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Der Tunnel. Es gibt ein Datum, das diesem Roman eine fast unheimliche Bedeutung verleiht. Der Tunnel von Bernhard Kellermann erschien im April 1913, ein Jahr und vier Monate vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er ist ein Buch über den grenzenlosen Fortschrittsglauben seiner Zeit, über die Hybris einer Epoche, die glaubte, die Technik könne alles, und über die Katastrophe, die auf diesen Größenwahn folgt. Geschrieben am Vorabend jener Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, die den Fortschrittsoptimismus der Vorkriegszeit in den Schützengräben begrub, liest sich Der Tunnel heute wie eine düstere Vorahnung. Die Begeisterung für das technisch Machbare, die ins Verderben führt.
Der Roman war einer der größten Bucherfolge der ersten Jahrhunderthälfte, mit einer Gesamtauflage von über einer Million, übersetzt in fünfundzwanzig Sprachen, dreifach verfilmt. Er gilt als einer der ersten großen Technik-Thriller der Literaturgeschichte, ein Vorläufer eines ganzen Genres. Und er ist zugleich eine frühe, hellsichtige Dystopie über die dunkle Seite des technischen Fortschritts, über die Macht des Kapitals und über den Preis, den Menschen für die Träume einzelner Großer bezahlen.

Bernhard Kellermann: Vom Zukunftsromantiker zum Kritiker
Bernhard Kellermann, geboren 1879 in Fürth, gestorben 1951, war ein deutscher Schriftsteller, der sich zunächst mit psychologischen Gesellschaftsromanen einen Namen machte. Doch sein Leben und seine Bekanntheit veränderten sich schlagartig mit einem einzigen Buch. Mit Der Tunnel wurde Kellermann 1913 über Nacht weltberühmt. Der Roman machte ihn und seinen Verlag, den renommierten S. Fischer Verlag, zu einem Riesenerfolg und katapultierte den Autor in die erste Reihe der deutschen Literatur.
Interessant ist Kellermanns eigene Entwicklung, denn sie spiegelt die Geschichte, die sein berühmtestes Buch erzählt. Als er Der Tunnel schrieb, war er ein Kind seiner technikbegeisterten Epoche, fasziniert von den scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten der Ingenieurskunst, vom Glauben an den Fortschritt. Der Roman rezipiert diese Begeisterung, feiert sie zunächst geradezu. Doch der Erste Weltkrieg und die politischen Umwälzungen der zwanziger Jahre hinterließen tiefe Spuren. Kellermann wandelte sich vom Zukunftsromantiker zum scharfen Gesellschaftskritiker. Der Mann, der die Technikeuphorie besang, erlebte, wohin die entfesselten Kräfte seiner Zeit führten, und wurde zum Mahner. Diese Wandlung ist bereits in Der Tunnel angelegt, denn das Buch feiert den Fortschritt nicht nur, es zeigt auch seinen furchtbaren Preis.
Der Traum vom Tunnel unter dem Atlantik
Die Geschichte beginnt mit einem Aufstieg und einer Vision. Mac Allan, der Protagonist, hat sich vom einfachen Bergarbeiter und Halbwaisen zum gefeierten Ingenieur hochgearbeitet. Durch die Erfindung eines besonders harten Werkzeugstahls, den er nach sich selbst Allanit nennt, ist er zu Vermögen gekommen. Und mit diesem neuen Stahl will er das Unmögliche wagen, den Bau eines gigantischen Eisenbahntunnels am Grunde des Atlantiks, der Amerika mit Europa verbindet. Schnellzüge sollen durch ihn rasen und die Kontinente in nie gekannter Geschwindigkeit verbinden. Geplant ist die Strecke von Großbritannien über Nordspanien, die Azoren und die Bermudas bis an die amerikanische Küste, hundert Kilometer südlich von New York. Veranschlagt sind fünfzehn Jahre.
