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Fifteen Million Merits: Der Protest, den das System verkauft (Black Mirror 1.2)

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Fifteen Million Merits. Es gibt eine Szene am Ende dieser Folge, die zum ikonischsten Bild der ganzen Serie geworden ist, und sie fasst die bitterste Wahrheit zusammen, die Black Mirror je ausgesprochen hat. Ein Mann hält sich eine Glasscherbe an die Kehle und schreit dem System seine ganze Wut entgegen, seine Verzweiflung, seine Anklage, und das System antwortet nicht mit Gewalt, nicht mit Strafe, sondern mit einem Angebot. Es bietet ihm eine eigene Sendung an. Es verwandelt seinen Protest in Unterhaltung, seine Rebellion in ein Produkt, seine Wut in eine wöchentliche Show mit Werbepausen. Fifteen Million Merits, die zweite Folge der ersten Staffel, handelt davon, dass der Kapitalismus noch den Aufstand gegen ihn vermarkten kann.

Die Folge ist zugleich ein besonderes Wiedersehen für die Leser von dystopien.de. Denn die Hauptrolle spielt ein junger Daniel Kaluuya, Jahre bevor er mit Get Out zum Star und mit The Kitchen zum Regisseur wurde. Hier, 2011, ist er Bing, ein stiller, sensibler junger Mann in einer gnadenlosen Welt, und er trägt die Folge mit einer Intensität, die bereits das ganze spätere Talent erahnen lässt.

Black Mirror

Die Welt der Tretmühle

Fifteen Million Merits entwirft eine der eindrücklichsten dystopischen Welten der Serie, und sie ist eine wörtlich gewordene Metapher. Die Menschen leben in fensterlosen Zellen, deren Wände komplett aus Bildschirmen bestehen. Ihr Tag besteht darin, auf Heimtrainern zu strampeln, stundenlang, um Strom zu erzeugen und die Währung zu verdienen, die Merits heißen. Mit diesen Merits kaufen sie Nahrung, Kleidung für ihre digitalen Avatare, und die Möglichkeit, die allgegenwärtige Werbung zu überspringen. Denn die Bildschirme senden pausenlos, Werbung, Spiele, Pornografie, seichte Unterhaltung, und wer wegsehen will, wird von einem durchdringenden, immer lauter werdenden Signal gezwungen, wieder hinzuschauen. Selbst das Wegschauen kostet Merits.

Die Tretmühle ist hier keine Redensart mehr, sondern das Grundprinzip der Gesellschaft, und man erkennt darin dasselbe Bild wieder, das später auch dem Film The Mill zugrunde lag. Der Mensch als Energielieferant, als Arbeitstier, dessen Lebenskraft in einen Kreislauf eingespeist wird, von dem er selbst kaum profitiert. Die Gesellschaft ist streng in Kasten geteilt. Wer zu dick ist, um effektiv zu strampeln, wird zum Bürger zweiter Klasse, zum Putzpersonal, zum Gespött der Spielshows. Alle sind isoliert, jeder in seiner Bildschirmzelle, alle gegeneinander, niemand mit niemandem solidarisch. Es ist ein System, das jede Gemeinschaft, jedes Klassenbewusstsein im Keim erstickt, indem es die Menschen vereinzelt und gegeneinander antreten lässt.

Der Mensch strampelt, damit die Lichter brennen, und bezahlt mit seiner Lebenszeit für das Recht, der Werbung zu entkommen, die ihm sagt, wofür er strampeln soll. Ein Kreislauf, der sich selbst antreibt und nirgendwohin führt.

Bing, Abi und das Ticket

In diese Welt setzt die Folge eine zarte, zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte, wie es die großen Dystopien von 1984 bis Schöne neue Welt vor ihr taten. Bing, gespielt von Daniel Kaluuya, hat ein kleines Vermögen an Merits von seinem verstorbenen Bruder geerbt und lebt teilnahmslos seinen Alltag, bis er eines Tages Abi hört, gespielt von Jessica Brown Findlay, die in der gemeinsamen Waschkabine singt. Ihre Stimme ist echt, schön, menschlich, etwas Seltenes in dieser künstlichen Welt. Bing verliebt sich, und er überzeugt sie, bei der Castingshow Hot Shot aufzutreten, einer grellen, erniedrigenden Talentshow nach dem Vorbild der realen Formate, deren Gewinner der Tretmühle entkommen und in ein besseres Leben aufsteigen dürfen.

Das Ticket für die Show kostet fünfzehn Millionen Merits, der Titel der Folge, und Bing gibt sein gesamtes geerbtes Vermögen dafür aus, weil er in dieser Welt nichts Echteres findet, in das er investieren könnte, als Abis Talent. Doch die Show zerstört, was sie zu belohnen vorgibt. Abi, vor dem Auftritt mit einer Substanz gefügig gemacht, wird von der Jury nicht als Sängerin angenommen, sondern gedemütigt und in die Pornografie gedrängt, als einzige Alternative zur Rückkehr an die Tretmühle. Bing muss mit ansehen, wie die Frau, die er liebt, vor einem johlenden Publikum zur Ware gemacht wird, und später, zurück in seiner Zelle, kann er nicht einmal die Werbung überspringen, die sie nun bewirbt.

