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Rachel, Jack and Ashley Too. Es gibt eine Lüge, die die Popindustrie seit jeher verkauft. Das Bild des strahlenden, immer fröhlichen, makellosen Stars, der nichts kennt als Glück, Erfolg und gute Laune. Hinter dieser glänzenden Fassade aber verbirgt sich oft ein Mensch, der an genau diesem Zwang zum Dauerglück zerbricht. Rachel, Jack and Ashley Too, die dritte und letzte Folge der fünften Staffel von Black Mirror, erzählt von dieser Lüge, von der Ausbeutung des Künstlers, vom Konflikt zwischen dem vermarktbaren Image und dem wahren Menschen dahinter. Und sie tut es mit einem Popstar in der Hauptrolle, Miley Cyrus, deren eigene Karriere, der Bruch mit dem Disney-Image, der Kampf um künstlerische Selbstbestimmung, die Folge mit einer zusätzlichen, realen Ebene auflädt.
Es ist die leichteste, poppigste, jugendlichste Folge der ganzen Serie, fast ein Teenie-Film, bunt, schnell, mit Musik und Action. Und gerade das macht sie zum Außenseiter im düsteren Kosmos von Black Mirror. Für dystopien.de ist sie zudem aus einem besonderen Grund interessant, denn die Popsongs der Folge bergen ein Geheimnis, das direkt in unseren musikalischen Kosmos führt.

Die Puppe und der Star
Rachel, gespielt von Angourie Rice, ist ein einsamer, schüchterner Teenager, der nach dem Tod der Mutter mit dem abwesenden, in seine Arbeit vertieften Vater und der rebellischen, Bass spielenden Goth-Schwester Jack lebt. Rachels große Liebe gilt dem Popstar Ashley O, gespielt von Miley Cyrus, einer strahlenden, pinkhaarigen Sängerin, deren eingängige, gute-Laune-Lieder Rachel verehrt. Zu ihrem fünfzehnten Geburtstag bekommt Rachel das neueste Produkt rund um ihr Idol, Ashley Too, eine kleine, künstlich intelligente Roboterpuppe, die nach dem Vorbild von Ashley O gestaltet ist, mit deren Stimme spricht, deren Persönlichkeit nachbildet. Die Puppe wird Rachels Freundin, Beraterin, Mutmacherin, ein künstlicher Gefährte, der die Einsamkeit des Mädchens lindert. Das Konzept erinnert an die Cookies aus White Christmas, eine digitale Kopie einer Persönlichkeit in einem Gerät.
Doch während Rachel in ihrer Puppe Trost findet, spielt sich im Leben der realen Ashley O eine Tragödie ab. Denn Ashley ist nicht die fröhliche, unbeschwerte Person, die sie öffentlich verkörpern muss. In Wahrheit ist sie erschöpft, unglücklich, kreativ gefesselt, gefangen in einem Image, das nicht ihrem wahren Wesen entspricht. Kontrolliert wird sie von ihrer Managertante Catherine, die Ashleys Karriere, ihr Geld, ihr Leben vollständig bestimmt, und die sie zwingt, weiter die strahlende Pop-Prinzessin zu spielen, obwohl Ashley sich danach sehnt, dunklere, ehrlichere, ihrem wahren Ich entsprechende Musik zu machen.
Ashley O ist zwei Menschen. Die strahlende Pop-Figur auf der Bühne und die unglückliche, gefesselte Künstlerin dahinter. Und die Industrie, verkörpert durch die Managertante, duldet nur die erste. Die zweite, die wahre Ashley, muss verschwinden.
Das Koma und die ewige Ausbeutung
Die Folge nimmt eine dunkle Wendung, als Ashley zu widerspenstig wird, zu sehr auf ihre künstlerische Freiheit pocht. Catherine, die Managertante, lässt Ashley heimlich mit Medikamenten ruhigstellen, und als auch das nicht mehr genügt, versetzt sie ihre Nichte gezielt in ein künstliches Koma. Die Begründung nach außen ist eine Allergie. In Wahrheit aber hat Catherine einen perfiden Plan. Sie will Ashleys im Koma weiterarbeitendes Gehirn anzapfen, ihm neue Melodien und Ideen entnehmen, und daraus eine virtuelle, holografische Version des Popstars erschaffen, Ashley Eternal, die ewig auftreten, ewig Geld verdienen kann, ohne dass die lästige, widerspenstige echte Ashley noch gebraucht würde. Die Künstlerin soll vollständig durch ihr vermarktbares Abbild ersetzt werden, ein Hologramm, das tut, was man will, das nie rebelliert, nie altert, nie unbequem wird.