Allan gewinnt ein mächtiges Finanzsyndikat für sein Projekt, Millionäre und Spekulanten, die gewaltige Aktienpakete ausgeben und verkaufen. Der Tunnel wird zum größten Unternehmen der Menschheitsgeschichte. An fünf verschiedenen Stellen des Atlantiks gehen ganze Heerscharen von Arbeitern ans Werk und treiben den Tunnel voran, Jahr um Jahr, in der Tiefe, unter ungeheurem Druck, bei mörderischer Hitze. Eine ganze Stadt entsteht, Mac City, benannt nach dem Visionär. Das Projekt verschlingt Kapital, Material und Menschen in nie dagewesenem Ausmaß.
Der Tunnel muss irgendwo hinführen, heißt es im Roman, denn wir bewegen uns auf Schienen. Das ist das Bild der ganzen Epoche. Eine Menschheit, die glaubt, der Fortschritt habe eine vorgezeichnete Richtung, und die nicht mehr fragt, wohin die Schienen eigentlich laufen.
Die Katastrophe und der Hass
Nach sieben Jahren des Baus geschieht das Unvermeidliche. In der Tiefe des Tunnels, auf der amerikanischen Seite, ereignet sich eine verheerende Explosion. Die Ursache lässt sich, so der Roman, nie mit Sicherheit feststellen. Dreitausend Arbeiter sterben in der Katastrophe. Die Überlebenden, halb wahnsinnig vor Angst, fliehen, zerstören in ihrer Panik Teile des Tunnels, lösen eine Massenpanik aus. Und dann kippt die Verehrung, die Allan einst genoss, in blanken Hass. Die Arbeiterschaft, die Hinterbliebenen, die aufgewiegelte Masse machen Allan für das Blutbad verantwortlich. In einem furchtbaren Ausbruch der Wut töten sie Allans Frau und Kind.
Was folgt, ist der Zusammenbruch auf allen Ebenen. Streiks erschüttern die Welt, das Finanzsyndikat kollabiert, an der Börse vernichtet der Krach Vermögen, weltweite Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Niedergang sind die Folge. Mac Allan, einst der gefeierte Held des Fortschritts, wird, wie es im Roman heißt, zu einem der meistgehassten Menschen des Planeten. Die Arbeiterpresse der fünf Kontinente zeichnet ihn als blutbesudeltes Gespenst der Zeit, mit Menschenköpfen im Maul und gepanzerten Geldschränken in den Händen. Der Visionär wird zum Schuldigen, der Traum zum Alptraum, der Held zum Dämon. Old gray Mac wird er am Ende genannt, grau geworden, gezeichnet, ein gebrochener Mann, der seinen Tunnel schließlich doch vollendet, aber um einen Preis, der jedes Maß übersteigt.
Die ehrliche Einordnung
Der Tunnel ist ein historisch bedeutendes und erstaunlich vorausschauendes Buch, aber es ist ein Werk seiner Zeit, und das muss man bei der Lektüre bedenken. Der Stil ist der des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, pathetisch, bisweilen schwülstig, mit einer Begeisterung für das Technische und das Gigantische, die heute manchmal naiv wirkt. Kellermann schwelgt in der Darstellung der ungeheuren Dimensionen, der Massen, der Maschinen, und diese Technikbegeisterung, so kritisch sie am Ende gebrochen wird, prägt den Ton über weite Strecken. Wer die kühle Präzision moderner Prosa gewohnt ist, muss sich auf einen anderen, älteren, emphatischeren Erzählstil einlassen.
Auch die Figurenzeichnung trägt die Züge ihrer Entstehungszeit. Die Charaktere, allen voran Mac Allan, sind weniger psychologisch differenzierte Individuen als vielmehr Typen, Verkörperungen von Ideen, der Visionär, der Kapitalist, der Arbeiter. Die Frauenfiguren bleiben blass. Und die Handlung bedient sich mitunter der Mittel des Kolportageromans, der großen Gefühle, der dramatischen Zuspitzung, des Melodrams. Das war Teil des Erfolgsrezepts, es machte das Buch zum Bestseller, aber es verlangt vom heutigen Leser eine gewisse Nachsicht.
