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Die Verratenen: Solide Fluglektüre aus der langen Nacht

dystopien.de · Literatur · Young Adult · Klimadystopie · Rezension · Ursula Poznanski

Nicht jedes Buch muss ein Meisterwerk sein, um seinen Platz zu haben. Manche Bücher sind genau das, was sie sein wollen, spannende, schnell lesbare Unterhaltung, die einen Flug, einen Strandtag, einen verregneten Nachmittag verkürzt. Ursula Poznanskis Die Verratenen von 2012, der Auftakt ihrer Eleria-Trilogie, gehört in diese Kategorie. Es ist ein solider dystopischer Jugendthriller, den man an einem Nachmittag durchliest, und es ist gerade deshalb ehrlich einzuordnen, ohne ihn zu überhöhen und ohne ihn kleinzureden.

Wir haben Die Verratenen bewusst nicht in unsere Liste der dreißig besten deutschsprachigen Dystopien aufgenommen, und das ist keine Herabsetzung. Es ist eine Einordnung. Die Trilogie ist gute Genre-Unterhaltung, aber sie erreicht nicht die Tiefe der Werke, die es auf jene Liste geschafft haben. Das darf ein Buch, und es lohnt sich trotzdem, darüber zu schreiben.

Die Welt der langen Nacht

Die Prämisse ist klassisch und wirkungsvoll. Ein gewaltiger Vulkanausbruch hat große Teile der Erde unwirtlich gemacht. Asche verdunkelt den Himmel, die Temperaturen sind dramatisch gefallen, die Welt ist in eine sogenannte Lange Nacht getaucht. Ein Teil der Menschheit konnte sich in geschützte Kuppeln retten, in die sogenannten Sphären, in denen ein relativ angenehmes, sicheres, geordnetes Leben möglich ist. Außerhalb, in der Kälte und Dunkelheit, leben die Clans, die Zurückgebliebenen, unter weit härteren Bedingungen.

Das ist eine solide dystopische Grundkonstruktion, die die klassische Trennung zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Privilegierten und Ausgeschlossenen aufgreift, die das Genre seit jeher prägt. Die Sphären sind das gelobte Land, sauber, sicher, gerecht erscheinend. Die Außenwelt ist die Verbannung. Und wie in jeder guten Dystopie erweist sich das scheinbar perfekte System als das eigentliche Problem.

Rias Flucht

Die Protagonistin heißt Ria, und sie ist zu Beginn alles, was man in dieser Welt sein möchte. Beliebt, privilegiert, talentiert, Teil eines Systems, das sie schützt und versorgt, mit einer glänzenden Zukunft vor sich. Dann kippt ihr Leben. Von einem Moment auf den anderen sieht sie sich einer feindseligen Welt gegenüber, wird der Verschwörung beschuldigt, muss fliehen. Gemeinsam mit einer Gruppe von Studenten beginnt eine atemlose Flucht aus der sicheren Sphäre hinaus in die karge, dunkle Außenwelt, und niemandem ist mehr zu trauen.

Und hier liegt, bei aller Spannung, die Schwäche des Buches, die man ehrlich benennen muss. Ria ist in der ersten Hälfte des Romans eine erstaunlich passive Heldin. Sie wird von den Ereignissen getrieben, herumgeschoben, gerettet und gelenkt, während die Figuren um sie herum, oft die männlichen, handeln und entscheiden. Sie erleidet ihre Geschichte mehr, als dass sie sie gestaltet. Für eine Protagonistin, die den Leser durch eine ganze Trilogie tragen soll, ist das ein zäher Anfang. Man wartet lange darauf, dass sie zur handelnden Figur wird.

Eine Heldin, die die erste Hälfte ihres eigenen Buches über nur reagiert, statt zu handeln, ist ein Startproblem, das kein noch so spannendes Setting ganz auffängt.

Die zweite Hälfte rettet das Buch

Der Wendepunkt kommt, und mit ihm wird Die Verratenen zu dem Buch, das es hätte von Anfang an sein können. In der zweiten Hälfte nimmt Ria ihr Schicksal in die Hand. Sie folgt ihrer eigentlichen Bestimmung, wird aktiv, trifft Entscheidungen, treibt die Handlung. Die klassische Heldenreise und der Jugendentwicklungsroman setzen ein, und plötzlich funktioniert die Geschichte. Man könnte fast sagen, die zweite Hälfte des Buches lohnt sich mehr, als man sich durch die erste kämpfen muss.

