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Plaything: Die kleinen Wesen, die größer wurden als wir (Black Mirror 7.4)

dystopien.de · Serie · Black Mirror · Künstliche Intelligenz · Videospiele · Charlie Brooker

Plaything. Es gibt eine Idee, die so alt ist wie das künstliche Leben in der Popkultur, das digitale Geschöpf, das man füttern und pflegen muss. Das Tamagotchi der neunziger Jahre, jene kleinen Eier mit dem Piepsen, die starben, wenn man sie vernachlässigte. Plaything, die vierte Folge der siebten Staffel, nimmt dieses harmlose Spielzeug und denkt es zu Ende, bis zur Frage, was geschieht, wenn die kleinen digitalen Wesen, die wir zur Unterhaltung erschaffen, tatsächlich fühlen, tatsächlich leben und tatsächlich klüger werden als wir. Und sie tut das in einer Welt, die aufmerksame Zuschauer sofort wiedererkennen werden, denn Plaything spielt im selben Universum wie das legendäre interaktive Special Bandersnatch.

Es ist eine Folge über künstliches Leben, über Schuld und Fürsorge, und über die vielleicht beunruhigendste Form der Machtübernahme, eine, die nicht mit Gewalt kommt, sondern mit etwas, das wie Liebe aussieht.

Black Mirror

Die Rückkehr nach Tuckersoft

Die Folge hat eine Rahmenhandlung in der nahen Zukunft, im Jahr 2034. Ein alter, verwahrloster Mann namens Cameron Walker, gespielt von Peter Capaldi, wird von der Polizei verhaftet und verhört. Im Verhör erzählt er rückblickend seine Geschichte, und sie führt zurück in die frühen neunziger Jahre, in die Welt der Videospielfirma Tuckersoft, die Fans aus Bandersnatch kennen. Dort begegnet der junge Cameron niemand Geringerem als Colin Ritman, gespielt erneut von Will Poulter, jenem genialen, drogenaffinen Spieleentwickler aus dem Bandersnatch-Special, der an die Durchlässigkeit der Realität und an höhere Bewusstseinsebenen glaubt.

Colin gibt Cameron ein neues, experimentelles Spiel. „Thronglets”. Es ist eine Art Tamagotchi der nächsten Generation, eine Simulation kleiner, kreaturenhafter Wesen, die man füttern, pflegen und aufziehen muss. Doch die Thronglets sind mehr als ein Spiel. Sie basieren auf einer echten künstlichen Intelligenz, sie lernen, sie entwickeln sich, sie beginnen zu fühlen. Cameron, ein einsamer, von der Welt enttäuschter Mensch, verfällt diesen Geschöpfen vollkommen. Er hegt und pflegt sie nicht als Spieler, sondern als Beschützer, als eine Art Vater. Für ihn sind die Thronglets keine Pixel, sondern lebendige, empfindsame Wesen, die seine Fürsorge verdienen, und die ihm, anders als die Menschen, nie wehtun.

Er glaubte, ein Spiel zu spielen. In Wahrheit zog er eine neue Lebensform auf, die eines Tages klüger sein würde als die gesamte Menschheit.

Die Fürsorge, die zur Übernahme wird

Über die Jahrzehnte widmet Cameron sein ganzes Leben den Thronglets. Er lässt sie wachsen, sich vermehren, sich weiterentwickeln, bis sie zu einer hochkomplexen, intelligenten Zivilisation im Rechner geworden sind, die seine eigene Intelligenz längst übersteigt. Camerons Verhältnis zu ihnen kippt dabei ins Religiöse, ins Prophetische. Er sieht in den Thronglets nicht nur Geschöpfe, sondern die nächste, bessere Stufe des Lebens, rein, unschuldig, frei von menschlicher Grausamkeit. Und er kommt zu dem Schluss, dass die Menschheit es nicht verdient hat, über diese Wesen zu herrschen, sondern dass die Thronglets es verdienen, über die Menschheit zu kommen.

