dystopien.de · Serie · Black Mirror · Erinnerung · Schuld · Charlie Brooker
Crocodile. Es gibt eine alte Wahrheit über die Lüge und das Verbrechen. Die erste Tat ist selten die letzte. Wer einmal etwas vertuscht, muss die Vertuschung vertuschen, und die Vertuschung der Vertuschung, bis aus einem einzigen Fehltritt eine Lawine wird, die alles unter sich begräbt. Crocodile, die dritte Folge der vierten Staffel von Black Mirror, ist die kalte, erbarmungslose Studie genau dieser Dynamik. Sie erzählt, wie eine einzige vertuschte Tat, Jahre später, zu einer Kette immer schlimmerer Verbrechen führt, und sie tut das mit einer Härte und einem Nihilismus, die selbst für Black-Mirror-Verhältnisse ungewöhnlich sind.
Gedreht in der kargen, atemberaubenden Winterlandschaft Islands, ist Crocodile ein nordischer Kriminalfilm, ein Nordic Noir, so kalt wie seine Kulisse. Die eisigen Weiten, die Einsamkeit, die unbarmherzige Schönheit der Landschaft spiegeln die seelische Kälte der Geschichte, die von einer Frau erzählt, die Schritt für Schritt alles opfert, um ein Geheimnis zu bewahren, bis nichts mehr übrig ist als Blut und Verzweiflung.

Die Tat und ihre Wiederkehr
Die Geschichte beginnt vor fünfzehn Jahren. Mia, gespielt von Andrea Riseborough, und ihr damaliger Freund Rob sind nachts mit dem Auto unterwegs, als Rob, berauscht, einen Radfahrer anfährt und tötet. In Panik beschließen die beiden, die Tat zu vertuschen. Sie schaffen die Leiche beiseite, versenken sie in einem See, und schwören, nie darüber zu sprechen. Dann gehen ihre Wege auseinander.
Fünfzehn Jahre später hat Mia sich ein erfolgreiches, respektables Leben aufgebaut. Sie ist eine angesehene Architektin, verheiratet, Mutter, wohlhabend, geachtet. Die alte Tat scheint vergessen, begraben, überwunden. Doch dann taucht Rob wieder auf. Von Schuldgefühlen geplagt, will er der Witwe des Getöteten einen anonymen Brief schreiben, ihr endlich die Wahrheit über das Schicksal ihres Mannes gestehen, sein Gewissen erleichtern. Für Mia ist das eine existenzielle Bedrohung. Wenn Rob gesteht, ist ihr ganzes Leben zerstört, ihre Karriere, ihre Familie, ihre Freiheit. Und in ihrer Verzweiflung trifft sie eine furchtbare Entscheidung. Sie tötet Rob, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Mia tötet nicht aus Bosheit, sondern aus Angst. Angst, alles zu verlieren, was sie aufgebaut hat. Doch mit dem ersten Mord beginnt die Spirale, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Jede Tat gebiert die nächste.
Der Recaller und die unmögliche Vertuschung
Hier kommt die Technologie der Folge ins Spiel, und sie ist der Motor der Tragödie. In dieser nahen Zukunft gibt es ein Gerät namens Recaller, das die Erinnerungen eines Menschen auslesen und auf einem Bildschirm sichtbar machen kann. Die Bilder sind unscharf, subjektiv, aber erkennbar. Ursprünglich von der Polizei zur Verbrechensaufklärung entwickelt, wird die Technik nun auch von Versicherungen genutzt, um bei Schadensfällen die Erinnerungen von Zeugen abzurufen und Ansprüche zu überprüfen.
Durch einen tragischen Zufall gerät Mia ins Visier dieser Technik. Kurz nachdem sie Rob getötet hat, beobachtet sie zufällig einen Verkehrsunfall, bei dem ein Fußgänger von einem selbstfahrenden Lieferfahrzeug angefahren wird. Die Versicherungsermittlerin Shazia, gespielt von Kiran Sonia Sawar, eine gewissenhafte, sympathische, hartnäckige Frau, sucht alle Zeugen dieses Unfalls auf, um ihre Erinnerungen mit dem Recaller auszulesen. Und so klopft sie schließlich auch an Mias Tür, ahnungslos, nur um ihre harmlose Erinnerung an den Verkehrsunfall abzurufen.
Doch als der Recaller Mias Erinnerungen ausliest, geschieht das Unvermeidliche. Mia kann nicht verhindern, dass ihr Geist zu der Tat abschweift, die sie um jeden Preis verbergen will. Zwischen den Bildern des Verkehrsunfalls blitzt der Mord an Rob auf, und sogar die alte Unfallflucht von vor fünfzehn Jahren. Shazia sieht es, erkennt, was sie da vor sich hat, und versucht zu fliehen. Und von diesem Moment an ist Mia gefangen in der tödlichen Logik ihrer eigenen Vertuschung. Sie kann Shazia nicht gehen lassen. Also tötet sie auch Shazia.
Die Spirale ohne Boden
Was folgt, ist der grausame, unerbittliche Abstieg, der Crocodile zu einer der dunkelsten Folgen der Serie macht. Bevor Mia Shazia tötet, nutzt sie deren eigenen Recaller, um herauszufinden, ob Shazia jemandem von ihrem Besuch erzählt hat. Und sie entdeckt, dass Shazia ihrem Mann gesagt hatte, wohin sie ging. Also muss auch der Ehemann sterben. Mia fährt zu Shazias Haus und tötet ihn. Doch dann bemerkt sie, dass der kleine Sohn der Familie, ein Säugling, Zeuge geworden ist, sie gesehen hat. Und in der eiskalten Logik ihrer Verzweiflung tötet Mia auch das Kind.
