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Die Arbeit der Nacht. Es gibt einen Gedanken, der jeden Menschen irgendwann einmal heimsucht, meist spät nachts, als flüchtige, schwindelerregende Vorstellung. Was wäre, wenn ich der letzte Mensch auf der Erde wäre? Wenn ich aufwachte und alle wären fort, einfach verschwunden, ohne Erklärung, ohne Abschied, ohne eine Spur? Thomas Glavinics Roman Die Arbeit der Nacht aus dem Jahr 2006 nimmt genau diesen Gedanken und entfaltet ihn mit einer Konsequenz und einer psychologischen Tiefe, die beklemmender kaum sein könnten. Vierhundert Seiten lang begleitet der Roman einen Mann durch eine vollständig entvölkerte Welt, und er wird dabei zur Studie über die absolute Einsamkeit, über den Verlust des Ichs und über das Grauen, das entsteht, wenn der Mensch mit nichts mehr allein ist als mit sich selbst.
Der Roman steht auf unserer Liste nicht zufällig in der Nähe von Marlen Haushofers Die Wand, die den Spitzenplatz einnimmt. Beide Bücher teilen dasselbe Grundmotiv, den letzten Menschen in einer leeren Welt. Aber wo Haushofer ihre Heldin in der Natur verwurzelt und ihr Tiere als Gefährten lässt, treibt Glavinic das Motiv ins rein Psychologische, ins Urbane, ins Abgründige. Seine Einsamkeit ist totaler, kälter, moderner. Und sie führt an einen Ort, an dem die Wand nie war, in den Wahnsinn.

Thomas Glavinic: Der Erforscher der Angst
Thomas Glavinic, geboren 1972 in Graz, lebt in Wien, jener Stadt, die zum Schauplatz seines bekanntesten Romans wurde. Er kennt Wien, wo er eine Zeit lang Taxi fuhr, bis in die letzten Winkel, und diese intime Kenntnis der Stadt prägt die eindringliche Schilderung ihrer Leere. Glavinic hatte sich vor Die Arbeit der Nacht bereits einen Namen gemacht, unter anderem mit dem preisgekrönten Kriminalroman Der Kameramörder. Mit Die Arbeit der Nacht aber gelang ihm 2006 der große Durchbruch. Das Buch erreichte Platz eins, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, international als Night Work veröffentlicht und von der Kritik überwiegend gefeiert.
Glavinic ist ein Autor, der sich für die Grenzbereiche der menschlichen Psyche interessiert, für Angst, Zweifel, Identität, für das, was den Menschen im Innersten umtreibt und bedroht. In Die Arbeit der Nacht findet diese Obsession ihren vielleicht reinsten Ausdruck. Der Roman ist ein Gedankenexperiment, konsequent zu Ende geführt. Was macht die absolute, vollständige, ausnahmslose Einsamkeit mit einem Menschen? Und Glavinics Antwort ist alles andere als tröstlich.
Ein Morgen in einer leeren Welt
Die Ausgangslage ist von bestechender Einfachheit. Jonas, fünfunddreißig Jahre alt, ein vollkommen durchschnittlicher Mann, erwacht an einem Julimorgen in seiner Wiener Wohnung. Seine Freundin Marie ist nicht da, sie ist tags zuvor zu Verwandten nach England gereist. Zunächst sind es nur kleine Irritationen. Die Zeitung liegt nicht vor der Tür. Der Fernseher zeigt nur Rauschen, das Radio schweigt. Dann wird das Unbegreifliche zur Gewissheit. Auf dem Weg zur Arbeit begegnet ihm niemand. Die Straßen sind leer. Das Büro ist verwaist. Ganz Wien ist über Nacht menschenleer geworden. Nicht nur die Menschen sind verschwunden, auch alle Tiere, spurlos, ohne jede Erklärung.
Und genau hier liegt der erste Geniestreich des Romans. Es gibt keine Erklärung, und es wird nie eine geben. Kein Virus, kein Krieg, keine Katastrophe, keine Aliens, keine Rettung. Jonas erfährt nie, was geschehen ist, und der Leser auch nicht. Glavinic verweigert jede Auflösung, und gerade das steigert das Unheimliche ins Unerträgliche. Es gibt kein Erwachen aus einem Alptraum, keinen Ausbruch aus einem Experiment, keine Krankheitsdiagnose, die das Rätsel als Wahn entlarven würde. Die Leere ist einfach da, absolut und endgültig, und Jonas muss mit ihr leben.
