers und später des Täters
John Hurt spielt Winston Smith, und er ist die perfekte Besetzung. Hurt hatte ein Gesicht wie geschaffen für das Leiden, für die Zerbrechlichkeit, für den kleinen Mann, der zermalmt wird. Sein Winston ist kein Held. Er ist ein unscheinbarer Angestellter des Wahrheitsministeriums, dessen Job es ist, die Vergangenheit umzuschreiben: Zeitungsartikel zu fälschen, damit die Partei immer recht behält. Und der heimlich zu denken beginnt, heimlich zu lieben, heimlich zu rebellieren, und dafür vollständig gebrochen wird.
Hurt spielt diesen Zerfall mit einer körperlichen Hingabe, die wehtut: am Ende, nach der Folter, ausgemergelt, entstellt, ein Mensch, aus dem alles herausgebrochen wurde außer der Liebe zu Big Brother.
Und hier liegt eine Verbindung, die aufmerksame Zuschauer kennen. Zwei Jahrzehnte später spielte John Hurt in V wie Vendetta die Gegenrolle: den totalitären Diktator Adam Sutler, das brüllende Gesicht auf den Bildschirmen. Vom Opfer des totalen Staates zu seinem Herrscher. Es war eine bewusste Hommage der Macher von V wie Vendetta an genau diesen Film. Der Mann, der 1984 von Big Brother gebrochen wurde, war 2005 selbst der Big Brother.
Suzanna Hamilton spielt Julia, Winstons Geliebte. Und die Liebesszenen zwischen ihr und Hurt haben eine schmerzhafte, nackte Ehrlichkeit, die den kurzen Moment menschlicher Wärme in dieser kalten Welt umso kostbarer macht. Ein zweiter Name im Abspann überrascht: Die Musik stammt teils von den Eurythmics (dem Pop-Duo um Annie Lennox), deren Beitrag allerdings gegen Radfords Willen eingefügt wurde und bis heute in verschiedenen Schnittfassungen umstritten ist.

Warum 1984 auf Platz 2 unserer Liste steht
Weil es die getreueste filmische Übersetzung des wichtigsten dystopischen Romans aller Zeiten ist und weil sein Entstehungsjahr ihm eine Bedeutung gibt, die kein anderer Film haben kann. Orwells 1984 ist das Fundament, auf dem das gesamte Genre ruht. Die Verfilmung von 1984 bringt dieses Fundament auf die Leinwand, ohne es zu verfälschen, ohne es zu modernisieren, ohne ihm die Schärfe zu nehmen.
Man kann einwenden (und die Kritik hat es getan), dass genau diese Werktreue die Grenze des Films ist. Brazil traf im selben Jahr denselben Stoff auf umwegigere, fantasievollere Weise und wurde dadurch für manche der größere Film. Radfords 1984 nimmt keine solchen Freiheiten. Es ist ernst, langsam, unerbittlich grau, ohne Trost. Aber vielleicht muss die Verfilmung dieses Buches genau so sein. Orwell schrieb keine Fantasie. Er schrieb eine Warnung, so klar und kalt wie möglich. Radfords Film hält diese Klarheit.
Und die zentrale Wahrheit des Buches steht auch im Film in ihrer ganzen Wucht: dass Freiheit die Freiheit ist, zu sagen, dass zwei plus zwei vier ist. Dass ein System, das die Vergangenheit kontrolliert, die Zukunft kontrolliert. Dass die letzte Grenze der Unterdrückung nicht der Körper ist, sondern der Geist — und dass die Tyrannei erst gesiegt hat, wenn das Opfer seinen Peiniger liebt.
Am Ende sitzt Winston im Café, gebrochen, und eine Träne rinnt ihm übers Gesicht. Er hat gesiegt über sich selbst. Er liebt Big Brother. Es ist eines der hoffnungslosesten Enden der Filmgeschichte und eines der wahrsten.
Der Film kam 1984 und sagte: Es ist so weit. Vier Jahrzehnte später, im Zeitalter der Gesichtserkennung, der Datensammlung, der digitalen Umschreibung von Wirklichkeit, ist die Frist nicht abgelaufen. Sie hat sich nur verlängert.
Nineteen Eighty-Four (1984). Großbritannien 1984. Regie und Drehbuch: Michael Radford, nach dem Roman von George Orwell (1949). Kamera: Roger Deakins. Musik: Dominic Muldowney und Eurythmics. Darsteller: John Hurt, Richard Burton, Suzanna Hamilton, Cyril Cusack, Gregor Fisher. Gedreht April–Juni 1984. Richard Burtons letzte Filmrolle; der Film ist seinem Andenken gewidmet.

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