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Beyond the Sea. Es gibt eine Sehnsucht, die so alt ist wie die Raumfahrt selbst. An zwei Orten zugleich zu sein. Der Astronaut, der monatelang im All treibt, Millionen Kilometer von zu Hause, und doch abends bei seiner Familie am Tisch sitzen möchte. Beyond the Sea, die dritte Folge der sechsten Staffel Black Mirror, erfüllt diese Sehnsucht mit einer eleganten technischen Idee und verwandelt sie dann in eine Tragödie, die zu den dunkelsten der ganzen Serie gehört. Die Folge spielt in einem Jahr 1969, das es so nie gab, einer alternativen Vergangenheit mit einer Technologie, die wir bis heute nicht besitzen, und sie erzählt langsam, bedächtig und mit wachsendem Schrecken von zwei Männern, die sich einen Ausweg teilen und daran zugrunde gehen.
Es ist die längste Folge der Staffel, ein ruhiges, kammerspielartiges Drama, das sich Zeit nimmt und gerade deshalb mit solcher Wucht zuschlägt.

Die Replikas
Cliff und David, gespielt von Aaron Paul und Josh Hartnett, sind zwei Astronauten auf einer mehrjährigen Mission tief im Weltraum. Ihr Raumschiff ist ihr Gefängnis, die Einsamkeit total. Doch die Technologie dieser alternativen Welt bietet ihnen eine außergewöhnliche Gnade. Auf der Erde warten zwei künstliche Körper, sogenannte Replikas, perfekte mechanische Abbilder ihrer selbst. Über eine Verbindung können die beiden Männer ihr Bewusstsein in diese Körper übertragen und so, während ihre echten Leiber im All bleiben, auf der Erde bei ihren Familien sein. David lebt auf diese Weise ein Doppelleben, im All bei der Arbeit, auf der Erde bei seiner Frau Lana, gespielt von Kate Mara, und seinem Sohn. Die Replika lässt ihn Vater und Ehemann bleiben, obwohl er unendlich weit entfernt ist.
Dann geschieht die Katastrophe. Ein Kult, eine an die Manson-Familie erinnernde Gruppe von Fanatikern, die diese künstlichen Körper als Gräuel gegen die Natur verabscheuen, dringt in Davids Haus ein, während er in seiner Replika anwesend ist. Sie ermorden seine Familie vor seinen Augen und zerstören seinen Replika-Körper. David verliert in einer einzigen Nacht alles. Seine Frau, sein Kind und seinen einzigen Weg zurück auf die Erde. Zurück bleibt nur sein echter Leib im All, gefangen in einem Raumschiff, ohne irgendetwas, wofür es sich noch zu leben lohnt.
Ein Mann hat zwei Leben geführt, eines im All und eines auf der Erde. In einer Nacht nimmt man ihm das zweite, und das erste wird zum Gefängnis ohne Tür.
Der geteilte Körper
Cliff, der andere Astronaut, sieht das Leid seines Kameraden und trifft eine Entscheidung aus Mitgefühl, die sich als verhängnisvoll erweist. Er bietet David an, zeitweise seine Replika zu benutzen, seinen Körper auf der Erde. So kann David wieder Sonne spüren, Luft atmen, unter Menschen sein. Cliff teilt mit ihm das Kostbarste, was er hat, seinen Zugang zur Welt. Doch Cliffs Replika lebt bei Cliffs eigener Frau und seinem Sohn, auf einer abgelegenen Farm. Und David, gebrochen, voller Sehnsucht nach dem Leben, das man ihm genommen hat, beginnt in diesem geliehenen Körper etwas zu empfinden, das er nicht empfinden dürfte. Für Cliffs Frau.
Wohin diese Konstellation führt, soll hier nicht ausgesprochen werden. Nur so viel. Die Großzügigkeit des einen und die Verzweiflung des anderen verbinden sich zu einer Spirale, an deren Ende ein Grauen steht, das dem vom Anfang in nichts nachsteht. Die Folge zeigt, dass die wahre Katastrophe nicht die Technik ist, sondern das, was zwei verletzte Männer mit ihr anstellen, wenn Einsamkeit, Trauer und Begehren aufeinandertreffen.
Die ehrliche Einordnung
Beyond the Sea ist Black Mirror in seiner langsamen, literarischen Form. Die Folge nimmt sich mehr als eine Stunde Zeit, sie atmet, sie lässt ihre Figuren sich entfalten, und sie verzichtet fast ganz auf die satirische Schärfe der anderen Episoden. Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Wer die schnelle, pointierte Gesellschaftskritik der Serie sucht, wird hier enttäuscht, denn Beyond the Sea ist kein Kommentar zur Gegenwart, sondern ein zeitloses Drama über Trauer, Neid und die Grenzen der Empathie. Die Kritik war entsprechend geteilt. Manche lobten die Folge als meisterhaftes, gereiftes Charakterdrama, anderen war sie zu langsam, zu vorhersehbar in ihrer Eskalation, zu wenig Black Mirror.
Interessant ist die Wahl der Zeit. Die Folge spielt bewusst in einem alternativen 1969, der Ära der Mondlandung, mit Retro-Ästhetik und dem Manson-Kult als Schatten jener Jahre. Das entkoppelt die Geschichte von unserer technologischen Gegenwart und macht sie zu einer Art Fabel. Die Replika-Technik ist kein Warnsignal vor einer nahen Zukunft, sondern ein Gedankenexperiment, ein Was-wäre-wenn, das die menschlichen Abgründe freilegt. Darin liegt der Reiz, aber auch die Distanz der Folge. Sie fühlt sich weniger an wie ein Blick in den Spiegel als wie eine düstere Erzählung aus einer Parallelwelt.
Thematisch berührt Beyond the Sea trotzdem etwas Echtes, und das verbindet sie mit dem Kern der Serie. Die Frage, was ein Körper wert ist und was es mit einem Menschen macht, in einem fremden zu leben. Die Replika gibt David das Leben zurück und wird zugleich zum Werkzeug seiner Entgleisung, weil ein geliehener Körper eben keine geliehene Seele ist. Die Technik verspricht Nähe über jede Entfernung hinweg, und sie liefert sie auch, aber sie löst kein einziges der menschlichen Probleme, die darunter liegen. Einsamkeit lässt sich nicht wegtechnisieren, Trauer nicht übertragen, Begehren nicht abschalten. Das ist die bittere Einsicht der Folge, und sie macht Beyond the Sea trotz seiner Langsamkeit zu einem der nachhaltigsten Stücke der Staffel.
Black Mirror, Beyond the Sea. Staffel 6, Episode 3. Großbritannien/USA 2023, Netflix. Regie: John Crowley. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Aaron Paul, Josh Hartnett, Kate Mara, Auden Thornton. Laufzeit rund 80 Minuten. Episodenguide.
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