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Cryptos: Flucht in die schöneren Welten

dystopien.de · Literatur · Klimadystopie · Virtuelle Realität · Konzernmacht · Ursula Poznanski

Es gibt eine Frage, die Ursula Poznanskis Roman Cryptos von 2020 seinem Leser gleich zu Beginn stellt, und sie ist so einfach wie beklemmend. Wohin gehen wir, wenn wir nirgendwo mehr hinkönnen? Wenn die reale Welt unbewohnbar geworden ist, das Klima gekippt, die Erde verwüstet, was bleibt dem Menschen dann noch? Poznanskis Antwort ist so naheliegend wie verstörend. Er flieht. Nicht in ein anderes Land, nicht auf einen anderen Planeten, sondern in eine andere Wirklichkeit. In die virtuelle Welt.

Cryptos entwirft eine Zukunft, in der die Menschheit den Kampf gegen den Klimawandel verloren hat. Die reale Erde ist zu heiß geworden, um auf ihr angenehm zu leben, Küstenstädte sind versunken, Wüsten haben sich ausgebreitet, Naturkatastrophen gehören zum Alltag. Und so verbringen die Menschen ihre Tage nicht mehr in der Wirklichkeit, sondern in den künstlichen Welten eines allmächtigen Konzerns. Sie legen sich in Kapseln, tauchen ab und leben, lieben und arbeiten in Realitäten, die schöner sind als alles, was die zerstörte Erde noch zu bieten hat.

Ursula Poznanski: Die Meisterin des Jugendthrillers

Ursula Poznanski, geboren 1968 in Wien, wo sie bis heute am Stadtrand lebt, gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart. Ihren Durchbruch erlebte sie 2010 mit dem Jugendroman Erebos, einem Thriller über ein Computerspiel, das die Kontrolle über seine Spieler übernimmt. Erebos wurde ein Riesenerfolg, vielfach ausgezeichnet, und begründete Poznanskis Ruf als Autorin, die Technik, Spannung und jugendliche Protagonisten meisterhaft verbindet.

Seither schreibt sie in beeindruckendem Tempo, Jugendbücher wie die dystopische Eleria-Trilogie und Erwachsenenthriller gleichermaßen. Ihr Markenzeichen ist die Fähigkeit, aus aktuellen Themen, aus Technik und Wissenschaft, spannende und fantasievolle Szenarien zu entwickeln. Poznanski ist eine geübte Erzählerin, die weiß, wie man Spannung aufbaut und den Leser bei der Stange hält. Bei Cryptos ist sie so bekannt, dass auf dem Cover nicht einmal mehr ihr voller Name steht, sondern nur der Nachname genügt.

Mastermind und die virtuellen Welten

Der Roman spielt rund dreihundertfünfzig Jahre in der Zukunft und folgt der siebzehnjährigen Jana Pasco. Jana hat einen bemerkenswerten Beruf. Sie ist Weltendesignerin beim Konzern Mastermind, jenem übermächtigen Unternehmen, das das weltumspannende System der virtuellen Welten betreibt. An ihrer Designstation erschafft Jana komplette alternative Realitäten, Fantasyländer, Urzeitkontinente, verfallene Städte, in die die Menschen über ihre Kapseln so tief eintauchen, dass sie sich von der echten Welt kaum noch unterscheiden lassen.

Janas ganzer Stolz ist Kerrybrook, ihre Lieblingswelt, ein idyllisches Fischerdorf mit grünen Hügeln, geduckten Häuschen, Schafen, gemütlichen Pubs und einem kühlen Wind vom Meer. Manchmal lässt Jana es dort regnen, meistens dann, wenn es an ihrem realen Arbeitsplatz wieder so heiß ist, dass man kaum atmen kann. In diesem Kontrast liegt die ganze Tragik der Welt von Cryptos. Der Regen, das Grün, die Kühle, all das gibt es nur noch als Simulation, entworfen von einer jungen Frau, die in einer verdorrten, überhitzten Realität sitzt und sich nach dem sehnt, was sie für andere erschafft.

Die Gesellschaft ist streng geteilt. Eine kleine, privilegierte Elite, zu der auch die Gründerfamilie von Mastermind gehört, genießt das milde Klima in den wenigen noch lebenswerten Regionen der echten Erde. Alle anderen verbringen ihr Leben in winzigen realen Wohneinheiten, die nur zum Schlafen und Duschen taugen, und flüchten für den Rest des Tages ins Virtuelle. Die reale Welt gehört den Reichen. Den Armen bleibt die Illusion.

Die Erde ist verloren, also verkauft man den Menschen einen Ersatz. Und wer den schönsten Ersatz will, muss dafür bezahlen. Selbst die Flucht aus der Katastrophe ist ein Geschäftsmodell.

Der Mord in der schönsten Welt

Die Handlung nimmt Fahrt auf, als ausgerechnet in Kerrybrook, der friedlichsten und schönsten von Janas Welten, etwas geschieht, das dort nicht vorgesehen ist. Ein Verbrechen. Menschen verschwinden aus dem System und sind auch in anderen Welten nicht mehr auffindbar. Verstorbene bleiben tot. Normalerweise ist der Tod in der virtuellen Welt keine echte Gefahr. Wer stirbt, erwacht wenig später an anderer Stelle. Doch nun bleibt der Tod endgültig. Nicht nachverfolgbare Phantome bewegen sich durch die Welten und töten wirklich.