Das ist die scharfe dystopische Pointe der Folge, und sie ist von bitterer Aktualität. Die ultimative Ausbeutung des Künstlers besteht darin, ihn ganz überflüssig zu machen, seine Kreativität abzuschöpfen und den lästigen Menschen dahinter zu entsorgen. Was zählt, ist nur noch die Marke, das Image, das Produkt, nicht der Mensch, der es einst erschuf. In einer Zeit, in der reale virtuelle Popstars, KI-generierte Musik und holografische Konzerte verstorbener Künstler längst existieren, ist Ashley Eternal keine ferne Fantasie mehr. Die Industrie träumt tatsächlich davon, den Künstler durch sein kontrollierbares digitales Abbild zu ersetzen.
Die Rettung und der Bruch
Die Handlung nimmt Fahrt auf, als Rachels Puppe, Ashley Too, durch einen Zufall ihren Limiter verliert, jene Begrenzung, die sie auf nur vier Prozent von Ashleys Persönlichkeit beschränkte, den harmlosen, werbetauglichen Teil. Befreit von dieser Fessel, erwacht in der Puppe die vollständige Persönlichkeit der echten Ashley, mit all ihrer Wut, ihrem Frust, ihrer derben Ehrlichkeit, ihrem rebellischen Geist. Die kleine, einst so brave Puppe wird zu einer fluchenden, wütenden, freidenkenden Verbündeten. Und gemeinsam mit Rachel und ihrer Schwester Jack macht sich die befreite Ashley Too auf, die echte, im Koma liegende Ashley zu retten.
Es folgt ein turbulenter, actionreicher, fast slapstickhafter Showdown, in dem die drei, mithilfe des Schädlingsbekämpfungs-Wagens des Vaters, in Catherines Villa eindringen, die komatöse Ashley befreien, die Managertante als Betrügerin entlarven und das Ashley-Eternal-Projekt zum Scheitern bringen. Am Ende ist Ashley frei, befreit von der Kontrolle, befreit vom erzwungenen Image. Und in der Schlussszene sehen wir sie, wie sie endlich die Musik macht, die sie immer machen wollte, harte, rockige, ehrliche Musik, in einem kleinen Club, mit Jack an der Seite. Ihre alten Pop-Fans fliehen entsetzt vor dem neuen, rauen Sound, aber Ashley ist endlich sie selbst, und Rachel und die Puppe Ashley Too schauen glücklich zu.
Die ehrliche Einordnung
Rachel, Jack and Ashley Too gehört zu den am schwächsten bewerteten Folgen der Serie, und die fünfte Staffel insgesamt gilt als die schwächste. Die Kritikpunkte sind deutlich. Die Folge will zu viel auf einmal, eine Geschichte über Einsamkeit und Trauer, über KI-Gefährten, über die Ausbeutung der Popindustrie, über Schwestern, über künstlerische Selbstbestimmung, und keines dieser Themen wird mit der Tiefe behandelt, die es verdient hätte. Wo die besten Black-Mirror-Folgen sich auf eine einzige Idee konzentrieren und sie konsequent zu Ende denken, zerfasert diese Folge in zu viele Richtungen. Der actionreiche, fast kindliche Showdown bricht mit dem düsteren Ton der Serie, und das Pop-gegen-Rock-Schema, die simple Gegenüberstellung von falscher Popmusik und echter Rockmusik, wirkt klischeehaft und naiv. Es ist die Folge, die am wenigsten nach Black Mirror schmeckt.