Das Grauen liegt nicht in dem, was passiert ist, sondern in dem, was fehlt. In der Abwesenheit jeder Erklärung, jeder Stimme, jedes anderen Menschen. Die Welt ist noch da, vollständig, unversehrt. Nur der Mensch ist aus ihr verschwunden.
Die Suche und die Kameras
Jonas tut zunächst das Naheliegende. Er sucht. Er durchstreift Wien, die leeren Läden, die verwaisten Wohnungen, fährt Riesenrad in einem menschenleeren Prater, und bricht schließlich mit einem Lastwagen auf, um durch Europa zu fahren, auf der verzweifelten Suche nach einem anderen Menschen, einem Lebenszeichen, irgendeiner Spur. Doch er findet nichts. Die ganze Welt ist leer. Immer wieder kehrt er nach Wien zurück, an den einzigen Ort, der ihm vertraut ist.
Und dann beginnt er mit etwas, das dem Roman seinen unheimlichen Kern gibt. Jonas stellt überall Kameras auf, in ganz Wien, filmt die leeren Straßen, dokumentiert die Veränderungslosigkeit. Vor allem aber filmt er sich selbst, nachts, im Schlaf. Er will wissen, was mit ihm geschieht, während er schläft, denn er wacht morgens müde auf, egal wie lange er geruht hat, und ihm fehlen die Stunden der Nacht. Die Arbeit der Nacht, der Titel, verweist genau darauf, auf das, was in der Dunkelheit geschieht, wenn Jonas nicht bei Bewusstsein ist.
Was er auf den Aufnahmen entdeckt, ist das Verstörendste des Buches. Auf den nächtlichen Videos erscheint eine Gestalt, die Jonas der Schläfer nennt. Es ist er selbst und doch nicht er. Eine zweite Version seiner selbst, die nachts die Kontrolle übernimmt, die sich anders bewegt, aus starren Augen blickt, Dinge tut, an die Jonas sich nicht erinnert. Der Schläfer wird zu Jonas’ Gegner, zu einem bedrohlichen zweiten Ich, einem Fremden im eigenen Körper. Die Einsamkeit hat den Menschen gespalten. Wo kein anderer mehr ist, wird das eigene Ich zum Anderen, zum Feind, zum unheimlichen Beobachter.
Horror und Philosophie
Die Arbeit der Nacht verwebt meisterhaft zwei Stränge, und darin liegt seine besondere Kraft. Da ist zum einen der Horrorstrang, der die Spannung liefert. Die merkwürdigen, bedrohlichen Ereignisse häufen sich, der Schläfer wird immer präsenter, die Grenze zwischen Wachen und Traum, zwischen Realität und Wahn verschwimmt, bis hin zu einem schaudererregenden Finale. Der Roman liest sich streckenweise wie ein Psychothriller, wie ein Horrorfilm in Buchform, mit haarsträubenden, beklemmenden Szenen.
Zum anderen ist da der philosophische Strang, die eigentliche Tiefe des Buches. Glavinic verhandelt die großen existenziellen Fragen. Was ist der Mensch ohne andere Menschen? Aristoteles nannte den Menschen ein Zoon Politikon, ein auf Gemeinschaft angelegtes Wesen, das ohne Gemeinschaft verloren ist. Genau das führt Glavinic vor. Jonas’ Identität, so erkennt er allmählich, war immer von anderen geprägt, von Marie, von seinen Eltern, von den Menschen um ihn herum. Nichts davon existiert mehr. Also stellt sich die Frage, wer und was Jonas nun überhaupt noch ist. Die Suche nach den verschwundenen Menschen wird zur Suche nach der eigenen Vergangenheit, und diese zur Suche nach der eigenen Identität, die sich im Nichts aufzulösen droht.
Wider die Einsamkeit und gegen den bedrohlichen Schläfer setzt Jonas nur eines, die Erinnerung und die Liebe. Die Erinnerung an Marie, an das gemeinsame Leben, an die Welt, wie sie war. Es ist das Letzte, was ihm bleibt, das Letzte, was ihn noch als Menschen definiert.
Die ehrliche Einordnung
Die Arbeit der Nacht ist ein beeindruckendes, aber auch ein polarisierendes Buch, und das muss man klar sagen. Die Kritik war überwiegend begeistert, pries den Roman als beeindruckend und zutiefst verstörend, als existenzielles Leseerlebnis. Aber es gibt auch die andere Seite. Manche Leser empfinden die vierhundert Seiten als zu lang, als zu zäh. Denn Glavinic schildert über weite Strecken minutiös, geradezu protokollarisch, was Jonas tut, Tag für Tag, Handlung für Handlung, und diese Beschreibung der Veränderungslosigkeit, so sehr sie das Thema der Leere spiegelt, kann beim Lesen selbst zur Geduldsprobe werden. Was als Methode brillant ist, die Monotonie der Einsamkeit erfahrbar zu machen, ist als Leseerfahrung mitunter ermüdend.