Jana beginnt, gegen den Willen ihres mächtigen Arbeitgebers, der Sache auf den Grund zu gehen. Und damit gerät sie dem Konzern gefährlich in die Quere. Aus der Weltendesignerin wird eine Ermittlerin, aus der Ermittlerin eine Gejagte. Poznanski verbindet hier die Klimadystopie mit dem Krimi, die Zukunftsvision mit dem Thriller, und diese Mischung ist ihr Markenzeichen. Der Mord in der virtuellen Welt ist der Faden, an dem Jana das ganze verrottete System aufzieht.

Die ehrliche Einordnung

Cryptos ist ein spannendes, kreatives und hochaktuelles Buch, aber es ist, das gehört zur fairen Betrachtung, eher ein packender Thriller als eine literarisch tiefe Dystopie. Seine großen Stärken sind das Tempo und die Fantasie. Poznanski erschafft ihre virtuellen Welten mit sichtbarer Freude und großer Bildkraft, und die Handlung zieht den Leser vom ersten Kapitel an in ihren Bann. Als Near-Future-Thriller, als spannende Unterhaltung mit ernstem Hintergrund, funktioniert das Buch hervorragend.

Die Schwächen liegen dort, wo man sie bei einem Thriller erwartet. Die Figuren hätten mehr Tiefe verdient. Jana ist eine sympathische, mutige, kluge Protagonistin, aber sie und die anderen Personen bleiben, wie mehrere Kritiker anmerkten, etwas an der Oberfläche, mehr Träger der Handlung als vielschichtige Charaktere. Auch eine Möglichkeit, die der Stoff geboten hätte, bleibt weitgehend ungenutzt. Man erfährt wenig darüber, wie das Leben für jene aussieht, die nicht ins Virtuelle fliehen können, für die Menschen, die in der realen Welt gebraucht werden, um sie zu schützen und wieder aufzubauen. Die eigentliche Dystopie, das Leben in der verdorrten Wirklichkeit, bleibt Kulisse, während die Handlung fast ausschließlich in den bunten virtuellen Welten spielt.

Das ist eine bewusste Entscheidung, denn die Welten sind der Reiz des Buches. Aber es bedeutet auch, dass Cryptos die harte Realität seiner Prämisse eher andeutet als ausleuchtet. Es ist eine zugängliche, jugendgerechte Dystopie, kein schonungsloses Werk wie das einer Marlen Haushofer oder eines Andreas Eschbach. Und das ist völlig legitim. Es will etwas anderes sein.

Warum Cryptos auf Platz 30 unserer Liste steht

Weil es eine der zugänglichsten und zugleich hochaktuellsten deutschsprachigen Klimadystopien ist und weil es zwei der größten Ängste unserer Zeit verbindet, die Klimakatastrophe und die Flucht in die virtuelle Realität. Beide Themen sind nicht mehr fern. Der Klimawandel ist Gegenwart, und die Verlockung, sich aus einer schwierigen Wirklichkeit in digitale Welten zurückzuziehen, kennt heute jeder, der ein Smartphone besitzt. Poznanski denkt beide Tendenzen zusammen und führt sie zu ihrem düsteren Endpunkt. Eine Menschheit, die ihre Erde ruiniert hat und sich vor den Folgen in eine schönere Simulation flüchtet, die ein Konzern gegen Bezahlung bereitstellt.

Das ist die eigentliche dystopische Pointe des Buches. Nicht die zerstörte Erde allein, sondern die Reaktion der Menschen darauf. Statt die Wirklichkeit zu retten, kaufen sie sich eine bessere. Statt gegen die Katastrophe zu kämpfen, betäuben sie sich mit der Illusion. Und ein Konzern verdient prächtig daran, indem er den Menschen genau das verkauft, was sie in der Realität verloren haben, Grün, Kühle, Schönheit, ein lebenswertes Leben. Die Flucht ins Virtuelle ist keine Rettung, sondern das endgültige Aufgeben der Wirklichkeit.

Gerade als Einstieg in die Welt der Dystopie ist Cryptos wertvoll. Es erreicht junge Leser, die vielleicht nie zu Orwell oder Haushofer greifen würden, und konfrontiert sie mit den drängenden Fragen unserer Zeit, verpackt in einen Thriller, den man nicht aus der Hand legen mag. Und wer damit anfängt, findet vielleicht den Weg zu den härteren, tieferen Werken. Ein Buch, das die richtige Frage stellt und ein großes Publikum erreicht, hat seinen Platz verdient, auch wenn es die Antwort nicht bis in die letzte bittere Konsequenz ausleuchtet.

Dass die Geschichte inzwischen mit dem Band Canvas fortgesetzt wird, zeigt, wie sehr Poznanskis Zukunftsvision einen Nerv getroffen hat. Sie ist, wie eine Leserin schrieb, mittlerweile zu nah an der Realität angesiedelt, um noch beruhigend zu sein. Und das ist vielleicht das größte Kompliment, das man einer Dystopie machen kann.

Ursula Poznanski: Cryptos. Erschienen im August 2020 im Loewe Verlag. Climate-Fiction-Thriller für Jugendliche und Erwachsene, spielt rund 350 Jahre in der Zukunft. Auch als Hörspiel in der ARD Audiothek verfügbar. Fortsetzung: Canvas (2026).

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