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Die Optimierer: Der Staat, der dein Glück berechnet

dystopien.de · Literatur · Überwachung · Optimierung · Digitale Diktatur · Theresa Hannig

Es gibt eine Sorte Dystopie, die einen kalten Schauer erzeugt, weil sie so vernünftig klingt. Stell dir einen Staat vor, der dir garantiert, dass du genau den Platz in der Gesellschaft bekommst, der deinen Fähigkeiten entspricht und deinen Neigungen gerecht wird. Einen Staat, in dem niemand mehr sinnlos schuftet, in dem für Alte und Kranke gesorgt ist, in dem Roboter die Arbeit erledigen und es an nichts fehlt. Kein Leistungsdruck, keine Existenzangst, kein perverses Wachstum um des Wachstums willen. Ein Staat, der dein Glück nicht verspricht, sondern berechnet.

Das ist die Welt von Theresa Hannigs Debütroman Die Optimierer aus dem Jahr 2017. Sie heißt Optimalwohlökonomie, und sie klingt zunächst wie ein Paradies. Genau darin liegt ihr Schrecken. Denn der Preis für diese perfekte Gesellschaft ist die vollständige Überwachung und die vollständige Entmündigung des Menschen. Der Staat weiß alles, entscheidet alles, optimiert alles. Und wer sich der Optimierung entzieht, wird zum Problem, das gelöst werden muss.

Theresa Hannig: Die Informatikerin als Warnende

Theresa Hannig, geboren 1984 in München, kam aus einer Richtung zum Schreiben, die man ihrem Roman anmerkt. Sie studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Volkswirtschaftslehre und arbeitete als Softwareentwicklerin, als Beraterin für IT-Sicherheit und als Projektmanagerin für Solaranlagen. Diese Mischung aus politischem, philosophischem und technischem Wissen ist das Fundament ihres Buches. Hannig versteht, wie Software funktioniert, wie Überwachung technisch möglich wird, und sie versteht die politischen und ökonomischen Ideen, die einer solchen Gesellschaft zugrunde liegen könnten.

Die Optimierer war ihr Debüt, und es war ein preisgekröntes. Hannig gewann damit den Stefan-Lübbe-Preis und später den Seraph für das beste Debüt der phantastischen Literatur. Die Kritik stellte das Buch in eine Reihe mit den großen Klassikern, mit Huxleys Schöne neue Welt und Orwells 1984. Das ist hoch gegriffen, aber es zeigt, welchen Nerv der Roman traf. Hannig hat später weitergeschrieben, unter anderem den direkten Nachfolger Die Unvollkommenen, und sich als eine der markantesten Stimmen der deutschsprachigen Science-Fiction etabliert, auch als Aktivistin, die sich öffentlich mit den gesellschaftlichen Folgen von Technologie und künstlicher Intelligenz auseinandersetzt.

München 2052

Der Roman spielt im Jahr 2052, in München, in einem Staat namens Bundesrepublik Europa. Die alte Europäische Union ist zerbrochen, an ihre Stelle ist dieser neue Staatenverbund getreten, der sich vom Rest der Welt abgeschottet hat, hinter Mauern, in kontrolliertem Wohlstand. Der frühere Kapitalismus, im Buch spöttisch Globitalismus genannt, mit seinem unnötigen Leistungszwang und seiner unnatürlichen Wachstumsgesellschaft, ist überwunden. An seine Stelle trat die Optimalwohlökonomie.

Das Prinzip steht sogar im Grundgesetz dieses Staates. Jeder Bürger hat das Recht, den Anspruch und die Pflicht auf einen Platz in der Gesellschaft, der seinen Fähigkeiten entspricht und seinen Neigungen gerecht wird. Das klingt fast marxistisch, jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen, und Hannig spielt bewusst mit dieser Doppeldeutigkeit. Denn die Optimalwohlökonomie ist kein brutaler Unterdrückungsstaat im Stil Orwells. Sie ist eine Fürsorgediktatur, die es wirklich gut zu meinen scheint.

