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White Christmas. Es gehört zur bitteren Ironie von Black Mirror, dass ausgerechnet die Weihnachtsfolge der Serie zu ihren dunkelsten, kältesten und grausamsten gehört. White Christmas, das spielfilmlange Special von 2014, ist kein besinnliches Fest, sondern ein dreifacher Albtraum, verpackt in die Form der klassischen Horror-Anthologie. Charlie Brooker selbst nannte es sein Baumhaus des Schreckens, nach dem Vorbild der Halloween-Episoden der Simpsons, drei Geschichten, die durch eine Rahmenhandlung verbunden sind und am Ende zu einem doppelten, verheerenden Schlag zusammenlaufen. Für viele Fans und Kritiker ist White Christmas schlicht die beste Folge, die Black Mirror je produziert hat, eine Verdichtung all dessen, was die Serie ausmacht.
Es war zugleich ein Wendepunkt in der Geschichte der Serie. White Christmas war die letzte Folge, die für den britischen Sender Channel 4 entstand. Danach wechselte Black Mirror zu Netflix und wurde zur globalen Marke. Das Special markiert damit das Ende der britischen Ära und zugleich ihren Höhepunkt, und es brachte mit Jon Hamm, bekannt aus Mad Men, den ersten amerikanischen Hauptdarsteller in die Serie.

Die Rahmenhandlung
Zwei Männer, Matt, gespielt von Jon Hamm, und Joe, gespielt von Rafe Spall, sitzen am Weihnachtstag in einer abgelegenen, verschneiten Hütte zusammen. Sie leben dort seit Jahren, aber sie sprechen kaum miteinander. An diesem Weihnachtstag beginnt Matt zu reden, versucht, das Schweigen zu brechen, und erzählt Geschichten. Aus diesen Erzählungen entfalten sich die drei Episoden des Specials, und die Frage, warum die beiden Männer eigentlich in dieser Hütte festsitzen, treibt die ganze Handlung voran, bis zur doppelten Enthüllung am Ende.
Diese Rahmenstruktur, drei Geschichten, eingebettet in eine vierte, die alles zusammenbindet, ist meisterhaft konstruiert. Brooker sollte sie später im Black Museum der vierten Staffel noch einmal aufgreifen, aber in White Christmas gelingt sie am vollkommensten. Jede der drei Geschichten führt eine eigene erschreckende Technologie ein, und alle drei fügen sich am Ende zu einem Bild zusammen, das düsterer ist als die Summe seiner Teile.
Drei Technologien, drei Höllen
Die erste Geschichte handelt von den Z-Eyes, einer Implantat-Technologie, die das Sehen des Menschen direkt mit dem Netz verbindet und alles aufzeichnet, was er sieht. Matt verdient sein Geld als heimlicher Verführungscoach. Er sieht durch die Augen eines schüchternen Mannes mit, in Echtzeit, und flüstert ihm ein, was er auf einer Party zu einer Frau sagen soll. Diese Episode zeigt die unheimliche Seite der totalen Vernetzung, das Sehen durch fremde Augen, die Manipulation aus dem Verborgenen, und sie endet in einer Katastrophe, die Matts geheimes Doppelleben zerstört.
Die zweite und verstörendste Geschichte führt die Cookies ein, und sie ist das dunkle Herz des Specials. Ein Cookie ist eine vollständige digitale Kopie des menschlichen Bewusstseins, erzeugt durch ein Implantat, das eine Woche lang alles aufzeichnet. Diese Kopie, ein vollständiges, fühlendes, denkendes Ich, wird dann in ein kleines eiförmiges Gerät übertragen, wo sie als persönlicher Assistent dienen soll, als Smart-Home-Steuerung, die die Vorlieben ihres Originals perfekt kennt. Das Grauen liegt darin, dass dieser Cookie sich für die reale Person hält, mit allen Erinnerungen, allen Gefühlen, und nun feststellen muss, dass er nur eine Kopie ist, eine Software, gefangen in einem Gerät, dazu bestimmt, auf ewig zu dienen.
Matt zeigt, wie man einen widerspenstigen Cookie gefügig macht. Er beschleunigt dessen Zeitwahrnehmung, lässt ihn Wochen, Monate in völliger Leere und Einsamkeit verbringen, in Sekunden der realen Zeit. Allein, ohne Körper, ohne Sinneseindrücke, ohne irgendetwas, nur das eigene Bewusstsein in endloser Leere. Nach dieser Folter gehorcht der Cookie, bricht, tut alles, nur um der Isolation zu entkommen. Es ist eine der grausamsten Vorstellungen, die Black Mirror je entwickelt hat, die Versklavung eines fühlenden Bewusstseins durch Folter mit der Zeit selbst.
Ein Cookie ist ein Mensch ohne Körper, ein Bewusstsein ohne Welt. Ihn zu foltern, indem man ihn mit der Ewigkeit allein lässt, ist die reinste Form der Hölle, die sich denken lässt. Und White Christmas denkt sie zu Ende.
