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Kassandra ist eine Figur aus der griechischen Mythologie, die wie keine andere die Verzweiflung des Mahners verkörpert. Kassandra, die Tochter des trojanischen Königs Priamos, erhielt vom Gott Apollon die Gabe der Weissagung. Doch als sie sich seinem Werben verweigerte, belegte er sie mit einem grausamen Fluch. Sie würde weiterhin die Zukunft sehen, klar und wahr, aber niemand würde ihr je glauben. Kassandra sieht den Untergang Trojas kommen, sie warnt, sie schreit es hinaus, und alle halten sie für wahnsinnig. Sie muss zusehen, wie das Unheil eintritt, das sie vorhergesagt hat, ohnmächtig, verlacht, allein.
Christa Wolf, die bedeutendste Schriftstellerin der DDR, machte diese Figur 1983 zur Heldin einer Erzählung, die zu ihrem größten Erfolg wurde. Und sie tat es nicht aus Interesse an der Antike, sondern weil sie in Kassandra sich selbst erkannte, ihre eigene Zeit, ihre eigene Ohnmacht. Kassandra ist eine Dystopie im Gewand des Mythos, eine Warnung, verkleidet als uralte Geschichte. Es ist die einzige antik eingekleidete Dystopie auf unserer Liste, und gerade diese Verkleidung machte es Wolf möglich, Dinge zu sagen, die anders nicht sagbar waren.

Christa Wolf: Die loyale Dissidentin
Um Kassandra zu verstehen, muss man die Frau verstehen, die es schrieb. Christa Wolf, geboren 1929 als Christa Ihlenfeld in Landsberg an der Warthe, im heutigen Polen, war eine der wichtigsten und zugleich umstrittensten Stimmen der deutschen Nachkriegsliteratur. Sie zog nach dem Krieg in die spätere DDR, trat 1949 der SED bei und blieb ihr Leben lang überzeugte Sozialistin. Und doch war sie zugleich eine Kritikerin des real existierenden Sozialismus, eine, die aus dem System heraus dessen Fehler benannte.
Diese Doppelrolle prägte ihr ganzes Werk. Wolf war das, was man eine loyale Dissidentin nannte. Sie durfte ins westliche Ausland reisen, hielt Vorträge, wurde in beiden deutschen Staaten gelesen und geehrt, erhielt 1980 den westdeutschen Georg-Büchner-Preis, die höchste literarische Auszeichnung der Bundesrepublik. Und gleichzeitig blieb sie Bürgerin der DDR, Mitglied der Partei, eine Künstlerin, die ihre Kritik so verpackte, dass sie gerade noch sagbar war. Dieses Leben im Spannungsfeld zwischen Loyalität und Widerspruch, zwischen Anpassung und Wahrheit, ist der Boden, aus dem Kassandra wuchs.
Nach dem Fall der Mauer geriet Wolf in heftige Kontroversen, sowohl wegen einer erst spät veröffentlichten Erzählung über die Überwachung durch die Stasi als auch wegen ihrer eigenen, kurzzeitigen und Jahrzehnte zurückliegenden Tätigkeit als inoffizielle Mitarbeiterin. Diese Debatten haben ihr Bild kompliziert gemacht. Aber ihre literarische Bedeutung blieb unbestritten. Sie starb 2011, geehrt als eine der großen deutschen Schriftstellerinnen des Jahrhunderts.
Ein verpasster Flug und eine antike Figur
Die Entstehung von Kassandra hat etwas vom Zufall, den Wolf selbst gern betonte. 1980 wollte sie nach Griechenland reisen, eines jener seltenen Privilegien, das ihr als loyaler Dissidentin gewährt wurde. Doch sie verpasste ihren Flug nach Athen und musste in einem Berliner Hotel übernachten. Aus Mangel an anderer Lektüre begann sie, die Orestie des Aischylos zu lesen, jene antike Tragödientrilogie über den Fluch, der auf dem Haus des Agamemnon lastet. Und dort, in diesem alten Text, begegnete ihr Kassandra.