Umgesetzt wird das durch totale Vernetzung. Die Menschen tragen hochmoderne Kontaktlinsen, über die sie alles erledigen, einkaufen, kommunizieren, Auto fahren, Nachrichten empfangen. Und über die sie zugleich rund um die Uhr überwacht werden. Die Agentur für Lebensberatung wacht über jeden Bürger und weist ihm seinen optimalen Platz zu. Roboter sorgen für Sicherheit und Wohlstand. Es ist die vollständige Verschmelzung von Fürsorge und Kontrolle, von Wohltat und Überwachung.

Der Staat sperrt dich nicht ein. Er sorgt für dich. Er weiß, was gut für dich ist, besser als du selbst. Und genau deshalb kannst du ihm nicht entkommen.

Samson Freitag, der glühende Verfechter

Die kluge erzählerische Entscheidung des Romans ist die Wahl seines Protagonisten. Samson Freitag ist kein Rebell, kein Zweifler, kein heimlicher Widerständler. Er ist Lebensberater im Staatsdienst, also einer jener Beamten, die den Menschen ihren optimalen Platz zuweisen. Und er ist ein glühender Verfechter des Systems, überzeugt von seiner Richtigkeit, stolz auf seine Arbeit, kurz vor der Beförderung. Samson glaubt an die Optimalwohlökonomie mit Leib und Seele.

Diese Perspektive macht den Roman stark. Man erlebt das System nicht durch die Augen eines Kritikers, der von Anfang an weiß, dass etwas faul ist, sondern durch die Augen eines Überzeugten. Und dann beginnt der Sturz. Samson wird beschuldigt, eine falsche Beratung erteilt zu haben. Ihm werden nach und nach seine Sozialpunkte aberkannt. Er gerät in einen Abwärtsstrudel, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der loyale Diener des Systems wird selbst zu seinem Opfer, wird zum Aussortierten, dem der Abstieg droht, hin zu jenen, die das System als sozialen Abschaub aussortiert.

Und nun legt das System alles daran, ihn zu optimieren, ob er will oder nicht. Das ist die perfide Umkehrung. Die Optimierung, die als Wohltat begann, wird zur Waffe. Wer nicht ins Schema passt, wird passend gemacht. Samson erlebt am eigenen Leib, was er zuvor über andere verhängt hat.

Das Snowden-Motto

Hannig stellt ihrem Roman ein Zitat voran, das den Kern des Buches benennt. Es stammt von Edward Snowden, dem Mann, der die weltweite Überwachung durch Geheimdienste enthüllte. Sinngemäß sagt es, dass die Behauptung, einem sei das Recht auf Privatsphäre egal, weil man nichts zu verbergen habe, so unsinnig sei wie die Behauptung, einem sei die Meinungsfreiheit egal, weil man nichts zu sagen habe.

Dieses Motto ist der Schlüssel. Die Optimierer ist ein Buch über den Wert der Privatsphäre und die Gefahr ihrer freiwilligen Aufgabe. Es zeigt eine Gesellschaft, die ihre Überwachung nicht als Zwang empfindet, sondern als Service, als Fürsorge, als Bequemlichkeit. Die Menschen geben ihre Daten und ihre Freiheit her, weil sie dafür Sicherheit und Wohlstand bekommen. Und Hannig fragt, was dabei verloren geht. Ihre Antwort ist unbequem. Nicht weniger als der Individualismus und der freie Geist des Menschen.

Die ehrliche Einordnung

Die Optimierer ist ein kluges, hochaktuelles und verstörend realitätsnahes Buch, aber es ist kein makelloses. Die Schwächen sind die eines Debüts, und sie sind konkret benennbar.

