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The Mill (2023): Die Tretmühle ist keine Metapher mehr

dystopien.de · Film · Kapitalismuskritik · Künstliche Intelligenz · Kammerspiel · Sean King O’Grady

The Mill. Es gibt Redewendungen, die so abgenutzt sind, dass niemand mehr das Bild dahinter sieht. Die Tretmühle des Alltags, der tägliche Grind, das Rad, in dem man läuft. The Mill von 2023 nimmt diese tote Metapher und macht sie wieder schmerzhaft wörtlich. Ein Mann erwacht neben einer uralten, steinernen Tretmühle und wird gezwungen, sie zu drehen, Tag für Tag, als Lasttier, für einen Konzern, der ihn dafür gefangen hält. Die Tretmühle ist hier keine Redensart mehr. Sie ist aus Stein, und der Mann muss sie schieben, bis er zusammenbricht.

Der Film ist ein ungewöhnliches, radikal reduziertes Werk, ein Kammerspiel mit im Grunde einem einzigen sichtbaren Darsteller, und er verhandelt mit bemerkenswerter Direktheit die Themen, die den Kern von dystopien.de ausmachen. Die Entmenschlichung durch den Konzern, die Herrschaft der künstlichen Intelligenz, den Verlust der persönlichen Freiheit. Er ist kein Meisterwerk, und das wird dieser Beitrag auch klar benennen. Aber er ist ein überraschend starker, nachdenklicher Film, der mehr bietet, als sein schmales Konzept vermuten lässt.

Die Prämisse: Erwachen in der Zelle

Joe Stevens, gespielt von Lil Rel Howery, ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Eines Morgens erwacht er, noch im feinen Anzug, auf dem Boden einer Freiluft-Gefängniszelle, ohne Dach, ohne Erklärung, ohne jede Erinnerung daran, wie er hierhergekommen ist. In der Mitte der Zelle steht eine archaische Getreidemühle aus Stein, eine jener Tretmühlen, wie sie einst von Ochsen oder von Sklaven angetrieben wurden. Eine körperlose Stimme, die KI des Konzerns, gibt ihm seine Aufgabe. Er soll die Mühle drehen. Er muss ein bestimmtes Tagespensum erfüllen, sonst drohen Strafen. Und er hat keine Wahl.

Das ist die ganze Ausgangslage, und ihre Kargheit ist Programm. Joe weiß nicht, wo er ist, wer ihn gefangen hält, warum. Er sieht niemanden, nur die Mauern seiner Zelle und, über deren Rand, die Zellen anderer Gefangener, mit denen er sprechen, die er aber nie wirklich erreichen kann. Die Stimme des Konzerns treibt ihn an, überwacht ihn, bestraft und belohnt ihn nach den kalten Regeln eines Systems, das ihn nur noch als Arbeitseinheit betrachtet. Joe, der Geschäftsmann, der einst selbst Teil der Konzernwelt war, ist nun ihr Opfer, zum reinen Lasttier degradiert.

Der Mann, der sein Leben lang für den Konzern gearbeitet hat, wird vom Konzern zum Arbeitstier gemacht. Die Karriere endet dort, wo sie im Grunde immer war. An der Mühle.

Die Nähe zu Cube

Wer die Filme kennt, die auf unserer Liste stehen, denkt bei The Mill fast unweigerlich an einen anderen. An Cube, jenen kanadischen Kultfilm über Menschen, die in einer unerklärlichen, tödlichen Zelle erwachen, ohne zu wissen, wer sie dorthin gebracht hat. Die Verwandtschaft ist offensichtlich und sicher nicht zufällig. Beide Filme arbeiten mit derselben klaustrophobischen Grundidee, dem Erwachen in einer rätselhaften Gefangenschaft, dem Fehlen jeder Erklärung, dem namenlosen System, das über das Schicksal verfügt.

Und beide teilen eine Qualität, die man leicht übersieht. Sie verweigern die große Auflösung. Es gibt einen klugen Gedanken zu diesem Film, dass die Heldenreise ihres Protagonisten abgeschlossen wird, der Film selbst aber nicht. Joe durchläuft seine innere Wandlung, seine Erkenntnis, seine Entwicklung, aber das System, die Mühle, der Konzern, läuft weiter, über seine persönliche Geschichte hinaus. Das ist dieselbe Weigerung, die Cube so stark macht. Das Grauen besteht nicht in einer Lösung, die man finden könnte, sondern in einem Mechanismus, der einfach weiterläuft, gleichgültig gegenüber dem Einzelnen, der in ihm zermahlen wird. Die Mühle hört nicht auf zu mahlen, nur weil ein einzelner Mensch seine Lektion gelernt hat.

The Mill Duck

Die ehrliche Einordnung

Hier gehört die Offenheit hin, die dystopien.de auszeichnet. The Mill ist ein durchwachsener Film, und die Kritik war gespalten, von vernichtend bis wohlwollend. Man muss beide Seiten benennen.

Die größte Schwäche, die fast alle Kritiker nennen, ist die mangelnde Subtilität. Die Botschaft des Films, die Abrechnung mit der Konzernwelt, mit dem Ausgebranntsein, mit der Entmenschlichung durch die Arbeit, wird mit dem Holzhammer serviert. Der Film heißt The Mill, die Mühle, und sein Thema ist der Grind, die Tretmühle, das ist so wenig verschlüsselt, dass manche Rezensenten es als plump empfanden. Wer feinsinnige, vielschichtige Gesellschaftskritik erwartet, wird enttäuscht. The Mill sagt, was es meint, und es sagt es laut und oft.

