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Men Against Fire: Wie man einen Menschen zum Monster macht (Black Mirror 3.5)

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Men Against Fire. Es gibt eine uralte Frage, die jeden Krieg, jeden Völkermord, jede organisierte Grausamkeit begleitet. Wie bringt man normale Menschen dazu, andere Menschen zu töten? Men Against Fire, die fünfte Folge der dritten Staffel von Black Mirror, gibt eine erschreckend moderne Antwort. Man muss sie nur dazu bringen, im anderen keinen Menschen mehr zu sehen. Die Folge erzählt von Soldaten, die mit einer Technologie ausgestattet sind, die ihre Wahrnehmung verändert, so dass sie ihre Opfer nicht als Menschen, sondern als monströse Kreaturen sehen. Es ist eine Parabel über die Entmenschlichung des Feindes, über Propaganda, über Eugenik und Völkermord, und sie reicht tief in die dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte hinein.

Der Titel ist kein Zufall. Er stammt von einem realen, berühmten Buch des Militärhistorikers S.L.A. Marshall aus dem Jahr 1947, in dem dieser behauptete, dass im Zweiten Weltkrieg über siebzig Prozent der Soldaten ihre Waffen nicht abfeuerten, selbst unter unmittelbarer Bedrohung, weil eine tiefe menschliche Hemmung sie daran hinderte, auf andere Menschen zu schießen. Genau diese Hemmung, diese zutiefst menschliche Unfähigkeit zu töten, ist das Thema der Folge, und ihre düstere Vision zeigt, wie die Technik sie überwinden könnte.

Black Mirror

Die Jagd auf die Kakerlaken

Der junge Soldat Stripe, gespielt von Malachi Kirby, gehört zu einer Einheit, die in einer heruntergekommenen, ländlichen Gegend gegen eine Bedrohung kämpft, die alle nur die Roaches nennen, die Kakerlaken. Diese Roaches werden als abstoßende, mutierte, zombiehafte Kreaturen dargestellt, bleich, mit verzerrten Gesichtern, knurrend, bedrohlich. Sie fallen über die Dörfer her, stehlen Nahrung, verbreiten Krankheit, so die offizielle Darstellung, und die Aufgabe der Soldaten ist es, sie zu jagen und auszurotten. Alle Soldaten tragen ein neurales Implantat namens MASS, das ihnen taktische Informationen einspielt, ihre Sinne schärft, ihre Leistung steigert und, so scheint es, sie zu effizienteren Kämpfern macht.

Stripe tötet bei seinem ersten Einsatz mehrere Roaches, und er wird dafür belohnt. Doch bei diesem Einsatz berührt ihn eines der Wesen mit einem seltsamen Gerät, einem grünen Licht, und von da an beginnt sein MASS-Implantat zu versagen. Seine Sinne, zuvor gedämpft, kehren zurück. Er beginnt, Dinge zu riechen, zu schmecken, zu fühlen, die er zuvor nicht wahrnahm. Und vor allem beginnt er, anders zu sehen.

Das MASS-Implantat ist kein Werkzeug der Information. Es ist ein Werkzeug der Täuschung. Es verändert nicht, was die Soldaten wissen, sondern was sie wahrnehmen, und damit, was sie zu tun bereit sind.

Die Wahrheit hinter der Illusion

Als Stripes Implantat ausfällt, offenbart sich das Grauen. Die Roaches sind keine Monster. Sie sind ganz normale Menschen. Männer, Frauen, Kinder, die um ihr Leben flehen, die sich verstecken, die Angst haben. Eine Frau namens Catarina erklärt Stripe die Wahrheit. Das MASS-Implantat verändert die Wahrnehmung der Soldaten, lässt sie diese Menschen als abscheuliche Kreaturen sehen, dämpft ihre Sinne, damit sie das Blut nicht riechen, die Schreie nicht als menschlich hören, das Grauen nicht fühlen. Es macht aus dem Töten von Menschen das Erlegen von Ungeziefer, und es nimmt den Soldaten damit jede Hemmung, jedes Mitgefühl, jede moralische Regung.

Die Roaches sind in Wahrheit die Opfer eines Völkermords. Nach einem Krieg zehn Jahre zuvor wurden bestimmte Menschen zu genetisch minderwertig erklärt, zu Trägern schlechter Erbanlagen, zu einer Bedrohung für die Reinheit und Qualität der menschlichen Spezies. Und die Gesellschaft beschloss, sie auszurotten. Die Parallelen zur Geschichte sind unübersehbar und bewusst gewählt. Die Rede von genetischer Minderwertigkeit, von der Verbesserung der menschlichen Rasse, die systematische Vernichtung einer als unwert erklärten Menschengruppe, all das ruft die Eugenik und den Holocaust des zwanzigsten Jahrhunderts auf, die industrielle, bürokratisch organisierte Ermordung von Millionen, die man zuvor zu Untermenschen, zu Ungeziefer erklärt hatte.

Der Clou der Folge ist, dass die Technik hier nur perfektioniert, was Propaganda und Ideologie schon immer taten. Catarina erklärt Stripe, dass nicht einmal alle das Implantat brauchen. Die Dorfbewohner, die die Roaches verraten und verfolgen, sehen sie durchaus als Menschen, aber sie hassen sie trotzdem, aus reinem Vorurteil, aus Propaganda, aus Bigotterie. Das MASS-Implantat macht nur noch sauberer, effizienter, lückenloser, was der menschliche Hass auch ohne Technik zustande bringt. Die Maschine ist nur die Vollendung einer uralten menschlichen Fähigkeit, im anderen das Unmenschliche zu sehen.