Der Protest wird zum Produkt

Aus diesem Schmerz erwächst Bings Rebellion, und sie führt zum berühmten Finale. Er strampelt verbissen, lebt von nichts, bis er erneut fünfzehn Millionen Merits zusammenhat, kauft sich selbst ein Ticket für die Show, und tritt auf. Dort, vor der Jury und dem Millionenpublikum, zieht er eine Glasscherbe hervor, hält sie sich an den Hals und hält eine flammende, verzweifelte Rede gegen das ganze System, gegen die Entmenschlichung, gegen die Sinnlosigkeit, gegen die Lüge, dass dieses Leben alles sei, was es gebe.

Und hier kommt die vernichtende Pointe, die Fifteen Million Merits zu einer der klügsten Konsumkritiken des Fernsehens macht. Die Jury ist nicht empört. Sie ist begeistert. Der Chefjuror lobt Bings Darbietung als mitreißend, als authentisch, als großartige Unterhaltung, und bietet ihm einen eigenen regelmäßigen Sendeplatz an, auf dem er genau das tun darf, gegen das System wettern, so viel er will. Bing nimmt an. Am Ende sehen wir ihn in einer größeren, luxuriöseren Wohnung, seine Scherbe hält er noch immer an den Hals, aber nun als Teil seiner Show, als Markenzeichen, als Pose. Seine echte Wut ist zum Format geworden, sein Protest zur Ware, sein Aufstand zur Säule eben des Systems, das er anklagte.

Das ist die bitterste Einsicht der Folge, und sie ist so wahr wie unbequem. Der Kapitalismus muss die Rebellion nicht unterdrücken. Er kauft sie. Er verwandelt jeden Widerstand, jede Gegenkultur, jede authentische Regung in ein Produkt, das er verkaufen kann. Der Rebell wird zum bezahlten Rebellen, die Kritik zur Unterhaltung, und das System geht gestärkt daraus hervor, weil es nun auch noch die Sehnsucht nach seiner Überwindung vermarktet. Bing wollte das System sprengen und wurde zu seinem neuen Werbegesicht.

Die ehrliche Einordnung

Fifteen Million Merits gehört thematisch zu den reichsten Folgen der Serie, und doch landet sie in vielen Ranglisten nur im Mittelfeld, ähnlich wie der Staffelauftakt. Die Gründe sind benennbar. Die Folge ist mit über einer Stunde die längste der ersten Staffel, und sie hat Längen, besonders im Mittelteil, wo das Leben in der Tretmühle ausführlich ausgemalt wird. Manche Nebenfiguren geraten zur Karikatur, etwa der vulgäre Mitstrampler neben Bing, und die Figur des Chefjurors ist so offensichtlich dem realen Castingshow-Juror Simon Cowell nachempfunden, dass die Satire bisweilen zu plakativ wird.

Aber die Stärken überwiegen. Die Weltkonstruktion ist von seltener Konsequenz und Dichte, die Kritik an Konsum, Castingshow-Kultur und der Vermarktung des Menschen ist präzise und bis heute gültig. Das Origami-Pinguin-Motiv, das Abi bastelt, eines der wenigen greifbaren, echten Dinge in dieser virtuellen Welt, entfaltet am Ende eine herzzerreißende Bedeutung. Und vor allem trägt Daniel Kaluuya die Folge mit einer stillen Kraft, die im Finale in einen der denkwürdigsten Ausbrüche der Serie mündet. Man sieht hier bereits den Schauspieler, der später einen Oscar gewinnen und eigene dystopische Welten erschaffen würde.

Fifteen Million Merits ist damit mehr als eine gute Folge. Sie ist eine der wenigen Dystopien, die nicht nur ein System kritisiert, sondern auch die Kritik an diesem System als vereinnahmt entlarvt. Sie nimmt uns die bequeme Hoffnung, dass Protest automatisch Befreiung bedeutet, und zeigt, wie geschmeidig die Maschine noch den Widerstand verdaut. In einer Zeit, in der Rebellion selbst zum Lifestyle geworden ist, in der jede Gegenkultur binnen Wochen zur Werbekampagne wird, in der Authentizität die härteste Währung des Marketings ist, trifft diese Folge genauer denn je.

Bing hielt sich die Scherbe an den Hals und meinte es ernst. Das System hörte zu, applaudierte und schickte ihm einen Vertrag. Das ist keine Science-Fiction. Das geschieht jeden Tag, auf jedem Bildschirm, in jeder Zelle, in der wir strampeln und wegzusehen versuchen und es doch nicht können. Fifteen Million Merits hat das schon 2011 gewusst. Wir strampeln noch immer.

Black Mirror, Fifteen Million Merits. Staffel 1, Episode 2. Großbritannien 2011, Channel 4. Regie: Euros Lyn. Drehbuch: Charlie Brooker und Konnie Huq. Darsteller: Daniel Kaluuya, Jessica Brown Findlay, Rupert Everett, Julia Davis. Laufzeit rund 62 Minuten. Die erste geschriebene, als zweite ausgestrahlte Folge der Serie. Daniel Kaluuya gewann später einen Oscar und gab mit The Kitchen sein Regiedebüt. Episodenguide.

Kategorie: Serie · Black Mirror · Konsumkritik · Rebellion · Charlie Brooker · dystopien.de

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