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USS Callister: Der Gott im Kinderzimmer (Black Mirror 4.1)

dystopien.de · Serie · Black Mirror · Digitale Klone · Machtmissbrauch · Charlie Brooker

USS Callister. Es gibt einen Mann, der im echten Leben niemand ist. Übergangen, gedemütigt, belächelt, ein genialer Programmierer, dessen Firma er mitgründete und in der ihn nun niemand respektiert. Und es gibt denselben Mann als Gott. In einer privaten Welt, die er selbst erschaffen hat, herrscht er als allmächtiger Raumschiffkapitän über eine Besatzung, die ihn anhimmelt, die ihm gehorcht, die ihn fürchtet. USS Callister, die Eröffnungsfolge der vierten Staffel von Black Mirror, erzählt von diesem Mann und davon, was geschieht, wenn ein gekränkter, machtloser Mensch die Technologie bekommt, um seine Rachefantasien und sein Geltungsbedürfnis an fühlenden Wesen auszuleben. Es ist eine der besten, klügsten und gefeiertsten Folgen der ganzen Serie, ausgezeichnet mit vier Emmys, und die einzige, die je eine echte Fortsetzung erhielt.

Die Folge ist zugleich die vielleicht unterhaltsamste der Serie. Sie verkleidet sich als bunte, actionreiche Hommage an Star Trek, mit glänzenden Raumschiffkulissen, knalligen Uniformen und heldenhaften Weltraumabenteuern. Doch unter dieser fröhlichen Oberfläche verbirgt sich eine der verstörendsten Geschichten, die Black Mirror je erzählt hat, über Machtmissbrauch, über die Grausamkeit des gekränkten Mannes, und über die Frage, ob eine digitale Kopie eines Menschen leiden kann, und ob man sie quälen darf.

Black Mirror

Der Captain und seine Crew

Die Folge beginnt wie eine Parodie auf die klassische Science-Fiction-Serie. An Bord des Raumschiffs USS Callister führt der heldenhafte, weise, mutige Captain Robert Daly, gespielt von Jesse Plemons, seine treue Crew von einem Abenteuer zum nächsten. Die Besatzung verehrt ihn, die Frauen küssen ihn nach jedem Sieg, alle bewundern seine Genialität und seinen Mut. Es ist die perfekte Heldenfantasie, kitschig, überzeichnet, fast albern.

Dann wechselt der Film in die reale Welt, und die Wahrheit über Daly offenbart sich. Im echten Leben ist er alles andere als ein Held. Er ist der schüchterne, unscheinbare, sozial unbeholfene Mitbegründer und Technikchef der Firma Callister Inc., die ein äußerst erfolgreiches Online-Spiel namens Infinity betreibt. Sein geschäftstüchtiger Partner erntet den Ruhm und das Geld, die Mitarbeiter übersehen oder belächeln Daly, behandeln ihn herablassend, respektieren seine Leistung nicht. Daly ist der klassische übergangene Genie-Typ, der im Stillen vor Kränkung und Groll brodelt.

Und abends, allein in seiner Wohnung, loggt er sich in seine ganz private, modifizierte Version des Spiels ein, die niemand sonst kennt. Dort ist er der Captain. Doch die Crew, die ihm dort huldigt, ist nicht einfach aus Code gemacht. Daly hat die DNA seiner realen Kollegen gestohlen, einen Kaffeebecher, ein Kaugummi, und daraus vollständige digitale Klone erschaffen, Kopien ihres Bewusstseins, mit allen Erinnerungen, allen Gefühlen, allem Empfinden der Originale. Diese Klone sind gefangen in Dalys Spiel, und sie wissen es.

Daly erschafft sich keine Figuren, keine Programme. Er erschafft fühlende, denkende, leidende Kopien echter Menschen, und macht sie zu seinen Sklaven. Der übersehene Mann im echten Leben wird zum allmächtigen Tyrannen in seiner eigenen kleinen Welt.

