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Smithereens: Der Schrei gegen die Maschine (Black Mirror 5.2)

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Smithereens. Es gibt einen Moment, den fast jeder Mensch mit einem Smartphone kennt. Das Gerät vibriert, eine Benachrichtigung leuchtet auf, und man kann nicht widerstehen, muss hinschauen, sofort, auch wenn man gerade etwas Wichtigeres tut. Diese winzige, alltägliche, scheinbar harmlose Geste steht im Zentrum von Smithereens, der zweiten Folge der fünften Staffel von Black Mirror. Denn für den Protagonisten dieser Folge hatte genau dieser eine Blick aufs Handy katastrophale Folgen, und aus seiner Verzweiflung, seiner Trauer, seiner Wut erwächst eine Geschichte über die Macht der Social-Media-Konzerne, über die bewusst gestaltete Sucht, und über die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber den Giganten, die unsere Aufmerksamkeit besitzen.

Wie schon Shut Up and Dance und The National Anthem kommt Smithereens ohne Science-Fiction aus. Es gibt keine erfundene Zukunftstechnologie, nur die Smartphones, die sozialen Medien, die Konzerne unserer Gegenwart. Und gerade diese Nähe zur Wirklichkeit macht die Folge so unmittelbar, so beklemmend. Getragen wird sie von einer herausragenden Leistung Andrew Scotts, bekannt als Moriarty aus Sherlock, der die Verzweiflung, die aufgestaute Wut, die Erschöpfung seiner Figur mit erschütternder Intensität verkörpert.

Black Mirror

Die Geisel und die Forderung

Chris, gespielt von Andrew Scott, ist ein Mann am Ende seiner Kräfte. Arbeitslos, verzweifelt, verdient er sein Geld als Fahrer eines Fahrdienstes in London. Doch an diesem Tag hat er einen Plan. Er postiert sich gezielt vor dem Büro der großen Social-Media-Firma Smithereen, einer Plattform für kurze Nachrichten, unverkennbar den realen sozialen Netzwerken nachempfunden. Er wartet auf einen Mitarbeiter, nimmt ihn als Fahrgast auf, und entführt ihn. Die Geisel ist Jaden, gespielt von Damson Idris, von dem Chris annimmt, er sei ein wichtiger Angestellter, doch in Wahrheit ist er nur ein Praktikant.

Chris will kein Geld. Seine Forderung ist ungewöhnlich und spezifisch. Er will mit dem Gründer und Vorstandschef von Smithereen sprechen, mit Billy Bauer persönlich, gespielt von Topher Grace, einem Tech-Milliardär vom Typ des liberalen, meditierenden, weltverbessernden Silicon-Valley-Gurus. Was als lokale Geiselnahme beginnt, wird schnell zu einem internationalen Zwischenfall, der Polizei, Konzernzentrale und schließlich den auf einem zehntägigen Schweige-Retreat weilenden Konzernchef selbst mobilisiert. Die ganze gewaltige Maschinerie eines globalen Tech-Konzerns gerät in Bewegung, weil ein einzelner, verzweifelter Mann gehört werden will.

Chris will nicht Geld, nicht Rache im üblichen Sinn. Er will nur eines, gehört werden, von dem einen Menschen, den er für sein Leid verantwortlich macht. Es ist der Schrei des Einzelnen gegen die gesichtslose Maschine, die unser aller Aufmerksamkeit besitzt und niemandem Rechenschaft schuldet.

Die Wahrheit hinter der Tat

Während die Polizei Chris’ Vergangenheit rekonstruiert, vor allem durch das Durchforsten seiner Social-Media-Profile, eine bittere Ironie, enthüllt sich nach und nach das Motiv hinter der verzweifelten Tat. Vor drei Jahren saß Chris am Steuer, in der Nacht, neben ihm seine geliebte Verlobte. Und für einen einzigen Moment schaute er auf sein Handy, auf eine Benachrichtigung von Smithereen, die aufleuchtete und seine Aufmerksamkeit fing. In diesem Augenblick der Ablenkung geschah der Unfall, bei dem seine Verlobte ums Leben kam.

Das ist der Kern von Chris’ Schmerz, und er ist komplexer, als es scheint. Chris gibt nicht einfach dem Konzern die Schuld. Er weiß, dass er selbst hingeschaut hat, dass er am Steuer abgelenkt war, dass es sein Fehler war. Aber er weiß auch, dass er nicht widerstehen konnte, dass die App ihn süchtig gemacht hatte, dass sie genau darauf ausgelegt war, seine Aufmerksamkeit zu erzwingen, immer und überall, auch am Steuer. Die Schuld liegt bei ihm und bei der Technik zugleich, und genau diese Doppelschuld macht seine Trauer so unerträglich. In der offiziellen Untersuchung kam seine Ablenkung nie zur Sprache, die ganze Schuld wurde einem betrunkenen Fahrer zugeschoben. Chris trägt sein Geheimnis, seine Mitschuld, allein, und sie zerfrisst ihn.