Die erste betrifft den Aufbau. Der Roman verwendet viel Raum, die erste Hälfte über, darauf, sein System zu erklären. Die Optimalwohlökonomie wird in allen Details ausgebreitet, ihre Regeln, ihre Geschichte, ihre Funktionsweise. Das ist für das Verständnis nötig und intellektuell reizvoll, wirkt aber stellenweise wie Infodumping, wie das bloße Abladen von Weltwissen, das die eigentliche Handlung bremst. Wer klassische Spannung sucht, muss sich gedulden.

Die zweite und gewichtigere Schwäche betrifft das Ende. Aus Samsons Wandlung vom Systemträger zum Systemgegner hätte man mehr herausholen können. Stattdessen entscheidet sich der Roman für eine überraschende Wendung, einen Richtungswechsel, der sich zwar andeutet, aber nicht wirklich organisch aus der Geschichte entwickelt. Die Auflösung kommt zu schnell, wirkt etwas undurchsichtig und lässt Fragen offen. Bezeichnend ist, dass Hannig selbst einen Nachfolgeroman schrieb, der offenbar manches nachliefern sollte, was der erste Band offen ließ.

Sprachlich schließlich ist Die Optimierer funktional, flüssig, unangestrengt lesbar, mit kurzen Kapiteln und lockerem Stil. Aber es ist keine Sprachkunst im Sinne einer Haushofer oder einer Christa Wolf. Man liest es schnell und mit Gewinn, aber nicht wegen seiner Sätze, sondern wegen seiner Ideen.

Warum Die Optimierer auf Platz 25 unserer Liste steht

Weil es eine der realitätsnächsten deutschsprachigen Dystopien der Gegenwart ist und weil es einen bestimmten, sehr heutigen Typus der Unfreiheit trifft. Anders als die Gesundheitsdiktatur bei Juli Zeh, mit der man das Buch gut vergleichen kann, zielt Hannig auf die Optimierungsdiktatur, auf einen Staat, der nicht durch Verbote herrscht, sondern durch Fürsorge, durch Bequemlichkeit, durch die freiwillige Preisgabe der Freiheit im Tausch gegen Sicherheit und Wohlstand.

Das ist die dystopische Gefahr unserer Zeit, präziser getroffen als in vielen düstereren Büchern. Wir leben bereits in einer Welt der Sozialpunkte, der Bewertungssysteme, der Optimierungs-Apps, der freiwilligen Selbstvermessung, der Algorithmen, die uns unseren optimalen Platz zuweisen, im Beruf, in der Partnersuche, im Konsum. Hannig nimmt diese Tendenzen und denkt sie zu Ende, bis der Staat übernimmt, was wir heute schon von uns aus tun. Die Maßnahmen ihrer Optimalwohlökonomie, so das Verstörende, würden viele von uns durchaus begrüßen.

Und darin liegt die eigentliche Warnung. Die gefährlichste Dystopie ist nicht die, die wir hassen und fürchten. Es ist die, die wir uns wünschen. Ein Staat, der uns die Last der Entscheidung abnimmt, der uns sagt, wo wir hingehören, der für alles sorgt, ist eine verführerische Vorstellung. Die Optimierer zeigt, was wir dafür hergeben müssten. Unsere Fehlbarkeit, unsere Freiheit, unser Recht, unvollkommen und unoptimiert zu sein. Das Recht, unseren eigenen, nicht den berechneten Platz zu suchen.

Samson Freitag glaubte an die perfekte Gesellschaft, bis sie ihn selbst optimieren wollte. Die Frage, die der Roman uns stellt, ist, ob wir es besser wüssten. Ob wir das Paradies ablehnen würden, wenn es nur unsere Freiheit kostet. Und ob wir es überhaupt noch merken würden, wenn wir sie längst hergegeben haben.

Theresa Hannig: Die Optimierer. Erschienen 2017 im Bastei Lübbe Verlag, rund 300 Seiten. Ausgezeichnet mit dem Stefan-Lübbe-Preis und dem Seraph für das beste Debüt. Spielt im München des Jahres 2052. Fortgesetzt mit Die Unvollkommenen (2019).

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