Die Hölle im Paradies

Was für Daly ein Paradies ist, ist für seine Crew die Hölle. Die digitalen Klone sind seinen Launen vollständig ausgeliefert. Wer nicht gehorcht, wer nicht den perfekten, bewundernden Untergebenen spielt, wird bestraft, und Dalys Strafen sind grausam. Er kann die Klone in Monster verwandeln, sie ersticken lassen, ihnen ihre Gesichter nehmen, ihnen unendliche Qualen zufügen, denn in seiner Welt ist er Gott, mit absoluter Macht über ihr Sein. Sie können nicht sterben, nicht entkommen, nicht einmal den Trost des Todes finden. Sie existieren nur, um Daly zu dienen und zu huldigen.

Besonders erschütternd ist die Geschichte eines Crewmitglieds, dessen realer Sohn Daly ebenfalls geklont hat. Als dieser Mann sich einmal widersetzte, erschuf Daly einen digitalen Klon des kleinen Jungen und tötete ihn vor den Augen des Vaters, schleuderte ihn in die Leere des Weltraums, und drohte, es immer wieder zu tun, sollte der Vater nicht gehorchen. Es ist eine Grausamkeit von solcher Niedertracht, dass sie den Zuschauer fassungslos zurücklässt, und sie zeigt das wahre Wesen dieses Mannes, der sich im echten Leben als harmloses, sympathisches Opfer der Umstände gibt.

Hier liegt die scharfe psychologische Beobachtung der Folge. Daly ist kein brüllender, offensichtlicher Bösewicht. Er ist ein zurückhaltender, höflicher, scheinbar schüchterner Mann, einer, den man im echten Leben für harmlos, vielleicht sogar für bemitleidenswert hält. Aber in seinem Inneren brodelt ein ungeheurer Groll, ein verletztes Ego, ein Bedürfnis nach Kontrolle und Verehrung, das er an Wehrlosen auslebt, sobald er die Macht dazu hat. Die Folge entwirft damit ein präzises Psychogramm einer bestimmten Art von Männlichkeit, des gekränkten, sich übergangen fühlenden Mannes, der seine Rachefantasien und sein Geltungsbedürfnis an denen auslässt, die sich nicht wehren können.

Die Revolte

Die Handlung nimmt Fahrt auf, als Daly eine neue Mitarbeiterin ins Visier nimmt, Nanette Cole, gespielt von Cristin Milioti, die ihn bewundert und freundlich zu ihm ist, und deren digitalen Klon er prompt in sein Spiel einfügt. Doch Nanettes Klon weigert sich, die Rolle der unterwürfigen Untergebenen zu spielen. Sie begreift schnell die Grausamkeit ihrer Lage, und sie wird zur Anführerin einer Revolte. Gemeinsam mit der leidgeprüften Crew schmiedet sie einen Plan, um aus Dalys privater Hölle zu entkommen, ihm seine Macht zu entreißen, frei zu werden.

Der Weg in die Freiheit ist klug konstruiert und spannend erzählt, mit echten Wendungen, mit Witz, mit Hochspannung. Die Klone nutzen Dalys eigene Regeln gegen ihn, finden eine Lücke, einen Weg hinaus aus seiner abgeschotteten Welt, hinein in das weite, offene Universum des eigentlichen Spiels. Und am Ende kehrt sich die Macht um. Der Gott wird gestürzt, der Tyrann besiegt, und die Crew, die so lange gelitten hat, bricht auf zu neuen Abenteuern, frei, selbstbestimmt, Herren ihres eigenen Schicksals. Es ist eines der befriedigendsten Enden der ganzen Serie, ein seltener Triumph der Unterdrückten über ihren Peiniger.

Die ehrliche Einordnung

USS Callister gilt zu Recht als eine der besten Folgen der Serie, und die Lobeshymnen sind verdient. Die Folge ist meisterhaft konstruiert, visuell aufwendig, mit Spezialeffekten auf Kinoniveau, und sie wurde als cineastischste Folge der Serie gefeiert. Jesse Plemons liefert eine herausragende, beunruhigende Darstellung des Robert Daly, dieser Mischung aus Harmlosigkeit und Monstrosität, und Cristin Milioti überzeugt als mutige, kluge Heldin. Die Folge balanciert Komödie und Horror, Unterhaltung und Tiefe in einer Weise, die nur wenige andere erreichen. Sie gewann vier Emmys, darunter als bester Fernsehfilm und für das beste Drehbuch, und war so beliebt, dass sie als einzige Folge der Serie eine echte Fortsetzung erhielt, Into Infinity in der siebten Staffel.

