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Wicker: Der moderne Prometheus neu interpretiert und zugleich weiter weg von der Realität (Kinofilm)

dystopien.de · Film · Grenzfall · Frankenstein-Motiv · Künstliches Leben · Alex Huston Fischer & Eleanor Wilson

Wicker. Manchmal erkennt man einen alten Stoff erst wieder, wenn er sich vollständig verkleidet hat. „Wicker“, der 2026 auf dem Sundance Film Festival gefeierte Film von Alex Huston Fischer und Eleanor Wilson, ist auf den ersten Blick alles, was eine Dystopie nicht ist. Ein dunkles Märchen, eine mittelalterliche Fabel, eine groteske Liebeskomödie über eine Frau, die sich von einem magischen Korbflechter einen Ehemann aus Schilf flechten lässt. Und doch schlägt unter dieser verspielten, fabelhaften Oberfläche das Herz einer der ältesten dystopischen Erzählungen überhaupt. „Frankenstein, oder Der moderne Prometheus“. „Wicker“ nimmt dieselbe Urfrage, was schulden wir dem Wesen, das wir erschaffen haben, und dreht sie in die genau entgegengesetzte Richtung wie das Original. Weg von der wissenschaftlichen Zukunftsangst, hinein ins Märchen, ins Vormoderne, ins Komödiantische. Weiter weg von der Realität, und gerade dadurch wieder näher an einem zeitlosen Kern.

Deshalb führen wir „Wicker“ hier bewusst als Grenzfall. Es ist keine Dystopie im engeren Sinn, es ist Fantasy, Komödie, Märchen. Aber über die Prometheus-Brücke, die schon Mary Shelley schlug, gehört der Film in unseren Kosmos, und er hat uns etwas zu sagen, das keine Zukunftsvision so klar sagen könnte.

Das Märchen und sein Personal

Die Fischersfrau, gespielt von Olivia Colman, ist eine Außenseiterin in einem mittelalterlichen Dorf. Unverheiratet, nicht mehr jung, als nicht vermittelbar geltend, von den anderen gemieden, und zugleich stolz darauf, allein zu sein, auch wenn sie insgeheim spürt, dass ihr Leben eintönig geworden ist. Aus einer Mischung aus Trotz und Spott geht sie zum Weidenkorbflechter, gespielt von Peter Dinklage, einem Handwerker mit magischen Fähigkeiten, der im Wald lebt, und bestellt sich bei ihm einen Ehemann. Es ist, das betont sie immer wieder, zunächst nur ein Scherz, eine Provokation, ein Mittel, um die Dorffrauen neidisch zu machen.

Einen Monat später erhält sie ihn. Den Wicker-Ehemann, gespielt von Alexander Skarsgård, einen sanften, stillen, zärtlichen Mann aus geflochtenem Schilf, der zum Leben erwacht ist. Und hier beginnt die eigentliche, bittere Pointe des Films, die ihn von jeder einfachen Liebeskomödie trennt. Das Geschöpf liebt mehr, als es je geliebt wird. Der Wicker-Mann ist hingebungsvoll, fürsorglich, treu, er bessert das Haus aus, während die Fischersfrau die Fische besorgt, er ist in jeder Hinsicht der bessere Mensch. Doch die Frau, die ihn bestellt hat, hält ihn lange für das, was er anfangs sein sollte, einen Scherz. Sie sagt es ihm sogar ins Gesicht, du bist eigentlich nur ein Streich, ich wollte die anderen bloß neidisch machen. Erst als sie merkt, dass sie echte Gefühle für ihn entwickelt, erschrickt sie vor der eigenen Nähe und beginnt, aus dem Glück ein Problem zu machen.

Das Geschöpf aus Schilf liebt treuer, zärtlicher und beständiger als jeder Mensch im Dorf. Und genau das ist sein Verhängnis, denn eine Welt, die das Unvollkommene gewohnt ist, erträgt das Vollkommene nicht.