Wolf beschrieb diesen Moment später mit fast körperlicher Intensität. Die Figur der gefangenen Seherin, selbst Objekt fremder Zwecke, nahm sie sofort gefangen. Dreitausend Jahre schmolzen weg, schrieb sie. In Kassandra erkannte sie etwas Zeitloses, etwas, das unmittelbar mit ihrer eigenen Gegenwart zu tun hatte. Sie begann zu forschen, über die Figur, über das alte Griechenland, über den Trojanischen Krieg. Und aus dieser Beschäftigung entstand beides, die Erzählung Kassandra und die vier Frankfurter Poetik-Vorlesungen von 1982, in denen Wolf den Entstehungsprozess offenlegte. Diese Vorlesungen wurden ein Massenereignis, so groß war der Andrang. Sie tragen den Titel Voraussetzungen einer Erzählung und bilden gemeinsam mit dem literarischen Text ein dichtes Gewebe aus Erzählung und Reflexion.
Der innere Monolog vor dem Tod
Die Erzählung selbst ist formal streng und kühn. Sie besteht aus einem einzigen langen inneren Monolog. Kassandra, als Gefangene nach dem Fall Trojas nach Griechenland verschleppt, steht kurz vor ihrer Hinrichtung. Sie weiß, dass sie sterben wird, sie hat es vorhergesehen. Und in den letzten Stunden ihres Lebens blickt sie zurück, auf ihre Kindheit als Königstochter, auf ihre Zeit als Priesterin, auf den langen, zermürbenden Krieg um Troja, auf ihre vergeblichen Warnungen.
Der erste Satz gibt den Ton vor. Mit der Erzählung geh ich in den Tod. Kassandra weiß, dass ihr Erinnern zugleich ihr Ende ist, dass nichts, was sie hätte tun oder denken können, sie an ein anderes Ziel geführt hätte. Diese Perspektive, der Rückblick eines Menschen im Angesicht des sicheren Todes, gibt der Erzählung eine existenzielle Wucht. Es ist die Summe eines Lebens, gezogen von einer, die alles kommen sah und nichts verhindern konnte.
Die Sehergabe ist bei Kassandra kein Segen, sondern die grausamste Form der Ohnmacht. Alles zu wissen und nichts ändern zu können. Die Wahrheit zu besitzen und von niemandem gehört zu werden.
Der Krieg und die Männerherrschaft
Wolf erzählt den Trojanischen Krieg gegen den Strich. Bei Homer ist er das große Heldenepos, der Ruhm der Krieger, Achill und Hektor, Ehre und Schlacht. Wolf dreht diese Perspektive um. Sie erzählt den Krieg aus der Sicht einer Frau, und aus dieser Sicht ist er kein Heldenlied, sondern ein sinnloses Gemetzel, angezettelt von Männern, um Macht, um Prestige, um einen Vorwand. Der Krieg um die schöne Helena ist bei Wolf eine Lüge. Helena ist womöglich gar nicht in Troja. Der wahre Grund des Krieges sind Handelswege, Machtinteressen, männlicher Stolz. Die Frau ist nur der Vorwand.
Damit wird Kassandra zu einer feministischen Neuerzählung. Wolf zeigt, wie eine patriarchalische Gesellschaft funktioniert, wie sie Frauen unterdrückt, wie sie den Krieg als männliches Projekt betreibt und die Stimmen der Frauen zum Schweigen bringt. Kassandra selbst durchläuft eine Entwicklung. Vom angepassten Mitglied der königlichen Familie, das an die Werte seiner Welt glaubt, wird sie zur Zweiflerin, zur Kritikerin, die die Wahrheit über den Krieg erkennt und gerade deshalb zur Außenseiterin wird. Sie findet Zuflucht bei einer Gemeinschaft von Frauen am Rande der Stadt, am Berg Ida, die eine andere Art zu leben verkörpern, jenseits von Krieg und Herrschaft. Es ist der Entwurf einer Alternative, so zart und gefährdet wie utopisch.
Die Dystopie im Mythos: Der Kalte Krieg
Und hier liegt der eigentliche Grund, warum Kassandra auf dystopien.de gehört. Wolf schrieb diese Erzählung nicht über die Antike. Sie schrieb sie über ihre eigene Zeit. 1983, als das Buch erschien, war der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt. Die USA und die Sowjetunion, die beiden Blöcke, in einen atomaren Rüstungswettlauf verstrickt. In Europa wurden neue Mittelstreckenraketen stationiert, die Angst vor einem Atomkrieg war real und allgegenwärtig. Es war die Zeit der großen Friedensbewegung, der Demonstrationen gegen die Nachrüstung.
