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Schon der Titel ist ein Programm und ein Rätsel zugleich. Saiäns-Fiktschen, das ist Science Fiction, aber lautmalerisch eingedeutscht, buchstabiert, wie ein Sachse die englischen Wörter aussprechen würde. Diese absichtsvolle Verfremdung ist kein bloßer Scherz. Sie ist eine Distanzierung. Franz Fühmann, einer der bedeutendsten Autoren der DDR, wollte ausdrücklich keine Science Fiction im gewohnten Sinn schreiben. Er nutzte die Form der Zukunftserzählung für etwas anderes, für die Materialisierung von Bedrängnissen und Nöten, wie er selbst sagte, für Ängste, die zwar der Realität entstammen, diese Realität aber maßlos überschreiten. Und die Realität, die er meinte, war die DDR, in der er lebte.
Saiäns-Fiktschen, 1981 in Rostock erschienen, ist ein Zyklus von sieben Erzählungen, und er gehört zum Eigenwilligsten und Bedeutendsten, was die Science Fiction der DDR hervorgebracht hat. Es ist eine Dystopie, geschrieben aus dem Inneren eines realen sozialistischen Staates, von einem Mann, der einst an diesen Staat glaubte und an ihm verzweifelte. Genau das macht das Buch so besonders. Es ist keine Warnung von außen, sondern eine Diagnose von innen.

Franz Fühmann: Die Geschichte einer Wandlung
Um Saiäns-Fiktschen zu verstehen, muss man den Weg seines Autors kennen, denn kaum eine Biografie ist so von Wandlung geprägt wie die Franz Fühmanns. Geboren 1922 im Sudetenland, wuchs er in einem deutschnationalen Umfeld auf, begrüßte den Einmarsch der Nationalsozialisten und diente im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht. In sowjetischer Kriegsgefangenschaft durchlief er eine Antifa-Schule und wurde vom überzeugten Nationalsozialisten zum überzeugten Sozialisten. Er ging in die DDR, wurde ein anerkannter, geförderter Schriftsteller, ein Mann, der zunächst an das sozialistische Projekt glaubte.
Doch im Lauf der Jahre kippte dieser Glaube in Enttäuschung. Der Wendepunkt kam 1976, als der Liedermacher Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert wurde. Fühmann gehörte zu den Erstunterzeichnern des Protests der DDR-Künstler gegen diese Ausweisung. Von da an wuchs seine Entfremdung vom Staat. Er zog sich aus seinen kulturpolitischen Ämtern zurück, aus dem Schriftstellerverband, aus der Akademie der Künste. In Briefen versuchte er noch, die Politiker zu einer anderen Kulturpolitik zu bewegen, doch am Ende verzweifelte er an den Verhältnissen. Sein großes geplantes Lebenswerk, ein Roman über das Bergwerk als Bild der Gesellschaft, blieb unvollendet. Es erschien posthum unter dem bezeichnenden Untertitel Fragmente eines Scheiterns. Fühmann starb 1984.
Saiäns-Fiktschen entstand genau in dieser Phase der Entfremdung, zwischen der ersten Erzählung von 1974 und der Sammlung von 1981. Es ist das Werk eines Mannes, der begonnen hatte, sein eigenes System mit klaren Augen zu sehen, und der die Form der Zukunftserzählung fand, um auszudrücken, was er anders nicht sagen konnte.
Uniterr und Libroterr
Die sieben Erzählungen spielen in einer gemeinsamen Welt, in einer möglichen Zukunft nach zwei Atomkriegen. Diese Welt ist geteilt in zwei Machtblöcke, und schon deren Namen sind sprechend. Uniterr, das Land der Uniformität, der erzwungenen Einheit, und Libroterr. Im Zentrum stehen drei Figuren, die Wissenschaftler Janno, Jirro und Pavlo, deren bewusst abstrakt gehaltene Gestalten Fühmann als Projektionsflächen dienen. Der Schwerpunkt liegt auf Uniterr, und es ist unschwer als überzeichnetes Bild eines totalitären Staates zu erkennen, in dem eine einzige Ideologie alle Lebensbereiche durchdringt.
Fühmanns Methode war, wie er es selbst nannte, das Etwas-zu-Ende-Denken. Er nahm die Prinzipien einer Gesellschaft und trieb sie in die letzte Konsequenz. In Uniterr ist das Denken selbst reglementiert. Probleme werden nicht durch eigenes Nachdenken gelöst, sondern durch das Zitieren der Klassiker, durch den Rückgriff auf die kanonisierte Lehre. Die Wissenschaft ist der Ideologie unterworfen, die Sprache ist kontrolliert, die Erinnerung gelenkt. Es ist eine Welt, in der der Mensch aufgehört hat, ein eigenständig denkendes Wesen zu sein, und zum Vollstrecker einer vorgegebenen Wahrheit geworden ist.
In Uniterr muss niemand mehr selbst denken. Die Antworten stehen längst in den Büchern der Klassiker. Man muss sie nur noch zitieren. Das ist das Ende des Denkens, verkleidet als seine Vollendung.
Die Ohnmacht und der Blick in die Zukunft
Die erste und älteste Erzählung des Zyklus, Die Ohnmacht, entstand 1974 in einer, wie Fühmann sagte, bösen Krise, um eine existenzielle Lähmung zu überwinden. Sie erzählt von einem Wissenschaftler, der eine Erfindung gemacht hat, die es erlaubt, einige Minuten in die Zukunft zu sehen. Doch die Entdeckung wird zur Falle. Denn was man in der Zukunft sieht, das geschieht dann auch, unausweichlich, selbst wenn man beschließt, das Gegenteil zu tun. Der Blick in die Zukunft offenbart eine vollständige Determiniertheit, eine Welt ohne freien Willen, in der alles bereits feststeht.