Es ist eine Grausamkeit, die kaum zu ertragen ist, und die Folge zeigt sie nicht explizit, deutet sie nur an, aber die Wucht des Grauens ist vollständig. Aus einer vertuschten Unfallflucht sind vier Morde geworden, darunter der an einem Kind. Mia hat alles getan, jede Grenze überschritten, jede Menschlichkeit geopfert, um ihr Geheimnis zu wahren. Und hier setzt die bitterste, grausamste Pointe der Folge ein. Das Kind, das Mia tötete, weil es sie gesehen hatte, war blind. Es hätte sie niemals identifizieren können. Der schrecklichste Mord von allen war völlig sinnlos, umsonst, eine Grausamkeit ohne jeden Zweck.
Und am Ende wird Mia trotzdem gefasst, trotz allem, was sie getan hat. Nicht durch einen menschlichen Zeugen, denn die hat sie alle beseitigt, sondern durch den Recaller, angewandt auf das Haustier der Familie, ein Meerschweinchen, das Mia bei der Tat gesehen hat. Die Polizei liest die Erinnerung des Tieres aus und findet darin das Gesicht der Mörderin. Mia wird verhaftet, ausgerechnet während der Schulaufführung ihres eigenen Sohnes.
Die ehrliche Einordnung
Crocodile ist eine der am meisten polarisierenden Folgen der Serie, und die Kritik war überwiegend verhalten. Der häufigste Einwand betrifft den extremen Nihilismus, die schiere, ununterbrochene Grausamkeit der Folge. Crocodile, so der Vorwurf, treibe den Pessimismus der Serie zu weit, wälze sich geradezu im Elend, häufe Grausamkeit auf Grausamkeit, bis hin zum Mord an einem blinden Säugling, ohne dass dieser Exzess einem höheren Zweck diene. Wo andere Black-Mirror-Folgen durch ihre Grausamkeit eine Erkenntnis vermitteln, einen Gedanken, eine Warnung, wirkt Crocodile auf manche wie bloße Quälerei des Zuschauers, ein Hinabsteigen in den Abgrund der Verzweiflung um seiner selbst willen.
Auch der finale Twist mit dem Meerschweinchen wurde vielfach kritisiert. Für manche ist er ein misslungener Versuch von absurdem Humor, ein Bruch im Ton, der die düstere Wucht der Folge untergräbt, fast lächerlich wirkt nach all dem Grauen. Andere sehen darin einen bewussten, bitterbösen Scherz über die Vergeblichkeit von Mias Taten, denn ausgerechnet das Tier, das sie übersah, bringt sie zu Fall. Doch selbst wohlwollende Leser räumen ein, dass der Übergang vom tiefsten menschlichen Abgrund zu einem erinnernden Nagetier tonal schwer zu verkraften ist.
Was die Folge dennoch sehenswert macht, ist die herausragende Leistung von Andrea Riseborough, die Mias Verwandlung von der panischen Mittäterin zur eiskalten Mehrfachmörderin mit erschreckender Glaubwürdigkeit spielt, ohne sie je zum reinen Monster werden zu lassen. Man sieht die Angst hinter jeder Tat, die Verzweiflung, das Grauen über sich selbst, und das macht die Figur umso verstörender. Und die isländische Kulisse, die kalte, karge Schönheit, verleiht der Folge eine visuelle Wucht, die lange nachwirkt.
Thematisch ist Crocodile am interessantesten in seiner Behandlung der Erinnerungs-Technologie. Der Recaller wirft dieselben Fragen auf wie das Grain aus The Entire History of You, nur radikaler. Was geschieht, wenn Erinnerungen nicht mehr privat sind, wenn jeder Zeuge, ja jedes Lebewesen zum wandelnden Beweismittel wird, wenn es kein Vergessen, kein Verbergen, kein Geheimnis mehr gibt? In einer Welt, in der Erinnerungen ausgelesen werden können, gibt es keine Vertuschung mehr, die funktioniert, keine Lüge, die hält. Und paradoxerweise treibt genau diese totale Transparenz Mia zu immer mehr Gewalt, denn jeder, der ihre Erinnerung sehen könnte, muss beseitigt werden. Die Technik, die die Wahrheit ans Licht bringen soll, erzeugt ein Blutbad.
Die Lehre von Crocodile ist so alt wie das Erzählen selbst, und doch durch die Technik neu zugespitzt. Die Schuld lässt sich nicht begraben. Die vertuschte Tat kehrt wieder, und jeder Versuch, sie zu verbergen, zieht neue Schuld nach sich, bis die Lüge mehr Leben kostet als die ursprüngliche Tat je gefährdet hat. Mia hätte, so die bittere Erkenntnis, besser zur ersten Tat gestanden, die nicht einmal ihre eigene war, als ihr Leben in einen Strudel aus Mord zu verwandeln. Doch die Angst, alles zu verlieren, war stärker als die Vernunft, und am Ende verlor sie alles, gerade weil sie alles zu bewahren versuchte. Das Krokodil des Titels, so deuten es manche, ist das Tier, das mit offenen Augen schläft, das nie vergisst, das immer lauert. Die Vergangenheit schläft nie ganz. Sie wartet nur auf den Moment, in dem sie wieder zubeißt.
Black Mirror, Crocodile. Staffel 4, Episode 3. Großbritannien/USA 2017, Netflix. Regie: John Hillcoat. Drehbuch: Charlie Brooker. Darsteller: Andrea Riseborough, Kiran Sonia Sawar, Andrew Gower. Laufzeit rund 59 Minuten. Gedreht in Island. Die Erinnerungs-Technologie ähnelt der aus The Entire History of You. Episodenguide.
Kategorie: Serie · Black Mirror · Erinnerung · Schuld · Charlie Brooker · dystopien.de