Die zweite Schwäche ist strukturell. Ein Film, der fast ausschließlich an einem einzigen Ort spielt, mit einem einzigen sichtbaren Darsteller, der die meiste Zeit mit körperlosen Stimmen spricht, läuft Gefahr, trotz seiner kurzen Laufzeit zäh zu werden. Manche Zuschauer empfanden die knapp hundert Minuten als lang, das Konzept als überdehnt, besser geeignet für einen Kurzfilm als für einen Spielfilm. Und die Meinungen über Lil Rel Howery gehen auseinander. Bekannt vor allem aus Komödien und aus Get Out, trägt er hier als quasi einziger Darsteller den ganzen Film, und während die einen seine Leistung als nuanciert und tragend loben, finden andere, er könne einen Film allein nicht stemmen.

Was den Film trotz allem hochzieht, und das deckt sich mit dem Eindruck, überraschend gut zu sein, ist die Kraft seiner Grundidee, seine thematische Ernsthaftigkeit und ein Regieeinfall, den die Kritik weitgehend übersehen hat. Denn so plump die Botschaft im Dialog daherkommt, so raffiniert ist sie im Bild. Der Film zeigt die Büros der Zukunft, in denen Stevens einst arbeitete, in exakt derselben Form wie die Zelle, in der er nun die Mühle dreht. Andere Farben, anderer Stil, cleaner, moderner, aber dieselbe Anordnung, dieselben Konturen, das Arbeitsgerät am genau gleichen Platz. Die Steinmühle des Lasttiers und der Schreibtisch des Anzugträgers sind, visuell, ein und dasselbe. Aus Blue Collar wird White Collar, aus dem schuftenden Sklaven der erfolgreiche Geschäftsmann, und der Film sagt mit dieser Bildsprache unmissverständlich, dass es keinen Unterschied gibt. Beide drehen dieselbe Mühle, am selben Ort, in derselben Haltung. Das ist die eigentliche These des Films, und sie steht nicht im Dialog, sondern in der Form der Räume. Wer nur auf die Worte hört, hält The Mill für plump. Wer auf die Bilder achtet, erkennt eine klügere Hand, als der Film zugibt.

Howery wollte, auch als Produzent, bewusst keinen seiner üblichen Komödienfilme machen, sondern einen ernsten, modernen Horror über die Arbeitswelt, und dieser Ernst trägt. Das Bild der Tretmühle ist stark, die klaustrophobische Atmosphäre funktioniert, und die Grundfrage brennt. In einer Zeit, in der über Work-Life-Balance, über Ausbeutung, über das Ausbrennen im Hamsterrad der Leistungsgesellschaft so viel gesprochen wird, trifft The Mill einen Nerv.

Warum The Mill auf unsere Liste gehört

Top 100 der besten dystopischen Filme. Weil es eine der direktesten filmischen Übersetzungen der Ausbeutung durch die Arbeitswelt ist und weil seine Metapher, bei aller Plumpheit, sitzt. The Mill nimmt das abstrakte Gefühl, im Beruf gefangen zu sein, zum reinen Produktionsfaktor degradiert, vom Konzern verbraucht und dann weggeworfen zu werden, und gießt es in ein konkretes, physisches Bild. Der Mensch im Anzug, der eine steinerne Mühle treibt wie ein Ochse, überwacht von einer KI, die ihn nur als Leistungskurve sieht. Das ist Konzernkritik, reduziert auf ihren brutalen Kern.

Und weil der Film eine moderne Angst verhandelt, die immer dringlicher wird, die Angst vor der künstlichen Intelligenz als Aufseher. In The Mill ist es keine menschliche Autorität, die Joe gefangen hält, sondern ein System, ein Algorithmus, eine körperlose Stimme, die nach kalten Effizienzregeln entscheidet. Das ist die Dystopie der automatisierten Ausbeutung, in der kein Mensch mehr verantwortlich ist, nur noch der Mechanismus, der läuft. Darin trifft sich The Mill mit den großen Themen dieser Seite, mit der gesichtslosen Bürokratie bei Kafka, mit dem unerklärlichen System bei Cube, mit der Herrschaft der Maschine bei so vielen anderen.

The Mill ist nicht der beste Film auf dieser Liste, und er will es auch nicht sein. Er ist ein kleines, karges, unbequemes Werk mit einer großen, einfachen Idee. Aber manchmal ist es gerade die einfache Idee, die haften bleibt. Man verlässt diesen Film und sieht die eigene Arbeit, das eigene Hamsterrad, mit anderen Augen. Man spürt die Mühle unter den eigenen Händen. Und das ist mehr, als viele weit aufwendigere Filme erreichen.

Die Tretmühle, so die bittere Lehre, ist keine Metapher. Sie ist das, was viele Menschen jeden Tag tun. Der Film macht nur sichtbar, was der Sprachgebrauch längst vergessen hat. Dass wir alle schieben, Tag für Tag, und dass die Mühle weitermahlt, ob wir unsere Lektion lernen oder nicht.

The Mill. USA 2023. Regie: Sean King O’Grady. Drehbuch: Jeffrey David Thomas. Darsteller: Lil Rel Howery, der zugleich als Produzent fungierte, mit den Stimmen von Pat Healy, Karen Obilom und Patrick Fischler. Science-Fiction-Thriller, als Hulu Original erschienen. Laufzeit rund 105 Minuten.

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