In diesem Kontext ist Kassandra eine kaum verschlüsselte Warnung. Troja ist die Menschheit im Kalten Krieg. Der sinnlose, auf Lügen gebaute Krieg der antiken Männerwelt ist der drohende Atomkrieg der modernen Supermächte. Und Kassandra, die Seherin, der niemand glaubt, ist die Mahnerin der Gegenwart, ist die Friedensbewegung, ist Christa Wolf selbst. Wer den Untergang kommen sieht, warnt und nicht gehört wird, während die Mächtigen weiter auf die Katastrophe zusteuern.
Wolf ging in ihren Vorlesungen noch weiter. Sie sprach offen von ihrer Enttäuschung, nicht nur über die DDR, sondern über die gesamte abendländische Kultur, die ihr zum Untergang verurteilt erschien. Kassandra ist damit auch eine fundamentale Zivilisationskritik, eine Anklage gegen ein ganzes Denken, das auf Herrschaft, Krieg und der Unterdrückung des Weiblichen beruht. Kein Wunder, dass das Buch zum Kultbuch zweier Bewegungen wurde, der Friedensbewegung und der Frauenbewegung. Die Startauflage war binnen Tagen vergriffen. Es wurde in viele Sprachen übersetzt und erreichte Auflagen in Hunderttausenden.
Die ehrliche Einordnung
Kassandra ist ein anspruchsvolles Buch, und das muss man sagen. Wolfs Sprache ist dicht, kunstvoll, oft schwer. Der innere Monolog springt in der Zeit, verweigert eine einfache chronologische Handlung, verlangt Konzentration und Mitdenken. Wer eine spannende Nacherzählung des Trojanischen Kriegs erwartet, wird enttäuscht. Kassandra ist Reflexion, ist Bewusstseinsstrom, ist ein Ringen um Erkenntnis, kein Abenteuer.
Zudem ist das Buch stark von seiner Entstehungszeit geprägt. Die Wucht der atomaren Bedrohung, die 1983 jeden Leser unmittelbar erfasste, ist heute historisch geworden. Man muss sich diesen Kontext vergegenwärtigen, um die volle Sprengkraft des Textes zu spüren. Und Wolfs feministische Analyse, damals aufrüttelnd neu, ist heute in Teilen vertrauter, was ihre Radikalität mildert. Nichts davon schmälert die literarische Qualität, aber es macht Kassandra zu einem Buch, das man mit einem gewissen historischen Bewusstsein lesen sollte.
Warum Kassandra auf Platz 5 unserer Liste steht
Weil es die dystopische Grundfigur schlechthin in den Mittelpunkt stellt. Den Mahner, der die Katastrophe kommen sieht und dem niemand glaubt. Jede Dystopie ist im Kern eine Kassandra-Geschichte. Sie warnt vor einer Zukunft, in der Hoffnung, gehört zu werden, und in der Furcht, es könnte zu spät sein. Orwell war eine Kassandra, Huxley war eine Kassandra, und Christa Wolf machte diese Figur explizit zur Heldin ihres Werks.
Und weil Kassandra zeigt, dass Dystopie kein Genre der Zukunft sein muss. Wolf greift in die tiefste Vergangenheit, in einen dreitausend Jahre alten Mythos, und findet dort die präzise Beschreibung ihrer eigenen Gegenwart und, wie sich zeigt, auch der unseren. Der Krieg, der auf Lügen gebaut wird. Die Mächtigen, die auf den Abgrund zusteuern. Die Stimmen der Vernunft, die als Wahnsinn abgetan werden. Die Frauen, deren Warnungen niemand hört. All das ist so aktuell wie eh und je.
Kassandra stirbt am Ende. Sie hat recht behalten mit allem, und es hat ihr nichts genützt. Troja ist gefallen, wie sie es vorhersah. Das ist die bitterste Lehre des Buches und der bitterste Kern jeder Dystopie. Dass die Wahrheit zu kennen nicht genügt. Dass Sehen ohne Gehörtwerden eine Qual ist. Und dass die Mahner oft erst dann recht bekommen, wenn es niemandem mehr nützt.
Vielleicht ist das der Grund, warum wir Dystopien schreiben und lesen. In der leisen Hoffnung, dass es diesmal anders sein könnte. Dass diesmal jemand der Kassandra glaubt, bevor Troja brennt.
Christa Wolf: Kassandra. Erstmals 1983 erschienen, gleichzeitig in der DDR und der Bundesrepublik. Begleitet von den Frankfurter Poetik-Vorlesungen unter dem Titel Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra. Wolfs erfolgreichstes Buch, Kultbuch der Friedens- und Frauenbewegung der achtziger Jahre.
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