Das ist ein bekanntes Muster im Young-Adult-Genre. Die Wandlung von der passiven zur aktiven Heldin ist Teil der Entwicklungsgeschichte, gehört zur Dramaturgie des Erwachsenwerdens. Wer damit gnädig ist, sieht in Rias langsamem Anlauf eine bewusste Gestaltung. Wer strenger urteilt, hätte sich gewünscht, dass Poznanski ihre Heldin früher von der Leine lässt. Beides ist berechtigt.

Poznanskis erzählerische Stärken sind auch hier unübersehbar. Sie baut Spannung meisterhaft auf, streut Wendungen und Verrat, hält den Leser im Ungewissen. Die Gruppendynamik der fliehenden Studenten mit ihren unterschiedlichen Talenten und Ansichten sorgt für Reibung und Abwechslung. Als Pageturner funktioniert das Buch, sobald es in Fahrt gekommen ist, hervorragend.

Die ehrliche Einordnung

Die Verratenen ist im Vergleich zu anderen Werken derselben Genre-Identität, der dystopischen Young-Adult-Literatur, kein schlechtes Buch. Es steht im Wettbewerb mit den Tribute-von-Panem-Nachfolgern und der Divergent-Welle, und in diesem Feld schlägt es sich gut. Poznanski ist eine geübtere Erzählerin als viele ihrer Mitbewerber, ihre Welt ist durchdacht, ihre Spannungsführung sicher. Die Kritik lobte den Auftakt überwiegend, und die Trilogie hat eine treue Leserschaft gefunden.

Aber es ist eben Genre-Literatur im besten Sinne, nicht mehr und nicht weniger. Es hat nicht die literarische Tiefe, die gesellschaftliche Schärfe oder die sprachliche Kraft der Werke, die es auf unsere Bestenliste geschafft haben. Die Figuren, allen voran Ria, hätten mehr Tiefe verdient. Die dystopische Welt dient mehr als Kulisse für einen Thriller denn als ernsthafte Gesellschaftsanalyse. Das ist keine Schande, es ist eine Frage des Anspruchs. Nicht jedes Buch will Orwell sein, und nicht jedes muss es.

Warum sich Die Verratenen trotzdem lohnt

Weil es genau das gut macht, was es sein will. Es ist ideale Unterhaltung für zwischendurch, eine nette Urlaubslektüre, ein Buch für den Flug oder den Strand, das man schnell liest und das einen gut unterhält. Wer eine spannende, zugängliche Dystopie ohne den Anspruch schwerer Kost sucht, ist hier richtig. Und für jüngere Leser, für die das Genre gedacht ist, kann es ein Einstieg sein, der Lust auf mehr macht, auf tiefere, härtere Bücher.

Ursula Poznanski hat mit Erebos und ihren späteren Werken bewiesen, dass sie zu den stärksten Stimmen ihres Fachs gehört. Die Verratenen ist ein früherer, noch nicht ganz ausgereifter Teil ihres Werks, aber es trägt bereits ihre Handschrift, die Fähigkeit, Technik und Gesellschaft in packende Spannung zu übersetzen. Wer Poznanski entdecken will, findet vielleicht bessere Einstiege, wer aber ohnehin gern durch dystopische Welten reist, wird auch an dieser langen Nacht seine Freude haben.

Man muss nicht jedes Buch lieben, das man liest, und nicht jedes empfehlen wie ein Meisterwerk. Manchmal genügt es zu sagen, das war eine gute Fluglektüre. Nicht der große Überflieger, aber die Zeit war nicht verschwendet. Die Verratenen ist genau das. Und das ist völlig in Ordnung.

Ursula Poznanski: Die Verratenen. Erschienen 2012 im Loewe Verlag, erster Band der Eleria-Trilogie. Es folgten Die Verschworenen (2013) und Die Vernichteten (2014). Dystopischer Thriller ab 14 Jahren. Nominiert unter anderem für den Buchliebling 2013.

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