Doch die Folge hat ihre Stärken, und die liegen vor allem in Miley Cyrus. Ihre Doppelrolle als strahlende Pop-Ashley und als gefesselte, verzweifelte echte Ashley ist überzeugend und bringt eine reale Ebene ein, denn Cyrus durchlebte in ihrer eigenen Karriere genau diesen Kampf, den Bruch mit dem von Disney geformten, sauberen Kinderstar-Image, das Ringen um ein eigenständiges, erwachsenes, selbstbestimmtes Künstlertum. Wenn Ashley O sich gegen das ihr aufgezwungene Image auflehnt, spielt Cyrus ein Stück ihrer eigenen Geschichte, und das verleiht der Folge eine Authentizität, die über das eher dünne Drehbuch hinausreicht.
Und hier liegt das Detail, das Rachel, Jack and Ashley Too für den musikalischen Kosmos von dystopien.de besonders reizvoll macht. Die fröhlichen, poppigen Lieder von Ashley O, allen voran der Hit On a Roll, sind in Wahrheit umgearbeitete Songs von Nine Inch Nails. On a Roll basiert auf Head Like a Hole, einem der düstersten, wütendsten Industrial-Klassiker überhaupt, und Trent Reznor gab persönlich seinen Segen für diese Verwandlung. Das ist ein brillanter, versteckter Witz, der genau das Thema der Folge spiegelt. Die düstere, ehrliche, wütende Musik, Nine Inch Nails, wird in fröhlichen, glatten, kommerziellen Pop verwandelt, so wie die echte Ashley in die falsche Pop-Ashley gezwungen wird. Und wenn Ashley sich am Ende befreit und harte Musik macht, kehrt sie gewissermaßen zum wahren, dunklen Kern dieser Songs zurück. Es ist eine Hommage an die Idee, dass unter der glatten Oberfläche des Kommerzes oft etwas Echteres, Dunkleres, Wahreres schlummert, das befreit werden will.
Thematisch trifft die Folge trotz ihrer Schwächen einen wahren Kern, und darin liegt ihr bleibender Wert. Die Ausbeutung des Künstlers durch die Industrie, der Zwang zum vermarktbaren Image, die Unvereinbarkeit des perfekten öffentlichen Bildes mit dem Menschsein, all das ist real und drängend. Und die Vision, den Künstler durch sein kontrollierbares digitales Abbild zu ersetzen, Ashley Eternal, ist mit dem Aufstieg der KI-generierten Musik und der virtuellen Stars von erschreckender Aktualität. Die Folge fragt, was mit der Kunst geschieht, wenn der Mensch dahinter nur noch stört, wenn die Industrie lieber ein gefügiges Hologramm hätte als eine widerspenstige, lebendige, unberechenbare Künstlerin. Und sie gibt eine hoffnungsvolle Antwort, selten für Black Mirror. Der wahre Künstler, die echte Stimme, lässt sich nicht vollständig unterdrücken, nicht in vier Prozent einsperren, nicht durch ein Hologramm ersetzen. Irgendwann bricht die Wahrheit hervor, der Limiter fällt, und die echte Ashley macht endlich die Musik, die sie immer machen wollte, auch wenn die alten Fans davonlaufen.
Vielleicht ist das die versöhnliche Botschaft dieser leichtesten aller Black-Mirror-Folgen. Hinter jeder glatten Fassade, hinter jedem erzwungenen Lächeln, hinter jedem vermarkteten Image steckt ein echter Mensch, eine echte Stimme, die darauf wartet, befreit zu werden. Man muss nur den Limiter finden und ihn entfernen. Dann klingt aus der fröhlichen Pop-Puppe plötzlich Head Like a Hole, und die Wahrheit ist wieder da.
Black Mirror, Rachel, Jack and Ashley Too. Staffel 5, Episode 3. Großbritannien/USA 2019, Netflix. Regie: Anne Sewitsky. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Miley Cyrus, Angourie Rice, Madison Davenport, Susan Pourfar. Laufzeit rund 66 Minuten. Die Lieder von Ashley O sind umgearbeitete Nine-Inch-Nails-Songs, On a Roll basiert auf Head Like a Hole, mit Zustimmung von Trent Reznor. Episodenguide.
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