Die Wahl

Am Ende stellt der Militärpsychologe Arquette Stripe vor eine grausame Wahl, und in dieser Wahl liegt die eigentliche Pointe der Folge. Arquette erklärt offen, wofür das MASS-System geschaffen wurde. Um die natürliche Tötungshemmung des Menschen zu überwinden, jene Hemmung, die Marshall in seinem Buch beschrieb. Früher, so Arquette, mussten Soldaten mühsam darauf trainiert werden zu töten, und selbst dann versagten viele, litten an Traumata, an posttraumatischen Belastungsstörungen, weil das Töten anderer Menschen der menschlichen Natur widerspricht. MASS löst dieses Problem. Es lässt die Soldaten gar nicht erst merken, dass sie Menschen töten, und bewahrt sie so auch vor dem Trauma.

Stripe hat nun die Wahl. Er kann zulassen, dass sein Implantat zurückgesetzt wird, dann wird er wieder Monster sehen statt Menschen, wird weiter töten können, ohne zu leiden, und die Erinnerung an das Grauen, das er gesehen hat, wird gelöscht. Oder er kann die Wahrheit behalten, aber dann muss er mit ihr leben, muss die realen Bilder seiner Taten ertragen, muss immer wieder die Aufnahme ansehen, wie er flehende, unschuldige Menschen brutal ermordete, in endloser Wiederholung. Die Wahrheit oder der Frieden der Lüge. Das Gewissen oder das Vergessen.

Die Folge deutet an, dass Stripe die Rückkehr zur Illusion wählt, oder dazu gezwungen wird. In der Schlussszene kehrt er scheinbar heim, sieht ein idyllisches Häuschen, eine wartende Geliebte, doch der Zuschauer ahnt, dass auch dies nur eine Projektion des MASS-Implantats ist, eine schöne Lüge über einer hässlichen Wirklichkeit. Die Propaganda, wie die Produzentin der Serie es zusammenfasste, geht weiter, die militärische wie die persönliche. Stripe lebt weiter in der Illusion, weil die Wahrheit unerträglich ist.

Die ehrliche Einordnung

Men Against Fire wird von Kritikern eher im unteren Bereich der Black-Mirror-Folgen eingeordnet, und das hat Gründe, auch wenn das Thema zu den wichtigsten der Serie gehört. Der Haupteinwand lautet, dass die Folge ihre Botschaft zu früh und zu offensichtlich preisgibt. Der Twist, dass die Monster in Wahrheit Menschen sind, ist für aufmerksame Zuschauer früh absehbar, und sobald er enthüllt ist, wird die Folge über weite Strecken zur Erklärung, zum Vortrag über Entmenschlichung und militärische Psychologie, gehalten vom Psychologen Arquette. Diese didaktische Schlussphase, in der die Botschaft direkt ausgesprochen wird, wird als zu plump empfunden, zu wenig subtil für Black-Mirror-Verhältnisse.

Auch bleibt die Figur Stripe etwas blass, und die emotionale Bindung an ihn ist geringer als bei den stärksten Folgen der Serie. Men Against Fire ist mehr eine These als eine Geschichte, mehr ein moralisches Lehrstück als ein mitreißendes Drama. Wer die packende Spannung von Shut Up and Dance oder die emotionale Tiefe von San Junipero erwartet, wird hier eher eine kühle, lehrhafte Parabel finden.

Doch gerade als Parabel hat die Folge bleibenden Wert, und ihr Thema ist von zeitloser, erschreckender Aktualität. Men Against Fire zeigt den Mechanismus, der hinter jedem Völkermord, jeder ethnischen Säuberung, jeder organisierten Grausamkeit steht, die Entmenschlichung des Opfers. Man muss den anderen erst zum Ungeziefer, zur Kakerlake, zum Untermenschen erklären, bevor man ihn ohne Gewissen töten kann. Das war so im Holocaust, in Ruanda, in jedem Genozid der Geschichte, und es geschieht bis heute, wann immer eine Propaganda bestimmte Menschen als minderwertig, als gefährlich, als nicht wirklich menschlich darstellt. Die Technik des MASS-Implantats ist erfunden, aber der Mechanismus dahinter ist uralt und real.

Und die Folge stellt eine beunruhigende Frage an uns alle. Wie viel von unserer eigenen Wahrnehmung ist bereits manipuliert? Wie oft sehen wir Menschen, die anders sind, die auf der anderen Seite stehen, nicht mehr als volle Menschen, sondern als Feinde, als Idioten, als Abschaum, weil eine Ideologie, eine Propaganda, ein Algorithmus unsere Wahrnehmung gefärbt hat? Men Against Fire braucht kein Implantat, um zu warnen. Es genügt der Hinweis, dass der gefährlichste Feind nicht der ist, den wir für ein Monster halten, sondern die Macht, die uns dazu bringt, im anderen ein Monster zu sehen. Denn in dem Moment, in dem wir aufhören, im anderen einen Menschen zu erkennen, sind wir selbst zu dem geworden, was wir bekämpfen.

Black Mirror, Men Against Fire. Staffel 3, Episode 5. Großbritannien/USA 2016, Netflix. Regie: Jakob Verbruggen. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Malachi Kirby, Madeline Brewer, Sarah Snook, Michael Kelly. Laufzeit rund 51 Minuten. Der Titel stammt vom gleichnamigen Buch des Militärhistorikers S.L.A. Marshall über die Tötungshemmung von Soldaten. Episodenguide.

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