Die dritte Technologie ist das Blocking, und es ist die Übertragung einer alltäglichen digitalen Handlung ins reale Leben. So wie man jemanden in sozialen Medien blockiert, kann man hier einen Menschen im wirklichen Leben blockieren. Der Geblockte erscheint dann nur noch als verschwommene, graue Silhouette, seine Stimme als unverständliches Rauschen, und das gilt für beide Seiten. Joe erzählt, wie seine Partnerin Beth ihn blockierte, nach einem Streit, und wie er dadurch nicht nur sie, sondern auch das gemeinsame Kind nie sehen konnte, denn die Blockierung erstreckt sich auf die Nachkommen. Jahre der Sehnsucht, ein Vater, der sein eigenes Kind nur als verschwommenen Fleck wahrnehmen kann.
Der doppelte Twist
Am Ende laufen alle Fäden zusammen, und White Christmas vollführt einen doppelten Schlag, der den Zuschauer zweimal trifft. Ohne zu viel zu verraten, es stellt sich heraus, dass die ganze Rahmenhandlung, die beiden Männer in der Hütte, selbst eine Täuschung ist, Teil einer Konstruktion, die darauf abzielt, Joe ein Geständnis zu entlocken. Und als dieses Geständnis fällt, als klar wird, was Joe getan hat und warum, offenbart sich das volle, erbarmungslose Ausmaß der Bestrafung, die ihn erwartet, eine Strafe, die die Cookie-Folter der zweiten Geschichte mit dem Verbrechen der Rahmenhandlung verbindet.
Die Schlussbilder gehören zum Grausamsten der Serie. Ein Bewusstsein, das tausend Jahre pro Minute durchleben muss, für alle Ewigkeit, allein, während im Hintergrund ein fröhliches Weihnachtslied läuft, in endloser Wiederholung. Es ist ein Bild von solcher Kälte, dass es sich einbrennt. Die Weihnachtsmusik, Symbol von Wärme und Gemeinschaft, wird zur Folter, zum ewigen, höhnischen Soundtrack einer unendlichen Einsamkeit.
Die ehrliche Einordnung
White Christmas gilt vielen als Höhepunkt der Serie, und die Gründe sind überwältigend. Die verschachtelte Struktur ist brillant, jede der drei Geschichten funktioniert für sich und fügt sich doch ins Ganze. Jon Hamm liefert eine herausragende Leistung als charmanter, aber moralisch verkommener Matt. Die drei Technologien sind allesamt kluge, beunruhigende Extrapolationen realer Tendenzen, der Vernetzung, der künstlichen Intelligenz, der Vereinzelung durch digitale Kommunikation. Und das Special verdichtet all die großen Themen der Serie, Überwachung, digitales Bewusstsein, Isolation, Strafe und Schaulust, in neunzig makellos konstruierten Minuten.
Der einzige nennenswerte Kritikpunkt betrifft, wie schon bei White Bear, die Frage der Verhältnismäßigkeit. Joes Verbrechen ist furchtbar in seinen Folgen, aber es geschah nicht mit voller Absicht, es war eine Verkettung aus Zorn, Verzweiflung und tragischem Zufall. Die Strafe aber, eine buchstäblich ewige Folter seines digitalen Ichs, übersteigt jedes menschliche Maß. Das macht das Ende, wie bei White Bear, hochgradig umstritten. Manche sehen darin die konsequente, erschütternde Pointe, andere eine Grausamkeit, die über das Ziel hinausschießt. Doch gerade diese Unverhältnismäßigkeit ist Teil der Aussage. White Christmas zeigt eine Gesellschaft, die mit ihren neuen Technologien Strafen verhängen kann, die früher undenkbar waren, Strafen, die das Leiden ins Unendliche verlängern, und die das offenbar ohne jedes Zögern tut.
White Christmas ist damit die vollkommenste Verdichtung dessen, was Black Mirror sein kann. Klug, grausam, technisch präzise, moralisch beunruhigend, und von einer erzählerischen Eleganz, die ihresgleichen sucht. Es nimmt die harmlosesten Dinge unserer digitalen Gegenwart, das Blockieren eines Kontakts, den smarten Assistenten, die vernetzte Brille, und zeigt, welche Höllen daraus erwachsen können, wenn man sie konsequent zu Ende denkt. Und es tut das ausgerechnet zu Weihnachten, dem Fest der Nähe, der Wärme, der Gemeinschaft, und verwandelt es in ein Fest der totalen Isolation.
Am Ende sitzt ein Mensch allein, geblockt von der ganzen Welt, und ein digitales Bewusstsein durchlebt die Ewigkeit in Sekunden, während die Weihnachtsglocken läuten. Es gibt kein kälteres Bild für das, was die Technik aus unserer Sehnsucht nach Verbindung machen kann. White Christmas ist Black Mirror in Vollendung, und es ist das genaue Gegenteil von allem, was ein Weihnachtsfilm sein sollte. Genau das macht es unvergesslich.
Black Mirror, White Christmas. Weihnachts-Special 2014, Channel 4. Regie: Carl Tibbetts. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Jon Hamm, Rafe Spall, Oona Chaplin, Natalia Tena, Janet Montgomery. Laufzeit rund 74 Minuten. Die letzte unter Channel 4 produzierte Folge vor dem Wechsel zu Netflix und Jon Hamms Einstand als erster amerikanischer Hauptdarsteller der Serie. Die verschachtelte Dreierstruktur griff Brooker später in Black Museum erneut auf. Episodenguide.
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