Das ist ein zutiefst dystopisches Bild, und es lässt sich unmittelbar auf Fühmanns eigene Lage übertragen. Die Ohnmacht des Titels ist die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber einem übermächtigen, festgelegten Lauf der Dinge, gegenüber einem System, dessen Entwicklung unabänderlich scheint. Die Erzählung fragt, ob der Mensch überhaupt noch etwas ändern kann, oder ob er nur noch zusieht, wie das Vorhergesehene eintritt. Es ist die Verzweiflung eines Mannes, der die Erstarrung seiner Gesellschaft erkennt und sich machtlos fühlt, sie aufzuhalten.
Die ehrliche Einordnung
Saiäns-Fiktschen ist ein bedeutendes, aber kein leichtes Buch, und das muss klar gesagt werden. Fühmann war ein hochliterarischer, anspruchsvoller Autor, und seine Erzählungen verlangen dem Leser einiges ab. Die Sprache ist dicht, oft verrätselt, die Handlung tritt hinter die Reflexion und die Atmosphäre zurück. Wer spannende, geradlinige Science Fiction erwartet, wird enttäuscht. Fühmann selbst wollte das ja gerade nicht liefern. Seine Geschichten sind philosophische Versuchsanordnungen, Gedankenexperimente über Determinismus, Macht und die Erstarrung des Denkens, nicht Abenteuer.
Hinzu kommt, dass viel vom Reiz und von der Sprengkraft des Buches aus seinem historischen Kontext stammt. Für Leser in der DDR von 1981 war Saiäns-Fiktschen eine kaum verhüllte, mutige Kritik am eigenen Staat, verpackt in die schützende Hülle der Zukunftserzählung. Diese Schärfe, dieses Gefühl, etwas Verbotenes zwischen den Zeilen zu lesen, erschließt sich heutigen Lesern nicht mehr unmittelbar. Man muss den Kontext kennen, die DDR, die Zensur, die Rolle der Klassikerzitate im real existierenden Sozialismus, um die volle Wucht zu spüren. Ohne dieses Wissen bleibt vieles abstrakt.
Es ist also ein Buch, das Voraussetzungen verlangt, historische wie literarische. Aber wer diese Voraussetzungen mitbringt oder sich erarbeitet, findet ein Werk von seltener Tiefe und seltenem Mut.
Warum Saiäns-Fiktschen auf Platz 21 unserer Liste steht
Weil es eine Dystopie ist, die es unter besonderen Bedingungen gar nicht geben durfte, und die es dennoch gab. Es ist eines der wenigen Beispiele einer dystopischen Kritik am realen Sozialismus, geschrieben von einem Autor, der in diesem Sozialismus lebte, veröffentlicht in dem Staat, den es kritisierte. Allein das ist bemerkenswert. Fühmann nutzte die Nische der Science Fiction, jene scheinbar harmlose, unpolitische Gattung, um zu sagen, was direkt nicht sagbar war. Er verkleidete die Gegenwart als Zukunft und die DDR als Uniterr, und schmuggelte so seine Diagnose an der Zensur vorbei.
Und weil seine Themen weit über die DDR hinausreichen. Die Erstarrung des Denkens, das Ersetzen der eigenen Urteilskraft durch das Zitieren von Autoritäten, die Unterwerfung der Wissenschaft unter die Ideologie, die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber einem festgefahrenen System, all das sind Gefahren, die keine Gesellschaft je ganz hinter sich lässt. Jede Ideologie, die alle Antworten schon zu kennen glaubt, produziert die Uniformität von Uniterr. Jede Zeit, in der Menschen aufhören, selbst zu denken, und stattdessen die Klassiker zitieren, ob politische, religiöse oder andere, gleitet in Fühmanns Albtraum.
Saiäns-Fiktschen ist damit die dystopische Stimme aus dem Osten, die Ergänzung zu den westlichen Klassikern des Genres. Wo Orwell die totalitäre Gesellschaft von außen imaginierte, beschrieb Fühmann sie von innen, aus gelebter Erfahrung, aus wachsender Verzweiflung. Er wusste, wovon er schrieb, weil er darin lebte. Und er fand die Form, in der sächsischen Lautschrift der Science Fiction, um seine Ohnmacht in Worte zu fassen und ihr, wie er hoffte, dadurch besser begegnen zu können.
Es ist die Dystopie eines Mannes, der zweimal an eine Ideologie glaubte und zweimal erkennen musste, wohin sie führt. Diese doppelte Erfahrung, dieses zweifache Erwachen, macht seine Stimme so glaubwürdig und so unbequem. Wer wissen will, wie sich eine Dystopie von innen anfühlt, für den, der in ihr lebt, findet bei Fühmann eine Antwort, die keiner der großen westlichen Klassiker geben konnte.
Franz Fühmann: Saiäns-Fiktschen. Erzählungen. Erstmals erschienen 1981 im VEB Hinstorff Verlag, Rostock. Sieben Erzählungen aus der Welt der Wissenschaftler Janno, Jirro und Pavlo, angesiedelt in den verfeindeten Blöcken Uniterr und Libroterr. Der verfremdete Titel ist die lautmalerische Eindeutschung von Science Fiction.
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