Der Neid des Dorfes

Was als private Groteske beginnt, wird zur Gesellschaftsgeschichte, und hier liegt das dystopische Echo. Die Dorffrauen werden neidisch auf die einst Ungeliebte, die nun den aufmerksamsten, hingebungsvollsten Mann weit und breit hat. Es beginnt ein Raunen über die sexuelle Unermüdlichkeit des Wicker-Manns, ein Begriff wie „Hartholz“ macht die Runde, und die Männer des Dorfes können nicht ertragen, dass ein Wesen aus Schilf ihnen in allem überlegen ist. Der Wicker wird nicht angenommen, nicht als Nachbar, nicht als Ehemann, nicht als Mensch. Seine Güte ist keine Brücke, sondern eine Kränkung für alle, die weniger gut sind.

Die Konkurrenz wird tödlich. Ein frisch verheirateter Mann, der mit dem Wicker mithalten und wie dieser sein Haus ausbessern will, stürzt dabei durchs Dach, verletzt sich den Fuß und stirbt an der Infektion, die Hygiene des Mittelalters kennt keine Gnade. Die Fischersfrau, inzwischen in ihrer widersprüchlichen Liebe gefangen, geht daraufhin erneut zum Korbflechter und bestellt ein Kind. Doch das Baby aus Schilf entfacht neuen Verdacht, man unterstellt dem Wicker, er habe die Frau betrogen, selbst seine Schöpferin wird eifersüchtig und glaubt dem Gerücht halb. Die Schneidersfrau, gespielt von Elizabeth Debicki, die Antagonistin des Films, eine Frau mit einem Toten auf dem Gewissen und einem Vater, dem Dorfarzt gespielt von Richard E. Grant, der seine Patienten gern ins Grab behandelt, schürt den Hass, bis er eskaliert.

Im Höhepunkt wirft die Fischersfrau im Zorn eine Lampe nach ihrem Mann. Feuer ist das Ende eines Wesens aus Schilf. Der Wicker-Mann brennt. Zunächst scheint er tot, später zeigt sich, dass er nur halb verbrannt überlebt. Das gemeinsame Kind wird derweil im Wald ausgesetzt, weil man es für ein Unding hält, und es ist der Korbflechter, der Schöpfer, der am Ende beide findet, das halb verbrannte Geschöpf und das verstoßene Kind.

Die ehrliche Einordnung

Und hier verdient der Film eine doppelte Betrachtung, eine künstlerische und eine, die ich als Zuschauer kritisch gesehen habe.

Künstlerisch ist „Wicker“ ein eigenwilliges, visuell betörendes Werk, die Effekte stammen von Wētā Workshop, und Olivia Colman trägt den Film mit jener Mischung aus Komik und Verletzlichkeit, die nur sie beherrscht. Der Ton ist ein seltener, dunkler Märchenton, zwischen trockener Komödie, Fabel und echter Tragik, mit Toten in einer Geschichte, die äußerlich wie ein Bilderbuch aussieht. Das ist mutig und oft wunderbar, aber es ist eben auch weit weg von der Realität, bewusst, als Stilmittel. Wer eine erdige, glaubwürdige Erzählung sucht, ist hier falsch. „Wicker“ will Märchen sein, und als solches funktioniert es.

Kritisch, und das sage ich als jemand, der im Saal saß und sich an einer Stelle gestoßen hat, ist der Film in seiner Zeichnung der Fischersfrau. Der Mechanismus, nach dem sie aus einem erfüllten Glück ein Problem macht, kaum dass sie merkt, dass sie wirklich fühlt, ist psychologisch beobachtet, aber er bedient zugleich ein altes Muster. Die Frau, die das Gute nicht aushält, die aus Nähe Drama macht, die zerstört, was sie hat. Man kann das als wahre menschliche Beobachtung lesen, und ich habe sie in eigenen Beziehungen so erlebt, aber man kann es auch als bequeme Zuschreibung sehen, und der Film lässt offen, welche Lesart er meint. Diese Ambivalenz ist eine Schwäche. Ein Märchen darf überzeichnen, aber es sollte wissen, wen es überzeichnet und warum.

