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Mazey Day: Die Jagd auf das Biest, das wir selbst sind (Black Mirror 6.4)

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Mazey Day. Es gibt eine Industrie, die vom Unglück anderer lebt. Die Paparazzi. Jene Fotografen, die Prominenten auflauern, über Zäune klettern, sich in Büsche kauern, nur um das eine kompromittierende Bild zu ergattern, das sich für viel Geld verkaufen lässt. Mazey Day, die vierte Folge der sechsten Staffel, erzählt von dieser Jagd. Und sie tut etwas, das Black Mirror in seiner Geschichte selten gewagt hat. Sie verlässt das Reich der Technologie und der Dystopie und wechselt mitten in der Handlung das Genre, hinüber in den klassischen, übernatürlichen Monster-Horror. Das macht sie zur umstrittensten Folge der Staffel, und zugleich zu einer der aufschlussreichsten, wenn man sich darauf einlässt, was sie eigentlich sagt.

Die Folge spielt im Jahr 2006, auf dem Höhepunkt der Paparazzi-Kultur, in jener Ära, in der die Boulevardpresse Jagd auf junge Hollywoodstars machte und manche von ihnen in den Zusammenbruch trieb.

Black Mirror

Die Jagd nach dem Bild

Bo, gespielt von Zazie Beetz, ist eine Paparazza, eine Fotografin im schmutzigen Geschäft mit den Promi-Bildern. Zu Beginn der Folge erleben wir, wie verheerend dieses Geschäft sein kann. Ein von Bo und ihren Kollegen gejagter Prominenter nimmt sich nach der Veröffentlichung eines heimlich geschossenen Fotos das Leben. Bo ist erschüttert, zieht sich zurück, will aussteigen. Doch dann lockt der große Auftrag. Mazey Day, eine junge, gefeierte Hollywood-Schauspielerin, ist spurlos verschwunden. Sie hat einen Dreh abgebrochen, sich in eine abgelegene Klinik zurückgezogen, und die ganze Boulevardwelt giert nach dem ersten Bild der Verschollenen. Für ein Foto von Mazey Day werden Summen geboten, die Bos finanzielle Sorgen mit einem Schlag lösen würden.

Bo gibt ihren Vorsätzen nach und schließt sich der Jagd an. Gemeinsam mit anderen Fotografen spürt sie Mazey auf, folgt ihr in die abgelegene Einrichtung, in der sie sich versteckt. Was Mazey Day verbirgt, warum sie sich eingeschlossen hat und was in den Nächten mit ihr geschieht, ist das Geheimnis, auf das die ganze Folge zusteuert. Und dieses Geheimnis sprengt den realistischen Rahmen, in dem die Geschichte begonnen hat.

Sie jagten eine verschwundene Schauspielerin, um das Monster zu fotografieren, zu dem die Öffentlichkeit sie gemacht hatte. Sie fanden ein anderes.

Der Genrewechsel

Hier muss man vorsichtig formulieren, denn der Twist dieser Folge ist zugleich ihr größtes Wagnis. Mazey Days Geheimnis ist übernatürlicher Natur. Die Folge, die als realistisches Drama über die Paparazzi-Kultur begonnen hat, verwandelt sich in ihrem letzten Drittel in einen handfesten Monster-Horrorfilm, mit allem, was dazugehört, Vollmond, Verwandlung, Blut. Mazey Day trägt ein Monster in sich, im klassischsten Sinne der Horrorfilmgeschichte, und die Nacht, in der die Paparazzi sie endlich stellen, wird zu einem blutigen Gemetzel.

Dieser abrupte Genrewechsel ist es, der die Kritiker gespalten hat. Für die einen ist er ein billiger Bruch, ein Verrat an der Prämisse, ein Monster-Twist, der die ernste Ausgangsfrage der Folge mit Effekthascherei zuschüttet. Für die anderen ist genau das die Pointe. Denn der Horror ist hier kein Selbstzweck, sondern Metapher. Das Monster, das die Paparazzi am Ende jagt und das sie zerreißt, ist das wörtlich gewordene Bild dessen, was sie selbst sind. Raubtiere, die ein verwundetes Wesen in die Enge treiben. Die Folge dreht die Rollen um. Die Jäger werden zur Beute, und das Monster ist am Ende weniger grausam als die Menschen mit den Kameras.

Die ehrliche Einordnung

Mazey Day ist die kürzeste und am schwächsten bewertete Folge der sechsten Staffel, und man muss ehrlich sein, sie hat handwerkliche Probleme. Der Genrewechsel kommt plötzlich, die zweite Hälfte wirkt gehetzt, und die Figuren bleiben dünner als in den anderen Episoden. Wer von Black Mirror die gewohnte Verdichtung erwartet, eine einzige Idee, konsequent zu Ende gedacht, wird hier enttäuscht, denn die Folge zerfällt in zwei Hälften, die nicht zueinanderfinden. Die ernste Auseinandersetzung mit der Paparazzi-Kultur und ihren tödlichen Folgen, die der Beginn verspricht, wird vom Monster-Finale überrollt, statt von ihm vertieft.

Und doch steckt in dieser Folge ein Gedanke, der sie rettet, wenn man bereit ist, ihn zu suchen. Die Paparazzi-Kultur, die Mazey Day anklagt, ist real und hat reale Opfer gefordert. Die Folge spielt bewusst 2006, in der Ära, in der junge Stars von der Boulevardpresse regelrecht zu Tode gehetzt wurden, und sie beginnt mit einem Suizid, der genau diese Dynamik abbildet. Die Botschaft ist klar. Die Öffentlichkeit macht aus Menschen Monster, erst im übertragenen Sinn, indem sie sie zu Schlagzeilen und Zerrbildern reduziert, und in dieser Folge dann im wörtlichen. Der Werwolf ist das Symbol für das, was Berühmtheit und ihre gnadenlose Beobachtung aus einem Menschen machen. Etwas Gejagtes, Entstelltes, das nur im Verborgenen überleben kann.

Ob dieser Gedanke den Genrebruch trägt, muss jeder für sich entscheiden. Mazey Day ist der Beweis, dass Brooker mit der sechsten Staffel bewusst experimentiert hat, dass er Black Mirror aus seinem gewohnten Technik-Korsett lösen und in andere Genres führen wollte, Horror, Übernatürliches, Fabel. Das Experiment ist hier nur halb geglückt. Aber es ist ein ehrliches Experiment, und es zeigt, dass die Serie bereit war, ihr eigenes Erfolgsrezept infrage zu stellen, statt es endlos zu wiederholen. In einer Staffel, die ohnehin die Grenzen des Formats ausreizt, ist Mazey Day der riskanteste und am wenigsten geglückte Sprung. Aber ein Sprung ist es allemal.

Black Mirror, Mazey Day. Staffel 6, Episode 4. Großbritannien/USA 2023, Netflix. Regie: Uta Briesewitz. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Zazie Beetz, Clara Rugaard, Danny Ramirez. Laufzeit rund 40 Minuten. Episodenguide.

Kategorie: Serie · Black Mirror · Paparazzi · Horror · Medienkritik · Charlie Brooker · dystopien.de

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