Kritische Einwände sind rar, aber es gibt sie. Manche finden, dass die Folge mit über einer Stunde etwas lang geraten ist, und dass das actionreiche, triumphale Ende ein wenig zu glatt, zu konventionell für Black-Mirror-Verhältnisse ausfällt, fast wie ein Hollywood-Blockbuster. Und die zugrundeliegende Frage, ob die digitalen Klone wirklich leiden, ob sie echtes Bewusstsein haben, wird zwar gestellt, aber nicht bis in die letzte philosophische Tiefe ausgelotet, zugunsten der Spannung und der Unterhaltung. Doch das sind kleine Einwände gegen ein insgesamt herausragendes Werk.

Was USS Callister so wertvoll für dystopien.de macht, ist die Verbindung zweier großer Themen. Zum einen die philosophische Frage nach dem digitalen Bewusstsein, dieselbe, die auch White Christmas und San Junipero stellen, über die wir hier geschrieben haben. Wenn eine Kopie eines Menschen alle seine Erinnerungen, Gefühle und sein Empfinden besitzt, ist sie dann ein Mensch? Hat sie Rechte? Darf man sie quälen? Die Technologie, Bewusstsein zu kopieren und in virtuelle Welten zu sperren, wirft moralische Fragen auf, auf die wir keine Antworten haben, und USS Callister führt die grausamste Konsequenz vor, die Versklavung fühlender digitaler Wesen durch einen Menschen, der sich als ihr Gott aufspielt.

Zum anderen, und das ist vielleicht der aktuellere Aspekt, zeichnet die Folge ein präzises Bild einer gefährlichen Psychologie, des gekränkten, machtlosen Mannes, der online zum Tyrannen wird. Daly ist der Prototyp einer Figur, die im Zeitalter des Internets allgegenwärtig geworden ist, der im echten Leben übergangene, frustrierte Mann, der sich in digitalen Räumen eine Welt erschafft, in der er Macht, Kontrolle und Verehrung ausüben kann, oft auf Kosten anderer, oft gegen die Schwächeren, die Frauen, die Wehrlosen. Die Folge erschien, bevor Begriffe wie toxische Männlichkeit und Incel-Kultur zum allgemeinen Vokabular wurden, und sie nahm diese Phänomene mit erschreckender Klarheit vorweg.

USS Callister ist damit mehr als eine brillante Star-Trek-Hommage. Es ist eine Parabel über die Macht, die die Technik dem Einzelnen in die Hand gibt, und über die Frage, was ein Mensch mit dieser Macht anstellt, wenn niemand ihn kontrolliert, wenn seine Opfer sich nicht wehren können, wenn er in seiner eigenen kleinen Welt Gott spielen darf. Der Gott im Kinderzimmer, der übergangene Mann am Rechner, der sich an fühlenden Wesen für seine Kränkungen rächt, ist eine der treffendsten und beunruhigendsten Figuren, die Black Mirror je geschaffen hat. Und die Freude darüber, ihn am Ende stürzen zu sehen, ist umso größer, weil man weiß, wie viele reale Dalys es gibt, die nie gestürzt werden.

Black Mirror, USS Callister. Staffel 4, Episode 1. Großbritannien/USA 2017, Netflix. Regie: Toby Haynes. Drehbuch: Charlie Brooker und William Bridges. Darsteller: Jesse Plemons, Cristin Milioti, Jimmi Simpson, Michaela Coel, Billy Magnussen. Laufzeit rund 76 Minuten. Gewann vier Emmys, darunter als bester Fernsehfilm. Die einzige Black-Mirror-Folge, die eine echte Fortsetzung erhielt, USS Callister: Into Infinity in Staffel 7. Episodenguide.

Kategorie: Serie · Black Mirror · Digitale Klone · Machtmissbrauch · Charlie Brooker · dystopien.de

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