Es ist also kein subtiles, psychologisch feines Werk, sondern ein großes, pathetisches, mitreißendes Epos des Fortschritts und seines Scheiterns. Man liest es weniger wegen seiner literarischen Finesse als wegen seiner historischen Hellsichtigkeit und der Wucht seiner Vision.
Warum Der Tunnel auf Platz 16 unserer Liste steht
(Die 30 besten deutschsprachigen Dystopien) Weil es eine der frühesten und vorausschauendsten deutschsprachigen Technik-Dystopien ist und weil seine Warnung über ein Jahrhundert hinweg nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat. Kellermann schrieb 1913, in einer Zeit des grenzenlosen Fortschrittsoptimismus, und er sah bereits die Schattenseite. Dass der Glaube an die technische Machbarkeit, verbunden mit der Macht des Kapitals, Menschen zu bloßen Mitteln degradiert, zu Material, das im Dienst des großen Projekts verbraucht wird. Dreitausend Tote im Tunnel, das ist bei Kellermann eine Zahl in der Bilanz, ein Kostenfaktor des Fortschritts. Diese Entmenschlichung im Namen des technischen und ökonomischen Triumphs ist der dystopische Kern des Buches.
Und weil Der Tunnel eine Hybris-Geschichte im klassischen Sinn ist, eine Parabel über die Grenzen menschlicher Anmaßung. Mac Allan will, wie einst die Erbauer von Babel, das Unmögliche, die Kontinente verbinden, die Natur bezwingen, dem Menschen eine gottgleiche Macht verschaffen. Und wie in allen großen Hybris-Erzählungen folgt auf die Überhebung der Sturz. Der Tunnel, das Symbol des menschlichen Fortschrittswillens, wird zum Grab für Tausende und zum Ruin für Millionen. Kellermann verhandelt damit eine Frage, die heute dringlicher ist denn je. Wie weit darf der Mensch gehen in seinem Drang, alles technisch Machbare auch zu verwirklichen? Und wer bezahlt den Preis für die Träume der Großen?
In einer Zeit, in der Milliardäre vom Mars träumen, in der gigantische Technikprojekte die Welt verändern und ganze Belegschaften als Verfügungsmasse behandelt werden, in der der Glaube an die technische Lösbarkeit aller Probleme ungebrochen scheint, ist Kellermanns hundertjährige Warnung von verblüffender Aktualität. Der Tunnel muss irgendwo hinführen, dachte seine Epoche. Ein Jahr nach dem Erscheinen des Romans führte er, im übertragenen Sinn, in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Der grenzenlose Fortschrittsglaube der Vorkriegszeit, den Kellermann so eindrucksvoll beschrieb und zugleich infrage stellte, zerbrach an der realen Katastrophe, die niemand hatte kommen sehen wollen.
Vielleicht ist das die tiefste Lehre dieses Buches. Dass der Tunnel, einmal begonnen, nicht mehr aufzuhalten ist, dass die Dynamik des großen Projekts, des investierten Kapitals, des geweckten Fortschrittsglaubens eine eigene, unerbittliche Logik entwickelt, die über Leichen geht. Man kann aus dem fahrenden Zug nicht mehr aussteigen. Man bewegt sich auf Schienen. Und der Tunnel muss irgendwo hinführen, ob man will oder nicht.

Bernhard Kellermann: Der Tunnel. Erstmals erschienen im April 1913 im S. Fischer Verlag, Berlin. Gesamtauflage über eine Million, übersetzt in 25 Sprachen, einer der größten Bucherfolge der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dreifach verfilmt 1933 und 1935 in deutscher, französischer und englischer Fassung, die englische unter dem US-Titel Transatlantic Tunnel. Bernhard Kellermann (1879 bis 1951) wandelte sich nach dem Ersten Weltkrieg vom Technikromantiker zum Gesellschaftskritiker.
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