Auch die Figur des Jonas spaltet. Der Roman hält den Leser bewusst auf Distanz, Jonas bleibt seltsam unnahbar, man beobachtet ihn mehr, als dass man mit ihm fühlt, fast wie durch eine der Kameras, die er aufstellt, aufzeichnend, ohne zu werten. Das ist künstlerisch konsequent, die Kälte der Erzählung spiegelt die Kälte der leeren Welt, aber es erschwert die emotionale Bindung. Manche Leser vermissen das Mitgefühl, das Mitleiden, und bleiben dem Geschehen gegenüber ähnlich distanziert wie der Protagonist gegenüber seiner Lage. Und die radikale Verweigerung jeder Erklärung, so wirkungsvoll sie das Unheimliche steigert, frustriert jene Leser, die eine Auflösung, einen Sinn, eine Antwort erwarten.
Es ist also ein Buch für Leser, die bereit sind, sich auf ein langsames, forderndes, zutiefst beunruhigendes Gedankenexperiment einzulassen, das keine Antworten gibt und keinen Trost bietet. Wer das mitbringt, findet eines der eindringlichsten Bücher über die Einsamkeit, die je geschrieben wurden.
Warum Die Arbeit der Nacht auf Platz 10 unserer Liste steht
(Top 30 der deutschsprachigen Dystopien) Weil es das Motiv des letzten Menschen in eine radikal moderne, psychologische Form überführt und weil es damit eine universelle menschliche Urangst zum Klingen bringt. Die Angst vor der absoluten Einsamkeit, vor dem Verlassensein, vor einer Welt, in der kein anderer mehr ist, der uns sieht, uns anspricht, uns als Menschen bestätigt. Glavinic zeigt, dass der Mensch ohne andere Menschen nicht nur einsam, sondern haltlos wird, dass seine Identität zerfällt, dass er sich selbst fremd und schließlich zum Feind wird.
Und es gehört hierher, weil es die dunkelste Variante einer Dystopie überhaupt ist, die Dystopie der totalen Isolation. Es braucht bei Glavinic keinen totalitären Staat, keine Überwachung, keine Umweltkatastrophe im üblichen Sinn. Es braucht nur die eine, einfache, grauenhafte Veränderung, die Abwesenheit aller anderen. Und daraus entsteht ein Schrecken, der tiefer reicht als jede politische Dystopie, weil er an die Grundbedingung des Menschseins rührt. Dass wir einander brauchen, nicht nur zum Überleben, sondern um überhaupt wir selbst zu sein.
Die Arbeit der Nacht steht damit in einer Reihe mit den großen Letzter-Mensch-Erzählungen der Weltliteratur, mit Mary Shelleys The Last Man, mit Richard Mathesons I Am Legend, und auf unserer eigenen Liste vor allem mit Marlen Haushofers Die Wand. Doch Glavinic gibt dem alten Motiv eine neue, zeitgemäße Wendung. Seine Einsamkeit ist die des modernen, urbanen Menschen, umgeben von den leeren Hüllen der Zivilisation, von Autos, Häusern, Supermärkten, Technik, die alle noch funktionieren und doch sinnlos geworden sind, weil niemand mehr da ist, für den sie gemacht wurden. Jonas filmt sich selbst, weil er beobachtet werden will, und sei es von sich selbst, weil ein Mensch ohne Zeugen kaum noch ein Mensch ist.
Vielleicht ist das die tiefste Erkenntnis dieses verstörenden Buches. Dass wir die Arbeit der Nacht alle in uns tragen, den fremden Schläfer, das andere Ich, das hervorkommt, wenn niemand mehr zusieht. Und dass es die anderen Menschen sind, ihre Blicke, ihre Stimmen, ihre Liebe, die uns davor bewahren, ihm zu begegnen. Nimm sie weg, und der Mensch bleibt allein zurück, mit dem Unheimlichsten, das es gibt. Mit sich selbst.
Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht. Erstmals erschienen 2006 im Carl Hanser Verlag, rund 400 Seiten. Platz eins der Bestsellerlisten, in zahlreiche Sprachen übersetzt, englisch als Night Work (2008). Erzählt die Geschichte des fünfunddreißigjährigen Jonas, der eines Morgens als letzter Mensch in einem menschenleeren Wien erwacht. Thomas Glavinic, geboren 1972 in Graz, lebt in Wien.
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