Das Geständnis des Konzernchefs

Schließlich gelingt das Unwahrscheinliche. Billy Bauer, der Konzernchef, lässt sich auf das Gespräch ein, umgeht die Rechtsabteilung und die Krisenberater, nutzt seinen Gott-Modus, um Chris’ Nummer selbst herauszufinden, und ruft an. Und in diesem Telefonat, dem Herzstück der Folge, kommt es zu einem bemerkenswerten Geständnis. Chris will von Billy nur eine Bestätigung, dass seine App bewusst so gestaltet wurde, dass sie maximal süchtig macht. Und Billy, überraschend ehrlich, gibt es zu. Die Plattform wurde darauf ausgelegt, die Menschen gefangen zu halten, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, sie immer wieder zurückzuholen. Billy vergleicht sie selbst mit einer Droge, mit einer Crackpfeife. Und er gesteht, dass er die Kontrolle längst verloren hat, dass das, was er einst erschuf, zu einem Monster geworden ist, das niemand mehr steuert, nicht einmal er, der Gründer und Chef. Er habe seinen Rückzug, sein Schweige-Retreat, genutzt, um darüber nachzudenken, das Unternehmen zu verlassen, unglücklich über das, was aus seiner Erfindung geworden ist.

Das ist die vernichtende Pointe der Folge. Nicht einmal der mächtige Konzernchef kontrolliert die Maschine, die er geschaffen hat. Die Sucht, die Aufmerksamkeits-Ökonomie, die Dynamik der Plattform hat sich verselbständigt, läuft von allein, frisst die Aufmerksamkeit von Milliarden Menschen, ohne dass jemand die Verantwortung trägt oder tragen könnte. Billy ist kein böser Mann, er ist sogar sympathisch, nachdenklich, voller Zweifel. Aber genau das ist das Erschreckende. Es gibt keinen Bösewicht, keinen Schuldigen, nur ein System, das niemand mehr aufhalten kann, das außer Kontrolle geratene Produkt gut gemeinter Erfindungen.

Die ehrliche Einordnung

Smithereens wird von vielen Bewertungen eher im unteren Bereich der Black-Mirror-Folgen eingeordnet, und die fünfte Staffel insgesamt gilt als die schwächste der Serie. Die Kritikpunkte sind benennbar. Die Folge ist lang, langsam, und ihr fehlt der überraschende Twist, die verstörende Wendung, für die Black Mirror berühmt ist. Vor allem das Ende spaltete die Zuschauer. Die Folge blendet im entscheidenden Moment ab, bevor man erfährt, ob Chris stirbt, ob die Geisel überlebt, wie der Konflikt ausgeht. Für manche ist dieses offene Ende eine mutige Entscheidung, für viele andere ein unbefriedigender, frustrierender Abbruch, einer der größten Das-war-es-schon?-Momente der Serie.

Doch gerade dieses Ende hat eine kluge Absicht, auch wenn sie nicht jeden überzeugt. Nach dem Schnitt zeigt die Folge eine Montage von Menschen überall auf der Welt, die auf ihren Handys die Eilmeldung über den Ausgang der Geiselnahme sehen, einen Moment innehalten, und dann achtlos weiterwischen, zurück in ihre eigenen Leben, ihre eigenen Feeds. Und Billy Bauer, der Konzernchef, schließt nach der Nachricht kurz betroffen die Augen und kehrt dann zu seiner Meditation zurück. Die Botschaft ist bitter und klar. Für die Welt, die alles über ihre Bildschirme konsumiert, spielt der Ausgang keine Rolle. Ob Chris lebt oder stirbt, ist nur eine weitere Benachrichtigung, ein weiterer Moment der Aufmerksamkeit, der sofort vom nächsten verdrängt wird. Das offene Ende ist selbst die Aussage. In der Aufmerksamkeits-Ökonomie zählt das einzelne menschliche Schicksal nichts, es ist nur Content, der durchrauscht.

Thematisch trifft Smithereens einen hochaktuellen Nerv. Die bewusste Suchtgestaltung der sozialen Medien, die Aufmerksamkeits-Ökonomie, die Macht und zugleich Verantwortungslosigkeit der Tech-Konzerne, all das ist Gegenstand realer, dringlicher Debatten. Insider aus dem Silicon Valley haben bestätigt, was die Folge behauptet, dass Plattformen gezielt so konstruiert werden, dass sie maximal süchtig machen, dass sie unsere psychologischen Schwächen ausnutzen, um uns am Bildschirm zu halten. Die abgelenkten Autofahrer, die wegen einer Benachrichtigung Unfälle verursachen, sind eine traurige Realität, die jährlich Tausende Leben kostet. Smithereens nimmt nichts Erfundenes, sondern nur das, was bereits geschieht, und verdichtet es zu einer Anklage.

Die Folge ist am stärksten in ihrer Weigerung, einfache Schuldzuweisungen zu liefern. Chris ist schuldig und Opfer zugleich. Billy ist verantwortlich und doch machtlos. Die Technik ist das Werkzeug und der Täter. Und wir alle, die wir auf unsere Bildschirme starren, die wir der Benachrichtigung nicht widerstehen können, die wir die Eilmeldung sehen und weiterwischen, sind Teil des Systems, mitschuldig und gefangen zugleich. Smithereens hält uns den Spiegel vor, den schwarzen Spiegel unserer Handys, und was wir darin sehen, ist unsere eigene Sucht, unsere eigene Ohnmacht, unsere eigene Unfähigkeit, wegzuschauen. Der Schrei des Chris gegen die Maschine verhallt, weil die Maschine niemandem gehört und doch uns alle besitzt. Und am Ende schauen wir alle wieder auf unsere Telefone. Genau wie er es tat, in jener Nacht, die alles zerstörte.

Black Mirror, Smithereens. Staffel 5, Episode 2. Großbritannien/USA 2019, Netflix. Regie: James Hawes. Drehbuch: Charlie Brooker. Musik: Ryuichi Sakamoto. Darsteller: Andrew Scott, Damson Idris, Topher Grace, Monica Dolan. Laufzeit rund 70 Minuten. Spielt vollständig in der Gegenwart ohne Science-Fiction-Elemente. Episodenguide.

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