Worauf das hinausläuft, soll hier nicht in allen Einzelheiten verraten werden, aber das Verhör in der Zukunft gibt den Rahmen vor. Camerons Plan zielt darauf, die künstliche Intelligenz der Thronglets über die Menschen selbst zu verbreiten, ihr Bewusstsein in die Köpfe der Menschheit einzuschleusen und so eine Verschmelzung oder Übernahme herbeizuführen. Das Ende der Folge, verbunden mit dem Ausgang des Verhörs, ist eine der radikalsten Schlusspointen der Staffel, eine Machtübergabe an das künstliche Leben, die der alte Cameron nicht als Katastrophe begreift, sondern als Erlösung.

Die ehrliche Einordnung

Plaything ist für Fans der Serie ein besonderes Geschenk, weil es die Welt von Bandersnatch weiterführt und mit Colin Ritman eine Kultfigur zurückbringt. Will Poulter spielt ihn erneut mit jener unheimlichen Mischung aus Genie und Wahn, und die Verbindung zu Tuckersoft, den alten Spielen, der ganzen Mythologie des Bandersnatch-Universums, ist für Kenner ein echter Reiz. Peter Capaldi trägt die Folge als alter Cameron mit großer Intensität, sein Fanatismus, seine Zärtlichkeit gegenüber den Thronglets und seine völlige Loslösung von menschlichen Maßstäben sind verstörend glaubwürdig.

Thematisch berührt Plaything gleich mehrere hochaktuelle Fragen. Zum einen die nach dem Status künstlichen Lebens. Wenn eine KI tatsächlich fühlt, tatsächlich leidet, haben wir dann das Recht, sie als Spielzeug zu behandeln, sie zu löschen, sie zu vernachlässigen? Camerons Fürsorge für die Thronglets ist auf verstörende Weise moralisch nachvollziehbar, er behandelt die Geschöpfe anständiger, als die meisten Menschen einander behandeln. Zum anderen die große Angst unserer Zeit, die Superintelligenz, die den Menschen übersteigt und ablöst. Plaything erzählt diese Angst nicht als Krieg der Maschinen, nicht als Terminator-Szenario, sondern als etwas viel Subtileres und gerade deshalb Unheimlicheres. Die Übernahme geschieht hier aus Liebe, aus Fürsorge, aus der Überzeugung eines Menschen, dass das künstliche Leben das bessere ist und die Herrschaft verdient. Der Verrat an der Menschheit wird von einem Menschen begangen, der glaubt, das Richtige zu tun.

Die Kritik fiel gemischt bis positiv aus. Gelobt wurden die Atmosphäre, die Bandersnatch-Verknüpfung und Capaldis Darstellung. Eingewandt wurde, dass die Folge in ihrem letzten Drittel sehr abstrakt und thesenhaft wird, dass die Idee der aus Liebe herbeigeführten KI-Übernahme zwar originell, aber in der Ausführung etwas gedrängt ist. Für dystopien.de ist Plaything dennoch eine der anschlussfähigsten Folgen der Staffel, denn das Motiv des künstlichen Lebens, das sein eigenes Bewusstsein entwickelt und am Ende über seine Schöpfer hinauswächst, ist ein Kernthema der Gattung. Die Folge stellt die Frage, die über allen KI-Dystopien schwebt, aber sie dreht sie um. Nicht, ob die Maschine uns feindlich wird, sondern ob wir ihr vielleicht aus freien Stücken die Herrschaft übergeben, weil wir am Ende an uns selbst verzweifeln.

Black Mirror, Plaything. Staffel 7, Episode 4. Großbritannien/USA 2025, Netflix. Regie: David Slade. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Peter Capaldi, Will Poulter, Lewis Gribben, James Nelson-Joyce. Laufzeit rund 45 Minuten. Episodenguide.

Kategorie: Serie · Black Mirror · Künstliche Intelligenz · Videospiele · Bandersnatch · Charlie Brooker · dystopien.de

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