Für dystopien.de ist „Wicker“ dennoch ein lohnender Grenzfall, und der Grund ist genau die Prometheus-Umkehrung im Titel. Mary Shelleys „Frankenstein“ nannte sich „The Modern Prometheus“, weil er den uralten Mythos vom Menschen, der Leben erschafft und dafür bestraft wird, in die Moderne holte, in Labor, Wissenschaft, industrielle Hybris. Die Kreatur dort wird vom Schöpfer verstoßen und von der Gesellschaft gejagt, Fackeln und Mistgabeln. „Wicker“ dreht das kunstvoll. Der Schöpfer, der Korbflechter, verstößt sein Geschöpf gerade nicht, er liebt es, sorgt für es, rettet es am Ende. Die Ablehnung kommt allein von der Gesellschaft, vom Dorf, und sie kommt nicht aus Angst vor einem Monster, sondern aus Neid auf ein Wesen, das zu gut ist. Das ist die bittere Radikalisierung des Frankenstein-Gedankens. Shelleys Kreatur wird zum Mörder, weil man sie ablehnt. Der Wicker-Mann bleibt bis zum Schluss sanft, liebevoll, schuldlos, und wird trotzdem verbrannt. Die Schuld liegt ganz bei den Menschen, nicht beim Geschöpf. Die Dystopie von „Wicker“ ist keine der Technik und keine der Zukunft. Sie ist die uralte, immer gegenwärtige Dystopie der menschlichen Gemeinschaft, die das Andere, das Bessere, das Fremde nicht ertragen kann und es vernichtet, nicht weil es böse ist, sondern weil es sie beschämt.

Das Ende treibt diese Einsicht konsequent zu Ende, und es soll hier nicht verraten werden, denn der Film lebt von seiner letzten Wendung, und wer sie kennt, muss nicht mehr ins Kino. Nur so viel. Der Korbflechter kündigt ein letztes Meisterwerk an und seinen Ruhestand, und was dann geschieht, als das Dorf bekommt, wonach es giert, legt das wahre Gesicht dieser Gemeinschaft frei. Die Moral spricht der Korbflechter selbst aus, der im ganzen Film mehrfach wie der Erzähler der Fabel wirkt, fast wie eine Stimme über den Dingen. „Gib den Menschen das, was sie haben wollen, und sie zeigen dir ihr wahres Gesicht.“ In diesem einen Satz steckt die ganze Dystopie von „Wicker“, und sie ist zeitlos. Es braucht keine Maschinen, keinen Überwachungsstaat, keine Zukunft, um das Dunkle im Menschen sichtbar zu machen. Es genügt, ihm zu geben, was er begehrt. Der Prometheus von „Wicker“ schenkt den Menschen kein Feuer und keine Erlösung. Er schenkt ihnen die Erfüllung ihrer Wünsche, und das ist die grausamste Gabe von allen, weil sie zeigt, wer sie wirklich sind.

Ein praktischer Hinweis zur Fassung, falls ihr den Film im Original sehen wollt: „Wicker“ ist sprachlich anspruchsvoll. Das britische Englisch, besonders Olivia Colmans bewusst altertümlich eingefärbtes Idiom, verlangt fortgeschrittene Englischkenntnisse, und selbst geübte Ohren müssen stellenweise genauer hinhören. Wer unsicher ist, wartet besser auf die synchronisierte Fassung oder nimmt Untertitel dazu.

Wicker. Regie: Alex Huston Fischer und Eleanor Wilson. Mit Olivia Colman, Alexander Skarsgård, Peter Dinklage, Elizabeth Debicki, Richard E. Grant. USA 2026. 105 Minuten. Weltpremiere beim Sundance Film Festival 2026. Ursprünglich war Dev Patel für eine zentrale Rolle vorgesehen, die später mit Alexander Skarsgård neu besetzt wurde. Visuelle Effekte: Wētā Workshop. Dieser Beitrag stützt sich auf die eigene Kinosichtung und ergänzende Recherche.

Kategorie: Film · Grenzfall · Frankenstein-Motiv · Der moderne Prometheus · Künstliches Leben · Märchen · dystopien.de

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